{"id":1878,"date":"2012-01-22T10:14:00","date_gmt":"2012-01-22T08:14:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=1878"},"modified":"2012-01-22T10:14:00","modified_gmt":"2012-01-22T08:14:00","slug":"auf-dem-absteigenden-ast-hintergrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=1878","title":{"rendered":"Auf dem absteigenden Ast: Hintergrund."},"content":{"rendered":"<h2><strong>Scheitern der USA im Irak offenbart Grenzen des Interventionismus\u00a0 Von Joachim Guilliard *<\/strong><\/h2>\n<p><strong><!--more--><\/strong><\/p>\n<p>Das 21. Jahrhundert sollte das US-amerikanische werden, und der Krieg  gegen den Irak der Feldzug, der die langfristige Hegemonie des neuen  Imperiums, die Pax Americana, etabliert. Ende vergangenen Jahres mu\u00dften  die US-Truppen den Irak jedoch vollst\u00e4ndig r\u00e4umen. Sie gingen \u00bberhobenen  Hauptes\u00ab, beteuerte US-Pr\u00e4sident Barack Obama, der ihren fast  neunj\u00e4hrigen Einsatz als gro\u00dfen Erfolg feierte. Tats\u00e4chlich schlichen  sich die letzten Einheiten im Dezember heimlich bei Nacht und ohne  Abschied von dannen, wesentliche Vorhaben unvollendet hinterlassend. Die  Besatzung ist damit zwar noch nicht zu Ende, doch wird der erzwungene  R\u00fcckzug in den USA weithin als schwere Niederlage gewertet. In  Afghanistan, im ersten Krieg des neuen Jahrhunderts, droht l\u00e4ngst ein  noch viel schlimmeres Debakel. Statt eine langfristige Hegemonie zu  sichern, scheinen die beiden Kriege vielmehr den Abstieg der einzig  verbliebenen Supermacht eingeleitet zu haben. Auf alle F\u00e4lle zeigten sie  den westlichen imperialistischen M\u00e4chten deutlich die Grenzen ihrer  Interventionsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Wie der ehemalige NATO-Oberbefehlshaber US-General Wesley Clark im  Pentagon erfuhr, waren Ende 2001, nach Beginn des \u00dcberfalls auf  Afghanistan, auch Syrien, Libanon, Libyen, Iran, Somalia und Sudan auf  einer Liste mit L\u00e4ndern, gegen die in den folgenden Jahren Krieg gef\u00fchrt  werden sollte. Ganz oben stand jedoch der bereits seit zehn Jahren  belagerte und sturmreif geschossene Irak. Schlie\u00dflich verf\u00fcgt dieser  selbst \u00fcber riesige \u00d6lvorr\u00e4te und liegt im Herzen einer der  geostrategisch wichtigsten Regionen, dort, wo nach Dick Cheney, dem  fr\u00fcheren Vizepr\u00e4sidenten der USA, \u00bbmit zwei Dritteln der \u00d6lreserven der  Welt nach wie vor (&#8230;) der ultimative Preis liegt.\u00ab<\/p>\n<p>Die Eroberung des bereits stark geschw\u00e4chten Landes und der Sturz des  alten Regimes gelangen erwartungsgem\u00e4\u00df rasch. Da die urspr\u00fcnglich als  Kriegsgrund angef\u00fchrte Bedrohung durch irakische  Massenvernichtungswaffen rasch als Propagandal\u00fcge entlarvt war, wurde  der Aufbau eines neuen prowestlichen Staates, Demokratisierung und  Wiederaufbau sowie bald auch Stabilisierung und Sicherheit zum  offiziellen Ziel der langfristig angelegten Besatzung.