{"id":3823,"date":"2015-03-08T20:22:12","date_gmt":"2015-03-08T20:22:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3823"},"modified":"2015-03-08T20:22:12","modified_gmt":"2015-03-08T20:22:12","slug":"feuer-loeschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3823","title":{"rendered":"Feuer l\u00f6schen"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Gabriele Krone-Schmalz setzt in ihrem neuen Buch \u00bbRussland verstehen\u00ab Vernunft gegen Hysterie<\/strong><\/h2>\n<p><strong>Von Tobias Riegel * <\/strong><\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit dem Mord am russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow laufen viele deutsche Journalisten zur investigativen Hochform auf. <!--more-->Sie bezweifeln \u00f6ffentliche Mitteilungen, w\u00fchlen nach Informanten und haben einen hochgradigen, gesunden Skeptizismus entwickelt. Wie man das von echten Journalisten erwartet, fordern sie l\u00fcckenlose Aufkl\u00e4rung, misstrauen den schnellen, offiziellen Deutungsversuchen. Auch wenn hie und da etwas fatalistisch festgestellt wird, dass man einer Aufkl\u00e4rung, die nicht Putin als Auftraggeber feststellt, ohnehin nicht glauben wird &#8211; insgesamt ist dies genau das Verhalten, das man von Journalisten nach einem politischen Mord erwartet. Um so fragw\u00fcrdiger erscheint angesichts dieses aufkl\u00e4rerischen Aktivismus die mediale Unt\u00e4tigkeit, wenn die \u00bbVerd\u00e4chtigen\u00ab nicht in Moskau, sondern in Kiew sitzen &#8211; selbst wenn es um Dutzende Ermordete geht, wie etwa bei den Massakern vom Maidan oder wenig sp\u00e4ter in Odessa. Man stelle sich zudem den ungl\u00e4ubigen Aufschrei vor, wenn die Russen nur Stunden nach dem Attentat den T\u00e4ter-Personalausweis und zwei tote \u00bbSch\u00fctzen\u00ab pr\u00e4sentiert h\u00e4tten. Die Beh\u00f6rden in Paris oder New York genie\u00dfen einen Vertrauensvorschuss, von dem die russischen nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diesem Vertrauens-Ungleichgewicht bei der Betrachtung \u00bbdes Westens\u00ab bzw. Russlands versucht Gabriele Krone-Schmalz in ihrem neuen Buch beizukommen. Doch der Text wird viele entt\u00e4uschen &#8211; und ist gerade deshalb empfehlenswert. Denn \u00bbRussland verstehen &#8211; Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens\u00ab ist eben nicht \u00bbmit Feuer geschrieben\u00ab, wie die \u00bbS\u00fcddeutsche Zeitung\u00ab in ihrer Rezension sagt. Es ist &#8211; im Gegenteil &#8211; mit dem offensichtlichen Anspruch verfasst, Feuer aus dem Konflikt herauszunehmen. Jenes Feuer, das Politiker und allzu forsche Journalisten seit Monaten mit Verve sch\u00fcren. Die langj\u00e4hrige ARD-Russlandkorrespondentin Krone-Schmalz erf\u00fcllt diesen eigenen Anspruch. Dem auf Emotionen zielenden Z\u00fcndeln einiger Massenmedien setzt die selbst ernannte \u00bbRusslandversteherin\u00ab die Wissenschaft entgegen: die Geschichtswissenschaft. Und so werden sich auf den 170 Seiten keine der beiden Fronten der Maidan-Schlacht eins zu eins best\u00e4tigt f\u00fchlen &#8211; auch wenn die Autorin Russland als klar reagierend und nicht als den eigentlichen Aggressor in der Krise beschreibt.<\/p>\n<p>Der Buchteil, der sich mit den tagesaktuellen Vorg\u00e4ngen im Ukraine-Krieg besch\u00e4ftigt, ist kurz gehalten &#8211; was vielen Hei\u00dfspornen beider Seiten ebenfalls nicht passen wird, die die Atemlosigkeit des Kriegsgeschehens f\u00fcr ihre unbewiesenen Behauptungen brauchen. Die Autorin zieht keine Folgerungen aus dem Nebel der NATO- oder Russen-Propaganda. Sie ist, welche Wohltat im Vergleich zur t\u00e4glichen Ukraine-Berichterstattung, zur\u00fcckhaltend mit Schuldzuweisungen &#8211; auch wenn sie die Fehler \u00bbdes Westens\u00ab klar benennt und diese auch f\u00fcr eindeutig gravierender h\u00e4lt als die der russischen Seite. Der bescheinigt sie historisch hergeleitet das Recht auf Selbstverteidigung, h\u00e4lt sich aber auch mit Kritik an Putins Politik nicht zur\u00fcck. Diese versucht sie zu verstehen. Dass das nicht gleichbedeutend mit \u00bbguthei\u00dfen\u00ab ist, ist selbstverst\u00e4ndlich &#8211; muss in diesen verr\u00fcckten Zeiten aber selbst in einem solch schmalen Band mehrmals betont werden.