{"id":1801,"date":"2011-12-26T10:15:23","date_gmt":"2011-12-26T08:15:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=1801"},"modified":"2011-12-26T10:15:23","modified_gmt":"2011-12-26T08:15:23","slug":"whistleblower-gesucht-groesster-geheimnisverrat-in-der-us-militaergeschichte-bradley-manning-soll-zuarbeit-fuer-wikileaks-nachgewiesen-werden-von-juergen-heiser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=1801","title":{"rendered":"&quot;Whistleblower&quot; gesucht Gr&#246;&#223;ter Geheimnisverrat in der US-Milit&#228;rgeschichte: Bradley Manning soll Zuarbeit f&#252;r Wikileaks nachgewiesen werden. Von J&#252;rgen Heiser *"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Achtzehn Monate nach seiner Verhaftung in Bagdad ist Bradley Manning,  Obergefreiter der US-Armee, am vergangenen Freitag (16. Dez.) zum ersten  Mal den Ankl\u00e4gern des Pentagon gegen\u00fcbergetreten. Verhandelt werden in  diesem vorgerichtlichen Verfahren die 23 Punkte umfassende  Anschuldigung, der ehemalige Nachrichtenanalyst habe als \u00bbWhistleblower\u00ab  den gr\u00f6\u00dften Geheimnisverrat in der milit\u00e4rischen Geschichte der USA  begangen, indem er Videomaterial und rund 250000 Dokumente der US-Armee  und des US-Au\u00dfenministeriums an die Enth\u00fcllungsplattform Wikileaks  weitergab.<\/p>\n<p>Am ersten Tag der Anh\u00f6rung auf dem Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt Fort Meade im  US-Bundesstaat Maryland sah sich der vorsitzende Milit\u00e4rrichter,  Oberstleutnant Paul Almanza, zun\u00e4chst mit einem ausf\u00fchrlichen  Befangenheitsantrag der Verteidigung konfrontiert. Anwalt David Coombs,  Mannings ziviler Hauptverteidiger, dem noch zwei milit\u00e4rische  Pflichtverteidiger beigeordnet sind, warf Almanza vor, als  \u00bbinvestigating officer\u00ab, dem milit\u00e4rischen \u00c4quivalent zu einem zivilen  Richter, handverlesen und voreingenommen sein. Coombs forderte, Almanza  solle sich f\u00fcr befangen erkl\u00e4ren, da er f\u00fcr seinen Dienstherrn, das  US-Justizministerium, auch als Staatsanwalt arbeite. Das  Justizministerium betreibe derzeit mittels einer nicht \u00f6ffentlich  tagenden Grand Jury strafrechtliche Ermittlungen gegen den Gr\u00fcnder von  Wikileaks, Julian Assange, und seine Organisation.<\/p>\n<p>Des weiteren nannte Coombs als Fakt f\u00fcr Almanzas Befangenheit, da\u00df er  den Ankl\u00e4gern zehn ihrer beantragten Zeugen genehmigt habe, der  Verteidigung von 48 aber nur zwei au\u00dfer den zehn, die sich mit jenen der  Anklage deckten. \u00bbUnd das in einem Verfahren, in dem der Staat meinen  Mandanten wegen \u203aUnterst\u00fctzung des Feindes\u2039 anklagt, worauf ihm als  H\u00f6chststrafe die Todesstrafe droht!\u00ab rief der Anwalt aus. Die Ablehnung  von Zeugen wie US-Pr\u00e4sident Barack Obama, Au\u00dfenministerin Hillary  Clinton und Exverteidigungsminister Robert Gates zeige, da\u00df die  Verantwortlichen offenbar in keiner Weise daran interessiert seien,  \u00bbeine sorgf\u00e4ltige und unparteiische Untersuchung zu erm\u00f6glichen\u00ab, so  Coombs.<\/p>\n<p>Der Anwalt stellte zudem Almanzas fachliche Kompetenz als Richter in  Frage. Er habe bislang nur sechs Milit\u00e4rgerichtsverfahren geleitet, in  denen alle Angeklagten sich f\u00fcr schuldig erkl\u00e4rt hatten, also keine  Beweisaufnahme stattfand. Im Gegensatz dazu habe er in 20 F\u00e4llen als  Staatsanwalt die Anklage vertreten.