{"id":2521,"date":"2012-11-18T17:34:04","date_gmt":"2012-11-18T15:34:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=2521"},"modified":"2012-11-18T17:34:04","modified_gmt":"2012-11-18T15:34:04","slug":"fuer-die-voelker-des-suedens-hat-der-dritte-weltkrieg-laengst-begonnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=2521","title":{"rendered":"\u00bbF&#252;r die V&#246;lker des S&#252;dens hat der dritte Weltkrieg l&#228;ngst begonnen\u00ab"},"content":{"rendered":"<div id=\"ID_Date\">Der deutsche Faschismus brauchte sechs Jahre, um 56 Millionen  Menschen umzubringen. Der Neoliberalismus schafft das locker in gut  einem Jahr.\u00a0 Ein Gespr\u00e4ch mit Jean Ziegler<\/div>\n<div><!--more--><\/div>\n<address>Interview: Peter Wolter<\/address>\n<div>\n<div>\n<table border=\"0\" width=\"50\" summary=\"Designtabelle\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><a> <img decoding=\"async\" id=\"img41268\" src=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/serveImage.php?id=41268&amp;ext=.jpg\" alt=\"unbenannt\" \/> <\/a><\/p>\n<div>Foto: dpa<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<h5>Der Schweizer Jean Ziegler war der erste UN-Sonderberichterstatter  f\u00fcr das Recht auf Nahrung und ist heute Vizepr\u00e4sident des beratenden  Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates.<\/h5>\n<p><strong><em>Wir lassen sie verhungern\u00ab hei\u00dft Ihr neues Buch \u2013 Untertitel:  \u00bbMassenvernichtung in der Dritten Welt.\u00ab Wer ist verantwortlich daf\u00fcr,  da\u00df Millionen Menschen jedes Jahr verhungern?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der \u00bbWorld Food Report\u00ab der UN sagt: Alle f\u00fcnf Sekunden verhungert ein  Kind unter zehn Jahren, 57000 Menschen jeden Tag. Von den sieben  Milliarden Menschen, die es heute auf der Welt gibt, ist ein Siebtel  permanent schwerstens unterern\u00e4hrt. Zugleich stellt der Report aber  fest, da\u00df die Weltlandwirtschaft nach dem heutigen Stand der  Produktivkr\u00e4fte problemlos zw\u00f6lf Milliarden Menschen ern\u00e4hren kann.  Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten gibt es heute keinen objektiven  Mangel mehr \u2013 das Problem ist nicht die Produktion, sondern der Zugang  zur Nahrung. Und der h\u00e4ngt von der Kaufkraft ab \u2013 jedes Kind wird  ermordet, das w\u00e4hrend unseres Gespr\u00e4chs verhungert.<\/p>\n<p>Wer also sind die Herren dieser kannibalischen Weltordnung? Da m\u00f6chte  ich zun\u00e4chst die zehn gr\u00f6\u00dften multinationalen Konzerne nennen, die 85  Prozent der weltweit gehandelten Lebensmittel kontrollieren \u2013 sie  entscheiden jeden Tag, wer i\u00dft und lebt, wer hungert und stirbt. Ihre  Strategie ist die Profitmaximierung.<strong><em>K\u00f6nnen Sie Namen nennen?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die US-Firma Cargill Incorporated hat vergangenes Jahr 31,8 Prozent des  weltweit gehandelten Getreides kontrolliert, die Dreyfus Brothers 31,2  Prozent des Reises. Ich will kurz die vier wichtigsten Mechanismen  identifizieren, die den Hunger verursachen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst w\u00e4re da die B\u00f6rsenspekulation mit Grundnahrungsmitteln. Der  internationale Banken-Banditismus hatte 2007\/2008 an den Finanzb\u00f6rsen  rund 85000 Milliarden Dollar Verm\u00f6genswerte vernichtet. Seitdem sind die  meisten Hedgefonds und Gro\u00dfbanken auf die Rohstoffb\u00f6rsen umgestiegen,  vor allem auf Agrarprodukte. Wie gehabt wird auch auf diesem Sektor  weiter mit Derivaten, \u00bbShort Selling\u00ab und anderen legalen  Finanzinstrumenten gehandelt, um mit Reis, Mais und anderem Getreide  astronomische Profite einzufahren. Mais z. B. ist auf dem Weltmarkt in  den vergangenen zw\u00f6lf Monaten um 63 Prozent teurer geworden, die Tonne  Weizen hat sich auf 272 Euro verdoppelt, der Preis f\u00fcr philippinischen  Reis ist regelrecht explodiert: von 110 auf 1 200 Dollar.