{"id":3602,"date":"2014-09-06T09:09:46","date_gmt":"2014-09-06T07:09:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=3602"},"modified":"2014-09-06T09:09:46","modified_gmt":"2014-09-06T07:09:46","slug":"vorrang-fuer-waffensysteme-aus-dem-eigenen-land-ruestungsbranche-in-der-tuerkei-boomt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3602","title":{"rendered":"Vorrang f&#252;r Waffensysteme aus dem eigenen Land &#8211; R&#252;stungsbranche in der T&#252;rkei boomt"},"content":{"rendered":"<h2>Ein Beitrag von Thomas Bormann in der NDR-Sendereihe &#8222;Streitkr\u00e4fte und Strategien&#8220; *<\/h2>\n<p><em><br \/>\n<strong>Joachim Hagen (Moderator):<\/strong><br \/>\nDie T\u00fcrkei ist nach den Vereinigten Staaten das Land mit der  zweitgr\u00f6\u00dften Armee innerhalb der NATO. An den Grenzen zu Syrien und zum  Irak sind zurzeit Tausende von Soldaten im Einsatz &#8211;<!--more--> unterst\u00fctzt auch  von der Bundeswehr, die in der Stadt Kahraman-M\u00e1rasch  Patriot-Abwehrraketen stationiert hat. Auf lange Sicht aber will die  T\u00fcrkei von fremder Hilfe unabh\u00e4ngig werden. Daf\u00fcr hat sie ihren  Verteidigungshaushalt erh\u00f6ht und will ihre heimische R\u00fcstungs-Industrie  ausbauen. Schon jetzt werden viele Panzer, Hubschrauber und  Waffensysteme im eigenen Land produziert. Mehr noch: die T\u00fcrkei m\u00f6chte  zu einem der gr\u00f6\u00dften Exporteure von R\u00fcstungsg\u00fctern werden. Thomas  Bormann berichtet.<\/em><\/p>\n<h3>Thomas Bormann<\/h3>\n<p>Mitte Juni dieses Jahres auf dem Gel\u00e4nde der Kommandantur des t\u00fcrkischen  Heeres in Ankara: Staatspr\u00e4sident G\u00fcl und Ministerpr\u00e4sident Erdogan  lassen sich den neuen Kampfhubschrauber T 129 ATAK vorf\u00fchren. Der  Hubschrauber schwebt eine Zeitlang gut drei Meter \u00fcber dem Boden; fliegt  dann zun\u00e4chst ein St\u00fcck vorw\u00e4rts, danach r\u00fcckw\u00e4rts und schlie\u00dflich  seitw\u00e4rts  \u00fcber den Platz; vor dem Piloten sitzt der Bordsch\u00fctze, der  mit Hilfe des  Bordcomputers das eingebaute Maschinengewehr an der  Unterseite des Hubschraubers in alle Richtungen schwenkt.  Ministerpr\u00e4sident Erdogan ist begeistert:<\/p>\n<p><strong> O-Ton Erdogan (overvoice) <\/strong><br \/>\n<em> \u201eDie meisten Ger\u00e4te und Elemente des Kampfhubschraubers ATAK &#8211; darunter  auch der Bordcomputer &#8211; sind von t\u00fcrkischen Ingenieuren entwickelt  worden.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Der T 129 ATAK ist der Stolz der t\u00fcrkischen Armee, eine  Weiterentwicklung eines italienischen Hubschraubers, er soll jetzt in  gro\u00dfer Serie in der T\u00fcrkei produziert werden:<\/p>\n<p><strong> O-Ton aus Werbefilm (overvoice) <\/strong><br \/>\n<em> \u201eIch bin ATAK.\u201c \u2013 \u201eMein Auftrag: die T\u00fcrkei sch\u00fctzen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Hei\u00dft es im Werbefilm der Herstellerfirma.<\/p>\n<p>Die gesamte t\u00fcrkische R\u00fcstungs-Branche ist auf Expansionskurs. Erdogan  ger\u00e4t ins Schw\u00e4rmen, wenn er all die Neu-Entwicklungen aufz\u00e4hlt, f\u00fcr die  seine Regierung die Auftr\u00e4ge erteilt hatte. Der Kampfhubschrauber ATAK  ist nur eines von vielen Vorzeige-Projekten:<\/p>\n<p><strong> O-Ton Erdogan (overvoice) <\/strong><br \/>\n<em> \u201eAll diese Projekte tragen jetzt ihre Fr\u00fcchte: Unser nationaler Panzer  \u201cALTAY\u201d, unser nationales Kriegschriff \u201cMILGEM\u201d, unsere Drohne \u201cANKA\u201d,  unser Trainingsflugzeug \u201cH\u00dcRKUS\u201d sind nur einige davon.