{"id":3487,"date":"2014-08-02T09:29:02","date_gmt":"2014-08-02T07:29:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=3487"},"modified":"2014-08-02T09:29:02","modified_gmt":"2014-08-02T07:29:02","slug":"hilferuf-aus-dem-gazastreifen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3487","title":{"rendered":"Hilferuf aus dem Gazastreifen"},"content":{"rendered":"<address style=\"margin:0cm;margin-bottom:.0001pt\"><span style=\"font-family: Arial; font-size: x-small;\"><span style=\"font-size: 10.0pt; font-family: Arial;\">Der  Krieg in Gaza ist ein Krieg gegen Zivilisten. Das sage nicht nur ich,  sondern auch die Menschen in Gaza und die Journalisten, mit denen ich  spreche, von denen einige so ziemlich s\u00e4mtliche Kriege der letzten zehn  Jahre abgedeckt haben (Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, etc\u2026). Was  hier passiert, hat eine besondere Qualit\u00e4t.<\/span><\/span><\/address>\n<address style=\"margin:0cm;margin-bottom:.0001pt\"><span style=\"font-family: Arial; font-size: x-small;\"><span style=\"font-size: 10.0pt; font-family: Arial;\"><!--more--><br \/>\n<\/span><\/span><\/address>\n<h1 style=\"margin:0cm;margin-bottom:.0001pt\"><\/h1>\n<h1 style=\"margin:0cm;margin-bottom:.0001pt\"><strong><span style=\"font-family: Arial; font-size: x-small;\"><span style=\"font-size:10.0pt;font-family:Arial\">Hilferuf aus dem Gazastreifen<\/span><\/span><\/strong><\/h1>\n<p style=\"margin:0cm;margin-bottom:.0001pt\"><span style=\"font-family: Arial; font-size: x-small;\"><span style=\"font-size:10.0pt;font-family:Arial\">31.07.2014 <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin:0cm;margin-bottom:.0001pt\"><strong><span style=\"font-family: Arial; font-size: x-small;\"><span style=\"font-size:10.0pt;font-family:Arial;font-weight:bold\">Martin Lejeune<br \/>\nFreier Journalist<br \/>\nderzeit erreichbar unter<\/span><\/span><\/strong><span style=\"font-family: Arial; font-size: x-small;\"><span style=\"font-size:10.0pt;font-family:Arial\">: <a href=\"tel:%2B972%2059%20230%206392\" target=\"_blank\">+972 59 230 6392<\/a> oder <a href=\"tel:%2B970%2059%20230%206392\" target=\"_blank\">+970 59 230 6392<\/a><br \/>\nFacebook: <a href=\"http:\/\/www.facebook.com\/lejeune.berlin\" target=\"_blank\">www.facebook.com\/lejeune.berlin<\/a><br \/>\nBlog: <a href=\"http:\/\/martin-lejeune.tumblr.com\" target=\"_blank\">martin-lejeune.tumblr.com<\/a><\/p>\n<p>Gaza Stadt, der 31. Juli 2014<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial; color: maroon; font-size: medium;\"><span style=\"font-size:14.0pt;font-family:Arial;color:maroon\">Hilferuf aus dem Gazastreifen.<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Arial; font-size: x-small;\"><span style=\"font-size:10.0pt;font-family:Arial\"><br \/>\nSeit dem 22. Juli bin ich im Gazastreifen und ich kann einfach nicht glauben, was hier passiert. Ich erlebe die schlimmsten Tage meines Lebens. Alle Menschen in Gaza erleben die schlimmsten Tage ihres Lebens. Denn so massiv wie in dieser Wochen waren noch keine Angriffe auf Gaza. Hinter diesen Worten verbergen sich menschliche Trag\u00f6dien. Die humanit\u00e4re Katastrophe in Gaza hat einen neuen H\u00f6hepunkt erreicht.<\/p>\n<p>Der Krieg in Gaza ist ein Krieg gegen Zivilisten. Das sage nicht nur ich, sondern auch die Menschen in Gaza und die Journalisten, mit denen ich spreche, von denen einige so ziemlich s\u00e4mtliche Kriege der letzten zehn Jahre abgedeckt haben (Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, etc\u2026). Was hier passiert, hat eine besondere Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u00dcberall schlagen Raketen ein. In Wohnh\u00e4user, in denen Familien leben, in Moscheen, in denen Menschen beten. Am fr\u00fchen Abend des 30. Juli bombardierte ein F16-Kampfjet das Wohnhaus, das bis dahin schr\u00e4g gegen\u00fcber unseres Hauses stand. Wir sa\u00dfen gerade auf dem Balkon als die Rakete 50 Meter entfernt einschlug. Kurz zuvor h\u00f6rte ich noch einen Esel hysterisch wiehern, als ob er den Angriff schon ahnte und uns warnen wollte.