{"id":1930,"date":"2012-02-13T18:51:40","date_gmt":"2012-02-13T16:51:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=1930"},"modified":"2012-02-13T18:51:40","modified_gmt":"2012-02-13T16:51:40","slug":"20-jahre-vertrag-von-maastricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=1930","title":{"rendered":"20 Jahre Vertrag von Maastricht"},"content":{"rendered":"<h2>Die Euro-Krise hat ihre Wurzeln im Gr\u00fcndungspakt der Europ\u00e4ischen Union<\/h2>\n<address>Von Andreas Wehr in &#8222;Junge Welt&#8220; vom 13.2.2012<br \/>\n<\/address>\n<address><!--more--><a> <img decoding=\"async\" id=\"img35952\" src=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/serveImage.php?id=35952&amp;ext=.jpg\" alt=\"Cavaco Silva, Pr\u00e4sident des EU-Parlamentes, der niederl&amp;aum\" \/> <\/a><\/p>\n<div>Cavaco Silva, Pr\u00e4sident des EU-Parlamentes, der  niederl\u00e4ndische Premier Ruud Lubbers, der deutsche Au\u00dfenminister Hans  Dietrich Genscher und Jacques Delors aus Frankreich am 7.\u00a0Februar 1992  nach Unterzeichnung der Maastricht-Vertr\u00e4<\/div>\n<div>Foto: Reuters<\/div>\n<p>Vor zwanzig Jahren wurde am 7. Februar 1992 der Vertrag von Maastricht  unterzeichnet. Nach jener kleinen Stadt in den Niederlanden war  seinerzeit die bis dahin gr\u00f6\u00dfte Vertragsreform der Europ\u00e4ischen  Gemeinschaften benannt worden. Sp\u00e4ter sollte es dann noch weitere gro\u00dfe  \u00c4nderungsvertr\u00e4ge geben: 1997 den Vertrag von Amsterdam, 2000 den von  Nizza und 2009 den Lissaboner Vertrag. Doch der Vertrag von Maastricht  blieb der wichtigste unter ihnen, denn er stellte das europ\u00e4ische Objekt  auf ein v\u00f6llig neues Gleis. Mit Maastricht nahm die EU einen neuen  Anlauf zur Vollendung des bereits 1957 in Rom beschlossenen  Binnenmarkts, was umfassende Deregulierungen, Liberalisierungen und  Privatisierungen gro\u00dfer Teile der staatlichen Infrastruktur bedeutete.  Vor allem aber wurde mit diesem Vertrag die Grundlage f\u00fcr die gemeinsame  W\u00e4hrung Euro gelegt. Maastricht ist so zum Pseudonym f\u00fcr die  neoliberale Wende der Europ\u00e4ischen Union geworden.<\/p>\n<p>Der Vertrag regelte aber noch mehr. Die bis dahin bestehenden drei  Europ\u00e4ischen Gemeinschaften \u2013 die Europ\u00e4ische Wirtschaftsgemeinschaft  (EWG), die Europ\u00e4ische Atomgemeinschaft (EAG) und die Europ\u00e4ische  Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl (EGKS) \u2013 wurden zur Europ\u00e4ischen Union  zusammengefa\u00dft. Erheblich aufgewertet wurden die Bereiche Justiz und  Inneres sowie Au\u00dfenpolitik. Daf\u00fcr wurde mit dem \u00bbVertrag \u00fcber die  Europ\u00e4ische Union\u00ab eigens ein neuer Rahmen geschaffen. Vor allem von der  Gemeinsamen Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik (GASP) versprach man sich  viel. Zu deren Zielen, so hie\u00df es in der Pr\u00e4ambel des Vertrags, geh\u00f6re  \u00bbauf l\u00e4ngere Sicht auch die Festlegung einer gemeinsamen  Verteidigungspolitik (\u2026), die zu gegebener Zeit zu einer gemeinsamen  Verteidigung f\u00fchren k\u00f6nnte\u00ab. Davon ist heute aber nicht mehr die Rede.  