{"id":3336,"date":"2014-02-22T17:18:40","date_gmt":"2014-02-22T15:18:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=3336"},"modified":"2014-02-22T17:18:40","modified_gmt":"2014-02-22T15:18:40","slug":"ukraine-cui-bono-von-kai-ehlers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3336","title":{"rendered":"Ukraine \u2013 Cui bono? Von Kai Ehlers *"},"content":{"rendered":"<h3>Was zu bef\u00fcrchten war, ist geschehen: bisher 25 Tote, 250 Schwer-, \u00fcber  tausend Leichtverletzte, <!--more-->zwei Drittel davon auf Seiten des Majdan, ein  Drittel bei den Polizeikr\u00e4ften. Das Zahlenverh\u00e4ltnis macht klar: hier  wird nicht eine unbewaffnete Demonstration von \u00fcberlegenen  Polizeikr\u00e4ften niedergemacht, hier wird brutal mit der Absicht zu  verletzen und sogar zu t\u00f6ten gek\u00e4mpft. Wer die Bilder dieser K\u00e4mpfe  sieht, sei es vor Ort, sei es \u00fcber \u201elifestreams\u201c in den Medien und im  Internet, der begreift, dass es hier nicht um mehr oder weniger  Demokratie geht, sondern um Sieg oder Niederlage in einem Umsturzversuch  einer au\u00dferparlamentarischen Opposition, der sich zunehmend  militarisiert. Weitere Eskalationen sind zu bef\u00fcrchten, nachdem die  Regierung angek\u00fcndigt hat jetzt durchgreifen zu wollen und die  Majdan-Besatzungen ihre Anh\u00e4nger zu den Waffen gerufen haben.<\/h3>\n<p>Lassen wir allgemeine strategische Spekulationen, lassen wir  Medienkritik, lassen wir Parteinahmen pro oder contra beiseite, so gut  es irgendwie geht. Fragen wir nur: Cui bono? Wem n\u00fctzt diese neuerliche  und absehbare Eskalation? Genauer, in wessen Interesse stand die  aktuelle Radikalisierung, die just in dem Moment einsetzte, als allseits  von Entspannung zu sprechen begonnen wurde? In dem von Janukowytsch?  Dem der Bev\u00f6lkerung? Der Opposition? Russlands? Der EU? Der USA? Oder  anderer Kr\u00e4fte, die nicht bisher ungenannt sind?<br \/>\nSchauen wir auf den Pr\u00e4sidenten. Er steht unter mehrfachem Druck: Aus  der Bev\u00f6lkerung schl\u00e4gt ihm der Vorwurf der korrupten Bereicherung  entgegen. Als Oligarch unter Oligarchen muss er um seine eigene Existenz  f\u00fcrchten, wenn er st\u00fcrzt. Dem interventionsbereiten westlichen Ausland  gegen\u00fcber &#8211; USA, EU \u2013 muss er vermeiden Vorw\u00e4nde f\u00fcr \u201eSanktionen\u201c und  \u201eZwangsma\u00dfnahmen\u201c zu liefern. \u00dcber mehr als zwei Monate hat er gez\u00f6gert,  den Majdan-Protest gewaltsam aufl\u00f6sen zu lassen. Politisch sind die  drei Oppositionsf\u00fchrer \u2013 Klitschko, Jazenjuk, Tiagnibog \u2013 in ihrer schon  jetzt erkennbaren programmatischen Ratlosigkeit f\u00fcr die auf 2015  bevorstehenden Wahlen f\u00fcr Janukowytsch kein Problem. Er hat bisher  versucht, die Zeit bis dahin auszusitzen. Welches Interesse sollte er  gehabt haben, ausgerechnet jetzt seinen Gegnern neue Argumente  zuzutreiben, als nach einer Phase zweimonatiger, allm\u00e4hlicher Eskalation  eine erste Entspannung eintrat? Er k\u00f6nnte gelassen weiter mit halben  Kompromissen regieren \u2013 mit einem Majdan als au\u00dferparlamentarische  Dauereinrichtung bis zu den Wahlen. Die aktuelle Eskalation bringt ihn  unter einen Handlungszwang, der seiner bisherigen Linie klar  zuwiderl\u00e4uft.<br \/>\nSchauen wir auf die Bev\u00f6lkerung. Richtig schreiben Beobachter \u00fcber die  generelle Motivation der Massenproteste auf dem Majdan:  \u201eViele einfache  Menschen, besonders Rentner, leben an der Armutsgrenze, wobei  gleichzeitig Mitglieder der Regierung sich Pal\u00e4ste bauen. Bei Gericht  Gerechtigkeit zu finden, ohne hohe Schmiergelder zu zahlen, ist fast  unm\u00f6glich, der Mittelstand ist praktisch vernichtet, die Industrie und  die Landwirtschaft verk\u00fcmmern. Viele Menschen k\u00f6nnen keine Arbeit  finden, um ihre Familie zu ern\u00e4hren.