{"id":2437,"date":"2012-10-22T18:49:21","date_gmt":"2012-10-22T16:49:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=2437"},"modified":"2012-10-22T18:49:21","modified_gmt":"2012-10-22T16:49:21","slug":"migrationsforscher-ueber-rassistisches-wissen-in-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=2437","title":{"rendered":"Migrationsforscher &#252;ber rassistisches Wissen in uns&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Mark  Terkessidis setzt auf Interkultur statt Integration. &#8222;P\u00e4dagogen   brauchen Kontextwissen. Interkulturelle Kompetenz ist mir zu ethnisch.&#8220; <!--more--><\/p>\n<h1>&#8222;Sonderklassen sind alte Integrationslogik&#8220;<\/h1>\n<h6>Interview | Lisa Nimmervoll, 17. Oktober 2012, 19:04<\/h6>\n<div>\n<ul>\n<li> <img decoding=\"async\" style=\"width: 300px; min-height: 400px;\" title=\"Mark Terkessidis setzt auf Interkultur statt Integration. &quot;P\u00e4dagogen brauchen Kontextwissen. Interkulturelle Kompetenz ist mir zu ethnisch.&quot;\" src=\"http:\/\/images.derStandard.at\/t\/12\/2012\/10\/17\/1350270394740.jpg\" alt=\"Mark Terkessidis setzt auf Interkultur statt Integration. &quot;P\u00e4dagogen brauchen Kontextwissen. Interkulturelle Kompetenz ist mir zu ethnisch.&quot;\" \/>\n<div>foto: der standard\/corn<\/div>\n<div><\/div>\n<\/li>\n<li>\n<hr \/>\n<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<div>\n<h2>Migrationsforscher Mark Terkessidis \u00fcber Multikulti, Integration und Interkultur und das &#8222;rassistische Wissen&#8220; in uns<\/h2>\n<p><strong>STANDARD: <\/strong>Ist &#8222;Interkultur&#8220;, f\u00fcr die Sie pl\u00e4dieren, das, was kommt, wenn &#8222;Multikulti&#8220; gescheitert ist?<\/p>\n<p><strong> Terkessidis: <\/strong>Wann war denn noch mal Multikulti? Es  hat im deutschsprachigen Europa nie eine Strategie gegeben, die  Multikulturalismus gehei\u00dfen hat. Mein Problem mit der Idee war immer das  Schubladendenken. Man ging davon aus, dass Leute ihre Herkunft  repr\u00e4sentieren, bestimmte Arten von Tradition pflegen und in Communitys  zusammenleben. Und diese Communitys sollten dann m\u00f6glichst kommod  nebeneinander existieren. Die Frage ist: Will ich in so einem Raum  leben, der ja sehr statisch organisiert ist?<\/p>\n<p>Da ist keine Entwicklung vorgesehen. Die Idee von Interkultur dagegen  sagt: Okay, ich verleugne nicht, dass jeder bestimmte Ideen von seiner  Herkunft hat, einen Referenzrahmen, in dem Ethnizit\u00e4t auch eine Rolle  spielt. Aber ich m\u00f6chte das gern dynamisieren und daf\u00fcr eine Strategie  entwickeln. In erster Linie m\u00fcssen sich die Institutionen der  Gesellschaft darauf einstellen, dass sie mit Vielfalt konfrontiert sind.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><span style=\"color: #000000;\"><strong>STANDARD:<\/strong><strong> <\/strong>Was hei\u00dft das konkret?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> Terkessidis: <\/strong>Interkultur hei\u00dft  Perspektivenwechsel. Bei Integration ging man davon aus: Da sind Leute,  die haben Defizite, und die m\u00fcssen wir irgendwie kompensieren neben dem  Regelbetrieb der bestehenden Einrichtungen, die sich nicht ver\u00e4ndern  m\u00fcssen. Interkultur dreht den Blick um und sagt: Okay, wir haben eine  Gesellschaft, die ist vielf\u00e4ltig, in der leben sehr unterschiedliche  Leute. Sicher gibt es Defizite, aber auch viele Potenziale. Und wir  fragen uns, ob die gesellschaftlichen In stitutionen fit sind f\u00fcr diese  Vielfalt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> <\/strong><strong>STANDARD:<\/strong><strong> <\/strong>Gibt es fittere und weniger fitte Institutionen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> Terkessidis: <\/strong>Alle sind zur Zeit ganz am Anfang.  Aber in Deutschland arbeitet zum Beispiel das Rote Kreuz relativ  stringent an interkultureller \u00d6ffnung. Sie achten bei Plakatkampagnen  darauf, nicht immer die gleichen Gesichter zu zeigen, haben Ideen f\u00fcr  Personalentwicklung und machen Sensibilisierungstrainings, auch in Bezug  auf Rassismus. Die haben es auch n\u00f6tig, denn gibt es enorme Probleme  beim ehrenamtlichen Nachwuchs.