{"id":3794,"date":"2015-02-03T07:53:07","date_gmt":"2015-02-03T05:53:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=3794"},"modified":"2015-02-03T07:53:07","modified_gmt":"2015-02-03T05:53:07","slug":"interview-mit-antirassismusexpertin-dr-rommelspacher-d-in-graz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3794","title":{"rendered":"Interview mit Antirassismusexpertin Dr. Rommelspacher (D) in Graz"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><span style=\"font-size: 14px;\"><strong><em> &#8230;der Landeshauptmann (SP\u00d6) meint, man m\u00fcsse \u201eIntegrationsunwilligkeit\u201c sanktionieren. Dann ist das genau der falsche Weg.<br \/>\n<\/em><\/strong><em> <\/em><br \/>\nGenau der falsche Weg! Es muss der Widerstand gegen so etwas auf allen  Ebenen passieren. Ob das Kunst, Kultur sind, die Bildungsinstitutionen,  Schulen  m\u00fcssen sich dagegen positionieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14px;\"><!--more--><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Dr.  in Birgit Rommelspacher ist Professorin f\u00fcr Psychologie mit dem  Schwerpunkt Interkulturalti\u00e4t und Geschlechterstudien an der Alice  Salomon Hochschule Berlin.<\/p><\/div>\n<p><span style=\"font-size: 14px;\">Graz\/Haber  Journal &#8211; Am 22.1.2015 war sie  auf Einladung der Selbstorganisation  SOMM in Graz und hat auf der FH Joanneum zum Thema \u201eDominanzkultur und  Soziale Arbeit\u201c* referiert. Frau Rommelspacher hat im Interview zu  einigen brennenden aktuellen Fragen Stellung genommen:<\/p>\n<p><strong><em>Frau Rommelspacher, mit ihren Forschungen zu Dominanzkultur  setzen Sie sich seit langem gegen Diskriminierung und Rassismus ein.  Doch es scheint, dass  statt einer Verbesserung durch  Bewusstseinsver\u00e4nderung wir immer mehr Rassismus in den europ\u00e4ischen  Gesellschaften erleben. Wie sehen Sie das?<br \/>\n<\/em><\/strong><em> <\/em><br \/>\nIch finde es sehr schwer, solche Trendaussagen zu machen. Es wird heute  viel mehr \u00fcber Rassismus gesprochen. Vor 10-20 Jahren war der Begriff  Rassismus verp\u00f6nt. Er war f\u00fcr Extremformen, wie den Nationalsozialismus  reserviert. Man sprach allenfalls von Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, aber nicht  von Rassismus. Heute ist Rassismus viel mehr ein \u00f6ffentliches Thema. Er  wird als eine Form der Diskriminierung gesehen, die allt\u00e4glich ist. Die  Wei\u00dfen Mehrheitsangeh\u00f6rigen m\u00fcssen sich dar\u00fcber im Klaren sein, dass  sie alle mit rassistischen Strukturen und Bildern sozialisiert worden  sind. Dieses Bewusstsein ist heute sehr viel pr\u00e4senter.<\/p>\n<p>Ob es mehr Rassismus gibt, ist schwer einzusch\u00e4tzen. Es gibt zwar diese  immens gro\u00dfen Pegida-Demonstrationen in Deutschland gegen \u201edie  Islamisierung\u201c. Gleichzeitig gibt es immer sehr viel mehr Leute, die  dagegen demonstrieren.<br \/>\nEin Beispiel: Vor kurzem war 10-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um des  B\u00fcndnis  Opferperspektiven in Brandenburg \u2013 dort gab es die meisten \u00dcbergriffe  auf Schwarze Menschen und Minderheitsangeh\u00f6rige in der ganzen  Bundesrepublik. Daraufhin sind viele Initiativen von Opferperspektiven  entstanden, unterst\u00fctzt von Seiten der Landesregierung. Heute ist es so,  dass es in jeder Stadt, in jedem Dorf Gegenbewegungen gibt, wenn  Rechtsgerichtete auftauchten.  