{"id":2648,"date":"2012-12-09T22:27:29","date_gmt":"2012-12-09T20:27:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=2648"},"modified":"2012-12-09T22:27:29","modified_gmt":"2012-12-09T20:27:29","slug":"unser-star-fuer-oslo-von-gregor-schirmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=2648","title":{"rendered":"Unser Star f&#252;r Oslo Von Gregor Schirmer"},"content":{"rendered":"<div id=\"ID_Date\">10.12.2012 JungeWelt<\/div>\n<div>\n<div>\n<table border=\"0\" width=\"50\" summary=\"Designtabelle\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><a> <img decoding=\"async\" id=\"img41665\" src=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/serveImage.php?id=41665&amp;ext=.jpg\" alt=\"Bild 1\" \/> <\/a><\/p>\n<div>Foto: dapd<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<h3>N\u00e4chstes Jahr die NATO<\/h3>\n<h4>In keinem der aktuellen milit\u00e4rischen Konflikte hat die EU einen  deeskalierenden Beitrag geleistet. Im Gegenteil. Daf\u00fcr bekommt sie heute  den Friedensnobelpreis<!--more--><\/h4>\n<p>Von dem r\u00f6mischen Dichter Juvenal aus der Zeit der Kaiser Trajan und  Hadrian ist ein ber\u00fchmtes Wort \u00fcberliefert: \u00bbDificile est satiram non  scribere\u00ab \u2013 \u00bbEs f\u00e4llt schwer, keine Satire zu schreiben\u00ab. Das kommt mir  in den Kopf, wenn ich anfange, \u00fcber den Friedensnobelpreis f\u00fcr die  Europ\u00e4ische Union zu r\u00e4sonieren, der heute in Oslo in Anwesenheit des  norwegischen K\u00f6nigs mit gro\u00dfem Brimborium an die EU-Oberen \u00fcbergeben  wird. Es ist wirklich ein perverser Witz, da\u00df eine Staatenorganisation  den Preis erh\u00e4lt, die in der gegenw\u00e4rtigen Krise mit ihrer gnadenlosen  Austerit\u00e4tspolitik einen Krieg gegen die kleinen Leute zugunsten der  gro\u00dfen Banken f\u00fchrt und dabei die Souver\u00e4nit\u00e4t von Mitgliedstaaten mit  F\u00fc\u00dfen tritt. Und noch ein delikater Witz: Das Nobelpreiskomitee  Norwegens wirft den Preis einer Organisation hinterher, der das  K\u00f6nigreich nicht beitritt, weil die Norweger in Volksabstimmungen Nein  gesagt haben und wohl weiter Nein sagen werden.<\/p>\n<p>In seinem Testament hat Alfred Nobel verf\u00fcgt, da\u00df der Preis \u00bban  diejenigen ausgeteilt werden\u00ab soll, \u00bbdie im vergangenen Jahr der  Menschheit den gr\u00f6\u00dften Nutzen erbracht haben\u00ab. Das vergangene Jahr war  das Jahr 2011. Welchen konkreten Nutzen f\u00fcr den Frieden hat da die EU  der Menschheit erbracht? In keinem der aktuellen milit\u00e4rischen oder  gewalttr\u00e4chtigen Konflikte \u2013 Irak, Afghanistan, Iran, Israel\u2013Pal\u00e4stina,  Libyen \u2013 hat die EU 2011 einen deeskalierenden und friedensf\u00f6rdernden  Beitrag geleistet. Den Krieg in Libyen hat die EU gutgehei\u00dfen. Die  meisten EU-Mitglieder haben sich aktiv daran beteiligt. Der EU-Rat hatte  mit Zustimmung Deutschlands den Beschlu\u00df gefa\u00dft, an der Seite der NATO  milit\u00e4risch einzugreifen \u2013 zur \u00bbUnterst\u00fctzung der humanit\u00e4ren Hilfe\u00ab  versteht sich, wenn die UNO darum ersucht. Es kam nicht dazu, weil mit  der T\u00f6tung Muammar Al-Ghaddafis die Angelegenheit als siegreich erledigt  schien. Ins Jahr 2011 fallen die schlimmen Fl\u00fcchtlingsdramen im  Mittelmeer, an denen die restriktive Einwanderungspolitik der EU ein  gro\u00dfes St\u00fcck Mitschuld tr\u00e4gt. Vor Lampedusa sank ein Fl\u00fcchtlingsboot mit  300 Insassen. 