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> <\/strong><strong>STANDARD:<\/strong><strong> <\/strong>Jedes  vierte Kind in \u00d6sterreich und jedes zweite in Wien hat  Migrationshintergrund. Inte grationsstaatsekret\u00e4r Sebastian Kurz (\u00d6VP)  schl\u00e4gt eigene Sprachvorschulklassen vor, um Kinder mit Deutschdefiziten  schulfit zu machen. Was halten Sie davon?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> Terkessidis: <\/strong>Das halte ich f\u00fcr eine ganz schlechte  Idee. Widerspricht wirklich jeder Idee von moderner P\u00e4dagogik. Man  k\u00f6nnte das &#8222;separatistischen Spracherwerb&#8220; nennen. Man legt eine Norm  fest und sondert alle aus, die Defizite in der Sprache haben. Das hat  sich auch nach den Erfahrungen in Deutschland nicht als fruchtbar  erwiesen. Besser w\u00e4re ein inklusives Konzept, ein programmatisch  interkulturisierendes Konzept f\u00fcr &#8222;Deutsch als Zweitsprache&#8220;.  Gestaffelt, vom Kindergarten an, l\u00e4uft das f\u00fcnf bis acht Jahre im   Regelunterricht mit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>STANDARD:<\/strong><strong> <\/strong>Was w\u00fcrde dieses Konzept f\u00fcr den Unterricht bedeuten?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> Terkessidis: <\/strong>Das hei\u00dft, etwa der Mathematiklehrer  erwirbt im Studium die F\u00e4higkeit, Deutsch als Zweitsprache zu  unterrichten und tut das dann in Bezug auf seinen Unterricht. Er w\u00e4re in  der Lage, sich individualisierend auf die jeweiligen Kinder  einzustellen, und denen die Sprachkompetenz zu vermitteln, die sie  brauchen, um seinem Unterricht zu folgen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Man k\u00f6nnte auch die Lehrer, die jetzt die Sonderklasse unterrichten,  mit in den Mathe-Unterricht stellen. Das ist ein inklusives Konzept.  Sonderklassen sind alte Integrationslogik, die auch stigmatisierend  wirkt. Wir wissen doch, dass \u00fcber solche Ma\u00dfnahmen nicht aufgeholt wird.  Wie viele Kinder will man in Sonderklassen stecken? Was, wenn die  Mehrheit die &#8222;Norm&#8220; nicht erf\u00fcllt? In Deutschland hat ein Viertel der  Kinder mit deutscher Muttersprache erhebliche Defizite.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> <\/strong><strong>STANDARD:<\/strong><strong> <\/strong>Wie s\u00e4he ein interkulturell gelungener Kindergarten aus?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> Terkessidis: <\/strong>Erst mal ein inklusives  Spracherwerbskonzept, auch als Signal, dass die Muttersprachen der  Kinder wertgesch\u00e4tzt werden, was im besten Fall bedeutet, dass man auch  Erzieher hat, die diese sprechen. Mein Sohn ist in einem Kindergarten,  wo nominell etwa 80 Prozent der Kinder Migrationshintergrund haben. Da  gibt es auch t\u00fcrkisch-, russisch-, griechischsprachige Erzieherinnen und  ein Konzept von mehrsprachiger Erziehung. Nichtsdestotrotz gibt es ein  klares Spracherwerbskonzept f\u00fcr Deutsch. Das ist klar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> <\/strong><strong>STANDARD:<\/strong><strong> <\/strong>Was brauchen die P\u00e4dagoginnen und P\u00e4dagogen daf\u00fcr?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> Terkessidis: <\/strong>Das Personal im Kindergarten, und  noch mehr das in der Schule, h\u00e4lt sich ja sozusagen wie von selbst f\u00fcr  gut. Gut bedeutet, sie k\u00f6nnen auf keinen Fall  Vorurteile haben. Wenn  aber alle Untersuchungen zeigen, dass der \u00fcberwiegende Teil der  Bev\u00f6lkerung Vorurteile hat oder, wie ich das nennen w\u00fcrde,  &#8222;rassistisches Wissen&#8220;, warum dann dieses Personal nicht? Das ist kein  Grund f\u00fcr eine Moralkrise. Wenn wir den Namen Mehmet h\u00f6ren, denken wir  schon etwas. Wir m\u00fcssen doch nicht so tun, als ob das nicht der Fall  w\u00e4re.