{"id":3606,"date":"2014-09-06T09:22:27","date_gmt":"2014-09-06T07:22:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=3606"},"modified":"2014-09-06T09:22:27","modified_gmt":"2014-09-06T07:22:27","slug":"die-grenzen-der-autonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3606","title":{"rendered":"Die Grenzen der Autonomie"},"content":{"rendered":"<h2>Norman Paech: Eine einseitige Sezession in Irak w\u00e4re v\u00f6lkerrechtswidrig<\/h2>\n<p><em>Norman Paech war viele Jahre Mitglied der SPD sowie Professor f\u00fcr  Politische Wissenschaft beziehungsweise \u00d6ffentliches Recht in Hamburg.<!--more--> Zwischen 2005 und 2009 sa\u00df er f\u00fcr die LINKE im Bundestag. \u00dcber den  Konflikt in Irak und Waffenlieferungen an kurdische Peschmerga, die  gegen die Milizen des Islamischen Staates (IS) k\u00e4mpfen, sprach mit ihm  nd-Redakteur Aert van Riel.<\/em><\/p>\n<p><strong> nd: Die Bundesregierung will Waffen an Kurden in Nordirak liefern, die  gegen die IS-Milizen k\u00e4mpfen. Allerdings nur an die Peschmerga, die  Streitkr\u00e4fte der autonomen Region Kurdistan, nicht an die PKK. Warum  wird die PKK weiter als Terrororganisation gesehen? <\/strong><\/p>\n<p>Paech: Das ist der Selbstschutz gegen\u00fcber diplomatischen Initiativen in  der kurdischen Frage in der T\u00fcrkei. Die Staaten Europas weigern sich,  einen politischen Faktor wie die PKK mit in das Kalk\u00fcl der L\u00f6sungen all  der bestehenden politischen Probleme in der Region zu nehmen. Dadurch  l\u00e4hmen sie sich nur selber. Inhaltlich hat die Einordnung der PKK als  Terrororganisation keine Berechtigung mehr.<\/p>\n<p><strong> Immerhin hilft die PKK genau wie die Peschmerga beim Schutz von Minderheiten in Irak vor dem IS. <\/strong><\/p>\n<p>Trotzdem gibt es zwischen den Peschmerga und der PKK gro\u00dfe Unterschiede.  Die Beziehungen zwischen beiden Organisationen sind traditionell nicht  sehr gut. Das liegt daran, dass die Peschmerga unter Masud Barzani, dem  Pr\u00e4sidenten der Autonomen Region Kurdistan in Nordirak, mit der T\u00fcrkei  und den USA kooperiert haben. Das sind die Protagonisten, die gegen die  PKK sind. Die PKK ist in den aktuellen Konflikt hineingezogen worden,  weil sie mit den syrischen Kurden, der PYD, zusammen einen Korridor f\u00fcr  die Jesiden freigek\u00e4mpft haben, der nicht auf t\u00fcrkischem Gebiet liegt.  Es gibt traditionell gute Beziehungen zwischen der PKK aus Nordkurdistan  mit den westsyrischen Kurden, aber immer wieder Auseinandersetzungen  mit den Peschmerga in S\u00fcdkurdistan.<\/p>\n<p><strong> Sind Waffenlieferungen an nichtstaatliche K\u00e4mpfer v\u00f6lkerrechtlich \u00fcberhaupt zul\u00e4ssig? <\/strong><\/p>\n<p>V\u00f6lkerrechtlich wird dar\u00fcber nichts gesagt. Das ist nirgendwo geregelt.  Die Frage ist, in was f\u00fcr einen Kriegszustand man sich damit begibt. In  diesem Fall wird man sagen, man wird nur zur Verteidigung Waffen  verteilen. Wenn man sowohl von Mossul als auch von Bagdad darum gebeten  worden ist, wie das hier auch behauptet wird, ist da v\u00f6lkerrechtlich  also nichts gegen zu sagen. Das ist dann eine politische Entscheidung.<\/p>\n<p><strong> Sind diese Waffenlieferungen also auch legitim?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage nach der Legitimit\u00e4t ist eine politische Frage. Da kann man  unterschiedlicher Ansicht sein. Ich halte die Waffenlieferungen f\u00fcr  falsch. Das Beste w\u00e4re, wenn der UN-Sicherheitsrat eine Empfehlung  aussprechen w\u00fcrde, was man in diesem Fall unternehmen m\u00fcsste. Dann w\u00e4re  die Legitimit\u00e4t eines solchen Verfahrens zweifellos gegeben.