250 von ihnen ertranken. Auf dieser kleinen Insel waren  2600 Fl\u00fcchtlinge unter unw\u00fcrdigen Umst\u00e4nden eingequetscht, weil die  EU-Staaten sie nicht aufnehmen wollten. In die im M\u00e4rz 2011 begonnenen  innersyrischen Auseinandersetzungen hat die EU mit Sanktionen gegen  Pr\u00e4sident Baschar Al-Assad einseitig Partei ergriffen.<\/p>\n<p>Nach dem Testament Nobels soll der Preis an denjenigen gehen, \u00bbder am  meisten oder am besten auf die Verbr\u00fcderung der V\u00f6lker und die  Abschaffung oder Verminderung stehender Heere und das Abhalten von  Friedenskongressen hingewirkt hat\u00ab. Die EU hat auf das Gegenteil  \u00bbhingewirkt\u00ab. Im vergangenen Jahr dauerten Milit\u00e4reins\u00e4tze der EU in  Bosnien-Herzegowina und vor der K\u00fcste Somalias an, ebenso wie eine  Polizeimission in Afghanistan und eine gemischte Polizei-Justiz-Mission  in Kosovo in enger Zusammenarbeit mit der NATO. Statt \u00bbVerminderung  stehender Heere\u00ab Ausbau der EU-Battle-groups. Im Lissabonner Vertrag ist  die Aufr\u00fcstung zur Grundpflicht ihrer Mitglieder gemacht worden, und  diese sind ihrer Pflicht im Jahr 2011 mit Milit\u00e4rausgaben in der H\u00f6he  von 281 Milliarden Dollar getreulich nachgekommen. Die Krise hat zwar zu  einer Senkung von acht Milliarden seit 2008 gezwungen. Aber der  Mi\u00dfbrauch von Steuergeldern f\u00fcrs Menschenmorden und G\u00fcterzerst\u00f6ren ist  immer noch erschreckend hoch. Das gebeutelte Griechenland hat im  vergangenen Jahr 4,9 Milliarden Dollar f\u00fcrs Milit\u00e4r hinausgeschmissen.  Es war bislang nicht zu h\u00f6ren, da\u00df Europ\u00e4ischer Rat, EU-Kommission und  Europ\u00e4ische Zentralbank gedr\u00e4ngt h\u00e4tten, am griechischen Milit\u00e4rhaushalt  zu sparen. Im Jahr 2011, das f\u00fcr die diesj\u00e4hrige Preisverleihung  ma\u00dfgebend sein soll, hat die EU wei\u00df Gott keinen Beweis f\u00fcr ihre  Preisw\u00fcrdigkeit geliefert.<\/p>\n<h3>St\u00e4ndiger Friedenskongre\u00df<\/h3>\n<div>\n<table border=\"0\" width=\"50\" summary=\"Designtabelle\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><a> <img decoding=\"async\" id=\"img41659\" src=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/serveImage.php?id=41659&amp;ext=.jpg\" alt=\"Adventsgesteck mit Exerzierpatronen \u2013 Besatzer im afghanis\" \/> <\/a><\/p>\n<div>Adventsgesteck mit Exerzierpatronen \u2013 Besatzer im afghanischen Masar-i-Scharif stimmen sich auf Weihnachten ein<\/div>\n<div>Foto: dapd<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>Aber die norwegischen Preisverleiher nehmen es mit dem Testament nicht  so genau. Sie vergeben den Preis nicht f\u00fcr im Vorjahr Vollbrachtes,  sondern weil die EU und ihre Vorg\u00e4nger \u00bb\u00fcber sechs Jahrzehnte zur  F\u00f6rderung von Frieden und Vers\u00f6hnung beigetragen\u00ab haben. \u00bbSeit 1945 ist  diese Vers\u00f6hnung Wirklichkeit geworden.