{"id":3981,"date":"2015-12-18T19:26:38","date_gmt":"2015-12-18T19:26:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3981"},"modified":"2015-12-18T19:26:38","modified_gmt":"2015-12-18T19:26:38","slug":"frankreichs-verdraengte-probleme-emran-feroz-14-12-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3981","title":{"rendered":"Frankreichs verdr\u00e4ngte Probleme Emran Feroz 14.12.2015"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Das Terrorismusproblem ist hausgemacht, aber die franz\u00f6sische Regierung bombardiert lieber den IS in Syrien<\/h2>\n<p class=\"text\">In Frankreich herrscht weiterhin der Ausnahmezustand. Das Jahr 2015 begann f\u00fcr das &#8222;Land der Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit&#8220; mit den Massakern in der Redaktion von &#8222;Charlie Hebdo&#8220; sowie in einem j\u00fcdischen Supermarkt blutig &#8211; und endete noch blutiger mit den Pariser Anschl\u00e4gen im November.<!--more--><\/p>\n<p class=\"text\">Die Anschl\u00e4ge haben deutlich gemacht, dass die franz\u00f6sische Gesellschaft ein tiefgr\u00fcndiges Problem hat. Da alle T\u00e4ter zumeist junge Franzosen waren oder zumindest in Westeuropa, zum Beispiel in Belgien, aufwuchsen und sozialisiert wurden, ist davon auszugehen, dass das Problem hausgemacht ist. Die franz\u00f6sische Regierung will davon jedoch nichts wissen. Stattdessen meint sie, dass alles gel\u00f6st sei, indem sie den sogenannten Islamischen Staat (IS) in Syrien bombardiert.<\/p>\n<p class=\"text\">Zum gleichen Zeitpunkt droht die Lage innerhalb der eigenen Landesgrenzen weiterhin zu eskalieren. Opfer dieser Eskalation, und das nicht erst seit November, ist vor allem die muslimische Minderheit Frankreichs, die f\u00fcr alle m\u00f6glichen Missst\u00e4nde als S\u00fcndenbock herhalten muss. Dies wurde etwa schon wenige Tage nach den Anschl\u00e4gen auf &#8222;Charlie Hebdo&#8220; deutlich. Als damals bekannt wurde, dass die T\u00e4ter muslimische Wurzeln hatten, entlud sich eine Welle des Hasses &#8211; sowohl in den Sozialen Medien als auch auf den Stra\u00dfen Frankreichs.<\/p>\n<p class=\"text\">Laut dem <a class=\"extern\" href=\"http:\/\/www.islamophobie.net\/\">Collectif contre l&#8217;Islamophobie en France<\/a> (Kollektiv gegen Islamophobie in Frankreich, kurz: CCIF) ereigneten sich in den ersten Wochen nach den Anschl\u00e4gen mindestens 116 islamfeindliche Angriffe in ganz Frankreich &#8211; mehr als im gesamten Jahr 2014. In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden insgesamt 222 Angriffe gez\u00e4hlt, was einen Anstieg von 500 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr bedeutet.<\/p>\n<div class=\"blogimg_frame\">\n<div class=\"blogimg_img\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/46\/46840\/46840_1.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"426\" \/><\/div>\n<div class=\"blogimg_bu\">Bild: CCIF<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"text\">Die Liste der Angriffe ist lang: Von \u00dcbergriffen auf Kopftuch tragende Frauen, die laut CCIF und anderen Aktivisten aufgrund ihrer Erscheinung als besonders gef\u00e4hrdet gelten, bis hin zu Sch\u00fcssen und Sprengstoffanschl\u00e4gen auf Moscheen. Auch die klassischen Schweinekopfanschl\u00e4ge fanden zuhauf statt, geh\u00f6rten allerdings zu den eher harmloseren Vorf\u00e4llen. Abgesehen davon blieben wohl zahlreicher weitere \u00dcbergriffe im Dunkeln, da viele Betroffene sich wahrscheinlich nirgends meldeten.<\/p>\n<p class=\"text\">Seit den Anschl\u00e4gen im November haben sich \u00e4hnliche Vorf\u00e4lle ereignet. Unter anderem wurden muslimische Lokale, Metzgereien und Moscheen angegriffen. Hinzu kommen die staatlichen Repressalien, die aufgrund des erh\u00e4ngten Ausnahmezustandes, der wenige Tage nach den Anschl\u00e4gen um weitere drei Monate verl\u00e4ngert wurde, pr\u00e4sent sind. So fanden unter der Fahne des Antiterrorkampfes mindestens 2.200 Hausdurchsuchungen statt, mindestens drei Moscheen wurden geschlossen, w\u00e4hrend Hunderte von Muslime verhaftet wurden. Einige Franzosen schrecken mittlerweile sogar nicht davor zur\u00fcck, die gegenw\u00e4rtigen Zust\u00e4nde mit jenen unter der Vichy-Diktatur in den 1940er-Jahren zu vergleichen.