<\/p>\n<p><strong> Land, aus dem man flieht <\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr erhielt die von den USA angef\u00fchrte Koalition der Willigen dann  auch die Unterst\u00fctzung der Kriegsgegner in der NATO und den Segen der  Vereinten Nationen. Faktisch wurde der Krieg so durch die Hintert\u00fcr doch  noch legitimiert. Auch viele an sich kriegskritische Politiker und  Intellektuelle sprangen auf und wollten nun die Beseitigung Saddam  Husseins und des Baath-Regimes als Chance f\u00fcr das Land begriffen wissen.  Die meisten sahen durchaus auch die eigenn\u00fctzigen Interessen der USA  und ihrer Verb\u00fcndeten, setzten aber hartn\u00e4ckig darauf, da\u00df die Iraker  dennoch vom Neuaufbau ihres Landes profitieren w\u00fcrden \u2013 es sozusagen  einen Kollateralnutzen g\u00e4be.<\/p>\n<p>Die tonangebenden westlichen Medien bem\u00fchen sich seither redlich, ein  entsprechend erfolgreiches Bild zu zeichnen. Darauf konnte Obama bei  seiner Rede zur R\u00fcckkehr der letzten \u00bbHelden\u00ab aufbauen und die  \u00bbau\u00dfergew\u00f6hnlichen neunj\u00e4hrigen Leistungen\u00ab der US-Streitkr\u00e4fte preisen.  Es sei noch kein perfekter Ort, \u00bbaber wir lassen einen souver\u00e4nen,  stabilen und selbst\u00e4ndigen Irak zur\u00fcck, mit einer repr\u00e4sentativen  Regierung\u00ab.<\/p>\n<p>Mit der Realit\u00e4t hat dies nichts zu tun. Das neue, von ethnischen und  religi\u00f6sen Parteien dominierte Regime h\u00e4lt sich nur mit milit\u00e4rischen  Mitteln und brutaler Repression an der Macht. Diese wiederum ist sehr  stark in den H\u00e4nden des Premierministers Nuri Al-Maliki konzentriert.<\/p>\n<p>Zigtausend Oppositionelle wurden ermordet oder verschleppt, sind au\u00dfer  Landes geflohen oder werden gefangengehalten. \u00dcber eine Million  Irakerinnen und Iraker wurden seit 2003 von Besatzungssoldaten,  irakischen Hilfstruppen und regierungsnahen Milizen get\u00f6tet oder fielen  der sektiererischen Gewalt zum Opfer, die von Washington und seinen  Verb\u00fcndeten angeheizt wurde. Mehr als vier Millionen, ein Sechstel der  Bev\u00f6lkerung, flohen oder wurden vertrieben und leben bis heute im  Ausland oder als Binnenfl\u00fcchtlinge. In einem solchen Land von Demokratie  oder Stabilit\u00e4t zu reden, ist geradezu absurd.<\/p>\n<p>Ebensowenig ist ein fl\u00e4chendeckender Wiederaufbau zu erkennen. Zwar gibt  es moderne Vorzeigeprojekte, z.B. in besonders gesicherten Zonen  Bagdads oder der von den Pilgerstr\u00f6men profitierenden heiligen Stadt  Nadschaf. Die sonstige Infrastruktur ist jedoch noch immer in einem  erb\u00e4rmlichen Zustand. Der f\u00fcrchterliche Absturz der irakischen  Gesellschaft ist l\u00e4ngst nicht gestoppt.<\/p>\n<p>Sieht man von den Kurden ab, ist, einer Umfrage des  US-Meinungsforschungsinstitut Zogby vom November zufolge, nicht einmal  jeder Vierte der im Land gebliebenen Iraker der Ansicht, die Lage im  Land sei nun besser als zuvor unter Saddam Hussein. 54 Prozent beklagen  geringere politische Freiheiten, \u00fcber 75 Prozent eine \u2013 sogar gegen\u00fcber  der Zeit des Embargos \u2013 verschlechterte wirtschaftliche Situation und 90  Prozent den Verlust der pers\u00f6nlichen Sicherheit.[1] An den offiziellen  Zielen gemessen, w\u00e4ren die USA und ihre Verb\u00fcndeten somit grandios  gescheitert.