{"id":149,"date":"2007-07-01T09:44:19","date_gmt":"2007-07-01T07:44:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=149"},"modified":"2007-07-01T09:44:19","modified_gmt":"2007-07-01T07:44:19","slug":"der-gazastreifen-ist-nicht-nur-ein-gefangnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=149","title":{"rendered":"Der Gazastreifen ist nicht nur ein Gef&#228;ngnis&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Der Gazastreifen ist nicht nur ein Gef\u00e4ngnis &#8211; er ist auch ein Laboratorium<\/p>\n<p>Naomi Klein, The Nation, 15.Juni 2007<\/p>\n<p>Gaza ist in den H\u00e4nden der Hamas, maskierte Militante sitzen auf dem Stuhl des Pr\u00e4sidenten. Die Westbank ist am Rande der Verzweifelung. Israelische Armeecamps  versammeln sich hastig auf den Golanh\u00f6hen. Ein Satellitenspion schwebt \u00fcber  dem Iran und  \u00fcber Syrien. Ein Krieg mit der Hisbollah  ist nur eine Haaresbreite entfernt. Eine skandalgeplagte politische Klasse hat das Vertrauen der \u00d6ffentlichkeit verloren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Kurz gesagt:  um  Israel steht es nicht gut. Aber hier stehen wir vor einem R\u00e4tsel: warum boomt in solch einem Chaos und Gemetzel die israelische Wirtschaft wie 1999 mit einem phantastischen B\u00f6rsenkurs und Wachstumsraten &#8211; \u00e4hnlich denen in China.?<\/p>\n<p>In der New York Times  legte Thomas Friedman k\u00fcrzlich seine Theorie dar. &#8222;Israel n\u00e4hrt und belohnt individuelle Phantasie&#8220;, und deshalb bringen seine Leute massenweise geniale Hochtechnik-Erfindungen hervor &#8211; egal, welches Chaos seine Politiker verursachen. Nachdem Friedmann Studienprojekte  der Studenten der Ingenieur- und Computerwissenschaften  an der Ben Gurion Universit\u00e4t durchgesehen hat, machte er eine seiner ber\u00fchmten  \u00c4u\u00dferungen, die eigentlich etwas v\u00f6llig anderes meinen:  &#8222;Israel hat \u00d6l gefunden&#8220; Dieses \u00d6l liegt anscheinend in den K\u00f6pfen von Israels &#8222;jungen Erfindern und Abenteuerkapitalisten&#8220;, die  zu eifrig sind, indem sie Megadeals mit Google machen, um  durch Politik aufgehalten zu werden.<\/p>\n<p>Es gibt noch eine andere Theorie: Israels Wirtschaft boomt nicht trotz des politischen Chaos, das die Schlagzeilen ausmacht, sondern genau deswegen. Diese Entwicklungsphase  begann in der Mitte der Neunzigerjahre, als Israel sich in der Vorhut der Informationsrevolution  befand &#8211; die  von der Technik abh\u00e4ngigste Wirtschaft  der Welt. Nach dem &#8222;dot-com bubble burst&#8220; (?)  im Jahr 2000 wurde Israels Wirtschaft  vernichtet &#8211; es war das schlimmste Jahr seit 1953. Dann kam der 11.9. und pl\u00f6tzlich taten sich neue Gewinnm\u00f6glichkeiten f\u00fcr  all jene Unternehmen auf, die behaupteten, sie k\u00f6nnten Terroristen in Menschenmengen  herausfinden, Grenzen vor Angriffen sch\u00fctzen und Bekenntnisse aus Gefangenen mit eisern verschlossenem Mund herausholen.