\u201c (Zitiert aus einem privaten Brief)  Es bedarf keiner besonderen Fantasie, sich vorzustellen, welchen Zorn  diese Menschen gegen die Regierung im Herzen tragen, besonders nachdem  die Polizei Ende November erstmals gegen die bis dahin friedlichen  Massenproteste vorging. So etwas war man in der Ukraine in den  zur\u00fcckliegenden Jahren seit dem \u00dcbergang in die Unabh\u00e4ngigkeit 1991  nicht gewohnt. Unter diesen Umst\u00e4nden spielte es im November noch keine  Rolle, w e r  die Vorf\u00e4lle provozierte, die Vorf\u00e4lle allein reichten, um  den Unmut hoch schlagen zu lassen. Inzwischen hat die Militarisierung  der Majdancamps die sozialen Proteste jedoch l\u00e4ngst \u00fcberrollt. Trotz der  Aufrufe der Oppositionsf\u00fchrer zu Generalstreik und Bildung von  regionalen bewaffneten B\u00fcrgerwehren haben die Majdan-Aktivit\u00e4ten sich  auf eine militante Minderheit organisierter \u201eBesch\u00fctzer\u201c verengt. Eine  weitere Einengung der Proteste auf bewaffnete Auseinandersetzungen liegt  auf dieser Spur; liegt aber eindeutig nicht im Sinne der sozialen  Proteste der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung, weder in Kiew, noch in den  Regionen des Landes. Deutliches Zeichen daf\u00fcr war die beginnende  Entspannung nach Inkrafttreten der Amnestie.<br \/>\nBleibt die Frage, welchen Nutzen die aktuelle Eskalation f\u00fcr die  unterschiedlichen Fraktionen der Opposition\u00e4re um Jazenjuk, Klitschko  und Tiagnibog haben k\u00f6nnte. Da hilft vielleicht ein Blick auf die Reise  Klitschkos und Jazenjuks nach Berlin. In den Monaten zuvor als  \u201erevolution\u00e4re\u201c Alternative zum \u201eDiktator\u201c Janukowytsch aufgebaut,  blitzte Klitschko mit seinen Forderungen nach Sanktionen gegen  Janukowytsch bei Kanzlerin Merkel ab. Vor dem Hintergrund, dass er eine  Woche zuvor bereits von den USA demontiert worden war, waren die  Majdan-Opposition\u00e4re damit vor die Wahl gestellt, sich entweder auf den  langen Verhandlungsweg zu begeben oder \u2013 ihren Widerstand zu  radikalisieren. Sie w\u00e4hlten den zweiten Weg, indem sie ungeachtet der  von der Regierung in Aussicht gestellten Zugest\u00e4ndnisse weiterhin  Maximalforderungen an Janukowytsch stellten, die er nicht einzul\u00f6sen  bereit war.  Die radikalen Teile der hochger\u00fcsteten Majdan-K\u00e4mpfer  \u00fcbernahmen dann die Initiative, indem sie die radikale Konfrontation mit  den \u201eSicherheitskr\u00e4ften\u201c suchten. Jetzt sind in Berlin, in Br\u00fcssel und  in Washington \u201eZwangsma\u00dfnahmen\u201c wieder im Gespr\u00e4ch.<br \/>\nSoweit, so klar. Wer hat nun den Nutzen von dieser Situation? Eindeutig  nicht Janukowytsch. Eindeutig auch nicht die Mehrheit der unzufriedenen  ukrainischen Bev\u00f6lkerung, nicht einmal die Mehrheit der EinwohnerInnen  Kiews. Die d\u00fcrften angesichts der Brutalit\u00e4t der neuesten Vorg\u00e4nge auf  dem Majdan sogar eher schockiert sein. Aber eindeutig auch nicht die  Opposition\u00e4re Jazenjuk, Klitschko und Tiagnibog. Sollte Janukowytsch  sich entscheiden, den Majdan r\u00e4umen zu lassen, evtl. sogar den Notstand  auszurufen, dann verlieren sie ihre bisherige Basis. Sollte Janukowytsch  sich entscheiden, sofort neue Wahlen anzusetzen, w\u00e4ren sie gezwungen,  aus dem Stand ein alternatives Wahlprogramm vorzulegen \u2013 was sie  angesichts ihrer politischen Inhomogenit\u00e4t mit Sicherheit nicht,  jedenfalls nicht gemeinsam zustande bekommen. \u201aNieder mit Janukowytsch\u2018  wird als Programm nicht reichen.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte zu der Ansicht kommen, dass es keine Gewinner dieser  Situation gibt, sondern nur Verlierer und dass das Land auf eine  Spaltung zutreibt. Man k\u00f6nnte auch meinen, dass dies im Interesse der  \u201eglobal player\u201c l\u00e4ge, die eine willf\u00e4hrige Ukraine brauchen, um ihre  strategischen Interessen gegen Russland und China durchzusetzen. Aber  selbst dies ist angesichts der akuten Zuspitzung der Entwicklung zu  hinterfragen. Eher sieht es so aus, als ob die Beteiligten \u201eplayer\u201c die  Geister, die sie riefen nicht mehr zu bannen imstande sind, kurz gesagt,  dass das Programm zum Sturz der Regierung Janukowytsch ein bisschen aus  dem Ruder gelaufen ist und man jetzt von allen Seiten zur  Schadensbegrenzung zusammeneilt.<\/p>\n<p><em>* Kai Ehlers, Hamburg, Journalist und Buchautor, Osteuropaexperte. Website: www.kai-ehlers.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was zu bef\u00fcrchten war, ist geschehen: bisher 25 Tote, 250 Schwer-, \u00fcber tausend Leichtverletzte,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3336","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3336","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3336"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3336\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3336"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3336"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3336"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}