{"id":3590,"date":"2014-08-24T20:10:13","date_gmt":"2014-08-24T18:10:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=3590"},"modified":"2014-08-24T20:10:13","modified_gmt":"2014-08-24T18:10:13","slug":"mein-appell-an-das-volk-israels-befreit-euch-indem-ihr-palaestina-befreit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3590","title":{"rendered":"Mein Appell an das Volk Israels: Befreit euch, indem ihr Pal&#228;stina befreit"},"content":{"rendered":"<p>Erzbischof Emeritus Desmond Tutu ruft in einem exklusiven Artikel  f\u00fcr Haaretz zu einem globalen Boykott Israels auf und dr\u00e4ngt Israelis  und Pal\u00e4stinenser, jenseits ihrer Staatsf\u00fchrer nach einer nachhaltigen  L\u00f6sung der Krise im Heiligen Land zu suchen.<span> Von Desmond Tutu<\/span><\/p>\n<p><span><!--more--><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span> 14. August 2014 | 21:56 Uhr<\/span><br \/>\nUrspr\u00fcnglich auf <a href=\"http:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/1.610687\">http:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/1.610687<\/a> erschienen. \u00dcbersetzung erfolgte durch die Avaaz-Gemeinschaft.<\/p>\n<div>\n<p>In den vergangenen Wochen erlebten wir beispiellose Handlungen durch  Mitglieder der Zivilgesellschaft rund um den Globus gegen die  Ungerechtigkeit von Israels unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig brutaler Reaktion auf die  Raketenabsch\u00fcsse aus Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p>Z\u00e4hlt man alle Menschen zusammen, die sich am vergangenen Wochenende  versammelt haben, um Gerechtigkeit in Israel und Pal\u00e4stina zu fordern \u2013  in Kapstadt, Washington D.C., New York, Neu-Delhi, London, Dublin und  Sydney, und all den anderen St\u00e4dten \u2013 so war dies sicherlich der gr\u00f6\u00dfte  \u00f6ffentliche Aufschrei f\u00fcr ein einzelnes Anliegen in der Geschichte der  Menschheit.<\/p>\n<p>Vor einem Vierteljahrhundert nahm ich an einigen gut besuchten  Demonstrationen gegen die Apartheid teil. Ich h\u00e4tte mir nie vorstellen  k\u00f6nnen, wieder Demonstrationen dieser Gr\u00f6\u00dfe zu sehen. Aber die  Teilnehmerzahl am letzten Samstag in Kapstadt war genauso gro\u00df, wenn  nicht gr\u00f6\u00dfer als damals. Unter den Teilnehmern waren Junge und Alte,  Muslime, Christen, Juden, Hindus, Buddhisten, Agnostiker, Atheisten,  Schwarze, Wei\u00dfe, Rote und Gr\u00fcne vertreten &#8230;  wie man es von einer  dynamischen, toleranten, multikulturellen Nation erwarten w\u00fcrde .<\/p>\n<p>Ich bat die Menge, mit mir zu skandieren: \u201cWir sind gegen die  Ungerechtigkeit der illegalen Besetzung von Pal\u00e4stina. Wir sind gegen  das willk\u00fcrliche Morden im Gazastreifen. Wir sind gegen die Erniedrigung  von Pal\u00e4stinensern an Kontrollpunkten und Stra\u00dfensperren. Wir sind  gegen die von allen Beteiligten begangenen Gewalttaten. Aber wir sind  nicht gegen Juden.\u201d<\/p>\n<p>Anfang der Woche forderte ich den Ausschluss Israels aus der Internationalen Architektenvereinigung, die in S\u00fcdafrika tagte.<\/p>\n<p>Ich bat die israelischen Schwestern und Br\u00fcder, die auf dieser  Konferenz anwesend waren, darum, sich pers\u00f6nlich und auch in ihren  beruflichen Aktivit\u00e4ten, aktiv von dem Entwurf und der Konstruktion der  Infrastruktur zu distanzieren, durch die das Unrecht aufrechterhalten  wird. Dazu z\u00e4hlen sowohl die Trennmauer, die Sicherheitsstationen und  die Kontrollpunkte, als auch die Siedlungen, die auf besetzten Gebieten  der Pal\u00e4stinenser errichtet wurden.