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Diese Wissensbest\u00e4nde sollten in der P\u00e4dagogenausbildung und auch  fortlaufend in der Supervision reflektiert werden. Die Erzieher und  Lehrer brauchen Kontextwissen.<strong> Interkulturelle Kompetenz ist mir zu  ethnisch<\/strong>. Kontextwissen zu geben hei\u00dft, Kinder als Individuen zu sehen  und etwas \u00fcber ihre Lebensumst\u00e4nde zu wissen. Ich muss etwas wissen \u00fcber  die Lebensumst\u00e4nde von Leuten, also auch \u00fcber die Geschichte der  Migration oder \u00fcber das Ausl\u00e4ndergesetz. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> <\/strong><strong>STANDARD:<\/strong><strong> <\/strong>Was  hei\u00dft Interkultur f\u00fcr Schulen? Der &#8222;Migrantenanteil&#8220; wird ja oft als  vermeintlich besonders aussagekr\u00e4ftiges Kriterium genannt. Je mehr, umso  schlimmer.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> Terkessidis: <\/strong>Wir tun so, als sei das eine  Katastrophe. Aber was soll das eigentlich hei\u00dfen: 80 Prozent mit  Migrationshintergrund? Ich w\u00fcrde davon ausgehen, das sind 100 Prozent  Kinder, kleine Indi viduen. Jede moderne P\u00e4dagogik spricht davon, dass  Bildung individualisierter werden muss. Alles, was zu mehr  Individualisierung f\u00fchrt, f\u00fchrt auch zu mehr Interkulturalit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">In der Schule geht es nicht in erster Linie darum, ein Programm f\u00fcr  Kinder mit Migrationshintergrund zu machen, sondern eine  individualisiertere Unterrichtsgestaltung einzuf\u00fchren. Also weg mit  Ideen vom &#8222;Normkind&#8220;, den alten Homogenit\u00e4tsvorstellungen und dem  Frontalunterricht aus dem 19. Jahrhundert. Wenn man die Schule allgemein  ver\u00e4ndern w\u00fcrde im Sinne moderner P\u00e4dagogik, dann w\u00fcrden sich viele  Probleme im Hinblick auf Migrationshintergrund schnell erledigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> <\/strong><strong>STANDARD:<\/strong><strong> <\/strong>Sie haben griechischen Migrationshintergrund. Welche Erfahrungen hat Ihnen der beschert?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong> Terkessidis: <\/strong>In Deutschland und \u00d6sterreich wird  man st\u00e4ndig mit einer Art Herkunftsterror \u00fcberzogen, gerade als Kind.  Ich wurde in der Schule als Experte f\u00fcr Griechenland behandelt, zu einem  Zeitpunkt, als ich noch gar nicht in Griechenland war. Man ging von  einer Art genetischem Herkunftswissen aus. Ein Geschichte-Lehrer meinte,  ich m\u00fcsste Fachmann f\u00fcr griechische Antike sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Klingt lustig, passiert aber heute mit einer gewissen  interkulturellen Naivit\u00e4t immer noch, wenn es hei\u00dft: Aise, komm mal nach  vorn und erkl\u00e4r uns den Islam. Keiner sagt: Theo, komm mal nach vorn  und erkl\u00e4r uns den Protestantismus. Dadurch wird jemand, der sich als  zugeh\u00f6rig empfindet, eigentlich ununterbrochen anders gemacht. Ein Vater  hat es mal so formuliert: Meine Kinder kommen jeden Tag t\u00fcrkischer aus  der Schule, als sie reingehen. Darum bin ich absolut dagegen, Ethnizit\u00e4t  in den Vordergrund zu r\u00fccken. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD,  18.10.2012)<\/span><\/p>\n<div>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>Mark Terkessidis<\/strong> (46), Diplompsychologe und promovierter P\u00e4dagoge (&#8222;Die  Banalit\u00e4t des Rassismus&#8220;, 2004), lebt als freier Autor und Publizist in  Berlin und schreibt \u00fcber Poptheorie, Migrations- und Rassismusforschung.  2010 ver\u00f6ffentlichte er &#8222;Interkultur&#8220; (Suhrkamp). Im Rahmen der ZOOM  Lectures &#8222;Kindheit heute&#8220; in Kooperation mit dem STANDARD referiert er  am Donnerstagabend \u00fcber &#8222;Bildung und Interkultur&#8220; (ZOOM Kindermuseum,  Museumsquartier Wien, 19 Uhr).<\/span><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mark Terkessidis setzt auf Interkultur statt Integration. &#8222;P\u00e4dagogen brauchen Kontextwissen. 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