{"id":2677,"date":"2012-12-18T07:54:02","date_gmt":"2012-12-18T05:54:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=2677"},"modified":"2012-12-18T07:54:02","modified_gmt":"2012-12-18T05:54:02","slug":"zivilgesellschaft-fuer-atomwaffenfreien-nahen-osten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=2677","title":{"rendered":"Zivilgesellschaft f&#252;r atomwaffenfreien Nahen Osten"},"content":{"rendered":"<h3>Internationale Konferenz in Helsinki fordert Zone ohne Massenvernichtungswaffen<\/h3>\n<p><strong>Von Wolfgang K\u00f6tter *<\/strong><\/p>\n<p>Heute (14.12.) beginnt in Helsinki die zivilgesellschaftliche Konferenz  \u201eMittlerer Osten ohne Massenvernichtungswaffen&#8220;.<!--more--> Sie will \u00fcber eine  Strategie beraten, wie politischer Druck \u201evon unten&#8220; f\u00fcr eine Zone frei  von atomaren, biologischen und chemischen Waffen in der Region aussehen  kann. Auch deutsche Mitglieder der Kampagne \u201eatomwaffenfrei.jetzt&#8220;  nehmen teil.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich sollte in diesen Tagen in Finnlands Hauptstadt auch eine  internationale Staatenkonferenz tagen. Mit der Begr\u00fcndung, in der  gegenw\u00e4rtigen  spannungsgeladenen Situation w\u00e4re ein derartiges Treffen  nicht opportun und weil die Staaten der Region sich nicht \u00fcber die  Bedingungen f\u00fcr die Konferenz einigen konnten, wurde sie jedoch auf  unbestimmte Zeit verschoben. Dabei w\u00e4re das Treffen gerade jetzt  au\u00dferordentlich wichtig und dringend gewesen. Die Konferenz sollte sich  n\u00e4mlich einem der gef\u00e4hrlichsten Brandherde dieser Erde zuwendet. Die  vorgesehene  Zone w\u00fcrde ein Gebiet von Libyen im Westen und dem Iran im  Osten sowie Syrien im Norden und Jemen im S\u00fcden umschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong> Der Nahe Osten &#8211; die weltweit am h\u00f6chsten militarisierte Region <\/strong><\/p>\n<p>Aus mehreren Gr\u00fcnden handelt es sich bei der Nahostregion um ein  hochexplosives Pulverfass, das im schlimmsten Fall einen verheerenden  Fl\u00e4chenbrand ausl\u00f6sen k\u00f6nnte, der m\u00f6glicherweise sogar globale  Dimensionen erreichen w\u00fcrde. Zun\u00e4chst einmal geh\u00f6rt der Nahe und  Mittlere Osten laut dem Internationalen Konversionszentrum Bonn zu den  weltweit am h\u00f6chsten militarisierten Regionen. Die Wissenschaftler haben  einen Globalen Militarisierungsindex (GMI) erarbeitet, der den  Militarisierungsgrad von 149 L\u00e4ndern unter anderem dadurch definiert,  wie sich die Milit\u00e4rausgaben zum Bruttoinlandsprodukt oder zu anderen  gesellschaftlichen Bereichen wie beispielsweise der medizinischen  Versorgung verhalten. Die Gesamtzahl des milit\u00e4rischen und  paramilit\u00e4rischen Personals sowie der schweren Waffensysteme werden  dabei ins Verh\u00e4ltnis zur Gesamtbev\u00f6lkerung gesetzt. F\u00fcnf der ersten zehn  L\u00e4nder des GMI kommen aus dem Nahen und Mittleren Osten: Israel (Rang  1), Syrien (3), Jordanien (5), Kuwait (8) und Saudi-Arabien (10).<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund des \u201earabischen Fr\u00fchlings\u201c, anhaltender Unruhen in  einigen Staaten und insbesondere des eskalierenden B\u00fcrgerkrieges in  Syrien droht die Region nach Ansicht der Experten durch das andauernde  Wettr\u00fcsten weiter destabilisiert zu werden. Diese Bef\u00fcrchtung ist  inzwischen ebenfalls bis in westliche Regierungskreise vorgedrungen. So  warnte der britische Au\u00dfenminister William Hague vor einiger Zeit, er  sehe im Nahen Osten eine Krise heraufziehen, die in einem Desaster f\u00fcr  die internationale Politik enden k\u00f6nne. Wenn der Iran Nuklearwaffen  entwickle,  \u201edann glaube ich, dass auch andere Staaten im Nahen Osten  Atomwaffen entwickeln werden\u201c, sagte der Minister. \u201eDann w\u00e4re die  gef\u00e4hrlichste Phase der atomaren Aufr\u00fcstung seit der Erfindung der  Atombombe erreicht, mit all ihren destabilisierenden Effekten in  Nahost.