Die Interessen der EU-Staaten in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik, und  hier vor allem die der gro\u00dfen vier, von Deutschland, Gro\u00dfbritannien,  Frankreich und Italien, standen auch nach Maastricht immer wieder im  Gegensatz zueinander. Ging man damals noch davon aus, da\u00df es bald einen  gemeinsamen europ\u00e4ischen Sitz im UN-Sicherheitsrat geben werde, so  spricht heute kaum noch jemand davon. F\u00fcr Frankreich und Gro\u00dfbritannien  kommt eine Aufgabe der nationalen Pr\u00e4senz dort nicht in Frage, und  Deutschland versucht l\u00e4ngst, als weiterer EU-Staat dort Platz zu nehmen.<\/p>\n<h3>Deutsche Alleing\u00e4nge<\/h3>\n<p>Der Vertrag von Maastricht war am 10. Dezember 1991 gerade ausgehandelt  worden, da wurde bereits gegen die in ihm enthaltene Verpflichtung zur  Abstimmung der Mitgliedsl\u00e4nder in au\u00dfenpolitischen Fragen versto\u00dfen. Die  deutsche Bundesregierung war im Dezember 1991 mit ihrer Anerkennung von  Kroatien und Slowenien vorgeprescht und hatte damit die von Frankreich  und Gro\u00dfbritannien angestrebte L\u00f6sung des Konflikts unter Erhalt der  jugoslawischen Souver\u00e4nit\u00e4t vereitelt. Solch gegens\u00e4tzliches Handeln  sollte sich noch mehrfach wiederholen. Beim zweiten Golfkrieg gelang es  den USA sogar, ein \u00bbaltes\u00ab gegen ein \u00bbneues Europa\u00ab, bestehend aus den  j\u00fcngeren Beitrittsl\u00e4ndern, gegeneinander auszuspielen. Bisher letztes  Beispiel f\u00fcr europ\u00e4ische Uneinigkeit war die NATO-Aggression gegen\u00fcber  Libyen. Hier wich die Haltung der Bundesrepublik einmal positiv von der  Politik Gro\u00dfbritanniens, Frankreichs und Italiens ab. Auch wenn man sich  in der EU in manch anderen au\u00dfenpolitischen Fragen durchaus einig ist,  etwa bei der Unterst\u00fctzung der \u00bbfarbigen Revolutionen\u00ab in Osteuropa, in  der R\u00fcstungskooperation und bei Sanktionen gegen\u00fcber dem Iran, so wird  die Gemeinsame Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik unter Leitung der farblosen  \u00bbHohen Vertreterin\u00ab Catherine Ashton weltweit nicht ernst genommen. Die  Bilanz des Vertrags von Maastricht f\u00e4llt hier daher ern\u00fcchternd aus.  Dar\u00fcber sollte man alles andere als traurig sein, denn wenn eines die  Welt gewi\u00df nicht braucht, dann ist es eine \u2013 neben den USA \u2013 zweite  milit\u00e4rische, imperialistische Supermacht.<\/p>\n<p>Doch im Unterschied zu den Absichtserkl\u00e4rungen in der Au\u00dfen- und  Sicherheitspolitik hielt man die Maastrichter Vereinbarungen zur  W\u00e4hrungspolitik ein. Entsprechend dem damals vereinbarten Fahrplan wurde  die Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion tats\u00e4chlich am 1. Januar 1999  Realit\u00e4t. Drei Jahre sp\u00e4ter sollte dann auch der Euro als Bargeld die  W\u00e4hrungen von zun\u00e4chst elf Mitgliedsl\u00e4ndern abl\u00f6sen. Damit erreichte die  EU ein Ziel, das schon lange auf der europ\u00e4ischen Agenda gestanden  hatte. Bereits der Plan des luxemburgischen Ministerpr\u00e4sidenten Pierre  Werner von 1970 sah die stufenweise Einf\u00fchrung einer Wirtschafts- und  W\u00e4hrungsunion bis 1980 vor. Um in einer solchen Union die schw\u00e4cheren  L\u00e4nder zu unterst\u00fctzen, ging man von einem notwendigen  Umverteilungsvolumen innerhalb der Staaten der W\u00e4hrungszone von f\u00fcnf  Prozent des Gesamtbruttoinlandsprodukts aus. Ein solches Volumen mutet  heute utopisch hoch an, betr\u00e4gt doch der Haushalt der EU gegenw\u00e4rtig  gerade einmal ein Prozent.