{"id":3339,"date":"2014-02-24T09:17:07","date_gmt":"2014-02-24T07:17:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=3339"},"modified":"2014-02-24T09:17:07","modified_gmt":"2014-02-24T07:17:07","slug":"bosnien-herzegowina-interview-mit-medina-malagic","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3339","title":{"rendered":"Bosnien-Herzegowina: Interview mit Medina Malagic"},"content":{"rendered":"<div id=\"ID_Date\"><\/div>\n<address>\u00bbDie politische Elite das F\u00fcrchten gelehrt\u00ab<\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Bosnien-Herzegowina: Nach dem Sturm auf Regierungsgeb\u00e4ude entwickelt sich direkte Demokratie. Ein Gespr\u00e4ch mit Medina Malagic<\/address>\n<p><!--more--><\/p>\n<address>Interview: Raoul Rigault<\/address>\n<div class=\"ImageBox\">\n<table border=\"0\" width=\"50\" summary=\"Designtabelle\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><a><\/p>\n<div><img decoding=\"async\" id=\"img49656\" src=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/serveImage.php?id=49656&amp;ext=.jpg\" alt=\"unbenannt\" \/><\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<div class=\"Copyright\">Foto: privat<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<h5>Medina Malagic ist Herausgeberin des im November 2012 gegr\u00fcndeten bosnischen Nachrichtenportals Sarajevo Times<\/h5>\n<p><strong><em>Viele Beobachter waren \u00fcberrascht \u00fcber die Anfang Februar ausgebrochenen heftigen Proteste in Bosnien-Herzegowina. Sie auch?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>So schockierend die brennenden Regierungsgeb\u00e4ude und das Chaos auf den  Stra\u00dfen von Sarajewo im ersten Moment auch waren \u2013 das lag schon lange  in der Luft. Es war nur die Frage, wann es passiert.<\/p>\n<p><strong><em>Was f\u00fchrte konkret zu den Protesten?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es herrscht gro\u00dfe Verachtung gegen\u00fcber der politischen Klasse und der  Art, wie sie das Land in fast zwei Jahrzehnten regiert hat.  Bosnien-Herzegowina hat eine der h\u00f6chsten Arbeitslosenraten in Europa;  Korruption und Vetternwirtschaft sind z\u00fcgellos und f\u00fcr viele Leute sind  die Zukunftsaussichten gleich null. Ausl\u00f6ser der Proteste war die  Privatisierung staatlicher Unternehmen in der Stadt Tuzla, die zu  tausenden Entlassungen f\u00fchrte.<\/p>\n<p><strong><em>Sie haben das als B\u00fcrgerrevolte bezeichnet. Warum?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Mit den andauernden Protesten und den Versammlungen in vielen St\u00e4dten \u2013  \u00bbPlena\u00ab genannt \u2013 ist so etwas wie direkte Demokratie in einem Land  entstanden, dessen Bewohner vorher keine Erfahrung damit gemacht hatten.  In diesen Versammlungen stehen \u00f6konomische und soziale Themen im  Vordergrund, politische Parteien sind nicht willkommen.<\/p>\n<p>Damit findet zum ersten Mal kollektives Handeln statt. Die B\u00fcrger  organisieren sich, bilden Arbeitsgruppen und stellen Forderungen. Das  alles wird aber keineswegs von ethnischen oder nationalen Interessen  beherrscht. Auch wenn diese Plena erst am Anfang stehen, halte ich sie  f\u00fcr eine vielversprechende Sache.<\/p>\n<p><strong><em>Die Politiker haben die Angriffe auf Regierungsgeb\u00e4ude  \u00bbHooligans und Vandalen\u00ab angelastet. Wie sehen Sie und die normalen  Leute den miltanten Teil des Protestes?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das war ein taktischer Schritt von Politikern, um der Bev\u00f6lkerung Angst  zu machen. Viele B\u00fcrger sehen den Ausbruch von Gewalt als notwendiges  Ventil f\u00fcr die angestaute Wut und die miserablen Perspektiven. Au\u00dferdem  sollten wir nicht vergessen, da\u00df die Proteste gezielt  Regierungsinstitutionen ins Visier nahmen. Das war eine klare und  unmi\u00dfverst\u00e4ndliche Botschaft: Die Gewalt richtete sich nicht gegen  Menschen und sie dauerte nur einen Tag.<\/p>\n<p><strong><em>Was erwarten Sie f\u00fcr die n\u00e4here Zukunft?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es ist noch zu fr\u00fch, Vorhersagen zu treffen. Meine Mitb\u00fcrger machen  jetzt ihre ersten Schritte in Sachen direkter Demokratie. Wer wei\u00df, in  welche Richtung das geht? Es gibt auch noch eine Menge Konfusion, was  aus zwei Gr\u00fcnden nicht verwunderlich ist und auch zu erwarten war.<\/p>\n<p>Erstens sollte man die Auswirkungen des Krieges im Hinterkopf behalten  sowie die anschlie\u00dfende Angst und Passivit\u00e4t. Daher gibt es hier keine  Geschichte der Suche nach neuen Alternativen. Die politischen Eliten  haben bis heute mit dieser Furcht gespielt und sie als Schutz f\u00fcr ihre  Selbstbedienung benutzt. Zweitens bleiben die Medien in diesem Land  gespalten. Viele von ihnen sind mit politischen Parteien verbunden, sie  zeichnen ein Bild der Proteste, das auf ihren engstirnigen  Eigeninteressen basiert. Trotzdem habe ich das Gef\u00fchl, da\u00df die B\u00fcrger  dem nicht viel Beachtung schenken, weil die wirtschaftlichen und  sozialen Themen weiterhin im Mittelpunkt ihrer Forderungen stehen. \u00bbWir  sind in drei Sprachen hungrig\u00ab, ist mittlerweile schon zu einem  Sprichwort geworden.<\/p>\n<p>Was jetzt in Bosnien-Herzegowina passiert, ist neu und radikal. Die  Tatsache, da\u00df die Leute zusammenkommen und ihre Bed\u00fcrfnisse kollektiv  zum Ausdruck bringen, ist das Gegenteil der allgemeinen Passivit\u00e4t und  Lethargie, die in der bosnischen Gesellschaft 20 Jahre lang dominierte.  Au\u00dferdem haben die B\u00fcrger die herrschende politische Elite zum ersten  Mal das F\u00fcrchten gelehrt. Die Ministerpr\u00e4sidenten von vier Kantonen  haben bereits ihren R\u00fccktritt eingereicht und die Plena haben den  Kantonalparlamenten Forderungen mit einer Frist f\u00fcr die Umsetzung  \u00fcbermittelt. Die B\u00fcrger sind gest\u00e4rkt, sie sind besser in der Lage, ihre  Bed\u00fcrfnisse zu artikulieren und sich selbst als Kollektiv zu sehen. Das  k\u00f6nnte zu einer Verschiebung im politischen System von  Bosnien-Herzegowina f\u00fchren<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/\">http:\/\/www.jungewelt.de\/2014\/02-24\/005.php<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDie politische Elite das F\u00fcrchten gelehrt\u00ab Bosnien-Herzegowina: Nach dem Sturm auf Regierungsgeb\u00e4ude entwickelt sich direkte Demokratie. 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