<\/p>\n<p><strong> Die tats\u00e4chlichen Ziele <\/strong><\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich hatten die Besatzer andere Priorit\u00e4ten. Will man den  Erfolg der eigentlichen Pl\u00e4ne beurteilen, mu\u00df man trennen zwischen den  spezifischen, sehr radikalen Zielen, die die neokonservativen Hardliner  in der Bush-Administration umtrieben, und dem, was man als durchg\u00e4ngigen  Konsens der f\u00fchrenden Eliten in den USA betrachten kann. Deren  Interessen wurden von den Regierungen Clintons und Obamas ebenso  verfolgt wie von den beiden Bushs. Man darf nicht vergessen, da\u00df der  Krieg schon am 17. Januar 1991 begann und das Land bis 2003 einer  Belagerung ausgesetzt war.<\/p>\n<p>Im Vordergrund stand die dauerhafte Ausschaltung einer zu unabh\u00e4ngig  gewordenen Regionalmacht, die man zuvor gegen den Iran massiv  hochger\u00fcstet hatte. Das strategische Interesse galt nat\u00fcrlich der  Kontrolle des irakischen \u00d6ls und dem direkten Zugriff US-amerikanischer  Konzerne auf die enormen Reserven des Landes. Ein weiteres Ziel, das von  Washington im Grunde schon seit dem Sturz des Schahs im Iran im Jahr  1979 verfolgt wurde, war die permanente Stationierung von Truppen mit  voller Handlungsfreiheit in einem Kernland dieser strategisch  entscheidenden Region.<\/p>\n<p>Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war oberstes Ziel Washingtons,  die beherrschende Position der USA dauerhaft zu sichern und mit allen  Mitteln zu verhindern, da\u00df eine neue Macht oder eine Allianz von M\u00e4chten  diese Vormachtstellung gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. \u00bbDas erfordert, da\u00df keine  feindliche Macht eine Region dominiert, deren Ressourcen eine  ausreichende Grundlage f\u00fcr den Aufbau einer Weltmacht w\u00e4ren\u00ab, hei\u00dft es  in einem 1992 f\u00fcr den damaligen Verteidigungsminister Cheney erstellten  Strategiepapier.[2]<\/p>\n<p><strong> Ausschaltung einer Regionalmacht <\/strong><\/p>\n<p>Das erste Vorhaben gelang gr\u00fcndlich: Die Zerst\u00f6rung des irakischen  Staates und die Verw\u00fcstung der irakischen Gesellschaft sind so  umfassend, da\u00df das Land auf l\u00e4ngere Sicht garantiert keine gr\u00f6\u00dfere  machtpolitische Rolle mehr spielen wird. Allerdings wuchs durch den  Wegfall des Rivalen die regionale Macht des Iran. Teherans  innenpolitischer Einflu\u00df im Irak ist dem der Besatzungsmacht l\u00e4ngst  ebenb\u00fcrtig. Er spielt wirtschaftlich im Nachbarland eine gro\u00dfe Rolle und  beeinflu\u00dft durchaus auch dessen Au\u00dfenpolitik. Zum gro\u00dfen \u00c4rger  Washingtons verteidigt Maliki z.B. die Atompolitik Irans und stellt sich  hinter den syrischen Pr\u00e4sidenten Assad. Dies wiegt umso schwerer, als  sich durch den vollst\u00e4ndigen R\u00fcckzug der US-Streitkr\u00e4fte die Balance  weiter zuungunsten der Vereinigten Staaten verschoben hat.<\/p>\n<p>Auch wenn \u00fcber eine gewisse langfristige Truppenpr\u00e4senz noch nicht das  letzte Wort gesprochen ist, ist klar, da\u00df der Plan, im Irak eine gr\u00f6\u00dfere  Streitmacht als Kern der US-amerikanischen Machtprojektion in der  Region permanent zu stationieren, gescheitert ist.