{"id":1766,"date":"2011-12-17T10:59:05","date_gmt":"2011-12-17T08:59:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=1766"},"modified":"2011-12-17T10:59:05","modified_gmt":"2011-12-17T08:59:05","slug":"die-iaeo-spielt-mit-dem-feuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=1766","title":{"rendered":"Die IAEO spielt mit dem Feuer."},"content":{"rendered":"<h2><strong>Irans Atomwaffenprogramm &#8211; nichts bewiesen, viel behauptet. Von Jan van Aken (16. Dezember 2011)<\/strong><\/h2>\n<p><strong><!--more--><\/strong><\/p>\n<p>\u00bbIran ist heute isoliert, die Welt ist geeint und wendet die  h\u00e4rtesten  Strafma\u00dfnahmen an, die Iran je erlebt hat\u00ab, sagte  US-Pr\u00e4sident Barack  Obama unl\u00e4ngst. Er wiederholte die Haltung der USA,  nach der im  sogenannten Atomstreit mit Teheran \u00bbkeine Option vom  Tisch\u00ab sei. Der  (vorerst) Kalte Krieg des Westens gegen Iran geht also  weiter.<\/p>\n<p>Im Februar 2003 war es Colin Powell, der die Welt\u00f6ffentlichkeit von   einem irakischen Biowaffenprogramm zu \u00fcberzeugen versuchte. Unvergessen   ist seine brillante Dia-Show im UN-Sicherheitsrat, \u00fcber mobile Labore   und Saddams Phantompocken.<\/p>\n<p>Heute wird der US-Regierung diese Arbeit abgenommen &#8211; von der   internationalen Atombeh\u00f6rde IAEO. In ihrem j\u00fcngsten Bericht zum   iranischen Atomprogramm zeichnet die IAEO das dramatische Bild eines   atomaren Raketensprengkopfes kurz vor der Fertigstellung. Nicht weniger   brillant als seinerzeit Colin Powell, und genau so d\u00fcnn in der   Faktenlage.<\/p>\n<p>Zumindest was das Heute angeht. Bei genauer Lekt\u00fcre des  IAEO-Berichtes  wird deutlich, dass hier zwei Zeitr\u00e4ume unterschieden  werden m\u00fcssen: bis  zum Jahre 2003 &#8211; und die Zeit danach. Nach der  heutigen Faktenlage  ist\/scheint es durchaus m\u00f6glich, dass der Iran bis  Ende 2003 ein  koordiniertes Programm zum Bau einer Atombombe  unterhalten hat. Daf\u00fcr  liefert auch der IAEO-Bericht viele  Anhaltspunkte, die mir bei einem  pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch im September in  Wien im Detail erl\u00e4utert werden  konnten.<\/p>\n<p>Aber beim fl\u00fcchtigen Lesen des IAEO-Berichts f\u00e4llt kaum auf, dass all   die eindrucksvollen Organigramme und Projekte sich nur auf die Zeit  bis  2003 beziehen. F\u00fcr die Zeit danach stellt der Bericht lapidar fest,  dass  nur sehr wenige Informationen vorliegen. Trotzdem kommt er zu dem   Schluss, dass einige Aktivit\u00e4ten zur Zeit noch fortgesetzt werden   k\u00f6nnten: \u00bbsome activities may still be ongoing\u00ab &#8211; eine Spekulation, die   nicht durch Fakten oder eigene Befunde unterf\u00fcttert wird.<\/p>\n<p>Auch hier zeigt sich eine direkte Parallele zu Irak. Bis zum Jahre  1990  wurden unter Saddam Hussein Milzbrand und andere Biowaffen  entwickelt,  in gro\u00dfen Mengen produziert und in Waffen abgef\u00fcllt. Dieses  Programm  haben UN-Inspektoren 1995 aufgedeckt und komplett zerst\u00f6rt.  W\u00e4hrend  meiner Zeit bei der UNO als Biowaffeninspekteur hatte ich  Gelegenheit,  die Inspektionsberichte aus dieser Zeit auszuwerten: Nach  der Entdeckung  hatte Irak das gesamte Biowaffenprogramm in allen  Details offengelegt,  und es gab keine ernstzunehmenden Zweifel mehr  daran, dass alle  Aktivit\u00e4ten gestoppt worden waren. Die  Clinton-Administration setzte  Saddam trotzdem weiter damit unter Druck,  mit immer neuen Behauptungen  \u00fcber geheime Biowaffenlabore, wahlweise  unterirdisch oder mobil auf Lkw  montiert. Heute wissen wir, dass all  das erlogen war &#8211; und in einen  vernichtenden Krieg m\u00fcndete.<\/p>\n<p>Auf \u00e4hnlich d\u00fcnnem Eis bewegt sich der j\u00fcngste IAEO-Bericht f\u00fcr die  Zeit  nach 2003. F\u00fcr diesen Zeitraum findet sich in dem langen Papier  n\u00e4mlich  einzig und allein die Behauptung, Iran habe nach 2006 an   Neutronenquellen gearbeitet und 2008\/ 2009 Modellstudien an   kugelf\u00f6rmigen Urankomponenten durchgef\u00fchrt (s. Abs\u00e4tze 52 und 56 des   Anhanges zum IAEO-Bericht). Die Quelle daf\u00fcr: \u00bbInformationen von   Mitgliedsstaaten\u00ab, im Klartext also nationale Geheimdienste.