<\/p>\n<p>Nach l\u00e4ngerer Beratungspause erkl\u00e4rte sich Almanza f\u00fcr nicht befangen  und k\u00fcndigte an, den Vorgang an die \u00fcbergeordnete Instanz zur  Best\u00e4tigung weiterzuleiten. Nach den Regeln milit\u00e4rischer Strafverfahren  sei Befangenheit nur gegeben, wenn eine \u00bbvern\u00fcnftige Person\u00ab in  Kenntnis aller Fakten zu dem Schlu\u00df k\u00e4me, da\u00df er nicht f\u00e4hig sei, die  Vorw\u00fcrfe gegen Manning unparteiisch zu pr\u00fcfen, so Almanza. Das sei hier  nicht der Fall. Die Ermittlungen gegen Wikileaks im Justizministerium  r\u00e4umte er ein. Er habe aber im Ministerium mit niemandem dar\u00fcber  gesprochen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich griff Coombs noch einen anderen wesentlichen Zusammenhang  der Anklage gegen seinen Mandanten auf. Er vermute, da\u00df die US-Regierung  seinen Mandanten weichkochen wolle, um ihn zum Kronzeugen einer  k\u00fcnftigen Anklage gegen Julian Assange zu machen. \u00bbW\u00fcrde das  Justizministerium damit Erfolg haben, ein Gest\u00e4ndnis in diesem Verfahren  zu bekommen\u00ab, so der Verteidiger, \u00bbdann k\u00f6nnte mein Mandant als Zeuge  gegen Assange und Wikileaks aufgefahren werden\u00ab.<\/p>\n<p>In der Bilanz des Tages hatte das Gericht wegen der zahlreichen Antr\u00e4ge  der Verteidigung zu den grundlegenden Verfahrensfragen mehr Zeit im  Beratungszimmer als im Gerichtssaal verbracht. Nach Berichten von  Proze\u00dfbeobachtern brachten den vorsitzenden Richter die scharfen  Attacken der Verteidigung mehrfach aus dem Konzept. Oberstleutnant  Almanza vertagte die Sitzung auf den n\u00e4chsten Tag, den 17. Dezember,  Bradley Mannings 24. Geburtstag.<\/p>\n<p>An diesem Samstag wurden die ersten Zeugen der Anklage aufgerufen. Die  beiden ersten erschienen jedoch nicht im Gerichtssaal, meldeten sich  vielmehr telefonisch von ihren momentanen Einsatzorten und waren \u00fcber  Lautsprecher zu h\u00f6ren. Spezial\u00adagentin Toni Graham rief aus Hawaii an.  Nach \u00dcberwindung einiger technischer Verst\u00e4ndigungsprobleme mit dieser  Spezialistin der Milit\u00e4rpolizei f\u00fcr \u00bbstrafrechtliche Ermittlungen\u00ab, die  den Vorsitzenden ratlos machten und von seiner wenig professionellen  Verhandlungsf\u00fchrung zeugten, konnte die Zeugin \u00fcber ihre Arbeit  berichten. Sie hatte im Mai 2010 in Bagdad den Auftrag, eine  Sondereinheit zu bilden, um den Mi\u00dfbrauch von Computernetzwerken der  US-Armee zu ermitteln. Auch Spezialagent Calder Robinson war nur  telefonisch bei seiner Dienststelle in Deutschland zu vernehmen, wo er  als Spezialist der US-Armeeeinheit zur Untersuchung von  Computerkriminalit\u00e4t (CCIU) stationiert ist.<\/p>\n<p>Die noch mindestens bis Weihnachten angesetzte Anh\u00f6rung soll kl\u00e4ren, ob  diese und weitere Zeugen jene erforderlichen Beweise liefern k\u00f6nnen, die  die Er\u00f6ffnung des Hauptverfahrens vor einem Milit\u00e4rgericht  rechtfertigen. Ziel der Anklage ist vor allem, Bradley Manning die  unmittelbare Zuarbeit f\u00fcr Wikileaks nachzuweisen. Doch bislang steht  nach wie vor als einziges Beweisst\u00fcck das Protokoll eines Internetchats  im Raum. Angeblich soll sich Manning dabei dem bekannten Hacker Adrian  Lamo anvertraut haben (siehe jW vom 18. M\u00e4rz 2011) Der aber war ein  Informant des FBI.