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich sollten \u00fcber 30000 Soldaten bleiben. Ungeachtet des  Abzugstermins, den die Bush-Regierung in einem Stationierungsabkommen  vereinbarte, hatte die Milit\u00e4rf\u00fchrung eine solche Truppenst\u00e4rke bereits  f\u00fcr das ganze Jahrzehnt fest eingeplant. Zuletzt hatten die  US-Kommandeure 20000 Soldaten als absolutes Minimum genannt \u2013 genug, um  die f\u00fcnf Mega-Basen sinnvoll zu besetzen. Diese St\u00fctzpunkte waren seit  2003 f\u00fcr viele Milliarden Dollar zu festungsartigen St\u00e4dten ausgebaut  worden, ausgestattet mit viel Komfort, modernster Technik und gro\u00dfen  Flugh\u00e4fen. Sie sind nun die kolossalsten Erinnerungen an ihre  gescheiterten Pl\u00e4ne, die die Besatzer hinterlassen.<\/p>\n<p><strong> Kampf ums \u00d6l <\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die vollst\u00e4ndige \u00d6ffnung des Marktes und der privaten Wirtschaft  sofort nach der Invasion per Dekret durchgesetzt wurde und ausl\u00e4ndische  Konzerne seither Milliarden-Profite auf Kosten einheimischer Firmen  einfahren, l\u00e4uft der Zugriff auf das irakische \u00d6l ebenfalls nicht nach  Plan.<\/p>\n<p>Die geheime Energie-Task-Force von US-Vizepr\u00e4sident Cheney hatte bereits  vor den Anschl\u00e4gen des 11. September 2001 dazu detaillierte und  ehrgeizige Pl\u00e4ne ausgearbeitet. Doch schon die ersten Versuche der  Besatzer, in die Produktion und den Transport des schwarzen Goldes  einzusteigen, scheiterten am Widerstand der Arbeiter. Sie kamen auch in  den folgenden Jahren mit ihren diesbez\u00fcglichen Vorhaben nicht voran.  Insbesondere gelang es ihnen bisher nicht, ein neues \u00d6lgesetz  verabschieden zu lassen, das den Weg zur Privatisierung der \u00d6lproduktion  frei machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auch die bereits 2003 geplante Privatisierung von Staatsunternehmen  au\u00dferhalb des Rohstoffsektors blieb bald stecken. Zu gro\u00df waren hier der  Widerstand der Belegschaft und die Gefahr, durch forsches Vorgehen dem  milit\u00e4rischen Widerstand zus\u00e4tzliche K\u00e4mpfer zuzutreiben.<\/p>\n<p>2009 bot die Maliki-Regierung ausl\u00e4ndischen \u00d6lkonzernen auf Basis der  bisherigen Gesetze Serviceauftr\u00e4ge zur Modernisierung der Anlagen und  zum Ausbau der F\u00f6rderleistung f\u00fcr \u00d6lfelder an, die bereits ausgebeutet  werden. Auch wenn diese Auftr\u00e4ge eine \u00d6ffnung der \u00d6lproduktion  bedeuteten, sind sie weit von dem entfernt, was Cheney und die \u00d6lmultis  anstrebten.<\/p>\n<p>Abgeschlossen wurden reine Dienstleistungsvertr\u00e4ge mit dem Ziel, die  F\u00f6rdermengen eines bestimmten \u00d6lfeldes auf ein festgelegtes Niveau zu  bringen. Die Auftragnehmer erhalten dabei lediglich einen festen Betrag  f\u00fcr jedes zus\u00e4tzlich gef\u00f6rderte Barrel \u00d6l \u2013 zwischen einem und zwei  Dollar, d.h. weder Anteile am gef\u00f6rderten \u00d6l noch Lizenzen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Anteile sicherten sich Firmen aus Asien, vorneweg  chinesische und malaysische. Auch BP, Shell und Total beteiligen sich an  Konsortien. Mit