{"id":1881,"date":"2012-01-22T10:45:56","date_gmt":"2012-01-22T08:45:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=1881"},"modified":"2012-01-22T10:45:56","modified_gmt":"2012-01-22T08:45:56","slug":"die-strategie-hat-ein-loch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=1881","title":{"rendered":"Die Strategie hat ein Loch"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Der Nahostkonflikt und die Deutschen\u00a0 Von Peter Sch\u00e4fer *<\/strong><\/h2>\n<p><strong><!--more--><\/strong>Laut UNO-Beschluss von 1947 sollten auf dem damaligen britischen  Mandatsgebiet Pal\u00e4stina gleichzeitig ein israelischer und ein  pal\u00e4stinensischer Staat entstehen. Israel wurde 1948 proklamiert. F\u00fcr  die Gr\u00fcndung eines pal\u00e4stinensischen Staates aber fehlen noch immer  viele, vor allem von Israel bisher verhinderte Grundvoraussetzungen. Um  diese zu verbessern, stellte Pal\u00e4stinenserpr\u00e4sident Mahmud Abbas im  September einen Antrag auf Vollmitgliedschaft Pal\u00e4stinas in der UNO, 63  Jahre nach der Gr\u00fcndung des Staates Israel. Deutschland ist dennoch  dagegen.<\/p>\n<p>Es hei\u00dft, im Nahostkonflikt, also im Verh\u00e4ltnis zwischen Israel und  Pal\u00e4stina, h\u00e4tten sich die Kontrahenten richtiggehend ineinander  verknotet. Die Sache sei kompliziert und schwierig zu entwirren. Die  Politik besch\u00e4ftigt sich bereits seit langem damit, und regelm\u00e4\u00dfig  pr\u00e4sentieren sich Menschen, vor allem aus den USA und Europa, mit  Friedensinitiativen und Konfliktl\u00f6sungsstrategien, die ebenso regelm\u00e4\u00dfig  wieder scheitern &#8211; was dem politischen Ansehen dieser Menschen  allerdings nicht zu schaden scheint. Israelis und Pal\u00e4stinenser folgen  ihnen immer wieder, weil alles andere als \u00bbunvers\u00f6hnlich\u00ab und \u00bbgegen den  Frieden\u00ab gewertet w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Israel hat sich trotz Zustimmung zu Friedensinitiativen aber nie von  seiner Besatzungs- und Siedlungspolitik abbringen lassen, ganz im  Gegenteil. Und die von ausl\u00e4ndischer Finanzhilfe abh\u00e4ngige  pal\u00e4stinensische F\u00fchrung stimmte immer wieder zu, weil alles andere zu  weit reichenden Einschnitten f\u00fchren w\u00fcrde. Denn im Unterschied zu Israel  flie\u00dft das ausl\u00e4ndische Geld an Pal\u00e4stina nur, wenn man sich dort an  die Regeln h\u00e4lt. Vor allem der Westen bezahlt die pal\u00e4stinensischen  Beamtengeh\u00e4lter, die Sozialhilfe, Polizei und Repressionsapparat, einen  Teil der Zivilgesellschaft, einen gro\u00dfen Teil der Kulturarbeit, die  Versorgung der Fl\u00fcchtlinge, Garantien f\u00fcr Individualkredite und dar\u00fcber  hinaus eine Reihe von Programmen zur Institutionsentwicklung und zur  Wirtschaftsf\u00f6rderung. \u00dcber die H\u00e4lfte der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung,  vor allem die Mittel- und Oberschicht, ist von ausl\u00e4ndischen  Finanzspritzen abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p><strong> L\u00f6sbare Konflikte tats\u00e4chlich auch l\u00f6sen <\/strong><\/p>\n<p>All diese Menschen z\u00e4hlen darauf, dass die pal\u00e4stinensische F\u00fchrung  Entscheidungen trifft, die den ausl\u00e4ndischen Geldgebern genehm sind.  Ansonsten bleiben Geh\u00e4lter aus, Kredite werden unbezahlbar. Alles bricht  zusammen. Deshalb verhalten sich die Genugverdiener trotz der  unbefriedigenden politischen Situation ruhig, bei den anderen sorgt  daf\u00fcr der haupts\u00e4chlich von den USA gef\u00f6rderte pal\u00e4stinensische  \u00bbSicherheitssektor\u00ab. Dass die Bef\u00fcrchtungen eines Zusammenbruchs ernst  zu nehmen sind, zeigten bereits die Zahlungsaussetzungen nach dem Sieg  der Hamas bei den Parlamentswahlen von 2006, obwohl die Beteiligung der  Islamisten von den westlichen Regierungen ausdr\u00fccklich gew\u00fcnscht war.  