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>Erkl\u00e4rtes Ziel der t\u00fcrkischen Regierung ist es, eine eigene  R\u00fcstungs-Industrie aufzubauen, die alle Sparten der t\u00fcrkischen Armee  ausr\u00fcsten kann: das Heer, die Luftwaffe und die Marine. Die T\u00fcrkei will  nicht mehr auf Importe angewiesen sein und gleichzeitig beweisen, wie  leistungsf\u00e4hig die t\u00fcrkische Wirtschaft ist. Verteidigungsminister Ismet  Yilmaz hat die Zahlen dazu:<\/p>\n<p><strong> O-Ton Yilmaz (overvoice) <\/strong><br \/>\n<em> \u201eVor zehn Jahren noch waren wir zu 80 Prozent vom Ausland abh\u00e4ngig.  Heute ist dieser Anteil unter die 50-Prozent-Marke gesunken.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Der Anteil der Importe soll noch weiter sinken.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei l\u00e4sst sich ohnehin nicht gern in ihre Beschaffungspolitik f\u00fcr  R\u00fcstungsg\u00fcter hineinreden, auch nicht von den NATO-Partnern. Das wurde  vor knapp einem Jahr deutlich, als die t\u00fcrkische Regierung ausgerechnet  in China ein Raketen-Abwehr-System f\u00fcr mehr als drei Milliarden Dollar  bestellte \u2013 gegen den Protest der NATO-Partner.  Noch ist es allerdings m\u00f6glich, dass dieser Deal zwischen der T\u00fcrkei und  China platzt; noch wird verhandelt.<\/p>\n<p>Auf Dauer setzt die T\u00fcrkei darauf, R\u00fcstungsg\u00fcter nicht zu importieren,  sondern sie zu exportieren. Die gro\u00dfen, t\u00fcrkischen R\u00fcstungsbetriebe  haben sich deshalb zu einem Verband zusammengeschlossen, um gemeinsam  den Export von R\u00fcstungsg\u00fctern aus der T\u00fcrkei zu f\u00f6rdern. Deren Chef  L\u00fctfi Aral Alis hofft auf gro\u00dfe Gesch\u00e4fte in naher Zukunft:<\/p>\n<p><strong> O-Ton Alis (overvoice)<\/strong><br \/>\n<em> \u201eEs ist gut, dass sich der t\u00fcrkische Staat beim Einkauf von  Verteidigungsg\u00fctern zunehmend auf einheimische Firmen verl\u00e4sst und dass  die t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte zunehmend t\u00fcrkische Produkte in ihr Inventar  aufnehmen und nutzen. Das steigert die Attraktivit\u00e4t unserer Produkte  auf dem Auslandsmarkt erheblich.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben bereits die Armeen von rund einem Dutzend Staaten  Interesse am neuen Kampfhubschrauber ATAK gezeigt, darunter Libyen,  Saudi-Arabien oder Pakistan. Noch aber gibt es keine konkreten  Bestellungen f\u00fcr den Hubschrauber.<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkische Firma Roketsan ist da schon einen Schritt weiter. Sie  stellt Raketen her, die lasergesteuert von Hubschraubern aus  abgeschossen werden k\u00f6nnen. Vor gut einem Jahr bestellten die  Vereinigten Arabischen Emirate Raketen der Firma Roketsan \u2013  Auftragsvolumen: 196 Millionen Dollar.<\/p>\n<p>Bislang gibt es in der t\u00fcrkischen \u00d6ffentlichkeit keinerlei Diskussion  \u00fcber die Frage, ob t\u00fcrkisches Kriegsger\u00e4t \u00fcberhaupt in Krisenl\u00e4nder  geliefert werden soll. So k\u00f6nnen die t\u00fcrkische Regierung und die  t\u00fcrkische R\u00fcstungs-Industrie weiterhin unbehelligt die Werbetrommel  r\u00fchren f\u00fcr ihre Waffensysteme, ihre Hubschrauber und ihre Panzer.<\/p>\n<p>L\u00fctfi Aral Alis vom Verband der R\u00fcstungs-Exporteure hat also allen Grund, zufrieden zu sein:<\/p>\n<p><strong> O-Ton Alis (overvoice) <\/strong><br \/>\n<em> \u201eIch m\u00f6chte betonen, dass Staat und Privat-Unternehmen sehr gut  zusammenarbeiten, um den Export zu f\u00f6rdern. Unser Verband hat bereits  eine Expertengruppe gegr\u00fcndet, um unsere Produkte weltweit auf den Markt  zu bringen. Und die Regierung hilft privaten Unternehmen bei der  Finanzierung von Exporten. Wir freuen uns, dass die Regierung die  Verteidigungs-Industrie effektiv unterst\u00fctzt.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Ein t\u00fcrkisches Firmenkonsortium stellt Panzer-Haubitzen her, die auf  einem s\u00fcdkoreanischen Modell aufbauen und die die t\u00fcrkische Armee seit  Jahren im Einsatz hat. Diese Haubitzen vom Typ FIRTINA haben ihre  Feuerprobe bereits bestanden, denn sie wurden auch schon im Ernstfall  eingesetzt, n\u00e4mlich im S\u00fcden der T\u00fcrkei, an der fast 900 Kilometer  langen Grenze zu Syrien.