Exxon Mobile und Occidental Petroleum Oil kamen nur  zwei der sieben involvierten US-Konzerne zum Zug. Die anderen wollten  oder konnten sich offenbar nicht mit den f\u00fcr sie mageren Bedingungen  arrangieren. Damit war, so u.a. Pepe Escobar von der Asia Times, der  Traum von Cheney, Rumsfeld und Co. endg\u00fcltig geplatzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr andere Experten ist das Ergebnis nicht so eindeutig. Sie heben  hervor, da\u00df die gro\u00dfen \u00d6lmultis mit der R\u00fcckkehr zu einigen der  weltgr\u00f6\u00dften \u00d6lfelder erhebliche Einflu\u00dfm\u00f6glichkeiten auf die  \u00d6lwirtschaft des Irak gewannen. Auch wenn sie im Moment nur einen Fu\u00df in  der T\u00fcr haben, so k\u00f6nnen sie nun die Basis f\u00fcr einen wesentlich  umfassenderen Einstieg in die \u00d6lproduktion legen.<\/p>\n<p>Zudem z\u00e4hlt der in Auftrag gegebene massive Ausbau der F\u00f6rderkapazit\u00e4ten  durchaus zu den Pl\u00e4nen, die die USA verfolgen und gegen heftigen  Widerstand von Gewerkschaften, Management der \u00d6lkonzerne und  Parlamentariern durchsetzten. 2011 wurde die anvisierte  Kapazit\u00e4tssteigerung allerdings bereits weit verfehlt, die Produktion  liegt immer noch unter Vorkriegsniveau. Ob es in den kommenden Jahren zu  einer deutlichen Steigerung kommt und ob sich die Hoffnungen der  \u00d6lmultis auf eine st\u00e4rkere Beteiligung erf\u00fcllen, ist angesichts der  Verh\u00e4ltnisse im Land eher zweifelhaft.<\/p>\n<p>Produktionsanlagen und Pipelines sind nach wie vor regelm\u00e4\u00dfig Ziel von  Sabotageakten, und die ausl\u00e4ndischen \u00d6lfirmen waren auch immer wieder  mit teilweise gewaltsamen Protesten konfrontiert. Nach Abzug der  US-Truppen k\u00f6nnten diese noch zunehmen. Am 12. Januar st\u00fcrmten z.B.  \u00bbMilitante in Milit\u00e4runiformen\u00ab ein Maschinendepot des staatlichen  angolanischen \u00d6lkonzerns Sonangol, vertrieben die Arbeiter und sprengten  das Equipment in die Luft.<\/p>\n<p><strong> Massive Niederlage <\/strong><\/p>\n<p>Der erzwungene Abzug wird daher in den USA weithin als massive  Niederlage begriffen. Zum einen wird nat\u00fcrlich bef\u00fcrchtet, da\u00df sich das  etablierte Regime ohne die US-Truppen nicht lange halten wird. Er sei  sehr besorgt um die Zukunft Iraks, antwortete beispielsweise  Generalstabschef Martin Dempsey bei einer Senatsanh\u00f6rung auf  entsprechende Fragen. Die Kommandeure seien daher auch alle gegen einen  Abzug gewesen.[3] \u00bbAm Ende wird die irakische Regierung scheitern\u00ab, so  auch der Tenor frustrierter US-amerikanischer Offiziere vor Ort.[4]<\/p>\n<p>In Washington \u00fcberwiegt allerdings der \u00c4rger \u00fcber die weitere St\u00e4rkung  der Position des Iran. Indem der Irak als Aufmarschgebiet f\u00fcr einen  Krieg wegf\u00e4llt, sitzt Teheran nun auch milit\u00e4risch nicht mehr so eng in  der Zange.