{"id":3781,"date":"2015-01-19T09:35:53","date_gmt":"2015-01-19T07:35:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=3781"},"modified":"2015-01-19T09:35:53","modified_gmt":"2015-01-19T07:35:53","slug":"vom-kalifat-in-den-11-pariser-bezirk-die-rueckkehr-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3781","title":{"rendered":"Vom \u201eKalifat\u201c in den 11. Pariser Bezirk: Die R&#252;ckkehr des Krieges"},"content":{"rendered":"<address><em>von Hannes Hofbauer* <\/em><\/address>\n<p>Was  schwirren nicht f\u00fcr Ans\u00e4tze zur Erkl\u00e4rung des schrecklichen Attentats  gegen die Redaktion des franz\u00f6sischen Satireblattes \u201eCharlie Hebdo\u201c  durch die Medien! Die unterstellten Motive reichen von religi\u00f6sem  Fanatismus \u00fcber verletzte Gottesfurcht bis zur ger\u00e4chten  Prophetenl\u00e4sterung.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei die  Mohammed-Karikaturen, die das Wochenblatt seit Jahren publiziert und  damit seinen anti-religi\u00f6sen Charakter unterstreicht. Diese Karikaturen  sollen radikale Muslime zur Untat provoziert haben, die mit ihnen  einhergehende Ehrverletzung des Propheten Mohammed sei ger\u00e4cht worden,  wie es einer der M\u00f6rder laut Zeugin in perfektem Franz\u00f6sisch gerufen  habe. F\u00fcr eine oberfl\u00e4chliche Betrachtung mag eine solche Analyse  ausreichen, Hintergr\u00fcnde der Tat werden damit allerdings nicht erhellt.<br \/>\nOhne den Krieg, den der Westen seit \u00fcber 20 Jahren in der arabischen  Welt f\u00fchrt, ist das Attentat von Paris nicht zu verstehen. Ohne die  Tausenden und Abertausenden von Toten, die westliche Milit\u00e4rallianzen  unter Muslimen vom Zweistromland bis Mali zu verantworten haben, g\u00e4be es  die Toten in der Cafeteria von Sydney und in der Redaktionssitzung bei  \u201eCharlie Hebdo\u201c nicht. Das ist die einfache, bittere und in den Medien  der Meinungsmache tunlichst vermiedene Wahrheit.<\/p>\n<p><strong>Frankreich an vorderster Front<\/strong><\/p>\n<p>Seit  der \u201eOperation W\u00fcstensturm\u201c, mit der eine von den USA angef\u00fchrte  Koalition aus \u00fcber 30 Staaten gegen den Irak des Saddam Hussein im Jahre  1991 den Krieg in den Nahen Osten gebracht hat, ist Frankreich an  vorderster Front mit dabei. Dabei ging es in den Jahren seither mal  gegen laizistische Regime und mal gegen dschihadistische Gotteskrieger,  mit einem Wort: es ging um die (geo)politische und wirtschaftliche  Kontrolle des Raumes. Die Mittel zur Durchsetzung: Fliegerangriffe mit  schweren Bombern, Cruise Missiles, Streubomben, Uran-Munition, Drohnen,  verdeckte Kampfeins\u00e4tze und \u2013 fallweise \u2013 massive Bodentruppen. Die  Folge vor Ort: Vom Irak \u00fcber Syrien, Jemen und Libyen bis Mali wurden  ganze Generationen mit Krieg \u00fcberzogen; statt jeweils versprochener  Freiheit kamen Tod und Verderben.<\/p>\n<p>Paris hat sich \u2013 mit  der Ausnahme des sogenannten \u201edritten Golfkrieges\u201c 2003 \u2013 an all den  Waffeng\u00e4ngen vom Nahen Osten bis Nordafrika beteiligt. Die \u201eOperation  Harmattan\u201c seit M\u00e4rz 2011 destabilisierte Libyen; mit der \u201eOperation  S\u00e9rval\u201c im Januar 2013 griff man dschihadistische Kr\u00e4fte in Mali an und  deckte Massenerschie\u00dfungen der \u00f6rtlichen Armee; seit dem Giftgaseinsatz  im syrischen B\u00fcrgerkrieg, dessen Urheberschaft ungekl\u00e4rt blieb, ist der  Elys\u00e9e-Palast zum treuesten Verb\u00fcndeten der USA geworden und k\u00e4mpft f\u00fcr  einen Regimewechsel in Syrien; und seit der Ausrufung eines \u201eKalifats\u201c  im Sommer 2014 beteiligt sich Frankreich an der milit\u00e4rischen Allianz  dagegen.