<\/p>\n<p>Was will Putin wirklich? Die Lieblingsfrage der Russenfeinde wird hier teilweise beantwortet. Krone-Schmalz analysiert zumindest schl\u00fcssig, was Putin nicht will: Er will kein Milliardengrab in der Ostukraine annektieren, er will nicht nach Warschau marschieren, er m\u00f6chte aber auch keine NATO-Truppen an der Landesgrenze. Die Autorin leugnet nicht die Unterst\u00fctzung der Rebellen durch Russland. Aber sie sieht in der Ostukraine die Rebellen k\u00e4mpfen, nicht die russische Armee. Und ist nicht jede Milit\u00e4rhilfe f\u00fcr den Osten eine Reaktion auf den von Kiew begonnenen Krieg? Die Bombardierung von Gro\u00dfst\u00e4dten auf Befehl Petro Poroschenkos machte Verhandlungen \u00fcber einen f\u00f6deralen Status innerhalb der Ukraine unm\u00f6glich. Es ist fast in Vergessenheit geraten &#8211; aber bis zum \u00bbAnti-Terror\u00ab-Krieg wollten die \u00bbSeparatisten\u00ab sich gar nicht \u00bbseparieren\u00ab.<\/p>\n<p>Ein zentraler Punkt im Ukraine-Konflikt, zum Verst\u00e4ndnis der Kremlf\u00fchrung und so auch im Buch, ist die Einkreisung Russlands durch das feindliche Milit\u00e4rb\u00fcndnis NATO. Die stetige Ann\u00e4herung dieser gr\u00f6\u00dften Kriegsmaschine der Menschheitsgeschichte an Russland seit 1990 ist nach einem kurzen Blick auf die Landkarte nicht zu bestreiten. Dennoch wird ihre Bedeutung in vielen Medien bis zur Unkenntlichkeit relativiert. Viele Politiker stehen dieser unredlichen Praxis kaum nach &#8211; auch wenn die wahren Extremisten im Falle der Ukraine eher in den gro\u00dfen Redaktionen als in den Parlamenten zu finden sind. Ausnahmen wie Rebecca Harms, Elmar Brok oder einige ihrer US-Kollegen best\u00e4tigen diese Regel.<\/p>\n<p>Dass es m\u00f6glich ist, historische Fakten wie die auf Wortbruch basierende NATO-Osterweiterung durch eine emotional-ideologische Rhetorik zu verschleiern, macht Krone-Schmalz\u2019 Buch so wichtig. Nicht nur ruft sie den eindeutigen Expansions-Verzicht der NATO in Erinnerung. Sie zeichnet zudem detailliert und ohne jedes \u00bbFeuer\u00ab jene Umbr\u00fcche nach, die das Riesenland seit 1990 durchgesch\u00fcttelt haben, und die der Grund f\u00fcr viele heutige Defizite sind. \u00bbDrei Revolutionen\u00ab beschreibt sie: von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft, von der Diktatur der Kommunistischen Partei zu rechtsstaatlichen Strukturen, von der Sowjetunion zum Nationalstaat. Sie erw\u00e4hnt die Doppelstandards. Was \u00bbder Westen\u00ab bei Jelzin bejubelte, wird bei Putin zum Verbrechen. Entwicklungen, f\u00fcr die sich westliche Gesellschaften einige Jahrzehnte Zeit nahmen, setzten deren F\u00fchrer in Russland mit Hilfe von IWF-Erpressungen praktisch \u00fcber Nacht durch. Was auf dem Maidan noch bejubelt wurde, wird in der Ostukraine mit Panzern bek\u00e4mpft. L\u00e4nder, die noch gestern das V\u00f6lkerrecht mit F\u00fc\u00dfen traten, weinen nun Krokodilstr\u00e4nen wegen der Krim.<\/p>\n<p>\u00bbDie Ukraine brauchte Geld, der Westen redete von Werten.\u00ab So kurz und einfach kann praktische Geopolitik ausgedr\u00fcckt werden. Krone-Schmalz bringt die Sollbruchstelle der Ukraine auf den Punkt: Wer sich die Bev\u00f6lkerungsstruktur der Ukraine und die symbolische und milit\u00e4rische Bedeutung der Krim f\u00fcr Russland bewusst machte, den k\u00f6nnen die furchtbaren Folgen der massiven westlichen Einmischung nicht \u00fcberrascht haben. \u00bbWas Putin auf der Krim getan hat, war Notwehr unter Zeitdruck.\u00ab Das ist noch so ein Krone-Schmalz-Satz mit Durchschlagskraft. Die Autorin ruft zudem in Erinnerung, was heute keiner mehr sagt: Janukowitsch hat das EU-Abkommen nicht verweigert &#8211; die EU hat in letzter Sekunde Extraforderungen wie die Freilassung Timoschenkos gestellt, erst dann hat der gew\u00e4hlte Pr\u00e4sident eines souver\u00e4nen Staates von dem Vertrag Abstand genommen. Das inzwischen angenommene EU-Abkommen zwingt die Ukraine zu massivem Sozialabbau &#8211; das russische Angebot enthielt solche Zw\u00e4nge nicht, sondern bot der Ukraine fast bedingungslos 15 Milliarden Dollar.