<\/p>\n<p>\u201cIch bitte Sie, diese Botschaft mit auf den Weg zu nehmen: Bitte  wenden Sie das Blatt gegen Gewalt und Hass, indem Sie sich der  gewaltlosen Bewegung f\u00fcr Gerechtigkeit f\u00fcr alle Menschen in der Region  anschlie\u00dfen\u201d sagte ich.<\/p>\n<p>In den vergangenen Wochen sind mehr als 1,6 Millionen Menschen  weltweit dieser Bewegung beigetreten, indem sie eine Avaaz-Kampagne  unterzeichnet haben, die Firmen, die von der israelischen Besetzung  profitieren und\/oder an der Misshandlung und Unterdr\u00fcckung von  Pal\u00e4stinensern beteiligt sind, auffordert, sich zur\u00fcckzuziehen. Die  Kampagne richtet sich insbesondere gegen den niederl\u00e4ndischen  Rentenfonds ABP, Barclays Bank, den Anbieter von Sicherheitssystemen  G4S, das franz\u00f6sische Transportunternehmen Veolia, den  Computerhersteller Hewlett-Packard und den Bulldozerhersteller  Caterpillar.<\/p>\n<p>Letzten Monat haben 17 EU-Regierungen ihre B\u00fcrger gedr\u00e4ngt, keine  Gesch\u00e4fte mit oder Investitionen in illegale israelische Siedlungen zu  t\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Wir wurden k\u00fcrzlich auch Zeugen des Abzugs zweistelliger  Millionenbetr\u00e4ge aus israelischen Banken durch den niederl\u00e4ndischen  Rentenfonds PGGM, des Kapitalabzugs aus G4S durch die Bill and Melinda  Gates Foundation und des Abzugs gesch\u00e4tzter 21 Millionen Dollar aus HP,  Motorola Solutions und Caterpillar durch die presbyterianische Kirche  der USA.<\/p>\n<p>Es ist eine Bewegung, die an Fahrt gewinnt.<\/p>\n<p>Gewalt erzeugt Gegengewalt und Hass, was wiederum mehr Gewalt und Hass erzeugt.<\/p>\n<p>Uns S\u00fcdafrikanern sind Gewalt und Hass nicht fremd. Wir kennen den  Schmerz, die Au\u00dfenseiter der Welt zu sein; wenn es scheint, als  verst\u00fcnde niemand unsere Perspektive oder w\u00e4re auch nur willens,  zuzuh\u00f6ren. Das sind unsere Wurzeln.<\/p>\n<p>Wir wissen auch um die Vorteile, die uns der Dialog zwischen unseren  Staatsf\u00fchrern schlie\u00dflich gebracht hat; als das Verbot angeblich  \u201cterroristischer\u201d Organisationen aufgehoben und ihre Anf\u00fchrer, darunter  Nelson Mandela, aus Haft, Verbannung und Exil entlassen wurden.<\/p>\n<p>Wir wissen, dass sich die Beweggr\u00fcnde f\u00fcr die Gewalt, die unsere  Gesellschaft zerst\u00f6rt hatte, aufl\u00f6sten und verschwanden, als unsere  politischen F\u00fchrungskr\u00e4fte miteinander zu sprechen begannen. Terrorakte,  die nach Beginn der Gespr\u00e4che begangen wurden \u2013 wie zum Beispiel  Angriffe auf eine Kirche und eine Kneipe \u2013 wurden fast einhellig  verurteilt und der Partei, die man daf\u00fcr verantwortlich machte, wurde an  der Wahlurne die kalte Schulter gezeigt.<\/p>\n<p>Das Hochgef\u00fchl, das unserer ersten gemeinsamen Wahl folgte, war nicht  allein den schwarzen S\u00fcdafrikanern vorbehalten. Der wahre Triumph  unserer friedlichen Einigung war, dass sich alle einbezogen f\u00fchlten. Und  sp\u00e4ter, als wir eine Verfassung vorstellten, die so tolerant,  mitf\u00fchlend und integrativ ist, dass sie Gott stolz machen w\u00fcrde, f\u00fchlten  wir uns alle befreit.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war es hilfreich, dass wir einen Kader herausragender F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten hatten.<\/p>\n<p>Was diese F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten jedoch letztlich zusammen an den  Verhandlungstisch zwang, war die Mischung aus \u00fcberzeugenden,  gewaltfreien Mitteln, die damals eingesetzt worden waren, um S\u00fcdafrika  wirtschaftlich, akademisch, kulturell und psychologisch zu isolieren.