<\/p>\n<p><em>* Aus: junge Welt, 20. Dezember 2011<\/em><\/p>\n<h3>Hintergrund: \u00d6ffentlichkeit im Milit\u00e4rgericht **<\/h3>\n<p>Die Veranstalter der seit Freitag (16. Dez.) laufenden Anh\u00f6rung vor dem  Milit\u00e4rgericht in Fort Meade haben sich auf einen enormen  Besucherandrang eingestellt. Ein Parkplatz gro\u00df wie ein Fu\u00dfballfeld ist  eingerichtet. Neben den f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit reservierten Sitzpl\u00e4tzen  im Gerichtssaal steht ein Raum f\u00fcr 100 Personen bereit, in dem das  Geschehen im Saal per Videowand verfolgt werden kann.<\/p>\n<p>9.00 Uhr beginnt die Anh\u00f6rung, Einla\u00df ist ab 7.00 Uhr. Denn es gibt  akribische Sicherheitskontrollen, wie man sie von US-Flugh\u00e4fen und aus  politischen Prozessen in Sondergerichtsgeb\u00e4uden in der BRD kennt. Wer  diese geduldig durchlaufen hat, findet sich in einem Warteraum wieder,  von dem aus man durch Milit\u00e4rpersonal in den Saal geleitet wird.<\/p>\n<p>Der Herr des Verfahrens, Oberstleutnant Paul Almanza, verwendet zu  Beginn geraume Zeit darauf, die Zuschauer auf \u00bbgeziemendes Verhalten\u00ab  einzustimmen. Mobiltelefone und Audiorekorder sind verboten. Auch die  Vertreter der Presse m\u00fcssen sich mit Stift und Papier begn\u00fcgen.  St\u00f6rungen jeder Art seien strengstens verboten und w\u00fcrden mit sofortiger  Entfernung aus dem Zuschauerraum geahndet.<\/p>\n<p>Als sich Hauptverteidiger David Coombs w\u00e4hrend seiner Ausf\u00fchrungen den  Zuschauern und nicht der Richterbank zuwendet, unterbricht ihn der  Vorsitzende barsch und fragt: \u00bbMr. Coombs, an wen wenden Sie sich?\u00ab Der  Anwalt: \u00bbAn die \u00d6ffentlichkeit; dieses Verfahren ist \u00f6ffentlich!\u00ab<\/p>\n<p>Auch vor den Toren des Milit\u00e4rgel\u00e4ndes ist sie versammelt, die  \u00d6ffentlichkeit. Viele wurden vom \u00bbBradley Manning Support Network\u00ab  mobilisiert oder sind von der Occupy-Bewegung in Washington D.C. in  Bussen angereist. \u00bbFreiheit f\u00fcr Bradley Manning\u00ab und \u00bbIch bin Bradley  Manning\u00ab, rufen sie. Und fordern von Barack Obama: \u00bbMr. President,  rei\u00dfen Sie diese [Gef\u00e4ngnis-] Mauern ein!\u00ab Die Demonstranten finden die  Art, wie \u00bbWhistleblower\u00ab \u00d6ffentlichkeit herstellen, wichtig als  Korrektiv einer Staatsmacht, die Informationen \u00fcber ihre imperialen  Kriege geheimhalten will.<\/p>\n<p>Die \u00bbfreie Presse\u00ab der USA wird dem Bed\u00fcrfnis nach \u00bb\u00d6ffentlichkeit\u00ab  nicht gerecht: Nur neun Medienvertreter, davon zwei Gerichtszeichner,  berichten \u00fcber die Arbeit des Milit\u00e4rgerichts.<br \/>\n<em>(jh)<\/em><\/p>\n<p><em>** Aus: junge Welt, 20. Dezember 2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1801","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1801","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1801"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1801\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1801"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1801"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1801"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}