<\/p>\n<p>Der Werner-Plan von 1970 scheiterte an den bald darauf einsetzenden  internationalen W\u00e4hrungsturbulenzen. Im Mai 1971 wurde die Parit\u00e4t der  D-Mark zum Dollar aufgehoben, im August des Jahres gaben die USA die  Goldbindung ihrer W\u00e4hrung auf. Damit existierten die seit dem Ende des  Zweiten Weltkriegs bestehenden festen Austauschverh\u00e4ltnisse zwischen den  wichtigsten W\u00e4hrungen nicht mehr, die Wechselkurse floateten, sie  bewegten sich frei. Es folgte eine erhebliche Abwertung der  amerikanischen W\u00e4hrung von \u00fcber vier DM pro Dollar im Jahr 1971 auf  nicht einmal mehr zwei DM 1978. Auch die anderen europ\u00e4ischen W\u00e4hrungen  werteten entsprechend auf. Auf diese Herausforderung reagierten die  europ\u00e4ischen L\u00e4nder mit einem Wechselkursverbund untereinander, der nur  gewisse Bandbreiten von Auf- und Abwertungen zulie\u00df.<\/p>\n<p>Die Weltwirtschaftskrise 1974\/75, ausgel\u00f6st von einem drastischen  Anstieg der Erd\u00f6lpreise im Herbst 1973, schw\u00e4chte diesen  Wechselkursverbund. Die Staaten bek\u00e4mpften in der Krise  Nachfrageschw\u00e4che und Arbeitslosigkeit jeweils mit dem Einsatz ihrer  Geld- und W\u00e4hrungspolitik und verfolgten dabei eine keynesianische  Politik. Die f\u00fcr den W\u00e4hrungsverbund notwendige monet\u00e4re Disziplin war  so nicht herstellbar. Einige L\u00e4nder verlie\u00dfen denn auch bald wieder den  Bund. Frankreich 1974 und 1976 gleich zweimal, nachdem es  zwischenzeitlich wieder eingetreten war.<\/p>\n<p>Erst als sich die Staaten, einer nach dem anderen, auf das neoliberale  Konzept des absoluten Vorrangs der Geldmengenstabilit\u00e4t verpflichteten,  gab es auch f\u00fcr einen funktionierenden W\u00e4hrungsverbund wieder eine  Chance. 1978 unternahmen Helmut Schmidt und Val\u00e9ry Giscard d\u2019 Estaing  mit dem Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungssystem (EWS) einen neuen Anlauf. Die Zeit  daf\u00fcr war g\u00fcnstig. Die bis dahin herrschende keynesianische Politik des  Deficit spending brachte die hohe Arbeitslosigkeit nirgendwo mehr  herunter, sie f\u00fchrte statt dessen nur noch zu anwachsenden  Staatsschulden. Die Wende zum Neoliberalismus war die Antwort darauf. In  Deutschland wurde sie bereits am Ende der Amtszeit von Bundeskanzler  Schmidt vollzogen und 1982, mit dem Wechsel der FDP in die  CDU\/CSU-Regierung, besiegelt. In Gro\u00dfbritannien markierte der Wahlsieg  von Margaret Thatcher 1979 den Umbruch. In den USA wurde 1981 der  neoliberale Ronald Reagan Pr\u00e4sident. Nur Frankreich ging zun\u00e4chst noch  einen anderen Weg. Nach der \u00dcbernahme der Pr\u00e4sidentschaft durch Fran\u00e7ois  Mitterrand 1981 setzte die Linksregierung von Sozialisten und  Kommunisten noch einmal auf eine keynesianische Wirtschaftspolitik und  brachte Besch\u00e4ftigungsprogramme auf den Weg. Da aber dieses Vorgehen  nicht von einer entsprechenden Ordnungspolitik, von Investitionsgeboten,  Kapitalverkehrskontrollen und Verpflichtungen zur Schaffung bzw. zum  Erhalt von Arbeitspl\u00e4tzen begleitet war, verpufften sie auch hier. 1983  wechselte Mitterrand quasi \u00fcber Nacht die Strategie und verfolgte von  nun an ebenfalls eine Politik der unbedingten W\u00e4hrungsstabilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Dieser Durchbruch des Neoliberalismus in nahezu allen wichtigen  westlichen kapitalistischen L\u00e4ndern war daher keineswegs zuf\u00e4llig oder  gar Resultat einer Verschw\u00f6rung. Er war Ergebnis des Scheiterns der  vorangegangenen keynesianischen Politik. \u00bbDie Dialektik der Entwicklung  