Die sind nicht verschwunden, aber die  Initiativen lassen nicht locker, sie fordern den B\u00fcrgermeister, die  Lehrer, die Eltern zum Handeln auf. Das ist als Erfolg zu verbuchen,  weil die Zahl der \u00dcbergriffe auf als \u201efremd\u201c konstruierte Personen weit  zur\u00fcckgegangen ist.<\/p>\n<p><strong><em>Die Polarisierungen k\u00f6nnen also durchaus positiv interpretiert werden\u2026<br \/>\n<\/em><\/strong><em> <\/em><br \/>\nJa, weil es die Gegenbewegungen gibt. In anderen Bundesl\u00e4ndern, wie zum  Beispiel Sachsen, schaut es anders aus. Da gibt es auch Initiativen und  Projekte, aber die Landesregierung gibt nichts dazu, und was ist jetzt?  Sachsen ist das Zentrum der Pegida-Bewegung. Da ist nichts gemacht  worden. Das heisst, es gibt den Optimismus, dass die Programme und  Initiativen erfolgreich sind.<\/p>\n<p><strong><em>In der Steiermark scheint jetzt genau das Gegenteil zu  passieren, wenn der Landeshauptmann (SP\u00d6) meint, man m\u00fcsse  \u201eIntegrationsunwilligkeit\u201c sanktionieren. Dann ist das genau der falsche  Weg.<br \/>\n<\/em><\/strong><em> <\/em><br \/>\nGenau der falsche Weg! Es muss der Widerstand gegen so etwas auf allen  Ebenen passieren. Ob das Kunst, Kultur sind, die Bildungsinstitutionen,  Schulen  m\u00fcssen sich dagegen positionieren.<\/p>\n<p><strong><em>Von dem Argument, den rechten Parteien so den Wind aus den Segeln zu nehmen, halten Sie also  gar nichts.<br \/>\n<\/em><\/strong><em><br \/>\n<\/em>Nein, im Gegenteil! Die ganze Gesellschaft muss mobilisiert werden,  bewusst gemacht werden \u00fcber das Problem des Rassismus. Es soll  aufgefordert werden, dagegen aufzustehen, ob das im Familienkreis ist  oder in der Nachbarschaft. Selbst in der Familie braucht es manchmal  Mut, um dagegen aufzustehen. Das Alltagsleben, die Alltagskultur muss  von diesem Widerstand durchdrungen werden.<\/p>\n<p><strong><em>Dazu braucht es auch eine differenzierte Diskussion \u00fcber den sogenannten Islamismus.<br \/>\n<\/em><\/strong><em><br \/>\n<\/em>Ich denke Aufkl\u00e4rung \u00fcber \u201eden Islam\u201c, den es ja als solchen nicht  gibt, ist die eine Seite, es gibt ja hunderte verschiedene Spielarten.  Die Mehrheitsgesellschaft und jede\/r einzelne muss sich fragen: Wie  kommt man auf solche irrsinnigen Vorstellungen wie der Islam w\u00fcrde das  Abendland \u00fcbernehmen? Das sind ja Phantasmen. Vor zwanzig Jahren gab es  so etwas gar nicht. Solche Ideen werden gesch\u00fcrt und wir hatten ja auch  in Deutschland wie \u00d6sterreich eine permanente antiislamische Literatur:  Sarazin hat seine B\u00fccher massenweise verkauft, Alice Schwarzer, Broder \u2013  SchriftstellerInnen, die st\u00e4ndig gegen den Islam polemisiert haben! Und  manchmal geht die Saat auf. Das wurde richtig hochgekocht und von daher  braucht man sich nicht wundern.<br \/>\n<em><br \/>\n<strong>Zuletzt waren in den Medien in \u00d6sterreich immer wieder  Jugendliche, die in den Krieg ziehen, das Thema. Wenn auch medial  hochgekocht, macht das schon Sorgen. Es wird mit Polizeigewalt begegnet  und Beratungsstellen eingerichtet. Haben Sie andere Ideen, was zu tun  ist?