<\/p>\n<p>Tr\u00fcmmer fliegen in schneller Geschwindigkeit gegen unsere Hausmauer und verfehlen uns nur knapp. Wir sitzen pl\u00f6tzlich inmitten einer Staubwolke. Der Staub bedeckt meine Brillengl\u00e4ser und meinen Laptop. Der Staub knirscht zwischen meinen Z\u00e4hen. Es dauert etwa eine halbe Minute bis sich der Rauch legt. Jetzt sehe ich den Vater, mit dem ich mich vorhin noch auf der Stra\u00dfe unterhalten habe, wie er sich mit seinen Kindern hinter einem Bagger verschanzt, um Deckung zu finden, falls ein zweiter Schlag folgt. Der Bagger steht auf einem Parkplatz gegen\u00fcber unseres Hauses und geh\u00f6rt einem Baumunternehmer. Ich laufe sofort zu den Tr\u00fcmmern des bombardierten Wohnhauses und sehe die Verletzten. Ich habe die Familie schon mehrmals in unserer Stra\u00dfe spazierengehen sehen. Ich filme mit meinem Handy wie die Rettungswagen eintreffen und die Verletzten ins Krankenhaus bringen. Auf der Stra\u00dfe liegen Steine, Scherben, umgekippte Strommasten.<\/p>\n<p>Seit dem ich hier bin, wurden jeweils am hellichten Tag bei unbedecktem Himmel und bei freier Sicht zahlreiche zivile Ziele bombardiert. Zum Beispiel eine M\u00e4dchengrundschule der Vereinten Nationen in Beit Hanoun, in der sich Hunderte Fl\u00fcchtlinge aufhielten, und dies, obwohl die UN zuvor die GPS-Koordinaten der Schule dem Generalkommando der israelischen Streitkr\u00e4fte durchgegeben hatte. Ich erinnere schon gar nicht mehr die genaue Zahl der Toten und habe auch kein Internet, um es zu recherchieren. Auch wurde auch ein Park im Schatti-Fl\u00fcchtlingslager, vor dessen Eingang acht Kinder spielten, die alle durch den Angriff get\u00f6tet wurden, bombardiert. Und am sp\u00e4ten Nachmittag des 30. Juli fielen der Bombardierung eines Marktes im Norden des Gazastreifens 17 Menschenleben zum Opfer. 160 Pal\u00e4stinenser wurden verletzt, die dort gerade ihre Eink\u00e4ufe erledigten. Diese Aufz\u00e4hlung an Massakern an der Zivilbev\u00f6lkerung lie\u00dfe sich beliebig lang fortsetzen, da seit dem 8. Juli bereits um die 1000 Zivilisten get\u00f6tet wurden. Ich kann nicht verstehen, weshalb die israelischen Streitkr\u00e4fte so etwas tun. Weshalb werden offenbar gezielt zivile Ziele und gro\u00dfe Menschenansammlungen bombardiert? Die genaue Kenntnis der zu attackierenden Ziele d\u00fcrfte durch die allgegenw\u00e4rtigen Aufkl\u00e4rungsdrohnen, die gestochen scharfe Bilder liefern, vorhanden sein. Weshalb t\u00f6ten die Bomberpiloten immer wieder vors\u00e4tzlich Frauen und Kinder? Welchen ethischen Ma\u00dfst\u00e4ben folgen diese Herren der L\u00fcfte \u00fcber Leben und Tod? Sie sitzen in den modernsten Kampfjets, die jemals entwickelt wurden und br\u00fcsten sich mit &#8222;zielgenauen Schl\u00e4gen&#8220;. Da\u00df in einem Krieg Soldaten Soldaten t\u00f6ten m\u00fcssen, ist durch das V\u00f6lkerrecht legitimiert, aber Zivilisten gezielt zu attackieren, so wie die Familie in unserem Nachbarhaus, die Kinder im Park, die Fl\u00fcchtlinge in der UN-Schule, das ist rechtlich durch keine Kriegsordnung gedeckt. Die Menschen im Gazastreifen fragen sich, weshalb deutsche und westeurop\u00e4ische Regierungschefs diese Verst\u00f6\u00dfe gegen internationale Konventionen nicht scharf verurteilen. Das sind Kriegsverbrechen, die hier jeden Tag im Gazastreifen durch die israelischen Streitkr\u00e4fte ver\u00fcbt werden.<\/p>\n<p>Auch Krankenh\u00e4user, ein Wasserwerk und das einzige Kraftwerk des Gazastreifens wurden bombardiert. In unserem Viertel im Zentrum von Gaza Stadt, das &#8222;Beverly Hills&#8220; genannt wird und bis vor drei Wochen noch \u00fcber eine ziemlich intakte Infrastruktur verf\u00fcgte, hat niemand mehr flie\u00dfendes Wasser. Wir waschen uns mit Wasser aus Plastikflaschen, die wir im Tante-Emma-Laden um die Ecke kaufen. Wir haben seit der Nacht auf den 29. Juli, in der das Kraftwerk bombardiert wurde, keinen Strom und kein Internet mehr. Das Festnetztelefon ist tot. Das Handy ist das einzige Kommunikationsmittel, das noch funktioniert, was nat\u00fcrlich auf Dauer sehr kostspielig ist. Diesen Text schreibe und versende ich im Al Deira Hotel, das \u00fcber einen eigenen Generator verf\u00fcgt und in dem die franz\u00f6sische Nachrichtenagentur AFP ihr eigenes WLAN-Netz hat.