der keynesianischen Variante staatsmonopolistischer Wirtschaftspolitik  besteht darin, da\u00df sie in ihrer Endphase unvermeidlich in jene andere  Variante m\u00fcndet, die sie abgel\u00f6st hat und als deren genaues Gegenteil  sie in den drei\u00dfiger Jahren in die Welt getreten war mit dem Anspruch,  jene Katastrophe zu vermeiden, in die diese andere damals gef\u00fchrt hatte \u2013  in die Deflationspolitik mit ihrer radikalen K\u00fcrzung der Staatsausgaben  und ebenso radikalen Beschneidung der Massenkaufkraft.\u00ab1<\/p>\n<h3>Der Euro als Ziel<\/h3>\n<div>\n<table border=\"0\" width=\"50\" summary=\"Designtabelle\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><a> <img decoding=\"async\" id=\"img35953\" src=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/serveImage.php?id=35953&amp;ext=.jpg\" alt=\"Hinter Schlo\u00df und Riegel: Die originalen Vertr\u00e4ge wer\" \/> <\/a><\/p>\n<div>Hinter Schlo\u00df und Riegel: Die originalen Vertr\u00e4ge werden in einem Banktresor in Maastricht aufbewahrt<\/div>\n<div>Foto: epa\/dpa<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>Mit der Wende hin zum Neoliberalismus war der Weg geebnet, an dessen  Ende 20 Jahre sp\u00e4ter die Vollendung der Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion  mit dem Euro stehen sollte. Die Befolgung einer monetaristischen Politik  ist demnach die unverzichtbare Bedingung f\u00fcr die gemeinsame W\u00e4hrung.  Daran \u00e4ndert auch die Tatsache nichts, da\u00df in der Finanzkrise 2008\/09  die Staaten f\u00fcr eine kurze Zeit notgedrungen noch einmal auf  keynesianische Instrumente zur\u00fcckgreifen mu\u00dften, konnten sie doch nur so  ihre Bankensysteme retten. Der daf\u00fcr zu zahlende Preis war allerdings  hoch. \u00dcberall kam es zu einem erheblichen Anstieg staatlicher  Verschuldung.2 Nach dem Auslaufen der Bankenrettungsprogramme, dem Ende  von Autoabwrackpr\u00e4mien und halbherzigen Besch\u00e4ftigungsprogrammen ist man  europaweit aber wieder zum unbedingten Vorrang monetaristischer Politik  zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Der Architekt der W\u00e4hrungsunion wurde der ehemalige franz\u00f6sische  Wirtschafts- und Finanzminister Jacques Delors. Er hatte die Wende der  Linksregierung hin zur monetaristischen Politik 1983 angeleitet und war  kurz darauf, 1984, neuer Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Kommission geworden.  Delors war wie kaum ein anderer f\u00fcr diese Aufgabe geeignet. Als  Sozialist und ehemaliger Gewerkschaftsfunktion\u00e4r verstand er es  meisterhaft, die gesamte europ\u00e4ische So\u00adzialdemokratie und die  Gewerkschaften f\u00fcr das Projekt der Vollendung des Binnenmarkts und f\u00fcr  eine Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion zu gewinnen. Ihm gelang es, die  verbreiteten \u00c4ngste vor forcierter Liberalisierung und Deregulierung  sowie vor dem Verlust der nationalen W\u00e4hrung zu zerstreuen, indem er als  Ziel seiner Politik ausdr\u00fccklich auch die Schaffung einer  Besch\u00e4ftigungsunion angab. Doch als es dann, 1997, f\u00fcnf Jahre nach dem  Inkrafttreten des Vertrags von Maastricht und nach Ende der  Kommissionspr\u00e4sidentschaft von Delors, tats\u00e4chlich zu einem  Besch\u00e4ftigungsgipfel in Luxemburg kam, war das Ergebnis nicht viel mehr  als hei\u00dfe Luft. Die dort vereinbarte j\u00e4hrliche Aufstellung  besch\u00e4ftigungspolitischer Leitlinien