<\/p>\n<p><strong> In der kommenden Woche wird sich der Bundestag mit den Waffenlieferungen  besch\u00e4ftigen, doch die Koalition h\u00e4lt ein Mandat nicht f\u00fcr notwendig.  Zurecht?<\/strong><\/p>\n<p>Aktuell ist die Situation so, dass eine Zustimmung juristisch nicht  erforderlich ist. Anders ist es aber aus meiner Sicht, wenn die  Bundesregierung zugleich anbieten sollte, mit den Waffen auch deutsche  Soldaten zu entsenden, die diese Waffen bedienen und Leute daran  ausbilden k\u00f6nnen. In diesem Fall w\u00e4re ein Mandat des Bundestags  notwendig. Allerdings hat sich das deutsche Parlament bei allen  bisherigen Auslandseins\u00e4tzen noch nie gegen eine Entscheidung der  Bundesregierung gewandt. Das wird auch bei den Waffenlieferungen nicht  geschehen. Die Gro\u00dfe Koalition h\u00e4tte dann eine zus\u00e4tzliche Legitimation  f\u00fcr ihre au\u00dferordentlich heikle Mission.<\/p>\n<p><strong> Sollte die Bundesregierung die Waffenlieferungen an Bedingungen kn\u00fcpfen?<\/strong><\/p>\n<p>Das w\u00e4re zwar sinnvoll, aber die Frage ist, ob diese dann auch  eingehalten werden. Die Bundesregierung hat bisher immer Einschr\u00e4nkungen  und Benutzungsbedingungen f\u00fcr die Staaten, die Waffen erhalten,  formuliert. Diese wurden aber nicht eingehalten. Es ist auch schwierig,  in einem fremden Kampfgebiet informiert zu bleiben, was mit den Waffen  geschieht. Selbst dann, wenn die Peschmerga die Waffen lediglich zur  Selbstverteidigung gegen die Milizen des IS benutzen, besteht die  Gefahr, dass diese vom IS erobert und wieder angewendet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong> Die Kurden in Nordirak k\u00f6nnten bald einen eigenen Staat gr\u00fcnden. W\u00e4re das v\u00f6lkerrechtlich gedeckt?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist in der Tat die Bef\u00fcrchtung, weil Barzani dies bereits  angek\u00fcndigt hat. Wenn er seine zus\u00e4tzlichen Waffen nutzt, um diese gegen  Bagdad zu richten, w\u00e4re das v\u00f6lkerrechtswidrig. Wir haben dann eine  \u00e4hnliche Situation wie in Kosovo oder auf der Krim. Einseitige  Sezessionen sind v\u00f6lkerrechtswidrig. Sie zerst\u00f6ren die territoriale  Integrit\u00e4t eines Staates. Eine Sezession w\u00e4re nur in Abstimmung mit der  Regierung in Bagdad zul\u00e4ssig. Der gesamte Staat muss dar\u00fcber  entscheiden. So geschieht es derzeit etwa in Gro\u00dfbritannien, wo sich  viele Schotten abspalten wollen. Andere Beispiele sind Sudan oder die  Tschechoslowakei, wo sich Tschechen und Slowaken getrennt haben.<\/p>\n<p><strong> Die nordirakischen Kurden k\u00f6nnten sich jedoch auf das Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker berufen.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist ein Recht, das sie zweifelsohne haben. Darauf haben sich auch  die Kurden in der T\u00fcrkei berufen. Dieses zentrale Recht, das jedes Volk  hat, ist nur in diesen Zeiten nicht mehr ohne weiteres zur einseitigen  Sezession zu benutzen. Es beschr\u00e4nkt sich darauf \u2013 das ist infolge der  antikolonialen Befreiungskriege v\u00f6lkerrechtlich so fixiert und durch die  UNO anerkannt worden \u2013 dass es eine Selbstbestimmung innerhalb der  staatlichen Grenzen gibt. Das hei\u00dft, die Identit\u00e4t sowie die  kulturellen, \u00f6konomischen und politischen Rechte, die man innerhalb  dieser Grenzen beansprucht, m\u00fcssen anerkannt werden. Es geht um die  Gleichberechtigung jedes Volkes, aber nur innerhalb der bestehenden  staatlichen Grenzen.