\u201c<\/p>\n<p><strong> Das Zonenprojekt mit einer langen Geschichte <\/strong><\/p>\n<p>Derartigen Gefahren soll das Zonenprojekt entgegenwirken. F\u00fcr eine  langfristige Entsch\u00e4rfung der explosiven Situation muss vor allem einer  weiteren Anh\u00e4ufung von Massenvernichtungswaffen entgegengewirkt werden.  Die Zonenidee stammt urspr\u00fcnglich vom Iran, der es 1974 im UN-Rahmen  einbrachte. \u00c4gypten weitete das Konzept sp\u00e4ter auf die Beseitigung aller  atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen in der  Region aus. Angesichts des faktischen Atomwaffenbesitzes Israels besitzt  das Vorhaben vor allem f\u00fcr die arabischen Staaten \u00fcberlebenswichtige  Bedeutung und nicht zu Unrecht werfen sie dem Westen \u201eDoppelmoral\u201c vor.  Darum hatten sie &#8211; als im Jahre 1995 \u00fcber die unbefristete Verl\u00e4ngerung   des Atomwaffensperrvertrages zu entscheiden war &#8211; ihre Zustimmung von  der Verabschiedung einer speziellen Resolution zur Schaffung einer  kernwaffenfreien Zone in Nahost abh\u00e4ngig gemacht. Aber obwohl die Idee  schon lange existiert, ist bisher wenig zu ihrer Verwirklichung  geschehen. UN-Generalsekret\u00e4r Ban Ki Moon und die Kernwaffenm\u00e4chte USA,  Russland und Gro\u00dfbritannien wurden deshalb von der \u00dcberpr\u00fcfungskonferenz  des Nichtverbreitungsvertrages in 2010 beauftragt, f\u00fcr dieses Jahr eine  internationale Konferenz zum Zonenprojekt vorzubereiten. Seit dem  vergangenen Jahr fanden zahlreiche Konsultationen zwischen den  Initiatoren statt, um das Projekt voranzubringen. Zun\u00e4chst wurde als ein  erster Erfolg gewertet, dass man sich fr\u00fchzeitig auf Finnland als  Tagungsort und den erfahrenen Diplomaten Jaakko Laajava als Koordinator  und damit designierten Konferenzpr\u00e4sidenten einigen konnte.<\/p>\n<p>Ein verst\u00e4rktes Engagement ist auch bitter n\u00f6tig, denn die Situation ist  mehr als beunruhigend. Die j\u00fcngsten milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen  im Gaza-Konflikt sowie die forcierte Siedlungspolitik Israels in den  besetzten Pal\u00e4stinensergebieten haben erneut die explosive Situation  verdeutlicht. Gerade deshalb d\u00fcrfte eigentlich keine Chance ungenutzt  vergehen, denn es herrscht dringender Handlungsbedarf, um den  Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen. Nun n\u00e4hert sich die f\u00fcr 2015  geplante n\u00e4chste \u00dcberpr\u00fcfungskonferenz des Sperrvertrages und es w\u00e4chst  die Bef\u00fcrchtung, mit leeren H\u00e4nden da zu stehen. Medienberichten zufolge  ist nicht sicher, ob das verschobene Nahosttreffen noch vor der  \u00dcberpr\u00fcfungskonferenz stattfinden wird. Doch damit w\u00e4re das Scheitern  der Konferenz praktisch vorprogrammiert und das nukleare  Nichtverbreitungssystem wird weiter geschw\u00e4cht werden.