<\/p>\n<p>Innerhalb von drei Jahren wurden gro\u00dfe Teile von Israels technischer Wirtschaft  radikal  neu ausgerichtet. In Friedmannscher Ausdrucksweise: Israel ging von der Erfindung des Internets der &#8222;flachen Welt&#8220; weiter zum Verkauf von Z\u00e4unen an den Apartheidplaneten. Viele der erfolgreichsten Unternehmer des Landes n\u00fctzen den Status Israels als Festungsstaat aus, der von zornigen Feinden umgeben ist, als lebendiges Beispiel &#8211; in der Art einer 24-Stunden-Lifeshow &#8211; wie man sich  relativer Sicherheit mitten in einem Krieg erfreuen kann. Der Grund, dass  Israel  sich \u00fcber  so ein gro\u00dfes wirtschaftliches Wachstum freuen kann, liegt bei jenen Firmen, die  genau dieses Model in die  Welt exportieren. Gew\u00f6hnlich konzentrieren sich Diskussionen \u00fcber israelischen R\u00fcstungshandel auf Waffen, auf Caterpillarbulldozer aus den USA, die H\u00e4user in der Westbank zerst\u00f6ren, und auf Teile f\u00fcr die F-16-Bomber von britischen Firmen. Dabei wird Israels gro\u00dfes und expandierendes Exportgesch\u00e4ft \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Israel exportiert nun f\u00fcr $1,2 Milliarden &#8222;Verteidigungs&#8220;-Produkte  in die USA, die sich dramatisch um  $270 Millionen  im Jahr 1999 erh\u00f6ht haben.  2006 exportierte Israel f\u00fcr  $3,4 Milliarden Verteidigungsprodukte &#8211; gut \u00fcber eine Milliarde mehr als es durch US-Hilfe erhalten hat. Das macht Israel zum viertgr\u00f6\u00dften Waffenh\u00e4ndler in der Welt und hat so Gro\u00dfbritannien \u00fcberholt. Einen gro\u00dfen Teil dieses Wachstums hat es dem sog. &#8222;Heimat-Sicherheits&#8220;-Sektor zuzuschreiben. Vor dem 11.9. existierte solch eine Industrie so gut wie gar nicht. Am Ende dieses Jahres wird der israelische Sektor auf diesem Sektor  $1,2 Milliarden erreichen &#8211; ein Wachstum um  20%. Die wichtigsten Produkte sind die High-tech-Sicherheitsz\u00e4une, unbemannte Flugk\u00f6rper, biometrische Identit\u00e4tskarten, Video- und Audio-\u00dcberwachungsapparate, Systeme um Flugpassagiere und Gefangenenverh\u00f6re zu kontrollieren &#8211; genau all die Apparate und Technologien, die Israel anwendet, um die besetzten Gebiete abzusperren.<\/p>\n<p>Genau das ist es, warum das Chaos des Gazastreifens und in der \u00fcbrigen Region  nicht  den Boden Tel Avivs erreicht, ja, tats\u00e4chlich dieses Chaos noch f\u00f6rdert. Israel hat gelernt, einen unendlichen Krieg in einen Aktivposten mit Markenzeichen zu verwandeln, in dem  es  das Entwurzeln, die Besatzung und  das In-Schach-halten des pal\u00e4stinensischren Volkes  vorantreibt wie einen guten Start in den &#8222;globalen Krieg gegen den Terror&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass die Projekte am Ben Gurion-Flughafen, die Friedman so beeindruckten, Namen haben wie &#8222;Innovative Covariance Matrix f\u00fcr punktgenaue Aufdeckung in hyperspektrale Bilder&#8220;  und &#8222;Algorithmen f\u00fcr  Hindernisaufdeckung und Vermeidung&#8220;. Drei\u00dfig Sicherheitsfirmen sind allein in den letzten sechs Monaten in Israel entstanden &#8211; dank gro\u00dfz\u00fcgiger Regierungsunterst\u00fctzung, die die israelische Armee und die Universit\u00e4ten des Landes in Inkubatoren f\u00fcr Sicherheits- und R\u00fcstungsunternehmen verwandelt hat. (Das sollte man bei den Debatten um den akademischen Boykott im Ged\u00e4chtnis behalten).<\/p>\n<p>In der n\u00e4chsten Woche wird eine dieser gr\u00f6\u00dften Firmen nach Europa reisen, um an der Pariser Flugmesse teil zu nehmen &#8211; es ist eine der Modeschau entsprechende Messe der R\u00fcstungsindustrie. Eine der israelischen Firmen stellt sein Suspect Detection System (SDS) vor, einen Science-Fiction- Sicherheitskiosk, der Flugg\u00e4ste auffordert, eine Reihe  vom Computer erzeugte Fragen zu  beantworten, die ihrem Ursprungsland angepasst wurden. W\u00e4hrenddessen muss der antwortende Fluggast seine Hand auf einen Sensor legen. Der Apparat  nimmt die Reaktionen des K\u00f6rpers auf die Fragen auf. Bestimmte Antworten werden den Fluggast als &#8222;Verd\u00e4chtigen&#8220; einordnen.