\u00ab Sie sehen die Arbeit der EU als  eine Art st\u00e4ndigen Friedenskongre\u00df im Sinne Nobels. \u00bbDas norwegische  Nobelkomitee w\u00fcnscht den Blick auf das zu lenken, was es als wichtigste  Errungenschaft der EU sieht: den erfolgreichen Kampf f\u00fcr Frieden und  Vers\u00f6hnung und f\u00fcr Demokratie sowie die Menschenrechte; die  stabilisierende Rolle der EU bei der Verwandlung Europas von einem  Kontinent der Kriege zu einem des Friedens.\u00ab Lenken wir also unseren  Blick ins Grunds\u00e4tzliche.<\/p>\n<p>Erstens. Ich betrachte es als eine zivilisatorische Errungenschaft des  kapitalistischen Staatenverbunds EU und seiner V\u00f6lker, die hoch gewertet  werden mu\u00df, da\u00df Kriege und milit\u00e4rische Auseinandersetzungen zwischen  seinen Mitgliedstaaten als ausgeschlossen gelten k\u00f6nnen, jedenfalls  gegenw\u00e4rtig und in absehbarer Zukunft. Der Frieden als Abwesenheit von  Anwendung und Androhung milit\u00e4rischer Gewalt im Verh\u00e4ltnis der ansonsten  zerstrittenen EU-Staaten erscheint als ein gro\u00dfer historischer  Fortschritt, wenn man bedenkt, da\u00df das, was wir heute Europa nennen,  \u00fcber zwei Jahrtausende Schauplatz verheerender gewaltsamer  Auseinandersetzungen zwischen Staaten und V\u00f6lkern war, im letzten  Jahrhundert mit 72 Millionen Toten Soldaten und Zivilisten in zwei  Weltkriegen. Ob das immer so bleibt, ist fraglich.<\/p>\n<p>Zweitens. Ganz so friedlich und gewaltlos ging es in den \u00fcber sechs  Jahrzehnten in der EU und ihren Mitgliedstaaten durchaus nicht zu. In  der Gegenwart schmoren gewalttr\u00e4chtige Gegens\u00e4tze um  Sezessionsbestrebungen von Landesteilen in Belgien, Gro\u00dfbritannien und  Spanien, der Streit Ungarns mit Rum\u00e4nien und der Slowakei um  Minderheitenschutz und der Konflikt auf Zypern zwischen S\u00fcd und Nord.<\/p>\n<p>Drittens. Das Nobelkomitee lobt die Erweiterung der EU seit den 80er  Jahren und sieht nicht, da\u00df die Begeisterung f\u00fcr die Aufnahme neuer  Mitglieder erloschen ist. Die schon beschlossene Mitgliedschaft  Kroatiens ist nicht mehr sicher. Die Beitrittsverhandlungen mit den  ausgew\u00e4hlten Kandidaten Island, Mazedonien, Montenegro, Serbien und der  T\u00fcrkei schleppen sich hin. Vor der T\u00fcr stehen Albanien,  Bosnien-Herzegowina und das rechtswidrig von Serbien abgespaltene Kosovo  \u2013 alle mit wenig Aussicht auf Einla\u00df. Ein Beitrag der EU zur  \u00bbAuss\u00f6hnung auf dem Balkan\u00ab ist schwer auszumachen, eher schon der  Beitrag zum Zerfall Jugoslawiens und zu den Balkankriegen.