<\/p>\n<p>Dies wird nun teilweise dadurch kompensiert, da\u00df ein Teil der aus dem  Irak abgezogenen Kampftruppen in die verb\u00fcndeten Golfstaaten verlegt und  zus\u00e4tzliche Flottenverb\u00e4nde in den Persischen Golf entsandt wurden. Ein  voller Ersatz f\u00fcr Truppen im Irak ist das jedoch nicht, da die Basen im  Irak wesentlich besser ausgebaut waren und die US-Truppen dort eine  Handlungsfreiheit hatten, die ihnen die Golfstaaten nicht gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Die republikanischen Scharfmacher werfen daher Obama vor, die  Verl\u00e4ngerung der Stationierung nicht mit gen\u00fcgend Nachdruck verfolgt und  notfalls auch \u00fcber das irakische Parlament hinweg durchgesetzt zu  haben. Sie verkennen dabei, wie beschr\u00e4nkt der Spielraum der Besatzer im  Irak geworden war. Schlie\u00dflich war es der Bush-Administration bereits  2008 nicht gelungen, mit der von ihr in Bagdad ins Amt gehievten  Regierung eine langfristige Stationierung US-amerikanischer Streitkr\u00e4fte  zu vereinbaren. Sie hatte einen Entwurf vorgelegt, der Washington  berechtigt h\u00e4tte, eine beliebige Zahl von Truppen auf unbeschr\u00e4nkte Zeit  im Land zu stationieren und jederzeit Angriffe auf jedes Ziel im Irak  f\u00fchren zu d\u00fcrfen. Auch Angriffe auf Nachbarstaaten sollten ohne  Einverst\u00e4ndnis der irakischen Regierung m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>Die Besatzungsmacht konnte sich jedoch nicht gegen den breiten  Widerstand im Land durchsetzen. Die entsprechend konzipierten Wahlen  hatten zwar \u00fcberwiegend pro-amerikanische Kr\u00e4fte ins Parlament gesp\u00fclt,  angesichts der verheerenden Besatzungspolitik und der grundlegenden  Stimmung im Land waren aber immer mehr Verb\u00fcndete ins nationalistische,  die Fremdherrschaft bek\u00e4mpfende Lager gewechselt. Zwei Jahre zuvor war  daran bereits das neue \u00d6lgesetz gescheitert.<\/p>\n<p>Da das UN-Mandat, das bis dahin den legalen Rahmen f\u00fcr die Pr\u00e4senz der  US-Truppen lieferte, auslief, blieb der Bush-Regierung kaum etwas  anderes \u00fcbrig, als ein wesentlich ung\u00fcnstigeres Abkommen zu akzeptieren \u2013  mit einem klaren Zeitplan f\u00fcr den schrittweisen Abzug aller Truppen.  Alles andere h\u00e4tte zu neuen Aufst\u00e4nden und einem Aufleben des  bewaffneten Widerstands gef\u00fchrt. Daran hat sich auch danach nichts  ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong> Besatzung nicht zu Ende <\/strong><\/p>\n<p>Washington bem\u00fcht sich nun, seinen bestimmenden Einflu\u00df auf den Irak so  gut wie m\u00f6glich zu bewahren, indem die Besatzungsaufgaben auf zivile  Kr\u00e4fte \u00fcbertragen wurden. Die ohnehin schon riesige Botschaftsfestung  wurde erweitert, das Personal auf \u00fcber 16000 Angestellte aufgestockt,  darunter viele Angeh\u00f6rige der CIA und des US-Milit\u00e4rs sowie \u00fcber 5500  bewaffnete S\u00f6ldner. Die USA bauen weiter auf Maliki, der seinerseits \u2013  trotz seiner guten Verbindungen zum Iran \u2013 immer noch auf US-Hilfe  angewiesen ist. In den knapp neun Jahren haben die Besatzer eine  stattliche Zahl von Armee- und Polizeieinheiten aufgebaut \u2013 insgesamt  800000 Mann. Verl\u00e4\u00dflich aus ihrer Sicht sind jedoch nur die eng mit den  eigenen Spezialkr\u00e4ften verzahnten Sondereinheiten. Dennoch hofft man in  Washington, da\u00df Maliki milit\u00e4risch stark genug ist, sich auch mit der  reduzierten US-Unterst\u00fctzung an der Macht zu halten. Wie realistisch  dies ist, mu\u00df sich zeigen. Wie die US-Pl\u00e4ne zeigen, geht man auch in den  Vereinigten Staaten davon aus, da\u00df das Land auf absehbare Zeit  Kriegszone bleiben wird und US-Amerikaner sich dort nur unter massivem  milit\u00e4rischen Schutz bewegen k\u00f6nnen. Das betrifft nat\u00fcrlich auch die  ausl\u00e4ndischen Konzerne.