{"id":3888,"date":"2015-06-25T22:02:36","date_gmt":"2015-06-25T22:02:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3888"},"modified":"2015-06-25T22:04:36","modified_gmt":"2015-06-25T22:04:36","slug":"stellungnahme-der-friedensplattform-zum-erschuetternden-ereignis-am-20-6-in-graz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3888","title":{"rendered":"Stellungnahme der Friedensplattform zum ersch\u00fctternden Ereignis am 20.6. in Graz"},"content":{"rendered":"<p>Die Steirische Friedensplattform trauert mit den Angeh\u00f6rigen der Opfer der von den Beh\u00f6rden titulierten &#8222;Amokfahrt&#8220; am 20.Juni 2015.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>3 Tote und 36 Verletzte forderte nach Stand vom 25.6., die anscheinend vorsetzlich begangene m\u00f6rderische &#8222;Amokfahrt &#8220; am Samstag, den 20.6. 2015 in Graz durch Alen Rizvanovic.<\/p>\n<p>Wir sind sehr betroffen.<\/p>\n<p>Als FriedensaktivistInnen besch\u00e4ftigen wir uns mit den Kriegen und Katastrophen auf dieser Welt, als auch mit deren Ursachen, Auswirkungen und Hintergr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich ist Graz ein Ort der Zerst\u00f6rung und Verw\u00fcstung.<\/p>\n<p>Bis zum heutigen Tag wird sowohl von der Politik, der Polizei als auch von der Staatsanwaltschaft immer wieder ausdr\u00fccklich betont, dass kein politisches bzw. religi\u00f6ses Motiv hinter dem Attentat stehe. Es sei eine individuell psychisch begr\u00fcndbare Tat gewesen.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise hatte der Angreifer keinerlei offenkundig politisches Motiv. Zumindest gibt er es laut Beh\u00f6rden bis jetzt nicht preis. Aber wir stellen uns dennoch die Frage nach dem gesellschaftlichen Hintergrund, der in der Lage ist, Menschen mit solch einem tiefen Hass auf andere Menschen hervorzubringen.<\/p>\n<p>Es hei\u00dft, der Attent\u00e4ter ist als Kind (4 Jahre alt) mit seinen Eltern 1995 aus dem Bosnienkrieg (1992- 1995) gefl\u00fcchtet. M\u00f6glicherweise hat er Traumatisierungen erlebt. Krieg hinterl\u00e4sst immer schmerzende Narben in der Psyche eines Menschen. Vielleicht ist sein famili\u00e4res Umfeld ebenfalls traumatisiert und hat die Wunden des Kindes immer weiter vertieft. M\u00f6glicherweise war die \u00f6sterreichische Aufnahmebereitschaft f\u00fcr diese Familie zu gering oder nicht vorhanden, sodass Ausgrenzung und Desintegration Hass und Gewalt in dieser Person vervielfachten. Die Wegweisung von der Familie mag sicher, wenn es nicht sogar der Ausl\u00f6ser war, eine gro\u00dfe Rolle gespielt haben.<\/p>\n<p>Die Ursachen des Bosnienkriegs haben wir vielfach erl\u00e4utert. Die gro\u00dfen \u00f6konomischen M\u00e4chte des Westens, insbesondere die NATO, hatten Interesse daran, das ehemalig sozialistische Jugoslawien aufzuteilen. \u00d6sterreich hat sich mit seinen Mitteln aktiv daran beteiligt. Institutionelle M\u00f6glichkeiten zur Traumabew\u00e4ltung wurden den Menschen damals kaum oder gar nicht zur Verf\u00fcgung gestellt. Obwohl man heute wei\u00df wie wichtig dies ist und gerade Kinder und junge Fl\u00fcchtlinge ihrer besonders bed\u00fcrfen, h\u00e4lt sich die Finanzierung einschl\u00e4giger Ma\u00dfnahmen bis heute sehr in Grenzen.\u200b Dabei suchen t\u00e4glich Menschen aus Krisengebieten in \u00d6sterreich Zuflucht.<\/p>\n<p>Eine der Ursachen f\u00fcr Fremdenfeindlichkeit liegt in einer Mentalit\u00e4t, die sich vom solidarischen Gedanken einer gerechten Welt f\u00fcr alle Menschen verabschiedet hat. Die \u00f6konomische Krise wird zur gesellschaftlichen: Die Angst vorm Verlust des eigenen Wohlstands verleitet dazu, noch \u00c4rmere abzuwehren. Rechte Parteien f\u00f6rdern das, durch Hetzkampagnen gegen Minderheiten; &#8211; wie zuletzt die FP\u00d6 Stmk im Landtagswahlkampf.<\/p>\n<p>Was die Wegweisung betrifft, erinnern wir an die schon jahrelang von NGOs vorgebrachte Forderung nach einer Betreuung weggewiesener M\u00e4nner. Warum geschah hier nichts? Es ist traurig, dass ein Sozialstaat gerade daf\u00fcr kein Geld hat. F\u00fcr viele andere Projekte im nicht-sozialen Bereich &#8211; wie das Spielbergspektakel zum Beispiel &#8211; schon. Insgesamt w\u00e4re die nachhaltige\u00a0Durchf\u00fchrung gewaltpr\u00e4ventiver Ma\u00dfnahmen in konfliktreichen Familien\u2013 und Wohnumfeldern das Gebot der Stunde.