<\/p>\n<p>Es gibt kein Brot mehr im Gazastreifen. Es gibt nirgendwo mehr Brot zu kaufen. Wir essen das Brot, das die Ehefrau meines Gastgebers Maher zu Hause b\u00e4ckt im Innenhof unseres Hauses in einem selbstgebauten Ofen, den sie mit Holzkohle befeuert. Wir tunken das Brot in Oliven\u00f6l und Za&#8217;tar, eine Paste aus Thymian, Sesam und Salz. Das essen wir jeden Tag. Selbst wenn es noch Brot zu kaufen g\u00e4be, h\u00e4tten wir kein Geld, um es bezahlen zu k\u00f6nnen. Seit Beginn des Krieges gibt es kein Bargeld mehr an den Geldautomaten, sind die Banken geschlossen, wurde das Finanzministerium komplett zerst\u00f6rt, funktionieren EC- und Kreditkarten nicht mehr. Wenn wir Mehl und \u00d6l kaufen gehen im Laden um die Ecke, lassen wir anschreiben, so wie das alle derzeit tun m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es gibt kein \u00f6ffentliches Leben mehr im Gazastreifen. Alle Beh\u00f6rden und B\u00fcros, fast alle Gesch\u00e4fte und Restaurants sind geschlossen. Die Menschen gehen nur aus dem Haus, falls unbedingt n\u00f6tig. Die Str\u00e4nde und Parks sind menschenleer. Die letzten vier Kinder, die am Strand Fu\u00dfball spielten, sind von einer israelischen Rakete get\u00f6tet worden. Es war kein Hamas-K\u00e4mpfer oder Raketenabschu\u00dframpen in der N\u00e4he, berichteten Augenzeugen \u00fcbereinstimmend.<\/p>\n<p>Ich wohne in einem zweist\u00f6ckigen Haus um die Ecke der am 29. Juli zerbombten Al Amin Moschee. Zehn Menschen lebten in dem Haus, bevor der Krieg begann. Jetzt sind es 70, die sich die zwei Wohnungen im Haus teilen. Meine Gastgeber haben 60 Fl\u00fcchtlinge aus dem Norden des Gazastreifens, der dem Erdboden platt gemacht wurde, bei sich aufgenommen. Die M\u00e4nner m\u00fcssen im Hauseingang und im Hausflur schlafen, die Wohnungen sind den Kindern und Frauen vorbehalten. Auf so engem Raum mit fremden Menschen zusammen zu leben und nebeneinander zu schlafen ist f\u00fcr alle nicht leicht und Privatsph\u00e4re gibt es gar keine. Auch liegen die Nerven blank nach dreieinhalb Wochen Dauerbombardement, von dem ich ja nur anderthalb Wochen mitbekommen habe. Trotzdem verhalten sich alle 70 Bewohner der zwei Wohnungen immer ruhig und r\u00fccksichtsvoll, sind solidarisch und teilen das wenige miteinander, was sie noch haben: das selbstgebackene Brot, den Handy-Akku, die letzte Zigarette, ein St\u00fcck Seife zum Waschen. Ich war gestern in einem Kindergarten in unserem Viertel, in dem nachts 80 Menschen pro Gruppenraum schlafen.<\/p>\n<p>&#8230;. Trotz seit dreieinhalb Wochen anhaltender Bombardierung aus der Luft, zu See und zu Land spielen die Kinder noch tags\u00fcber auf der Stra\u00dfe, singen die Frauen beim Brotbacken noch ihre Lieder, leisten die M\u00e4nner noch immer Widerstand. Maher, mein Gastgeber, erkl\u00e4rt: &#8222;Unseren Willen zu leben und zu k\u00e4mpfen, k\u00f6nnen keine Raketen und Granaten brechen.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Krieg in Gaza ist ein Krieg gegen Zivilisten. Das sage nicht nur ich, sondern auch die Menschen in Gaza und die Journalisten, mit denen ich spreche, von denen einige so ziemlich s\u00e4mtliche Kriege der letzten zehn Jahre abgedeckt haben (Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, etc\u2026). Was hier passiert, hat eine besondere Qualit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3487","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3487","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3487"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3487\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3487"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3487"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3487"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}