<\/p>\n<p>Noch ist im Irak nichts endg\u00fcltig entschieden. Noch sind die  US-Amerikaner in Divisionsst\u00e4rke im Land und sitzen US-Berater auf  vielen Ebenen an den Schaltstellen in den Ministerien, in der Verwaltung  und dem Sicherheitsapparat. Andererseits summieren sich allein die  direkten Ausgaben f\u00fcr den Krieg bald auf 1000 Milliarden Dollar, mu\u00dften  die Streitkr\u00e4fte 4500 Tote, 32000 Schwerverwundete und bis zu 500000  weitere k\u00f6rperlich und psychisch gesch\u00e4digter R\u00fcckkehrer verkraften;  somit ist der immense Imageverlust durch den verbrecherischen Krieg eine  schwere Hypothek f\u00fcr die US-Au\u00dfenpolitik. Da der Krieg rein auf Pump  gef\u00fchrt wurde, trugen die gewaltigen Kriegsausgaben zudem erheblich zur  gewaltigen Verschuldung der USA und der US-amerikanischen  Wirtschaftskrise bei. Unabh\u00e4ngig davon, wie es nun konkret weitergeht,  kann man, gemessen an den urspr\u00fcnglichen Zielen und den immensen Kosten,  die der Krieg auch den USA abverlangt, durchaus von einem Scheitern  sprechen.<\/p>\n<p><strong> An den Grenzen der Macht <\/strong><\/p>\n<p>Im Irak so hei\u00dft es oft, h\u00e4tten die USA alles falsch gemacht, was falsch  zu machen sei. \u00dcbersehen wird, da\u00df die Besatzungspolitik sich  konsequent an den Kriegszielen orientierte. Nat\u00fcrlich kommen auch  \u00bbhandwerkliche\u00ab Fehler dazu, die aufgrund mangelhafter Kenntnisse \u00fcber  das Land wie dem Rassismus der sich \u00fcberlegen f\u00fchlenden Invasoren und  \u00e4hnlichem auch schwer vermeidbar waren.<\/p>\n<p>Die Faktoren, die zu diesem Scheitern f\u00fchrten, weisen daher auf  prinzipielle Grenzen, auch milit\u00e4risch weit \u00fcberlegener M\u00e4chte hin,  anderen Nationen mit Gewalt ihren Willen aufzuzwingen. Die milit\u00e4rische  \u00dcberlegenheit erm\u00f6glicht zwar eine rasche Eroberung, sie reicht aber  selten aus, ein Land auch zu halten. In dem Ma\u00dfe, in dem die  Besatzungsmacht mit wachsender Gewalt ihre Pl\u00e4ne durchzusetzen sucht,  w\u00e4chst der Widerstand dagegen. Die USA griffen im Irak wie in  Afghanistan zum klassischen Mittel, ethnische und religi\u00f6se Gruppen, die  in Opposition zum fr\u00fcheren Regime standen, zur f\u00fchrenden Kraft im Land  zu machen. Da diese nur eine Minderheit der Bev\u00f6lkerung hinter sich  haben, kann auch dies nur milit\u00e4risch aufrechterhalten werden. Je mehr  Gewalt die Besatzer und ihre indigenen Hilfstruppen anwenden, desto mehr  Menschen treiben sie in die aktive Opposition.<\/p>\n<p>Im Irak sah es Ende 2005 schon so aus, als m\u00fc\u00dften die Besatzer bald die  Koffer packen. Die USA konnten sich nur halten, indem sie und ihre  Verb\u00fcndeten die konfessionellen Konflikte anheizten. Das spaltete nicht  nur den Widerstand, die eskalierende Gewalt schiitischer, teils  regierungsnaher Milizen und sunnitischer Extremisten n\u00f6tigte viele  Besatzungsgegner sogar zur zeitweisen Zusammenarbeit mit den Okkupanten.