<\/p>\n<p>Zur aktuellen au\u00dfen- bzw. geopolitischen Lage,  die radikale Muslime den von der westlichen Allianz betriebenen Krieg an  der Peripherie ins Zentrum tragen l\u00e4sst, gesellen sich insbesondere in  Frankreich innenpolitische Gr\u00fcnde, die dschihadistisch indoktrinierte  Muslime zur Waffe greifen lassen. Diese reichen von einer Gesetzgebung  wie der \u201eloi M\u00e9kach\u00e9ra\u201c aus 2005, die die Beleidigung von Angeh\u00f6rigen  franz\u00f6sischer Hilfstruppen w\u00e4hrend der Kolonialzeit in Algerien unter  Strafe stellt, \u00fcber Verbotsgesetze betreffend islamischer  Kleidervorschriften bis hin zur anti-muslimischen Stimmung, die von der  Hetze der \u201eFront national\u201c bis zu der Respektlosigkeit der  Propheten-Karikaturen reicht.<\/p>\n<p><strong>Erodierendes staatliches Gewaltmonopol<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberall  dort, wo westliche Bomber im Einsatz waren und sind, hinterlassen sie  nicht nur Tod und Verderben, Verzweiflung und Hass, sondern auch  staatlichen Zerfall. Dies ist im Irak ebenso der Fall wie in Syrien,  Libyen, Jemen oder Mali. Tats\u00e4chlich zielen die manchmal nicht einmal  als solche erkl\u00e4rten Kriege der Westallianz offen auf das jeweilige  Gewaltmonopol missliebiger Regime oder dschihadistischer territorialer  Konsolidierungsversuche. Mit den Sch\u00fcssen im 11. Pariser Bezirk stellt  sich die Frage des staatlichen Gewaltmonopols nun auch im westlichen  Zentrum. Die kriegerische Art der Durchf\u00fchrung des Attentates gegen  \u201eCharlie Hebdo\u201c bringt nicht nur Tod und Verderben in eine der  Hauptst\u00e4dte der Politik imperialer Interventionen zur\u00fcck, sondern stellt  auch die Schutzfunktion des franz\u00f6sischen Staates generell in Frage  oder \u2013 wie Pr\u00e4sident Fran\u00e7ois Hollande es ausdr\u00fcckte \u2013 traf Frankreich  ins Herz.<\/p>\n<p>Die fortgesetzte Weigerung westlicher Medien  und Politik, den Anschlag von Paris als Antwort auf die eigenen  Aggressionskriege klar zu benennen, l\u00e4sst weitere Eskalationen f\u00fcr die  Zukunft bef\u00fcrchten. Der Krieg, so haben es die Attent\u00e4ter von Paris  einmal mehr deutlich gemacht, h\u00f6rt nicht an der ohnedies undefinierbaren  Grenze zum \u201eKalifat\u201c auf; und in der von westlichen Allianzen  zerst\u00f6rten Staatlichkeit in Irak, Syrien und Libyen spiegelt sich das  erodierende Gewaltmonopol im Zentrum.<\/p>\n<p>Manche m\u00f6gen es  als eine Ironie lesen, dass ausgerechnet radikale Muslime, die der  Westen einst f\u00fcr den Angriff auf laizistische Regime in Nahost und  Nordafrika instrumentalisierte, sich nun als Speerspitze gegen ihn  selbst wenden. Doch die Geschichte ist voll solcher \u2013 vermeintlichen \u2013  Paradoxe, bei denen Herrschaft die Geister, die sie rief, nicht mehr los  wird.<\/p>\n<p>*Hannes Hofbauer lebt als Publizist und Verleger in Wien. Zuletzt ist von ihm erschienen: <a href=\"http:\/\/www.mediashop.at\/typolight\/index.php\/buecher\/items\/hannes-hofbauer---die-diktatur-des-kapitals\" target=\"_blank\">Die Diktatur des Kapitals. Souver\u00e4nit\u00e4tsverlust im postdemokratischen Zeitalter<\/a><\/p>\n<p>Eingestellt von Imad Mustafa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hannes Hofbauer* Was schwirren nicht f\u00fcr Ans\u00e4tze zur Erkl\u00e4rung des schrecklichen Attentats gegen die Redaktion des franz\u00f6sischen Satireblattes \u201eCharlie Hebdo\u201c durch die Medien! 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