<\/p>\n<p>Ab einem gewissen Zeitpunkt \u2013 dem Wendepunkt \u2013 realisierte die  damalige Regierung, dass die Kosten f\u00fcr die Aufrechterhaltung der  Apartheid den Nutzen eindeutig \u00fcberstiegen.<\/p>\n<p>Der R\u00fcckzug verantwortungsbewusster multinationaler Konzerne aus dem  Handel mit S\u00fcdafrika in den 1980ern war schlie\u00dflich einer der  entscheidenden Hebel, der den Apartheidstaat \u2013 ohne Blutvergie\u00dfen \u2013 in  die Knie zwang. Diese Unternehmen sahen ein, dass sie zur  Aufrechterhaltung eines ungerechten Status Quo beitrugen, indem sie zur  Wirtschaft S\u00fcdafrikas beitrugen.<\/p>\n<p>Diejenigen, die weiter mit Israel Handel treiben, die zu einem Gef\u00fchl  der \u201cNormalit\u00e4t\u201d in der israelischen Gesellschaft beitragen, tun den  Menschen in Israel und Pal\u00e4stina damit keinen Gefallen. Sie tragen damit  nur zum Fortbestehen eines zutiefst ungerechten Status quo bei.<\/p>\n<p>Diejenigen aber, die dazu beitragen, Israel f\u00fcr eine gewisse Zeit zu  isolieren, sagen damit, dass Israelis und Pal\u00e4stinenser ein  gleichwertiges Recht auf W\u00fcrde und Frieden haben.<\/p>\n<p>Letztlich werden die Ereignisse der vergangenen Monate im Gazastreifen testen, wer an den Wert der Menschen glaubt.<\/p>\n<p>Es wird immer deutlicher, dass Politiker und Diplomaten einfach keine  Anworten finden und dass die Verantwortung, eine nachhaltige L\u00f6sung f\u00fcr  die Krise im Heiligen Land zu erarbeiten, bei der Zivilgesellschaft und  den Bewohnern Israels und Pal\u00e4stinas selber liegt.<\/p>\n<p>Abgesehen von der j\u00fcngsten Verw\u00fcstung im Gazastreifen sind anst\u00e4ndige  Menschen \u00fcberall \u2013 darunter auch viele in Israel \u2013 zutiefst verst\u00f6rt  von der Tatsache, dass t\u00e4glich die Menschenw\u00fcrde und die  Bewegungsfreiheit der Pal\u00e4stinenser an Kontrollpunkten und  Stra\u00dfensperren verletzt wird. Und die Tatsache, dass Israel die illegale  Besetzung und die Errichtung von Pufferzonen-Siedlungen auf besetztem  Land vorantreibt, versch\u00e4rft die Problematik, eine zuk\u00fcnftige Einigung  zu erarbeiten, die f\u00fcr alle akzeptabel ist.<\/p>\n<p>Der Staat Israel verh\u00e4lt sich, als g\u00e4be es kein Morgen. Seine  Bewohner werden nicht das friedliche und sichere Leben leben, nach dem  sie sich sehnen \u2013 und auf das sie Anrecht haben \u2013 so lange seine F\u00fchrung  Bedingungen aufrechterh\u00e4lt, die den Konflikt am Leben erhalten.<\/p>\n<p>Ich habe diejenigen verurteilt, die in Pal\u00e4stina f\u00fcr das Abfeuern von  Geschossen und Raketen auf Israel verantwortlich waren. Sie sch\u00fcren die  Flammen des Hasses. Ich bin gegen alle Manifestationen der Gewalt.<\/p>\n<p>Aber wir m\u00fcssen uns absolut dar\u00fcber im Klaren sein, dass die  Pal\u00e4stinenser jedes Recht haben, f\u00fcr ihre W\u00fcrde und Freiheit zu k\u00e4mpfen.  Es ist ein Kampf, der von vielen Menschen auf der Welt unterst\u00fctzt  wird.<\/p>\n<p>Kein von Menschen geschaffenes Problem ist unl\u00f6sbar, wenn die  Menschen sich mit der ernsthaften Absicht zusammensetzen, es zu  \u00fcberwinden. Frieden ist  immer m\u00f6glich, wenn die Menschen entschlossen  sind, ihn zu erreichen.<\/p>\n<p>Frieden erfordert von den Menschen in Israel und Pal\u00e4stina, sich  selbst und den anderen als menschliche Wesen anzuerkennen, um ihre  wechselseitige Abh\u00e4ngigkeit zu verstehen.