<\/p>\n<p>Ohne den Maidan-Putsch w\u00e4re die Ukraine jetzt also ein funktionierender, zahlungsf\u00e4higer Staat. Kein Mensch w\u00e4re gestorben. Die Renten w\u00fcrden nicht gek\u00fcrzt, die privaten Energiepreise nicht durch EU-Zwang vervielfacht, das Land st\u00fcnde nicht unter IWF-Diktat. Regul\u00e4re Wahlen h\u00e4tten mittlerweile stattgefunden. Die EU-Freunde h\u00e4tten aber in diesem Wahlkampf f\u00fcr ihre Sache (Sozialabbau und Privatisierung) werben m\u00fcssen. Stattdessen griffen sie zum Kn\u00fcppel &#8211; und weckten dadurch in der Ostukraine echte \u00c4ngste. Wer diese \u00c4ngste als reinen Propaganda-Spuk abtut, hat nicht die maskierten Schl\u00e4ger auf dem Maidan gesehen, der hat nichts vom niedergebrannten Gewerkschaftshaus in Odessa geh\u00f6rt. \u00bbEs geht v\u00f6llig an der Realit\u00e4t vorbei, wenn man behauptet, der Aufstand in der Ostukraine sei ausschlie\u00dflich das Werk russischer Agenten, die eine ansonsten einige Ukraine von au\u00dfen destabilisiert h\u00e4tten\u00ab, so Krone-Schmalz.<\/p>\n<p>Die Autorin schaut genau hin, um nicht zu sagen penibel &#8211; eben so, wie das eine Journalistin tun sollte, und wie es die westlichen Kollegen aktuell in Moskau tun. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass einige der gr\u00f6\u00dftenteils w\u00fctenden und polemischen Rezensenten Krone-Schmalz Erbsenz\u00e4hlerei vorwerfen: \u00bbAkribisch verzeichnet sie, in welcher Ausgabe der \u203aTagesschau\u2039 welchen Datums von \u203aprorussischem Mob\u2039 die Rede war\u00ab, beschwert sich etwa der \u00bbDeutschlandfunk\u00ab \u00fcber eine Tugend, die doch eigentlich Berufsvoraussetzung ist.<\/p>\n<p>\u00bbMedien sollen Politik erkl\u00e4ren und keine machen\u00ab, ist Krone-Schmalz\u2019 Credo. Doch so erholsam ihr redlicher, zur\u00fcckhaltender Stil auch ist. Es ist zu fragen, ob dies die Art Buch f\u00fcr die Zeit ist. Denn die Autorin fordert mit dem Florett bewaffnet \u00bbsprachliche Pr\u00e4zision\u00ab ein &#8211; w\u00e4hrend um sie herum mit der verbalen Panzerfaust operiert wird. Sie h\u00e4lt sich an die Fakten oder stellt Fragen &#8211; in Zeiten, in denen Tatsachen zur Nachrichtenproduktion oft nicht mehr n\u00f6tig scheinen. Zeiten, in denen die \u00bbWelt\u00ab auf Krone-Schmalz\u2019 Zweifel am demokratischen Charakter des Maidan-Aufstands antwortet: \u00bbSo wurde Janukowitsch nicht gest\u00fcrzt, sondern er war mit seinem Milliardenverm\u00f6gen nach Russland geflohen.\u00ab<\/p>\n<p>Doch selbst wenn ihre Vernunft an der russenfeindlichen Brandmauer vieler Journalisten abprallt &#8211; Krone-Schmalz beweist durch das Buch und das Hinabsteigen in Talkshows mit Titeln wie \u00bbZar Wladimir I. &#8211; Was will Putin wirklich?\u00ab Mut zur eigenen Meinung. Das findet hoffentlich Nachahmer. Denn die Kritik an der herbeigehetzten Konfrontation mit Russland braucht noch mehr solcher Kronzeugen von Format.<\/p>\n<p><b>Gabriele Krone-Schmalz: \u00bbRussland verstehen &#8211; Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens\u00ab, C. H. Beck, 176 S., brosch., 14,95 \u20ac. <\/b><\/p>\n<p><i>*Aus: neues deutschland, Mittwoch, 4. M\u00e4rz 2015<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabriele Krone-Schmalz setzt in ihrem neuen Buch \u00bbRussland verstehen\u00ab Vernunft gegen Hysterie Von Tobias Riegel * Im Zusammenhang mit dem Mord am russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow laufen viele deutsche Journalisten zur investigativen Hochform auf.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3823","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3823","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3823"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3823\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3824,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3823\/revisions\/3824"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3823"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3823"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}