{"id":3642,"date":"2014-10-09T19:13:05","date_gmt":"2014-10-09T17:13:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=3642"},"modified":"2014-10-09T19:13:05","modified_gmt":"2014-10-09T17:13:05","slug":"kurdenphobie-und-der-kampf-um-kobane","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3642","title":{"rendered":"Kurdenphobie und der Kampf um Kobane"},"content":{"rendered":"<h2>F\u00fcr die t\u00fcrkische Politik bleibt die PKK eine gr\u00f6\u00dfere Gefahr als der &#8222;Islamische Staat&#8220;<\/h2>\n<p><strong>Von Jan Keetman *<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Terrormiliz \u00bbIslamischer Staat\u00ab die syrische Stadt Kobane  einschlie\u00dft, gibt die Politik der T\u00fcrkei reichlich Fragen auf. <!--more--><\/p>\n<p>Als vergangenen Donnerstag das t\u00fcrkische Parlament die Regierung  erm\u00e4chtigte, in Syrien und Irak milit\u00e4risch einzugreifen, wurde das in  westlichen L\u00e4ndern selbstverst\u00e4ndlich als Auftakt einer t\u00fcrkischen  Beteiligung am Krieg gegen den \u00bbIslamischen Staat\u00ab (IS) gesehen. Am  Abend erkl\u00e4rte dann der t\u00fcrkische Ministerpr\u00e4sident Ahmet Davutoglu,  seine Regierung werde alles in ihrer Macht Stehende tun, damit die hei\u00df  umk\u00e4mpfte kurdische Enklave Kobane an der t\u00fcrkischen Grenze nicht in die  Hand der Dschihadisten f\u00e4llt.<\/p>\n<p>\u00dcber das Wochenende nahm IS Kobane unter Dauerbeschuss, Panzer der  Terrormiliz fuhren entlang dem Grenzzaun zur T\u00fcrkei auf. Wohl um diese  in bew\u00e4hrter Weise in Panik zu versetzen, stellte der IS ein Video ins  Internet, das zeigt, wie Kurdinnen der Kopf abgeschnitten wird.<\/p>\n<p>Trotz allem hielt Kobane zun\u00e4chst stand. Dazu trugen verst\u00e4rkte  US-amerikanische Luftangriffe bei, aber vor allem der z\u00e4he Widerstand  der K\u00e4mpferinnen und K\u00e4mpfer am Boden. Im beginnenden H\u00e4userkampf sind  die Panzer des IS auch weniger effektiv als auf freiem Feld. Trotzdem  ist die Lage sehr kritisch.<\/p>\n<p>Nur eines hat man in den vergangenen Tagen nicht gesehen: irgendeine  Ma\u00dfnahme der t\u00fcrkischen Beh\u00f6rden, um die von Davutoglu angek\u00fcndigte  Unterst\u00fctzung der Kurden in Kobane umzusetzen. Wenn man den Reden von  Davutoglu und Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan lauscht, so wird auch klar,  dass ihnen die Angreifer in Kobane weit weniger Sorgen bereiten als die  Verteidiger, denn deren Miliz YPG ist ein direkter Seitenarm der PKK.  Dass Letztere sich aus der T\u00fcrkei zur\u00fcckgezogen hat und auf einen  Friedensprozess hofft, scheint in den Augen Ankaras nichts an ihrer  potenziellen Gef\u00e4hrlichkeit zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Wie wenig Ankara den IS als die eigentliche Gefahr wahrnimmt, zeigt auch  ein anderes Indiz. Demonstrationen von Gegnern des IS in Istanbul  werden von der Polizei regelm\u00e4\u00dfig angegriffen, nur die Sympathisanten  des IS k\u00f6nnen im Zentrum Istanbuls ungehindert demonstrieren, meint  G\u00fcrkan \u00d6zturan von der t\u00fcrkischen Piraten-Partei.