<br \/>\n<\/strong> <\/em><br \/>\nZun\u00e4chst: eine bestimmte Gruppe von zumeist m\u00e4nnlichen Jugendlichen hat  es schon immer  gegeben, die zum Beispiel zur Fremdenlegion gegangen  sind oder in den Jugoslawienkrieg. Es gibt immer einen bestimmten  Prozentsatz von jungen M\u00e4nnern, die mit ihrem Leben hier nicht zurecht  kommen und Gewalt aus\u00fcben wollen. Das wird sich nie ganz vermeiden  lassen. Jetzt ist eben der IS dran. Das ist ein Problem und ich finde  auch, dass eine gewisse Gefahr von den R\u00fcckkehrern ausgeht. Sie sind  brutalisiert und ideologisch aufgeheizt worden, insofern denke ich  schon, dass man sich um sie k\u00fcmmern muss. Einerseits muss man, wenn  wirklich Gewaltgefahr von ihnen ausgeht, das unterbinden, keine Frage,  aber es gibt nat\u00fcrlich auch Aussteigerprogramme, um sie zu  unterst\u00fctzen  aus dieser Sackgasse heraus zu kommen. Wo ich die Gefahr sehe ist, dass  bei diesen st\u00e4ndigen Razzien und Durchsuchungen von Moscheen und  Wohnungen sehr schnell irgendwelche Leute als gewaltt\u00e4tig eingestuft  werden. Man muss wirklich ganz genau hinschauen, ob ein konkreter  Verdacht besteht oder ob Leute pauschal unter Verdacht gesetzt werden.<\/p>\n<p><strong><em>Es ist schon merkw\u00fcrdig, dass solche Situationen in westlichen Wohlfahrtsstaaten entstehen&#8230;<br \/>\n<\/em><\/strong><em><br \/>\n<\/em>Ja, das ist die sozio\u00f6konomische Situation. Die Kluft zwischen Arm  und Reich geht immer weiter auseinander. Es gibt immer mehr Arme, die  wirklich keine Zukunft haben. Aber das Problem kann auf keinen Fall nur  auf die \u00f6konomische Dimension reduziert werden. Es ist auch der  internationale Rahmen, von Israel \u00fcber den Afghanistan-Krieg oder Abu  Ghraib und die Folter, diese furchtbaren Geschichten, wo sich jeder  Muslim nat\u00fcrlich denkt  \u201awie kann das sein?\u2018 und wo sich  Gegenwehr und  Gegenpositionen entwickelt haben.<br \/>\nEs ist die ganze weltpolitische und konkret-\u00f6konomische schwierige  Situation und die Ausgrenzung im Alltag, der Alltagsrassismus &#8211; das  Zusammenspiel vieler Faktoren muss bedacht werden.<\/p>\n<p><strong><em>Die Aufr\u00fcstung von Polizei und Milit\u00e4r und Versch\u00e4rfung von  Gesetzen bringt zunehmend Kriminalisierung mit sich, ganz allgemein von  Minderheiten und Gruppen, die sich nicht dem Mainstream anpassen, auch  renitent sind. Was k\u00f6nnen sie tun, um sich zu sch\u00fctzen?<br \/>\n<\/em><\/strong><em> <\/em><br \/>\nAuch fr\u00fcher schon wurden in Moscheegemeinden fr\u00fchmorgendliche Razzien  durchgef\u00fchrt. Der Verdacht war oft keineswegs gut begr\u00fcndet. Ich finde  es ganz wichtig, so etwas \u00f6ffentlich zu machen. Einigen gelingt es, das  in die ganz gro\u00dfen Zeitungen zu bringen. Journalisten aus den  Hauptmedien m\u00fcssen sich daf\u00fcr interessieren und diese Geschichten  hinterfragen: Warum genau fand die Razzia statt, worin besteht der  Verdacht, worauf gr\u00fcndet er sich?<br \/>\nEs ist auch wichtig, das Gerichtsverfahren gegen unberechtigte  \u00dcbergriffe angestrengt werden und nat\u00fcrlich muss die \u00d6ffentlichkeit  mobilisiert werden.