<\/p>\n<p><strong> Israel &#8211; die bisher einzige Kernwaffenmacht in Nahost <\/strong><\/p>\n<p>Im Kernwaffenbesitz Israels besteht eines der zentralen Probleme. Seit  der Staatsgr\u00fcndung vor fast 65 Jahren herrscht in Israel die  Bedrohungsangst, es w\u00fcrde mit seiner Bev\u00f6lkerung von 6 Millionen den  \u00fcber 200 Millionen Arabern und Moslems in der Region unterliegen. Aus  israelischer Sicht ist die nukleare Abschreckung wegen der fehlenden  strategischen Tiefe des Landes und seiner geringen Bev\u00f6lkerungszahl die  einzige M\u00f6glichkeit, die eigene Existenz dauerhaft zu sichern. Das  demographische und territoriale Ungleichgewicht sollte  mit eigenen  Atomwaffen kompensiert werden. Die Regierung in Jerusalem verfolgte  lange eine Strategie der atomaren \u201eUndurchsichtigkeit&#8220; und hat den  Besitz von Kernwaffen weder zugegeben noch abgestritten. Das Land soll  nach internationalen Sch\u00e4tzungen bis zu 300 nukleare Sprengk\u00f6pfe  besitzen und keine der israelischen Nuklearanlagen unterstehen dem  Kontrollsystem der Internationalen Atomenergiebeh\u00f6rde (IAEA). Einen  weiteren Atomwaffenstaat in der Region will Jerusalem um keinen Preis  dulden. Bereits zwei Mal bombardierte die Luftwaffe deshalb  Nuklearkomplexe in Irak bzw. in Syrien und auch dem Iran droht Israel  immer mal wieder mit einem Milit\u00e4rschlag.<\/p>\n<p>Unermessliche Opfer drohen bei einem Milit\u00e4rschlag gegen Iran Der Vorsitzende der  mit dem Friedennobelpreis ausgezeichneten  Organisation \u201e\u00c4rzte gegen den Atomkrieg\u201c (IPPNW), Matthias Jochheim,  warnt jedoch ausdr\u00fccklich vor einem israelischen Angriff auf  Nuklearanlagen im Iran: \u201eEin Milit\u00e4rschlag h\u00e4tte verheerende Folgen f\u00fcr  die iranische Zivilbev\u00f6lkerung und k\u00f6nnte die ganze Region  destabilisieren\u201c, so der IPPNW-Vorsitzende. Die Autoren der j\u00fcngsten  Studie \u201eThe Ayatollah\u2019s Nuclear Gamble &#8211; The human cost of military  strikes against iran\u2019s nuclear facilities\u201d vom renommierten Hinckley  Institut an der Universit\u00e4t Utah in den USA rechnen f\u00fcr vier atomare  Anlagen in Isfahan, Natanz, Arak und Bushehr und ihr Umfeld bei einem  m\u00f6glichen Angriff mit konventionellen Waffen mit bis zu 10.000 Toten und  Verletzten. Hinzu k\u00e4men noch weit \u00fcber 100.000 Folgeopfer im Umfeld der  Anlagen. Abh\u00e4ngig von dem radioaktiven Inventar in den Anlagen und der  Wetterlage w\u00fcrden toxische und radioaktive Stoffe weite Gebiete  verseuchen und entsprechende Folgen f\u00fcr Mensch, Umwelt und Wirtschaft  haben.<\/p>\n<p><strong> Konferenz k\u00f6nnte Weg aus der Gefahr ebnen <\/strong><\/p>\n<p>Obwohl Israel inzwischen seinen anf\u00e4nglichen Widerstand aufgab, herrscht  weiterhin Uneinigkeit \u00fcber den Weg zur Atomwaffenfreiheit der Region.  Die arabischen Staaten fordern bereits als Ausgangspunkt Israels  Verzicht auf Atomwaffen. Jerusalem hingegen sieht eine  massenvernichtungswaffenfreie Zone erst am Ende eines Friedensprozesses.  Notwendig sei zun\u00e4chst die Schaffung von Vertrauen, die Regelung der  territorialen Streitfragen und der Aufbau kooperativer Beziehungen.<\/p>\n<p>Unter Hinweis auf die bedrohte Sicherheitslage ist Israel weder dem  Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag noch dem Biowaffenabkommen  beigetreten. Es hat die Chemiewaffenkonvention und den nuklearen  Teststoppvertrag zwar unterzeichnet, aber beide bisher nicht  ratifiziert. Damit verunsichert Jerusalem seine Nachbarn und k\u00f6nnte  letztlich ein nukleares Wettr\u00fcsten in der Region mit unabsehbaren Folgen  ausl\u00f6sen. Denn aus dem Kernwaffenbesitz Israels leiten arabische  Nachbarstaaten offene oder verdeckte Bem\u00fchungen nach der eigenen  atomaren bzw. biologischen oder chemischen Waffenoption ab. So geh\u00f6ren  inzwischen zwar alle arabischen Staaten dem Kernwaffensperrvertrag an.  Aber \u00c4gypten und Syrien blieben bisher dem Verbot der Chemiewaffen fern  und haben auch die Biowaffenkonvention nicht ratifiziert. Noch kein  Mitglied des nuklearen Teststoppvertrages sind \u00c4gypten, Iran, Irak,  Jemen, Saudi-Arabien und Syrien.