<\/p>\n<p>Das Wesen von Geheimdienstinformationen ist, dass sie au\u00dferhalb der   Dienste meist nicht unabh\u00e4ngig \u00fcberpr\u00fcfbar sind. Sie k\u00f6nnen richtig oder   falsch sein, Skepsis ist darum angebracht. Eine UN-Organisation wie  die  IAEO darf eine Theorie \u00fcber m\u00f6gliche Atomwaffenaktivit\u00e4ten eines   Staates jedenfalls nicht allein auf solche Quellen st\u00fctzen &#8211; siehe Irak.   Als Sprachrohr von Geheimdiensten diskreditiert sie sich selbst.<\/p>\n<p>Der Medienhysterie zum Trotz liefert der j\u00fcngste Bericht also keinen   belastbaren Hinweis darauf, dass Iran bis heute ein Atomwaffen-Programm   weiterf\u00fchrt. \u00bbKein belastbarer Hinweis\u00ab bedeutet nat\u00fcrlich nicht, dass   Iran definitiv kein Programm hat: absence of evidence is not evidence  of  absence, wie es im Jargon der UN-Inspektoren hei\u00dft &#8211; dass es f\u00fcr  einen  Sachverhalt keinen Beleg gibt, bedeutet nicht, dass belegt sei,  dass es  ihn nicht gibt.<\/p>\n<p>Aber es w\u00e4re die Aufgabe der IAEO, hier n\u00fcchtern die Faktenbasis   darzustellen und jedwede Spekulation \u00fcber eine m\u00f6gliche Fortf\u00fchrung des   iranischen Programmes zu unterlassen. \u00bbSome activities may still be   ongoing\u00ab ist eine rein politisch motivierte, geradezu Powell\u2019sche   Einlassung, die die Unabh\u00e4ngigkeit, Objektivit\u00e4t und damit auch die   Seriosit\u00e4t der IAEO mehr als nur in Frage stellt.<\/p>\n<p>Damit niemand mich missversteht: Iran hat schmutzig genug gespielt,  um  einen generellen Verdacht zu rechtfertigen. Dieser Staat hat bis  2003  m\u00f6glicherweise ein umfangreiches milit\u00e4risches Atomprogramm  unterhalten  und sich bis heute nicht dazu ge\u00e4u\u00dfert. Er legt den  UN-Inspektoren nicht  alle notwendigen Informationen vor und verweigert  bis heute die  Anwendung des Zusatzprotokolls des  Atomwaffensperrvertrages, nach dem  weit strengere Kontrollen durch die  UN-Inspektoren m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>Die volle Kooperation Irans anzumahnen ist Aufgabe und gutes Recht  der  IAEO. Aber sie spielt mit einem gef\u00e4hrlichen Feuer, wenn sie  jenseits  aller Fakten mit reinen Verd\u00e4chtigungen agiert. Das Beispiel  Irak hat  gezeigt, wohin die ungebremste Eskalation eines solchen  Konfliktes  f\u00fchren kann: Nachdem das Biowaffenprogramm 1995 aufgedeckt  wurde und  Irak alle Fakten auf den Tisch gelegt hatte, haben die  UN-Inspektoren  immer neue haltlose Verd\u00e4chtigungen in Umlauf gebracht.  Das hat sich  Irak zwei Jahre angeschaut und dann die Inspektoren aus  dem Land gejagt.  Damit hatten die Falken in Washington und anderswo  freie Bahn, sie  konnten systematisch ihre Propaganda ausbauen und sich  damit die  Unterst\u00fctzung f\u00fcr einen Krieg sichern, der am Ende mehrere   Hunderttausend Menschen das Leben gekostet hat.<\/p>\n<p>Wer jetzt eine Eskalation aufhalten m\u00f6chte, darf nicht das \u00bbgood cop &#8211;   bad cop\u00ab-Spiel mitmachen, das gerade auf der internationalen B\u00fchne   aufgef\u00fchrt wird. Hier die milit\u00e4rischen Scharfmacher in Tel Aviv,   Washington und London, dort die beschwichtigenden Deutschen und   Franzosen, die sich ganz sanft f\u00fcr h\u00e4rtere Sanktionen einsetzen &#8211; und   damit genau den gleichen Fehler machen wie im Irak der 1990er Jahre. Wer   diese Eskalation aufhalten m\u00f6chte, muss vor allem daf\u00fcr Sorge tragen,   dass die IAEO wieder zu dem wird, was sie immer h\u00e4tte sein sollen: eine   neutrale Organisation, die mit Hilfe ihrer Inspektoren Fakten zur   Verf\u00fcgung stellt, auf deren Basis dann die Mitgliedsstaaten politische   Entscheidungen f\u00e4llen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>* Jan van Aken (50) ist Bundestagsabgeordneter der LINKEN und war   unter anderem zwischen 2004 und 2006 Biowaffeninspektor bei der UNO.<\/em><\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p><em>Aus: neues deutschland, 15. Dezember 2011<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irans Atomwaffenprogramm &#8211; nichts bewiesen, viel behauptet. Von Jan van Aken (16. 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