<\/p>\n<p>Sicher gibt es nicht nur diese Gr\u00fcnde, sondern viele mehr, die den T\u00e4ter zu seiner grauenhaften Tat veranlassten. Trotzdem: jede\/r von uns ist auch Resultat seines gesellschaftlich-sozialen Umfelds und seiner Zeit.<\/p>\n<p>Die Fragen danach haben wir uns erlaubt zu stellen.<\/p>\n<p>Weiters stellen wir uns auch Fragen nach dem Umgehen der Beh\u00f6rden mit der von ihnen sobenannten \u201eAmokfahrt&#8220;. Welche Informationspolitik wurde betrieben? Widerspr\u00fcchliche Aussagen von Seiten der Polizei erfolgten schon in den ersten Stunden. Zum Beispiel wurde behauptet, der T\u00e4ter habe sich ergeben. Danach hie\u00df es, er habe das Auto vor der Polizeistube Schmiedgasse angehalten und 2 Polizisten, die gerade drau\u00dfen waren, h\u00e4tten ihn widerstandslos festgenommen.\u00a0Wie gut funktioniert die Kommunikation innerhalb der relevanten Sicherheitskr\u00e4fte in solchen Ausnahmesituationen?<\/p>\n<p>Die Informationen \u00fcber den T\u00e4ter wurden (und werden) nur st\u00fcckweise bekanntgegeben. Die Staatsanwaltschaft m\u00fcsste alle \u00fcberpr\u00fcften Informationen klar an die \u00d6ffentlichkeit weitergeben, denn sonst l\u00e4sst dies so viele M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Spekulationen offen, die einer wie HC Strache zu n\u00fctzen versuchte. Schlimm ist, dass genau auf Grund solcher mangelnder und undurchsichtiger Informationspolitik wieder Minderheiten\u00a0unter Verdacht gestellt\u00a0werden. Wenn am 23. Juni in der ZIB1 berichtet wird, der T\u00e4ter h\u00e4tte seine Frau gezwungen ein Kopftuch zu tragen, w\u00e4re auch\u00a0zu erw\u00e4hnen gewesen, dass\u00a0Muslime\u00a0unter den Opfern sind\u00a0und anscheinend vom T\u00e4ter gezielt anvisiert worden waren.<\/p>\n<p>Zudem: \u00a0Wo bleiben andere Informationen, wie zum Beispiel jene \u00fcber angebliche Treffen mit Hooligans (eine bekannt aggressive und zum Rechtsextremismus tendierende Gruppe) in den Tagen vor der Tat? Wo hat sich der T\u00e4ter vor seiner Tat aufgehalten?<\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten betonen, dass die \u00d6ffentlichkeit und insbesondere die Opfer und deren Angeh\u00f6rige in einer Demokratie ein Recht auf Information haben. Die Polizei sitzt an der Quelle. Sie hat die M\u00f6glichkeiten alles zu recherchieren und \u00fcber eine verantwortungsvolle Herausgabe aller relevanten Informationen die Bev\u00f6lkerung zu informieren.<\/p>\n<p>Niemand soll parteipolitisches Kleingeld daraus schlagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir hoffen, dass in den n\u00e4chsten Tagen die Fakten und Hintergr\u00fcnde zur Tat vollst\u00e4ndig bekanntgemacht werden.<\/p>\n<p>Wir wehren uns gegen jede Stimmungsmache auf Kosten von wem auch immer. Das verlangen Respekt und Anteilnahme vor den Opfern und ihren Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p>Wir trauern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">F\u00fcr die steirische Friedensplattform<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ante, Franz, Helga, Johann, Veronika<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Steirische Friedensplattform trauert mit den Angeh\u00f6rigen der Opfer der von den Beh\u00f6rden titulierten &#8222;Amokfahrt&#8220; am 20.Juni 2015.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3888","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3888","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3888"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3888\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3892,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3888\/revisions\/3892"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3888"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3888"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3888"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}