<strong><em>Das k\u00f6nnen in der Dritten Welt aber nur wenige bezahlen \u2026<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Laut Weltbank m\u00fcssen 1,2 Milliarden Menschen von weniger als einem  Dollar pro Tag leben \u2013 sie hausen in den Slums der Welt: in Manila,  Karatschi, Mexiko-Stadt, Sao Paulo usw. Von dieser winzigen Summe m\u00fcssen  M\u00fctter ihre Kinder ern\u00e4hren \u2013 wenn die Lebensmittelpreise explodieren,  verhungern sie.<\/p>\n<p>Ein zweiter m\u00f6rderischer Mechanismus ist der zunehmende Einsatz von  Agrar-Treibstoffen. Alleine in den USA wurden 2011 aus 138 Millionen  Tonnen Mais und Hunderten Millionen Tonnen Getreide Biomethanol und  Biodiesel hergestellt. Das Land verbraucht jeden Tag das \u00c4quivalent von  20 Millionen Barrel (158 Liter) Erd\u00f6l \u2013 zwischen Alaska und Texas werden  aber nur acht gef\u00f6rdert. Zw\u00f6lf m\u00fcssen eingef\u00fchrt werden, aus Irak,  Nigeria, Zentralasien, Saudi-Arabien und anderen gef\u00e4hrlichen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das bedeutet, da\u00df die USA unglaubliche Summen f\u00fcr ihr Milit\u00e4r ausgeben  m\u00fcssen, Obama will daher fossile durch vegetale Energie ersetzen. Aber  Hunderte von Millionen Tonnen Nahrungsmitteln auf einem Planeten zu  verbrennen, wo alle f\u00fcnf Sekunden ein Kind verhungert, ist ein  Verbrechen gegen die Menschlichkeit.<strong><em>Und der dritte Mechanismus?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das ist die \u00dcberschuldung der \u00e4rmsten L\u00e4nder. Von den 54 Staaten Afrikas  sind 37 reine Agrarstaaten mit meist geringer Produktivit\u00e4t. Sie haben  kein Geld, um in Bew\u00e4sserung, Agrartechnik oder D\u00fcnger zu investieren.  Nur 3,8 Prozent der Fl\u00e4che Schwarzafrikas ist bew\u00e4ssert \u2013 auf dem Rest  wird Regenlandwirtschaft wie vor 5000 Jahren betrieben.<\/p>\n<p>In einem normalen Jahr \u2013 ohne Krieg, D\u00fcrre oder Heuschrecken \u2013 wird in  der Niger\/Sahel-Zone durchschnittlich 600 bis 700 Kilogramm Getreide pro  Hektar geerntet. In Baden-W\u00fcrttemberg hingegen sind es 10000 Kilogramm.  Der deutsche Bauer ist nicht flei\u00dfiger oder kl\u00fcger als sein  afrikanischer Kollege \u2013 im Unterschied zu ihm hat er aber Minerald\u00fcnger,  selektiertes Saatgut, Bew\u00e4sserung, Traktoren etc. Dem afrikanischen  Bauern kann auch sein Staat nicht helfen \u2013 der hat n\u00e4mlich nur Schulden.<\/p>\n<p>An diesem Punkt kommen \u00f6ffentliche Finanzinstitute wie die Weltbank oder  die Europ\u00e4ische Entwicklungsbank ins Spiel. Die sagen diesen Staaten:  Baut Eure Schulden dadurch ab, da\u00df Ihr das Ackerland Hedgefonds und  Investoren \u00fcberschreibt. \u00bbLandgrabbing\u00ab nennt sich das, alleine in  Afrika waren es im vergangenen Jahr 41 Millionen Hektar. Diese  Investoren haben Kapital, Technik, Transportmittel und  Handelsbeziehungen. Sie pflanzen auf diesem Land dann Produkte an wie  Avocados, S\u00fcdfr\u00fcchte, Kaffee etc \u2013 f\u00fcr den Export nach Europa oder  Nordamerika. F\u00fcr die Versorgung der einheimischen Bev\u00f6lkerung bleibt  nichts \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Einen vierter Mordmechanismus ist das Agrardumping. Auf jedem  afrikanischen Markt k\u00f6nnen sie heute frisches Gem\u00fcse, Gefl\u00fcgel und  Fr\u00fcchte aus Italien, Frankreich oder Deutschland kaufen, je nach Saison  um die H\u00e4lfte oder ein Drittel billiger als gleichwertige einheimische  Erzeugnisse. Ein paar Kilometer weiter rackert sich der afrikanische  Bauer mit Frau und Kindern in br\u00fcllender Hitze ab und hat nicht die  geringste Chance, auch nur das Existenzminimum f\u00fcr seine Familie zu  erwirtschaften.