<\/p>\n<p>Wenn man die Reden und Vorschl\u00e4ge des Regierungslagers zusammennimmt, so  kristallisiert sich heraus, dass man die PKK noch immer als die gr\u00f6\u00dfte  Gefahr in der Region sieht, dass der Sturz des Assad-Regimes in Syrien  die n\u00e4chste Priorit\u00e4t ist und dass man annimmt, dass sich dann alles  andere von selbst erledigt. Den USA wirft man vor, kein Konzept f\u00fcr  einen dauerhaften Frieden in Irak und Syrien zu haben. Letztendlich  macht man die USA f\u00fcr das Auftreten des IS verantwortlich. Dieser  Vorwurf kann von der abstrakten Ebene \u2013 nach der Devise \u00bbFalsche Politik  f\u00fchrt zu falschen Ergebnissen\u00ab \u2013 rasch in eine direkte Anschuldigung  gewendet werden, wonach der IS in Wirklichkeit ein Instrument der  westlichen Politik ist.<\/p>\n<p>So fragt der t\u00fcrkische Verkehrs- und Kommunikationsminister L\u00fctfi Elvan  demonstrativ: \u00bbK\u00f6nnten die USA und die westlichen M\u00e4chte die  Terrororganisation denn nicht in kurzer Zeit stoppen, so sie denn  wollten?\u00ab Die suggerierte Antwort ist klar und die Welt wieder in  Ordnung.<\/p>\n<p>Wenn der IS schon eine Terrororganisation ist, dann ist sie eine  Sch\u00f6pfung des Westens. Muslime sind unter allen Umst\u00e4nden die Guten und  die Unterdr\u00fcckten.<\/p>\n<p>Ausgerechnet der US-amerikanische Vizepr\u00e4sident Joe Biden hat nun Ankara  noch weitere Gr\u00fcnde f\u00fcr das Stillhalten in Sachen Kobane geliefert. In  einer Rede an der Harvard University sagte Biden, das gr\u00f6\u00dfte Problem  seien die Verb\u00fcndeten der USA, insbesondere die T\u00fcrkei. Erdogan habe ihm  gegen\u00fcber selbst einger\u00e4umt, dass seine Syrienpolitik ein Fehler  gewesen sei. Biden r\u00fcckte dies in den Zusammenhang der Unterst\u00fctzung  radikaler islamischer Gruppen wie IS. Erdogan reagierte scharf. Wenn  Biden das gesagt habe, so sei er \u00bbein Mann von gestern\u00ab f\u00fcr ihn.<\/p>\n<p>Ein handfester Streit mit der T\u00fcrkei ist das Letzte, was die  US-Regierung derzeit brauchen kann. Also griff Biden zum Telefonh\u00f6rer  und entschuldigte sich bei Erdogan. Der Vorfall wird nun in den  t\u00fcrkischen Medien als Beispiel daf\u00fcr genutzt, wie wenig man westlichen  Politikern trauen kann. Die T\u00fcrkei k\u00f6nne sich nicht auf die USA und die  anderen Verb\u00fcndeten verlassen, wenn deren Worte und Strategien fast  jeden Monat wechseln w\u00fcrden, schreibt etwa Murat Yetkin in der Zeitung  \u00bbRadikal\u00ab. \u00bbDie gehen eines Tages wieder, aber wir bleiben hier.\u00ab<\/p>\n<p>Wenn Kobane f\u00e4llt, so wird man nicht nur Davutoglu fragen m\u00fcssen, warum  er sein Hilfsversprechen nicht umgesetzt hat, sondern auch Obama, warum  die USA so z\u00f6gerlich waren. Die Antwort k\u00f6nnte sein, dass auch die  US-Regierung dem Irrtum unterlag, die T\u00fcrkei wolle wirklich eingreifen  und dass deshalb Pl\u00e4ne zur Unterst\u00fctzung der Kurden zur\u00fcckgestellt  wurden.<\/p>\n<p><em>* Aus: neues deutschland, Dienstag, 7. Oktober 2014<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die t\u00fcrkische Politik bleibt die PKK eine gr\u00f6\u00dfere Gefahr als der &#8222;Islamische Staat&#8220; Von Jan Keetman * W\u00e4hrend die Terrormiliz \u00bbIslamischer Staat\u00ab die syrische Stadt Kobane einschlie\u00dft, gibt die Politik der T\u00fcrkei reichlich Fragen auf.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3642","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3642","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3642"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3642\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3642"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3642"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3642"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}