wurde in den folgenden Jahren sogar  noch zu einem Instrument des neoliberalen Umbaus, indem in ihnen  best\u00e4ndig die Flexibilisierung der Arbeitsm\u00e4rkte verlangt wird. Der  Sozialdemokrat Delors hatte somit die Gewerkschaften erfolgreich hinters  Licht gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser weist darauf hin, da\u00df \u00bbder  Vertrag von Maastricht im Ergebnis sogar noch weit \u00fcber die Forderung  nach der Vollendung des Binnenmarktes hinausging. Er \u00f6ffnete die  Europ\u00e4ische Union dem globalen Wettbewerb, indem er den Mitgliedstaaten  auferlegte, den Kapitalverkehr auch gegen\u00fcber Drittstaaten zu  liberalisieren. (&#8230;) Der Vertrag von Maastricht war dazu gemacht, die  letzten Hindernisse zu beseitigen, die der Fortsetzung der  Globalisierung der M\u00e4rkte noch im Wege standen. Er riss aber auch den  letzten Damm ein, der die uneingeschr\u00e4nkte und unkontrollierte  Herrschaft des globalen Finanzmarktkapitalismus noch verhindern  konnte.\u00ab3 Der EU fehlen seitdem die Schutzm\u00f6glichkeiten, \u00fcber die jedes  souver\u00e4ne Land selbstverst\u00e4ndlich verf\u00fcgt, n\u00e4mlich das Recht auf  Kapitalverkehrskontrollen. L\u00e4nder wie Brasilien, Indien und S\u00fcdafrika  haben in der j\u00fcngsten Finanzkrise von diesen Kontrollen erfolgreich  Gebrauch gemacht, um sich so vor einer Inflation durch hereinstr\u00f6mende,  k\u00fcnstlich billig gehaltene US-Dollar zu sch\u00fctzen. F\u00fcr die  EU-Mitgliedsl\u00e4nder ist ein solcher Schutz seit Maastricht ausdr\u00fccklich  untersagt. Da aber jede m\u00f6gliche sozialreformerische oder gar  sozialistische Ver\u00e4nderung in einem EU-Staat auf solche  Kapitalverkehrskontrollen angewiesen ist, wenn nicht tatenlos zugesehen  werden soll, wie Verm\u00f6gen das Land verl\u00e4\u00dft, m\u00fc\u00dfte ein solches  EU-Mitglied den Vertrag brechen oder aber die Union verlassen.<\/p>\n<h3>Divergenzen in der EU<\/h3>\n<p>Die entscheidenden Verhandlungen \u00fcber den Vertrag von Maastricht fanden  1990 zeitgleich mit den Umw\u00e4lzungen in der DDR statt. Es spricht viel  daf\u00fcr, da\u00df die franz\u00f6sische Regierung als Preis f\u00fcr ihre Zustimmung zur  deutschen Vereinigung die z\u00fcgige Schaffung der gemeinsamen W\u00e4hrung  verlangte, um so das nun noch m\u00e4chtiger werdende Deutschland in Europa  einzubinden. Verlangt wurde die Opferung der Unabh\u00e4ngigkeit der  Bundesbank und der D-Mark als nationales Identifikationsobjekt. Der  deutschen Seite gelang es aber, die Ausgestaltung der Wirtschafts- und  W\u00e4hrungsunion (WWU) zu bestimmen. Die zu gr\u00fcndende Europ\u00e4ische  Zentralbank wurde nach dem Vorbild der Bundesbank konzipiert, und ihre  Unabh\u00e4ngigkeit von der Politik wurde vertraglich garantiert. Sollte also  mit der Einf\u00fchrung der gemeinsamen W\u00e4hrung die Domestizierung  Deutschlands das franz\u00f6sische Ziel gewesen sein, so ist es auf jeden  Fall gr\u00fcndlich verfehlt worden. Die Stellung Deutschlands ist heute  st\u00e4rker denn je und dies gerade wegen des Euros, der den Siegeszug der  deutschen Industriemonopole in Europa und weltweit enorm beg\u00fcnstigt hat.  So ist es heute Berlin, da\u00df die Bedingungen in der Euro-Zone und in der  gesamten EU diktiert, die \u00fcbrigen L\u00e4nder \u2013 nicht zuletzt Frankreich \u2013  haben zu folgen.