<\/p>\n<p>Doch auch ziviler Widerstand machte den Besatzern immer st\u00e4rker zu  schaffen. So war es die Gegenwehr von Gewerkschaften, die die ersten  Privatisierungsversuche verhinderte. Milit\u00e4rischer und ziviler  Widerstand erg\u00e4nzten sich dabei. Die Sorge, den milit\u00e4rischen zu  st\u00e4rken, zwang die Okkupanten immer wieder zur Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber  dem zivilen.<\/p>\n<p>Die f\u00fcrchterliche Welle sektiererischer Gewalt f\u00fchrte zu einer breiten  Stimmung gegen die herrschende sektiererische Politik, gegen bewaffnete  Auseinandersetzungen und gegen die Pr\u00e4senz der Besatzer, die in erster  Linie f\u00fcr die Gewalt verantwortlich gemacht wurden. Am Ende war es die  darauf aufbauende, immer machtvollere politische Opposition, die die  Pl\u00e4ne der USA endg\u00fcltig vereitelte.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke der amerikanischen Streitkr\u00e4fte war \u00bbbedrohlich  eindrucksvoll\u00ab, so der kritische US-Journalist Tom Engelhardt, \u00bbaber  nur, bis George W. Bush zweimal den Abzug dr\u00fcckte\u00ab. Dadurch \u00bboffenbarte  er der Welt, da\u00df die USA unf\u00e4hig sind, entfernte Landkriege gegen  kleinste Feinde zu gewinnen und zwei schwachen L\u00e4ndern im Gr\u00f6\u00dferen  Mittleren Osten ihren Willen aufzuzwingen\u00ab. Auch wenn Landkriege f\u00fcr die  USA wohl vorl\u00e4ufig pass\u00e9 sind, milit\u00e4rische Interventionen gegen  weitere Staaten auf der eingangs erw\u00e4hnten Pentagon-Liste sind damit  leider \u2013 wie der Libyen-Krieg zeigt \u2013 keineswegs vom Tisch.<\/p>\n<p><strong> Anmerkungen <\/strong><\/p>\n<ol>\n<li> Iraq: The War, Its Consequences &amp; the Future, Zogby Research Services, 18.\u201320. Nov. 2011<\/li>\n<li> Excerpts from 1992 Defence Planning Guidance, PBS Frontline, Keeping the  U.S. First; Pentagon Would Preclude a Rival Superpower, Washington  Post, 11.3.1992<\/li>\n<li> \u00bbMcCain clashes with Panetta over U.S. troop withdrawal from Iraq\u00ab, CNN, 15.11.2011<\/li>\n<li> \u00bbU.S. Troops to Leave Iraq by Year\u2019s End, Obama Says\u00ab, The New York Times, 21.10.2011, (deutsche \u00dcbersetzung in Luftpost 191\/11)<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>* Aus: junge Welt, 21. Januar 2012<\/em><\/p>\n<p><em>gefunden in:\u00a0 <a href=\"http:\/\/ag-friedensforschung.de\/regionen\/Irak\/grenzen.html\" target=\"_blank\">AG-Friedensforschung<\/a><br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Scheitern der USA im Irak offenbart Grenzen des Interventionismus\u00a0 Von Joachim Guilliard *<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1878","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1878"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1878\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1878"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1878"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}