<\/p>\n<p>Von Syrien aus schlagen immer wieder Granaten auf t\u00fcrkischem Boden ein.  Vor knapp zwei Jahren wurden bei einem solchen Vorfall in der t\u00fcrkischen  Grenzstadt Akcakale f\u00fcnf Menschen get\u00f6tet: eine Mutter mit ihren drei  Kindern sowie eine Nachbarin der Familie.<\/p>\n<p>Seit diesem Vorfall schie\u00dft die t\u00fcrkische Armee regelm\u00e4\u00dfig zur\u00fcck, wenn   wieder Granaten aus Syrien auf t\u00fcrkischem Boden einschlagen. Dazu  ermittelt die t\u00fcrkische Armee den mutma\u00dflichen Abschussort der syrischen  Granate und schie\u00dft dann auf diese Stellung, zum Beispiel mit einer  Haubitze vom Typ FIRTINA. Diese Erprobung im Ernstfall macht die  Haubitze zu einem begehrten Exportgut. Aserbaidschan hat schon 36 St\u00fcck  in der T\u00fcrkei bestellt; das Gesch\u00e4ft l\u00e4uft also an.<\/p>\n<p>L\u00fctfi Aral Alis vom Verband der R\u00fcstungs-Exporteure ist optimistisch,  dass die T\u00fcrkei ihre hoch gesteckten Ziele erreichen wird und bald in  die erste Liga der weltweiten R\u00fcstungs-Exporteure aufsteigen wird:<\/p>\n<p><strong> O-Ton Alis (overvoice)<\/strong><br \/>\n<em> \u201eDie Projekte und Auftr\u00e4ge, an denen t\u00fcrkische Unternehmen derzeit  arbeiten, deuten darauf hin, dass das Ziel f\u00fcr das Jahr 2023 durchaus  realistisch ist. Zwar hat die T\u00fcrkei noch einen sehr geringen Anteil  innerhalb der globalen Verteidigungsindustrie. Aber bis zum Jahr 2023  wird die T\u00fcrkei zu den gr\u00f6\u00dften Zehn Exporteuren geh\u00f6ren.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>Ein ehrgeiziges Ziel: Die T\u00fcrkei will das Volumen ihres R\u00fcstungs-Exports  innerhalb eines Jahrzehnts um das 18-Fache steigern. In konkreten  Zahlen: im vergangenen Jahr exportierte die T\u00fcrkei R\u00fcstungsg\u00fcter im Wert  von 1,4 Milliarden Dollar. Im Jahr 2023 sollen es 25 Milliarden Dollar  sein.<\/p>\n<p>Im Jahr 2023 wird die Republik T\u00fcrkei 100 Jahre alt. Sie will ihren  Geburtstag als regionale Supermacht feiern; als Land mit einer starken  Armee, als gro\u00dfer R\u00fcstungs-Exporteur.<\/p>\n<p>Der Weg dorthin ist noch weit, aber der Weg ist geebnet, meint  Ministerpr\u00e4sident Erdogan, der vor zwei Monaten bei der Vorstellung des  neuen Kampfhubschraubers ATAK die rosige Zukunft der t\u00fcrkischen  R\u00fcstungs-Industrie beschwor:<\/p>\n<p><strong> O-Ton Erdogan (overvoice) <\/strong><br \/>\n<em> \u201eDieser Hubschrauber wird nur in der T\u00fcrkei gebaut. Von hier aus wird er  dann in andere L\u00e4nder verkauft. Durch das Projekt ATAK ist die T\u00fcrkei  von einem Hubschrauber-Importeur zu einem Land aufgestiegen, das  Hubschrauber herstellt und exportiert. Das ist f\u00fcr uns alle ein gro\u00dfer  Erfolg, ein historischer Schritt.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Jetzt will sich Erdogan zum neuen Staatspr\u00e4sidenten der T\u00fcrkei w\u00e4hlen  lassen. Er hat fest vor, dieses Amt auch im Jubil\u00e4umsjahr 2023 noch  auszu\u00fcben; sein Traum ist, dann Pr\u00e4sident einer stolzen Nation zu sein,  die tats\u00e4chlich zu den gr\u00f6\u00dften R\u00fcstungsproduzenten der Welt z\u00e4hlt.<\/p>\n<p><em>* Aus: NDR Info: Das Forum STREITKR\u00c4FTE UND STRATEGIEN, 9. August 2014; www.ndr.de\/info<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Thomas Bormann in der NDR-Sendereihe &#8222;Streitkr\u00e4fte und Strategien&#8220; * Joachim Hagen (Moderator): Die T\u00fcrkei ist nach den Vereinigten Staaten das Land mit der zweitgr\u00f6\u00dften Armee innerhalb der NATO. 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