<\/p>\n<p>Der Vertrag von Maastricht trat am 1. November 1993 und damit fast zwei  Jahre nach seiner Unterzeichnung in Kraft. Schuld an dieser Verz\u00f6gerung  trug die sogenannte Ratifizierungskrise. In mehreren L\u00e4ndern fanden  Referenden \u00fcber ihn statt. Gro\u00dfbritannien hatte allerdings von Beginn an  klargestellt, da\u00df es sich nicht an der Einf\u00fchrung der gemeinsamen  W\u00e4hrung und einer unabh\u00e4ngigen Zentralbank beteiligen werde. In D\u00e4nemark  wurde der Vertrag im Juni 1992 mit 50,7 gegen 49,3 Prozent abgelehnt.  Dem Land wurde daraufhin ein \u00bbopting out\u00ab in der Sozial-, Au\u00dfen- und  W\u00e4hrungspolitik gew\u00e4hrt. Im Mai 1993 stimmten in einer weiteren  Volkabstimmung 56,8 Prozent der D\u00e4nen dem so ge\u00e4nderten Vertrag zu. Mit  gro\u00dfer Mehrheit entschieden sich im Juni 1992 die Iren daf\u00fcr.<\/p>\n<p>In Frankreich kam es zu einer erbitterten Debatte \u00fcber die vom  Maastrichter Vertrag verlangte Aufgabe von Souver\u00e4nit\u00e4tsrechten und \u00fcber  die absehbaren Einschnitte in die sozialen Leistungen. Die  Kommunistische Partei sowie linksgaullistische Kr\u00e4fte mobilisierten f\u00fcr  ein Non. Das Ergebnis der Abstimmung am 20. September 1992 fiel denkbar  knapp aus. 51,05 sprachen sich f\u00fcr und 48,95 Prozent dagegen aus. Diese  Abstimmung hat Frankreich aber dennoch ver\u00e4ndert. Die Skepsis gegen\u00fcber  dem wirtschaftsliberalen Europa ist dort seitdem nie mehr verschwunden.  Jahre sp\u00e4ter, bei der Volksabstimmung im Mai 2005, zeigte sie sich  erneut bei dem nun erfolgreichen Nein zum Vertrag \u00fcber eine europ\u00e4ische  Verfassung. In Kommentaren dar\u00fcber hie\u00df es daher zu Recht, da\u00df dieses  Nein der Franzosen \u00bbvon weit her\u00ab kam.<\/p>\n<p>In Deutschland, wo bundesweite Referenden untersagt sind, wurde statt  dessen das Bundesverfassungsgericht angerufen. Trotz mancher Kritik am  Vertrag von Maastricht wurde er von Karlsruhe am Ende gebilligt. Eine  der Klagen stammte \u00fcbrigens aus den Reihen der Gr\u00fcnen, was heute nicht  mehr vorstellbar ist, geh\u00f6ren sie doch l\u00e4ngst zu den eifrigsten  Verteidigern des neoliberal festgezurrten Europas.<\/p>\n<p>Im Fahrplan zur Schaffung einer Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion war  vereinbart worden, da\u00df sie bis 1999 in drei Stufen zu verwirklichen sei.  Es h\u00e4tte daher noch gen\u00fcgend Zeit und M\u00f6glichkeiten gegeben, das F\u00fcr  und Wider einer gemeinsamen W\u00e4hrung ausf\u00fchrlich zu diskutieren und das  waghalsige Unternehmen am Ende zu verschieben oder gar abzusagen. Warner  gab es genug \u2013 von rechts wie von links. Doch die Probleme wurden  ignoriert. Weder wurde aus der Geschichte gelernt, in der fr\u00fchere  europ\u00e4ische W\u00e4hrungszusammenschl\u00fcsse regelm\u00e4\u00dfig scheiterten, noch wurde  untersucht, ob die WWU \u00fcberhaupt ein optimaler W\u00e4hrungsraum sein kann.  Eine politische Union wurde zwar immer wieder von Berlin und Paris als  Voraussetzung f\u00fcr eine W\u00e4hrungsunion benannt, doch in all den Jahren bis  1999 kam man ihr keinen einzigen substantiellen Schritt n\u00e4her. Statt  dessen wurde 1997 der Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt geltendes Recht.  