Das zweite Beispiel ist die Aussetzung der Programme von USAID &#8211; einer  Beh\u00f6rde der Vereinigten Staaten f\u00fcr Entwicklungszusammenarbeit &#8211; nach  dem pal\u00e4stinensischen Aufnahmeantrag in die Vereinten Nationen im  September; und das obwohl im Prinzip alle Staaten der Erde formell eine  Zwei-Staaten-L\u00f6sung f\u00fcr den Nahostkonflikt unterst\u00fctzen, also die  Schaffung eines pal\u00e4stinensischen Staats an der Seite Israels.<\/p>\n<p>Israel hatte sich ebenfalls f\u00fcr die Bildung eines pal\u00e4stinensischen  Staates erkl\u00e4rt, allerdings erst am Ende eines bilateralen  Verhandlungsprozesses. Verhandelt wird bereits seit 1991. Ein  pal\u00e4stinensischer Staat existiert aber noch immer nicht, es existieren  nicht einmal definierte israelische Grenzen. Die praktische Ablehnung  der pal\u00e4stinensischen Staatsgr\u00fcndung durch Israel ist jedoch erkl\u00e4rbar:  Landraub bleibt dann ungestraft, die \u00f6konomischen Profite sind gro\u00df, der  Widerstand der USA und Deutschlands ist es nach den von ihnen selbst  genannten Prinzipien nicht.<\/p>\n<p>Nun w\u00e4re es interessant, die deutsche Nahoststrategie zu diskutieren;  eine Strategie zur Erreichung der postulierten Ziele: Frieden und  Schaffung eines pal\u00e4stinensischen Staates. Eine solche Strategie gibt es  aber nicht. Dar\u00fcber hinaus ist Deutschland, entweder direkt oder \u00fcber  die NATO, an einigen milit\u00e4rischen Aktionen zwischen Afghanistan und  Libyen beteiligt. Es m\u00fcsste also Interesse daran bestehen, l\u00f6sbare  Konflikte mit der arabischen oder islamischen Welt tats\u00e4chlich zu l\u00f6sen.  Und im israelisch-pal\u00e4stinensischen Fall wurde in den meisten der  strittigen Punkte bereits Einigung erzielt.<\/p>\n<p>Um hier den letzten Schritt zu tun, braucht es jedoch auch den Druck auf  Israel, nicht nur auf die Pal\u00e4stinenser. Die ab und an vorsichtige,  verbale Kritik an Israels Besatzungspolitik hat in Israel keine  Auswirkungen. \u00bbIsrael spuckt immer noch in die Gesichter befreundeter  L\u00e4nder\u00ab, schrieb die israelische Journalistin Amira Hass einmal, \u00bbund in  diesen L\u00e4ndern freut man sich dann \u00fcber den Regen.\u00ab \u00bbSehen wir uns bei Ihrem Botschafter?\u00ab<\/p>\n<p>Schon Konrad Adenauer definierte, dass \u00bbdie Art, wie die Deutschen sich  den Juden gegen\u00fcber verhalten werden, die Feuerprobe der deutschen  Demokratie sein wird\u00ab. Im Mittelpunkt stand also schon damals die  Ehrenrettung Deutschlands und nicht ein grunds\u00e4tzliches Umdenken in  Bezug auf Antisemitismus.<\/p>\n<p>Es ist heute Standard, dass sich das deutsche Wohlverhalten gegen\u00fcber  den Juden in einem ausschlie\u00dflichen Israel-Fokus \u00e4u\u00dfert. Pr\u00e4gnant  ausgedr\u00fcckt: \u00bbHerr Bubis, sehen wir uns n\u00e4chste Woche bei Ihrem  Botschafter?\u00ab Das fragte die Frankfurter Oberb\u00fcrgermeisterin Petra Roth  (CDU) beispielhaft den damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden  in Deutschland. Sie meinte den israelischen Botschafter.<\/p>\n<p>So werden alle Juden automatisch zu Staatsb\u00fcrgern Israels oder zumindest  zu Menschen gemacht, deren unbedingte Loyalit\u00e4t Israel gilt, und nicht  dem Land, in dem sie zu Hause sind. Es scheint immer noch so, als  wollten die Deutschen ihre j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger loswerden oder sie  zumindest als nicht dazugeh\u00f6rig wahrnehmen. Und f\u00fcr manche scheint der  Schritt von der angenommenen Stellvertreterfunktion Israels f\u00fcr alle  Juden zur Gleichsetzung der Besch\u00e4ftigung mit Antisemitismus und  Nahostkonflikt nicht weit.<\/p>\n<p>Wenn also das unkritische Verh\u00e4ltnis zu Israel in Deutschland  Staatsr\u00e4son ist, die nicht hinterfragt wird, und alles andere  antisemitisch ist, dann ist das sowohl ein Hindernis im Kampf gegen  deutschen Antisemitismus als auch in der Meinungsbildung zu  Israel\/Pal\u00e4stina. Zu Tage tritt die Wirkung dieses Tabus sehr oft im  Zuge von Israel\/Pal\u00e4stina-Besuchen deutscher Politiker jeder Couleur. Im  nicht-\u00f6ffentlichen Gespr\u00e4ch wird \u00fcber die verschiedenen Aspekte  israelischer Besatzungspolitik geklagt, im Presseinterview werden jedoch  viel mildere Worte gefunden und die Formulierungen eingef\u00fcgt, die stark  nach auswendig gelernt klingen. Man will nichts Falsches sagen, denn  das k\u00f6nnte schnell das Ende einer politischen oder journalistischen  Karriere bedeuten.