<\/p>\n<p>Wie Hunderte andere israelische  neugegr\u00fcndete Sicherheitsunternehmen r\u00fchmt sich SDS, dass es von Veteranen der israelischen Geheimpolizei gegr\u00fcndet wurde und dass seine Produkte an Pal\u00e4stinensern  getestet wurden. Das Unternehmen hat nicht nur die Biofeedback-Terminals an den Westbankkontrollpunkten getestet, es behauptet auch, dass das Konzept auch durch die Erfahrung  von Analysen Tausender von Fallstudien best\u00e4tigt wurde, die im Zusammenhang mit Selbstmordattent\u00e4tern in Israel  stehen.<\/p>\n<p>Ein anderer Star der Pariser Flugmesse wird der israelische Verteidigungsriese Elbit sein, der  seine unbemannten  Hermes 450 und 900-Flugmaschienen  zu zeigen, plant. Nach Presseberichten im vergangenen Mai verwendete Israel die Drohnen, um im Gazastreifen  Bombenanschl\u00e4ge mit gezieltem T\u00f6ten  auszuf\u00fchren. Wenn sie erst einmal im Gazastreifen getestet wurden, k\u00f6nnen sie exportiert werden: Die Hermes wurde schon an der  rizona-Mexiko-Grenze verwendet: Cogito 1002-Terminals werden  bei einem ungenannten US-Flughafen vorgef\u00fchrt und Elbit, eines der Unternehmen, das hinter Israels  &#8222;Sicherheitsbarriere&#8220; steckt, hat sich mit Boeing zusammengetan , um den &#8222;virtuellen&#8220;  Grenzzaun  f\u00fcr $ 2,5 Milliarden rund um die USA zu bauen.<\/p>\n<p>Seitdem Israel mit seiner Politik der Absperrung der besetzten Gebiete  mit Kontrollpunkten und Mauern begann , haben Menschenrechtsaktivisten den Gazastreifen und die Westbank mit Freilicht-Gef\u00e4ngnissen verglichen. Bei den Nachforschungen \u00fcber den  explosionsartigen israelischen Sicherheitssektor, einem Thema, das ich ausf\u00fchrlich in  meinem n\u00e4chstens erscheinenden Buch * behandle, entdeckte ich, dass diese Gebiete noch etwas anderes sind: Laboratorien, in denen die schrecklichen Ger\u00e4te unseres Sicherheitsstaates getestet werden. Die Pal\u00e4stinenser &#8211; ob sie nun auf der Westbank leben  oder in Hamastan ( wie es israelische Politiker jetzt nennen) sind nicht mehr  nur Ziele. Sie sind  die Versuchskaninchen.<\/p>\n<p>Friedman hat also recht: Israel hat \u00d6l gefunden. Aber das \u00d6l stammt nicht aus der  Phantasie seiner technischen Unternehmer. Das \u00d6l kommt vom Krieg gegen den Terror,  einem Zustand st\u00e4ndiger Furcht, die unersch\u00f6pfliche globale Apparate fordert, die &#8222;Verd\u00e4chtige&#8220; beobachten, belauschen, kontrollieren und zum Ziel haben. Und Furcht &#8211; so stellt sich heraus &#8211; ist die beste, erneuerbare Ressource.<\/p>\n<p>Naomi Klein ist Autorin vieler B\u00fccher. Ihr n\u00e4chstes Buch kommt im September 2007  heraus:  *&#8220; The Shock Doktrine: The Rise of Disaster Capitalism&#8220;.<\/p>\n<p>Ihre Website: nologo.org<\/p>\n<p>(dt. Ellen Rohlfs)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gazastreifen ist nicht nur ein Gef\u00e4ngnis &#8211; er ist auch ein Laboratorium Naomi Klein, The Nation, 15.Juni 2007 Gaza ist in den H\u00e4nden der Hamas, maskierte Militante sitzen auf dem Stuhl des Pr\u00e4sidenten. Die Westbank ist am Rande der Verzweifelung. Israelische Armeecamps versammeln sich hastig auf den Golanh\u00f6hen. 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