Mit willk\u00fcrlich festgesetzten Defizitgrenzen sollte er finanzpolitische  Stabilit\u00e4t garantieren. Funktioniert hat er nie. Aus seinem Scheitern  hat man dennoch nicht gelernt. Der Stabilit\u00e4tspakt wurde im Herbst 2011  noch einmal versch\u00e4rft. Und der jetzt beschlossene Fiskalpakt soll sogar  den Mitgliedsl\u00e4ndern das Recht geben, ein Land vor dem Europ\u00e4ischen  Gerichtshof verklagen zu k\u00f6nnen, sollte es wagen, die noch einmal  abgesenkten Defizitgrenzen zu \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>Bereits 1996 war vorausgesagt worden, was bei einer Einf\u00fchrung des Euros  passieren werde: \u00bbDie vorzeitige Verwirklichung einer einheitlichen  europ\u00e4ischen Geld- und W\u00e4hrungspolitik w\u00fcrde die realwirtschaftlichen  und machtpolitischen Divergenzen in der EU lediglich verdecken. Um sie  statt dessen auszugleichen, w\u00e4ren nicht allein die Weichw\u00e4hrungsl\u00e4nder  zur Stabilit\u00e4tspolitik zu verpflichten; die Hartw\u00e4hrungsl\u00e4nder,  insbesondere die Bundesrepublik, m\u00fc\u00dften zu diesem Zweck einen Ausgleich  ihrer Handels- und Leistungsbilanzen anstreben. Den enormen \u00dcbersch\u00fcssen  des deutschen Exportweltmeisters versuchen die schw\u00e4cheren L\u00e4nder durch  Abwertungskonkurrenz, gr\u00f6\u00dfere Staatsverschuldung u.\u00e4. gegenzusteuern,  um die Arbeitslosigkeit im eigenen Land aufzuhalten. Dabei vertieft sich  die Divergenz, statt Konvergenz zu f\u00f6rdern.\u00ab4 Die M\u00f6glichkeit zur  Abwertung von W\u00e4hrungen haben die Euro-L\u00e4nder heute nicht mehr.  Ansonsten sind genau diese Voraussagen wahr geworden.<\/p>\n<p>1 Kurt Gossweiler, John Maynard Keynes \u2013 ein Ratgeber f\u00fcr uns und unsere  Probleme? In: Topos, Internationale Beitr\u00e4ge zur dialektischen Theorie,  Heft 9. Bielefeld, 1997, S. 53<\/p>\n<p>2 Die Schuldenquote (in Prozent des BIP) stieg laut EU-Kommission und  IWF in den wichtigsten kapitalistischen L\u00e4ndern im Zeitraum 2007\u20132010  stark an: Im Euro-Raum von 65,9 auf 84,1. In Gro\u00dfbritannien von 44,5 auf  92,7. In den USA von 62,1 auf 92,7 und in Japan von 187,7 auf 225,9.  Vgl. Guenther Sandleben, Finanzmarktkrise \u2013 Mythos und Wirklichkeit,  Norderstedt 2011, S. 96<\/p>\n<p>3 Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte von 1945 bis zur Gegenwart, M\u00fcnchen, 2011, S.273<\/p>\n<p>4 Gerda Zellentin, Die Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion \u2013 Fortschritt oder  R\u00fcckschritt f\u00fcr die Integration? In: Joachim Schuster und Klaus-Peter  Weiner (Hg.), Maastricht neu verhandeln, K\u00f6ln, 1996, S. 42<\/p>\n<h5>Andreas Wehr ver\u00f6ffentlichte zuletzt im PapyRossa Verlag, K\u00f6ln, das  Buch \u00bbGriechenland, die Krise und der Euro\u00ab (eine \u00fcberarbeitete  Neuauflage erschien im Herbst 2011). Mehr unter: <a href=\"http:\/\/www.andreas-wehr.eu\/\" target=\"_blank\">www.andreas-wehr.eu<\/a><\/h5>\n<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Euro-Krise hat ihre Wurzeln im Gr\u00fcndungspakt der Europ\u00e4ischen Union Von Andreas Wehr in &#8222;Junge Welt&#8220; vom 13.2.2012<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,23],"tags":[],"class_list":["post-1930","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1930","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1930"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1930\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1930"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1930"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1930"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}