<\/p>\n<p>Wenn aber unklar ist, ob eine Position zum Thema Israel\/Pal\u00e4stina auf  \u00dcberzeugung beruht oder nur auswendig gelernt ist und dem Selbstschutz  (oder der Provokation) dient, dann fehlen die Voraussetzungen f\u00fcr eine  echte Auseinandersetzung mit dem Thema. Anders gefragt: Wen kann man in  der von Tabus und Angst bestimmten Diskussion \u00fcber Israel\/Pal\u00e4stina oder  Antisemitismus eigentlich ernst nehmen?<\/p>\n<p>So h\u00e4lt man sich aus allem so weit wie m\u00f6glich heraus. Wenn aber der  deutsche Au\u00dfenminister aus unbedingter Treue zur rechten israelischen  Regierung den pal\u00e4stinensischen Aufnahmeantrag in die Vereinten Nationen  ablehnt, dann lehnt er nicht nur die Politik der Bundesrepublik selbst  ab. Deutschland im Verein mit den USA und der Weltbank best\u00e4tigte der  pal\u00e4stinensischen F\u00fchrung in Ramallah ja zuvor, alle Voraussetzungen zur  Staatsbildung im September 2011 zu erf\u00fcllen. \u00bbDie Abstimmung zeigte,  dass der angenommene internationale Konsens zur Zwei-Staaten-L\u00f6sung ein  Mythos war\u00ab, sagte ein Aktivist einer neuen pal\u00e4stinensischen  Jugendbewegung k\u00fcrzlich. \u00bbUnd wenn die Zwei-Staaten-L\u00f6sung unrealistisch  ist, warum sollten wir dann nicht gleich f\u00fcr \u203aandere unrealistische  L\u00f6sungen\u2039 k\u00e4mpfen, wie beispielsweise den demokratischen Staat im  gesamten historischen Gebiet von Pal\u00e4stina?\u00ab So f\u00fchrt die falsche  Solidarit\u00e4t mit Israel dazu, dass das Gegenteil erreicht wird.<\/p>\n<p><strong> Welches Gesicht darf Widerstand haben? <\/strong><\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr die Ablehnung gewaltfreier Aktionsformen,  beispielsweise der internationalen Kampagne f\u00fcr Boykott, Desinvestition  und Sanktionen (BDS) gegen Israel. Es gibt in Deutschland Gr\u00fcnde, BDS  abzulehnen. Die Frage ist jedoch, welche Widerstandsformen die Ablehner  den Pal\u00e4stinensern \u00fcberhaupt zugestehen. Und wer wirkungsvolle  gewaltfreie Aktionen verhindert, muss der nicht auch Verantwortung  \u00fcbernehmen, wenn die Menschen Waffengewalt wieder als effektiv  entdecken?<\/p>\n<p>Trotz allem verweisen viele die Pal\u00e4stinenser immer noch an die UNO.  Angesichts der Wirkungslosigkeit der von diesem Gremium zu  Israel\/Pal\u00e4stina beschlossenen Resolutionen, f\u00fchrt dies aber nur zur  Verfestigung der pal\u00e4stinensischen Meinung, dass Hilfe sicherlich nicht  aus dem Ausland kommen wird. Eine ebensolche Erkenntnis hat 1987 die  erste Intifada ausgel\u00f6st. Der Unterschied zu heute ist jedoch, dass  damals die politischen Kr\u00e4fte Pal\u00e4stinas noch organisiert waren und eine  Eskalation verhinderten. Zudem sind heute viel mehr Waffen vorhanden.<\/p>\n<p>Insgesamt wird sehr deutlich, dass der nah\u00f6stliche Knoten, die  komplizierte Situation, weniger im Osten liegt, sondern sehr nah bei  uns.<\/p>\n<p><em>* Aus: neues deutschland, 21. Januar 2012<\/em><\/p>\n<p><em>gefunden auf:\u00a0 <a href=\"http:\/\/ag-friedensforschung.de\/regionen\/Nahost\/strategie.html\" target=\"_blank\">AG Friedensforschung<\/a><br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Nahostkonflikt und die Deutschen\u00a0 Von Peter Sch\u00e4fer *<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1881","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1881","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1881"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1881\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1881"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1881"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1881"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}