{"id":1010,"date":"2009-11-30T20:35:27","date_gmt":"2009-11-30T18:35:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=1010"},"modified":"2009-11-30T20:35:27","modified_gmt":"2009-11-30T18:35:27","slug":"rezension-helmut-dahmer-divergenzen-holocaust-psychoanalyse-utopia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=1010","title":{"rendered":"Rezension: Helmut Dahmer DIVERGENZEN. Holocaust, Psychoanalyse, Utopia"},"content":{"rendered":"<p>Helmut Dahmer DIVERGENZEN. Holocaust, Psychoanalyse, Utopia.<\/p>\n<p>Helmut Dahmers gesammelte Aufs\u00e4tze aus mehr als drei Jahrzehnten bereiten ein nicht endenwollendes Vergn\u00fcgen: in relativer Autonomie vom politischen Tageskampf, Grundfragen der Politik und der kritischen Wissenschaft zu reflektieren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Schon Gramsci, urspr\u00fcnglich Sprachwissenschafter entfuhr es nicht einmal: er m\u00f6chte endlich mal was f\u00fcr die &#8220; Ewigkeit &#8220; produzieren- also nicht st\u00e4ndig unter dem Diktat des -politischen-  Hic et Nunc stehen und nur das  Alltagsgesch\u00e4ft besorgen. Bei der Lekt\u00fcre von Dahmers &#8222;Divergenzen&#8220; erging es mir \u00e4hnlich. Hier bietet sich die M\u00f6glichkeit, sich  theoretisch an zentralen Fragen des 20.Jahrhunderts und eines m\u00f6glichen &#8222;Sozialismus des 21. Jahrhunderts&#8220; zu reiben.<\/p>\n<p>Der Bogen der -zum Teil bisher unver\u00f6ffentlichten Aufs\u00e4tze- spannt sich vom &#8220; Souterrain &#8222;, also dem, was &#8222;unter dem Boden sich abspielt, auf dem wir stehen&#8220; ( S.9 ) \u00fcber den &#8220; Verfall der Freudschen Aufkl\u00e4rung &#8220; ( S.10 ) bis zum &#8220; m\u00f6glichen \u00dcbergang der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft in eine negative Utupie &#8220; ( ebd.).<\/p>\n<p>Souterrain ist vor allem &#8220; Politik im Schatten des Holocaust &#8220; (S.11ff). Pr\u00e4gnant hei\u00dft es in dem Aufsatz &#8220; Derealisierung und Wiederholung &#8222;: &#8220; Isoliert gesehen, bleibt er ( der Massenmord an Juden,Polen, Russen , Zigeunern und anderen- H.D.) so r\u00e4tselhaft wie ein riesiger Schatten ohne den, der ihn wirft. Zu fragen ist danach, welche Funktion(en) das gro\u00dfe Morden f\u00fcr das NS-regime erf\u00fcllte, und was Millionen Menschen, die daran beteiligt waren und es erm\u00f6glichten, davon hatten&#8220; ( S.42 ). &#8220; Zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert verwickelte sich die deutsche Armee in einen ruin\u00f6sen Zweifrontenkrieg. Dem aussichtslosen Kampf gegen die \u00e4\u00fc\u00dferen Feinde- den &#8220; Boschewismus&#8220; und die &#8222;Plutukratien&#8220;- entsprach der Vernichtungsfeldzug gegen die &#8220; inneren Feinde &#8220; hinter den Fronten, der institutionalisierte Dauer-Pogrom gegen  Fremde und Kranke, \u00fcberlegene Geglaubte und Unterlegene. Darin fanden die weder \u00f6konomisch noch milit\u00e4risch realisierbaren Wunschtr\u00e4\u00fcme der faschistischenn Zwischenklassen-Massenbewegung  eine schaurige Ersatzbefriedingung&#8220; ( S.42 f.).<\/p>\n<p>Die genaue, sprich historisch-konkrete Kenntnis \u00f6komischer, sozialer und politischer Prozesse ist unerl\u00e4\u00dflich ( insbesonders f\u00fcr die revolution\u00e4re Arbeiterinnenbewegung), sie allein reicht jedoch nicht aus. Die &#8222;Innenseite&#8220; der handelnden Subjekte ist ebenso von zentraler Relevanz- wie gerade die Machtergreifung und Machterhaltung des ( deutschen ) Faschismus zeigt ( z.B. &#8220; Volksgemeinschafts&#8220;-Ideologie ).