<\/p>\n<p><strong><em>Es ist vorgekommen, dass Muslime zu h\u00f6ren bekommen, sie  sollen ruhig bleiben und nichts an die \u00d6ffentlichkeit bringen, denn das  k\u00f6nne noch schlimmere Folgen haben.<br \/>\n<\/em><\/strong><em><br \/>\n<\/em>Im Gegenteil! Bei uns in Berlin war es so, dass nach den Attentaten  von Paris Frauen angegriffen wurden und das wurde sofort \u00f6ffentlich  gemacht. Nur so kann derartiges verhindert werden.<\/p>\n<p><strong><em>Zum Stichwort \u201aAttentate von Paris\u2018: Sind sie auch Charlie?<br \/>\n<\/em><\/strong><em><br \/>\n<\/em>Nein! (lacht) Nein, ich habe diese Identifikationshysterie gar  nicht begriffen. Ich kann nicht sagen \u201aIch bin Charlie\u2018, wenn ich  Charlie gar nicht kenne. Ich weiss nicht, worum es in dieser Zeitung  geht. Wie kann ich mich da so identifizieren? Sicherlich, die Leute  meinen die Pressefreiheit \u2013 nat\u00fcrlich bin ich auch f\u00fcr die  Pressefreiheit. Aber was dabei zu kurz kommt \u2013 inzwischen ist es ja  schon etwas besser \u2013 dass gar nicht dar\u00fcber gesprochen wurde, dass  Karikaturen, wie auch Witze respektvoll aber auch respektlos sein  k\u00f6nnen. Wir kennen das aus der Nazizeit, dem Propagandamagazin &#8218;Der  St\u00fcrmer&#8216;. Ich wei\u00df nicht, wie die Leute auf die Idee kommen, eine  Karikatur w\u00e4re per se eine Form der Kritik und Ausdruck von  Meinungsfreiheit. Sie kann ja auch eine Form der Missachtung, des  Rassismus sein. Ob das jetzt in diesem Fall so war, das will ich damit  nicht behaupten. Es gibt unterschiedliche Sehgewohnheiten und  Empfindlichkeiten. Als Mohamed auf dem letzten Cover von Charlie Hebdo  als weinend dargestellt wurde, konnte ich nicht nachvollziehen, dass das  als verletzend empfunden wurde, aber ich habe eine andere  Sozialisation. Genauso wie westliche Leute sagen, sie k\u00f6nnen es nicht  tolerieren, wenn jemand in der Burka kommt &#8211; weil es nicht ihren  Sehgewohnheiten entspricht &#8211; so haben andere Leute andere Dinge, die sie  nicht tolerieren k\u00f6nnen.<br \/>\nDar\u00fcber m\u00fcsste man nat\u00fcrlich reden. Damit man es gegenseitig nachvollziehen kann.<\/p>\n<p><strong><em>Vielen Dank Frau Rommelspacher f\u00fcr das Interview.<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/\"><span style=\"font-size: 14px;\">http:\/\/www.haberjournal.at\/de\/osterreich\/dr-rommelspacher-uber-rassismus-h1852.html<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;der Landeshauptmann (SP\u00d6) meint, man m\u00fcsse \u201eIntegrationsunwilligkeit\u201c sanktionieren. Dann ist das genau der falsche Weg. Genau der falsche Weg! Es muss der Widerstand gegen so etwas auf allen Ebenen passieren. Ob das Kunst, Kultur sind, die Bildungsinstitutionen, Schulen m\u00fcssen sich dagegen positionieren.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-3794","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antirassismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3794","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3794"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3794\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3794"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3794"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3794"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}