<\/p>\n<p>Trotz immer wieder eintretender R\u00fcckschl\u00e4ge gab es in den vergangenen  Jahren aber auch Fortschritte bei der Vernichtung verbliebener \u00dcberreste  von Massenvernichtungswaffen in Irak und Libyen. Ein weiterer  hilfreicher und vertrauensbildender Schritt w\u00e4re der Beitritt der bisher  abseits gebliebenen Staaten der Region zu den Vertr\u00e4gen \u00fcber das Verbot  biologischer und chemischer Waffen. Der Verzicht auf die Erprobung von  Kernsprengs\u00e4tzen im Teststoppvertrag w\u00fcrde zus\u00e4tzlich eine nicht auf  Atomwaffen zielende Politik best\u00e4tigen, und eine Absichtserkl\u00e4rung \u00fcber  die Beschr\u00e4nkung der Reichweite von Raketen k\u00f6nnte gegenseitige  Bedrohungs\u00e4ngste abbauen.<\/p>\n<p>Experten und Politiker hatten in den vergangenen Monaten auf Workshops  in Malta Istanbul und Br\u00fcssel sowie einer dreit\u00e4gigen Konferenz in Amman  Vorgespr\u00e4che und einen Meinungsaustausch zum Thema gef\u00fchrt. Daran  hatten sowohl Abgesandte Israels und des Iran als auch  Vertreter aus  \u00c4gypten, Jordanien, Tunesien, Marokko, Saudi-Arabien, den USA und der EU  teilgenommen. Als der Iran im Herbst seine Teilnahme an der  Staatenkonferenz zusagte, keimte zun\u00e4chst Hoffnung auf, nachdem Israel  aber seine Ablehnung der Konferenz deutlich gemacht hatte, verst\u00e4rkten  sich die Zweifel daran, ob das Treffen ohne israelische Teilnahme  \u00fcberhaupt sinnvoll sei. Doch Xanthe Hall, Abr\u00fcstungsreferentin der IPPNW  und Sprecherin der Kampagne &#8222;atomwaffenfrei.jetzt&#8220; warnt: &#8222;Mit der  Verschiebung der Konferenz ist die erste H\u00fcrde auf dem Weg zur  atomwaffenfreien Welt noch gr\u00f6\u00dfer geworden. Man kann sogar von einer  Blockade sprechen. Der Konflikt \u00fcber Atomwaffen im Nahen und Mittleren  Osten ist ein neuralgischer Punkt f\u00fcr die weltweite Abschaffung aller  Atomwaffen, und eine Bearbeitung dieses Konflikts ist f\u00fcr die weitere  Abr\u00fcstung unerl\u00e4sslich.&#8220; Bereits im Fr\u00fchjahr, auf dem n\u00e4chsten Treffen  zur Vorbereitung der \u00dcberpr\u00fcfungskonferenz zum Nichtverbreitungsvertrag,  werden die negativen Folgen der Entscheidung zu sp\u00fcren sein.<\/p>\n<h3>Existierende kernwaffenfreie Zonen<\/h3>\n<table border=\"1\" width=\"80%\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><strong>Vertrag<\/strong><\/td>\n<td><strong>Region<\/strong><\/td>\n<td><strong>Unterzeichner\/<br \/>\nRatifikationen,<br \/>\nAkzessionen<\/strong><\/td>\n<td><strong>Jahr Unterzeichnung\/<br \/>\nin Kraft<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Antarktis<\/td>\n<td>Antarktis<\/td>\n<td>12 \/ 49<\/td>\n<td>1959 \/ 1961<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Tlatelolco<\/td>\n<td>Lateinamerika\/Karibik<\/td>\n<td>33 \/ 33<\/td>\n<td>1967 \/ 1968<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Rarotonga<\/td>\n<td>S\u00fcdpazifik<\/td>\n<td>13 \/ 13<\/td>\n<td>1985 \/ 1986<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Bangkok<\/td>\n<td>S\u00fcdostasien<\/td>\n<td>10 \/ 10<\/td>\n<td>1995 \/ 1997<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Pelindaba<\/td>\n<td>Afrika<\/td>\n<td>53 \/ 34<\/td>\n<td>1996 \/ 2009<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Semipalatinsk<\/td>\n<td>Zentralasien<\/td>\n<td>5 \/ 5<\/td>\n<td>2006 \/ 2009<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><em>* Dieser Beitrag erschien &#8211; gek\u00fcrzt &#8211; in: neues deutschland, Freitag, 14. 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