<\/p>\n<p>Die von Freud entwickelte Psychoanalyse bietet -prinzipiell- die M\u00f6glichkeit f\u00fcr solch eine &#8222;Innenschau&#8220;. In dem Abschnitt &#8222;Unterm Scheffel-Aufstieg und Niedergang der Psychoanalyse&#8220; wird dar\u00fcber kritisch Bilanz gezogen. Dahmer schildert die Genealogie der Psychonalyse, beleuchtet die &#8211; durchaus widerspr\u00fcchliche- Pers\u00f6nlichkeit ihres Gr\u00fcnders (S.21ff.). Freud , der so scharf  in &#8222;Massenpsychologie und Ich-Analyse&#8220; (1921 ! ) die regressive Verschmelzung von Individuen zu Cliquen und Massen analysiert hatte, versuchte die &#8222;Politik&#8220; aus der internationalen psychonalalytischen Bewegung rauzuhalten. Selbst nach der Machtrergreifung der Nazis gab es von ihm -fruchtlose &#8211; Bem\u00fchungen die Psychoanalyse in Deutschland durch mehr als fragw\u00fcrdige &#8220; Kompromisse &#8220; mit den faschistischen Machthabern zu retten.<\/p>\n<p>Dahmer  widmet  sich ebenso  den Versuchen, Psychonalyse und -undogmatischen- Marxismus zu verbinden. Irr spannend sein Beitrag \u00fcber Siegfried Bernfeld S.218ff) oder die kritische W\u00fcrdigung des Schaffens von Wilhelm Reich( S.254ff).<\/p>\n<p>Eine wahre Fundgrube ist die dritte Abteilung &#8222;Utopia&#8220;- Von Rimbeaud zu Trotzki, von Radek bis Bloch. Wer mehr und  Neues \u00fcber Samjatin, Lukacs, Bloch, Brecht, Radek oder Trotzki erfahren m\u00f6chte, hier bietet sich eine schier unersch\u00f6pfliche Quelle. Besonders ersch\u00fctternd der Wandel Radeks (S.478ff.) vom Mitstreiter Lenins und Trotzkis zum Apologeten und &#8222;Narren&#8220; (S.480) Stalins.<\/p>\n<p>Ich gehe in fast allen Analysen mit meinem langj\u00e4hrigen Freund und Kampfgef\u00e4hrten Helmut Dahmer konform. In einer- nicht unwichtigen- Frage suche ich mit ihm die solidarische Debatte. In einer- meiner Meinung nach nicht ganz passenden Analogie- zwischen einem Trotzki- Artikel aus dem Jahre 1939 ( &#8222;Die UdSSR im Krieg &#8222;) und der heutigen Situation, schreibt Helmut in einem Beitrag aus dem Jahre 2004 : &#8222;Soll unsere Zukunft nicht der Vergangenheit gleichen, ist es h\u00f6chste Zeit f\u00fcr ein Minimalprogramm der Weltb\u00fcrger des 21.Jahrhunderts.&#8220;<\/p>\n<p>\u00cdch denke, da\u00df weder die Linke auf Weltebene total zusammengestutzt ist, noch , da\u00df es passend w\u00e4re, die von Helmut selbst immer wieder- in der Tradition des revolutoin\u00e4ren Marxismus- gegeiselte Trennung in Minimal- und Maximalprogramm aufleben zu lassen. Realistisch l\u00e4\u00dft sich sagen , da\u00df die internatioinale ArbeiterInnenbewegung- schon seit l\u00e4ngerem- in der Defensive steckt ( Einverleibung Osteuropas und der ehemaligen SU in den kapitalistischen Westen; die ideologischen Verw\u00fcstungen durch den &#8220; Krieg ggegen den Terror &#8222;;&#8230;). Wie br\u00fcchig jedoch die Herrschaft des Kapitals werden kann, zeigt seine aktuelle globale Krise und das stark schwindenden Vertrauen in seine &#8220; Heilungskr\u00e4fte&#8220;. Ein positiver Ausweg wird nicht \u00fcber ein bi\u00dfchen Neokeynesianismus gepaart mit politischen Oberfl\u00e4chenkorrekturen  zu erzielen sein. Daher ist  die Debatte \u00fcber eine post-kapitalistische, sprich sozialistische, selbstverwaltete Gesellschaft, die mit dem Stalinismus aber schon gar nichts gemein hat , GERADE JETZT notwenig ( um eben die Not zu wenden). Und dort wo sich breite (Abwehr) k\u00e4mpfe ergeben, sollten sie in einem &#8222;Aktions&#8220;- und- bei aufsteigenderLinie der K\u00e4mpfe- in einem &#8222;\u00dcbergangsprogarmm&#8220; zusammengefa\u00dft werden.<\/p>\n<p>Hermann Dworczak<\/p>\n<p>Helmut Dahmer DIVERGENZEN. Holocaust, Psychoanalyse, Utopia.<\/p>\n<p>M\u00fcnster 2009 Westf\u00e4lisches dampfboot. 649 Seiten<\/p>\n<p>ISBN 978-3-89691-770-6<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helmut Dahmer DIVERGENZEN. Holocaust, Psychoanalyse, Utopia. 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