<\/p>\n<p>Viertens. Europa ist keineswegs durch wohltuendes Wirken der EU zu einem  \u00bbKontinent des Friedens\u00ab geworden. Im \u00bbRest\u00ab Europas gibt es virulente  oder akute Konflikte, an denen die EU und viele ihrer Mitgliedstaaten  mehr oder weniger aktiv beteiligt sind: Die baltischen Staaten gegen  Ru\u00dfland, Griechenland gegen die T\u00fcrkei, Mazedonien und Albanien;  einseitige Parteinahme der EU gegen Ru\u00dfland in den Konflikten im  Kaukasus und in dem immer wieder aufflammenden Erd\u00f6lstreit mit der  Ukraine.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens. Die begr\u00fc\u00dfenswerte Reise-, Aufenthalts- und  Niederlassungsfreiheit im Innern der EU, vor allem im Schengen-Raum, ist  mit einer menschenverachtenden Abschottung gegen unwillkommene  Zuwanderer verkoppelt. Die Au\u00dfengrenzen der EU sind mit schwer  \u00fcberwindbaren Sperren versehen. Die EU-Agentur FRONTEX hilft mit allen  Mitteln, da\u00df die Sperren halten. Die Zahl der beim Versuch, in die EU zu  kommen get\u00f6teten Menschen geht in die Zehntausende. Nach \u00bbFortress  Europe\u00ab sind an und vor den Grenzen der EU zwischen 1988 und 2008  mindestens 14714 Menschen get\u00f6tet worden.<\/p>\n<h3>Aggressiv nach au\u00dfen<\/h3>\n<p>Sechstens. Der relative Frieden innerhalb der Union steht im groben  Kontrast mit einer imperialistischen milit\u00e4rischen und \u00bbzivilen\u00ab  Aggressivit\u00e4t nach au\u00dfen. Die EU hat bisher 25 milit\u00e4rische und  Polizei-\u00bbMissionen\u00ab durchgef\u00fchrt und bereitet gegenw\u00e4rtig eine neue in  Mali vor. Angeblich waren und sind das \u00bbfriedenerhaltende oder  friedenschaffende\u00ab und v\u00f6lkerrechtlich zul\u00e4ssige Aktionen, in  Wirklichkeit v\u00f6lkerrechtswidrige, zumindest rechtlich bedenkliche und  interventionistische Gewaltakte. Nein, ein \u00bbFriedensverfechter\u00ab, wie ihn  Nobel f\u00fcr seinen Preis haben wollte, ist die EU nicht.<\/p>\n<p>Siebentens. Nun \u00fcberschreite ich die Grenze zur Satire: Den  Friedensnobelpreis verdient ebenso sehr die NATO. Schade, da\u00df der Preis  nicht postum verliehen wird, sonst w\u00e4re auch der Warschauer Pakt dran.  Das atomar und konventionell bewaffnete Patt der beiden  spinnefeindlichen Milit\u00e4rorganisationen hat n\u00e4mlich bewirkt, da\u00df es in  Europa zwischen Ost und West 40 Jahre lang einigerma\u00dfen  friedlich-koexistentiell zuging.<\/p>\n<p>Gregor Schirmer ist Professor f\u00fcr V\u00f6lkerrecht. Er war Stellvertreter des  Ministers f\u00fcr Hoch- und Fachschulwesen der DDR und Stellvertretender  Abteilungsleiter im ZK der SED. Im Verlag Edition Ost ist von ihm \u00bbDer  Aufstieg der EU zur Milit\u00e4rmacht: Eine politisch-juristische  Streitschrift\u00ab erschienen (256 Seiten, 12,95 Euro). Bezug auch \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2012\/12-10\/jungewelt-shop.de\" target=\"\u00bb_blank\u00ab\">jW-Shop<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.12.2012 JungeWelt Foto: dapd N\u00e4chstes Jahr die NATO In keinem der aktuellen milit\u00e4rischen Konflikte hat die EU einen deeskalierenden Beitrag geleistet. Im Gegenteil. 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