<\/p>\n<p>Raketen, Bomben und ungehobelte Schm\u00e4hungen sind nicht Teil der L\u00f6sung. Es gibt keine milit\u00e4rische L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung k\u00f6nnte wohl eher in dem gewaltlosen Instrumentarium  liegen, das wir in den 1980ern in S\u00fcdafrika entwickelt haben, um die  Regierung von der Notwendigkeit zu \u00fcberzeugen, ihre Politik zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr, dass dieses Instrumentarium \u2013 Boykott, Sanktionen  und Kapitalabzug \u2013 sich letztendlich als effektiv erwiesen hat, war,  dass es eine kritische Masse an Unterst\u00fctzung erhielt, sowohl innerhalb  als auch au\u00dferhalb des Landes. Die Art von Unterst\u00fctzung, die wir in den  vergangenen Wochen auf der ganzen Welt in Bezug auf Pal\u00e4stina  beobachtet haben.<\/p>\n<p>Mein Appell an die Menschen in Israel ist es, \u00fcber den Augenblick  hinauszuschauen, \u00fcber die Wut der andauernden Belagerung  hinauszuschauen, und vielmehr eine Welt zu sehen, in der Israel und  Pal\u00e4stina koexistieren k\u00f6nnen \u2013 eine Welt, in der gegenseitige W\u00fcrde und  Respekt herrschen.<\/p>\n<p>Es erfordert ein Umdenken. Ein Umdenken mit der Erkenntnis, dass  jeder Versuch, den gegenw\u00e4rtigen Status quo aufrechtzuerhalten, k\u00fcnftige  Generationen zu Gewalt und Angst verdammt. Ein Umdenken, das damit  bricht, legitime Kritik an der Politik eines Staates als Angriff auf das  Judentum zu verstehen. Ein Umdenken, das zu Hause beginnt und sich \u00fcber  Gemeinschaften und L\u00e4nder und Regionen ausbreitet \u2013 bis hin zur  Diaspora, die \u00fcber die Welt, die wir teilen, verstreut ist. Die einzige  Welt, die wir teilen.<\/p>\n<p>Menschen, die sich im Streben nach einem gerechten Anliegen  zusammentun, sind nicht aufzuhalten. Gott mischt sich nicht in die  Belange der Menschen ein. Er hofft, dass wir wachsen und lernen, indem  wir unsere Schwierigkeiten und Differenzen selber l\u00f6sen. Aber Gott  schl\u00e4ft nicht. Die j\u00fcdischen Schriften sagen uns, dass Gott vorz\u00fcglich  auf der Seite der Schwachen und der Vertriebenen steht, der Witwe, des  Waisen und des Fremden, der Sklaven freilie\u00df, damit sie auszogen in ein  gelobtes Land. Es war der Prophet Amos, der sagte wir sollen  Gerechtigkeit wie einen Strom flie\u00dfen lassen.<\/p>\n<p>Am Ende setzt sich das Gute durch. Das Streben danach, die Menschen  in Pal\u00e4stina von der Dem\u00fctigung und Verfolgung durch die Politik Israels  zu befreien, ist ein gerechtes Anliegen. Die Menschen in Israel sollten  dieses Anliegen unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Von Nelson Mandela stammt der ber\u00fchmte Ausspruch, die S\u00fcdafrikaner  w\u00fcrden sich nicht frei f\u00fchlen, bis auch die Pal\u00e4stinenser frei sind.<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><strong>Er h\u00e4tte ebenfalls hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnen, dass die Befreiung Pal\u00e4stinas auch Israel befreien wird.<\/strong><\/p>\n<p>https:\/\/secure.avaaz.org\/de\/tutu_to_israelis_free_yourselves\/?1408540199<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erzbischof Emeritus Desmond Tutu ruft in einem exklusiven Artikel f\u00fcr Haaretz zu einem globalen Boykott Israels auf und dr\u00e4ngt Israelis und Pal\u00e4stinenser, jenseits ihrer Staatsf\u00fchrer nach einer nachhaltigen L\u00f6sung der Krise im Heiligen Land zu suchen. 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