<\/p>\n<p>Das, was die Kommissare in Br\u00fcssel anrichten, ist abgrundtief verlogen:  Durch ihre Dumpingpolitik fabrizieren sie den Hunger in Afrika \u2013 und  wenn die Hungerfl\u00fcchtlinge sich nach Europa retten wollen, werden sie  mit milit\u00e4rischen Mitteln brutal ins Meer zur\u00fcckgeworfen, wo jedes Jahr  Tausende ertrinken.<strong><em>Gibt es eine Sch\u00e4tzung, wie viele Menschen durch die  Wirtschaftspolitik der entwickelten kapitalistischen Staaten ums Leben  gekommen sind?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Laut ECOSOC-Statistik sind vergangenes Jahr 52 Millionen Menschen  Epidemien, verseuchtem Wasser, Hunger und Mangelkrankheiten zum Opfer  gefallen. Der deutsche Faschismus brauchte sechs Kriegsjahre, um 56  Millionen Menschen umzubringen \u2013 die neoliberale Wirtschaftsordnung  schafft das locker in wenig mehr als einem Jahr.<strong><em>Haben Sie mit Ihrer Arbeit in den UN etwas bewegen k\u00f6nnen?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wohl eher mit meinen Ver\u00f6ffentlichungen. Mein Buch basiert nicht nur auf  Statistik, es ist auch ein Erlebnisbericht, ich habe die Lage in vielen  L\u00e4ndern an Ort und Stelle studiert. Ich kann jetzt genau sagen, wer die  Halunken sind \u2013 kann aber auch darauf hinweisen, welche Hoffnungen es  gibt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die V\u00f6lker des S\u00fcdens hat der dritte Weltkrieg l\u00e4ngst begonnen.  Solange wir schweigen, sind wir Komplizen der M\u00f6rder. Che Guevara hat  gesagt: \u00bbAuch die st\u00e4rksten Mauern fallen durch Risse\u00ab \u2013 und diese Risse  werden zunehmend sichtbar!<\/p>\n<p>Immer mehr Menschen wird es klar, da\u00df diese kannibalische Weltordnung  von Menschen gemacht wurde und auch von ihnen gest\u00fcrzt werden kann. Mit  der Mobilisierung der Zivilgesellschaft \u2013 ATTAC, Greenpeace, Via  Campesina usw. \u2013 ist ein neues historisches Subjekt entstanden. Ihr  einziger Motor ist der moralische Imperativ \u2013 Immanuel Kant hat gesagt:  \u00bbDie Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerst\u00f6rt die  Menschlichkeit in mir.\u00ab<\/p>\n<p>Da m\u00f6chte ich Deutschland hervorheben: Dieses Land ist die wohl  lebendigste Demokratie Europas und immerhin die drittgr\u00f6\u00dfe  Wirtschaftsmacht der Welt. Das Grundgesetz gibt alle Waffen in die Hand,  um die m\u00f6rderischen Mechanismen, die Millionen Menschen durch Hunger  t\u00f6ten, auf demokratischem und friedlichem Wege zu brechen. Karl Marx  sagt: \u00bbDer Revolution\u00e4r mu\u00df imstande sein, das Gras wachsen zu h\u00f6ren\u00ab \u2013  der Aufstand des Gewissens in Europa steht bevor<\/p>\n<p>16.11.2012 \/ Schwerpunkt \/<br \/>\n<a href=\"http:\/\/\">http:\/\/www.jungewelt.de\/2012\/11-16\/053.php<\/a><\/p>\n<h5>Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern \u2013 Die Massenvernichtung in  der Dritten Welt (Originaltitel: Destruction Massive, Paris 2011).  Bertelsmann, M\u00fcnchen 2012, 320 Seiten, 19,99 Euro * (kann auch \u00fcber den  junge Welt-Shop bestellt werden)<\/h5>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der deutsche Faschismus brauchte sechs Jahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen. 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