<\/p>\n<p><strong> Kann Irak noch als funktionierender und souver\u00e4ner Staat gesehen werden?  Handelt es sich nicht eher um ein Gebilde, das bereits zerf\u00e4llt?<\/strong><\/p>\n<p>Das muss man juristisch und politisch unterschiedlich betrachten.  Politisch ist es so, dass der Staat seit dem v\u00f6lkerrechtswidrigen  \u00dcberfall der USA zerst\u00f6rt worden ist. Man wollte eine neue Regierung.  Dadurch hat man die gesamte Gesellschaft aus den Angeln gehoben. Man  kann zurecht sagen, dass ein Regime wie das unter Maliki in Bagdad wie  ein Protektorat oder wie ein Vasallenregime funktionierte. Man kann alle  Zweifel daran haben, dass es \u00fcberhaupt eine politische Souver\u00e4nit\u00e4t  vorweist. Juristisch ist Irak aber nach wie vor ein vollsouver\u00e4ner  Staat, bei allen politischen Problemen, die es intern gibt. Irak hat  klar definierte Grenzen, die nicht gegen den Willen Iraks ver\u00e4ndert  werden d\u00fcrfen. Es gibt zudem eine Zentralmacht in Bagdad, so schwach und  korrupt sie auch sein mag. V\u00f6lkerrechtlich muss man die Souver\u00e4nit\u00e4t  dieses Staates derart respektieren, dass man dort nicht beliebig  intervenieren kann.<\/p>\n<p><strong> Liegt die Zukunft Iraks und der Region vielmehr in f\u00f6deralen Strukturen, wo den ethnischen Gruppen mehr Rechte gew\u00e4hrt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Die Kurden in der T\u00fcrkei haben sich, nachdem sie unter \u00d6calan 1995  auf ihre eigene Staatlichkeit verzichtet hatten, darauf berufen, eine  f\u00f6derale Struktur in der T\u00fcrkei zu schaffen. Das Projekt von \u00d6calan ist,  im Nahen und Mittleren Osten mit den dortigen V\u00f6lkern eine Struktur  aufzubauen, die sich nicht mehr an traditionelle Grenzen h\u00e4lt. Das ist  auch ein Projekt f\u00fcr eine Demokratisierung. Das w\u00fcrde nicht nur Kurden  betreffen, sondern auch Araber, Iraner, Tscherkessen, Aram\u00e4er und  andere. Eine neue Struktur soll diesen Gruppen die gleichen Rechte  bieten.<\/p>\n<p><strong> Das ist offensichtlich ein langfristiges Projekt, dessen Umsetzung nicht leicht sein wird?<\/strong><\/p>\n<p>Zweifelsohne hat es viele Hindernisse der politischen Konkurrenz zu  \u00fcberwinden. Aber das Projekt hat vieles f\u00fcr sich. Denn es birgt den Keim  einer neuen Friedensordnung in sich. Eine weitere Voraussetzung hierf\u00fcr  w\u00e4re, dass sich die ausl\u00e4ndischen M\u00e4chte wie EU, USA und NATO aus der  Region zur\u00fcckziehen und ihr Interesse an der \u00d6l- und Gasversorgung nicht  mit den Mitteln durchsetzen, die sie bisher angewendet haben.<\/p>\n<p><em>* Aus: neues deutschland (online-Ausgabe);  www.neues-deutschland.de\/artikel\/943919.die-grenzen-der-autonomie.html;  eine gek\u00fcrzte Fassung erschien in der Printausgabe des nd vom 28. August  2014.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Norman Paech: Eine einseitige Sezession in Irak w\u00e4re v\u00f6lkerrechtswidrig Norman Paech war viele Jahre Mitglied der SPD sowie Professor f\u00fcr Politische Wissenschaft beziehungsweise \u00d6ffentliches Recht in Hamburg.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3606","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3606","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3606"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3606\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}