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Gespaltene Gesellschaft<\/h3>\n<p class=\"text\">Zum gleichen Zeitpunkt versuchen vern\u00fcnftige Stimmen, teils vergeblich, in die Debatte einzudringen. Einer von ihnen ist etwa der Soziologe, Historiker und Autor Emmanuel Todd, der kurz nach den Anschl\u00e4gen im Januar sein Werk &#8222;Qui est Charlie?&#8220; (Deutsche Ausgabe: &#8222;Wer ist Charlie? Die Anschl\u00e4ge von Paris und die Verlogenheit des Westens&#8220;) ver\u00f6ffentlichte. Darin geht Todd der Frage nach, welche Gesellschaftsschicht Frankreichs sich tats\u00e4chlich mit &#8222;Charlie&#8220; identifiziert, sprich, wer waren all die Menschen, die am 11. Januar auf den Stra\u00dfen demonstrierten und behaupteten, &#8222;Charlie&#8220; zu sein?<\/p>\n<p class=\"text\">Todd kommt unter anderem zum Schluss, dass Frankreich sowohl politisch als auch ideologisch vom sogenannten MAZ-Block dominiert werde. MAZ steht in diesem Fall f\u00fcr Mittelschicht, Alte und sogenannten Zombie-Katholiken. Der MAZ-Block macht vor allem all jene Eliten aus, die um ihre Macht sowie um ihren Wohlstand f\u00fcrchten. F\u00fcr ihre Probleme machen sie haupts\u00e4chlich Migranten und Arbeiter verantwortlich, weshalb sich beide auf ihre Art und Weise radikalisieren.<\/p>\n<p class=\"text\">W\u00e4hrend Erstere, verbannt in den heruntergekommen Vorst\u00e4dten, den Banlieues, immer geh\u00e4ssiger werden, lassen Letztere ihren Frust aus, indem sie in die F\u00e4nge des rechtsextremen Front National, einer Partei, die von einem Holocaustleugner gegr\u00fcndet wurde, laufen. Wenn man die j\u00fcngsten Erfolge des Front National in Betracht zieht, scheinen sich Todds Thesen, die haupts\u00e4chlich auf Empirie und demografischen Tatsachen beruhen, zu best\u00e4tigen.<\/p>\n<p class=\"text\">Auch der franz\u00f6sischen Linken attestiert Todd nahezu kollektives Versagen. W\u00e4hrend Pr\u00e4sident Francois Hollande, der von so manchem weiterhin als Sozialdemokrat betrachtet wird, laut Todd sowohl der Prototyp eines Zombie-Katholiken als auch strenger Verfechter der neoliberalen Doktrin ist, haben die meisten Linken am 11. Januar deutlich gemacht, dass sie das System zwar in der Theorie ablehnen, es praktisch allerdings voll und ganz akzeptieren. W\u00e4re dem nicht so, w\u00e4ren sie wohl kaum an jenem Tag hinter Hollande, Merkel, Juncker und anderen mitmarschiert, um &#8211; wie alle anderen, die pr\u00e4sent waren &#8211; f\u00fcr ihr &#8222;Recht, auf die Religion der Schwachen zu spucken&#8220;, wie es Todd bezeichnet, zu demonstrieren.<\/p>\n<p class=\"text\">Die Muslime Frankreichs betrachtet Todd nicht nur als integriert, sondern als assimiliert, auch wenn der MAZ-Block das nicht einsehen m\u00f6chte. Abgesehen davon ger\u00e4t der franz\u00f6sische Laizismus in heftige Kritik. Laut Todd ist dieser mittlerweile zu einer Art Ersatzreligion ausgeartet und ziele vor allem darauf ab, Muslime zu marginalisieren.<\/p>\n<p class=\"text\">In diesem Kontext ist es erw\u00e4hnenswert, dass Studien der Sorbonne- sowie der Stanford-Universit\u00e4t deutlich gemacht haben, dass Muslime im Vergleich zu Christen tats\u00e4chlich der laizistischen Gesetzgebung verst\u00e4rkt ausgesetzt sind. Todd meint unter anderem, dass eine derartig entchristianisierte Gesellschaft, wie jene im post-revolution\u00e4ren Frankreich, einen S\u00fcndenbock ben\u00f6tigt, den sie in Form des Islams wiedergefunden hat.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Die koloniale Vergangenheit hat Frankreich eingeholt<\/h3>\n<p class=\"text\">Seit &#8222;Qui est Charlie?&#8220; ist Todd, der f\u00fcr seine kritische Haltung ohnehin schon bekannt war, f\u00fcr viele Franzosen zu weit gegangen. Vor allem jene, die sich mit &#8222;Charlie&#8220; identifizieren, hat Todd auf ihr Allerheiligstes gespuckt, ja, mehr oder weniger &#8222;Blasphemie&#8220; begangen, wie es die Tageszeitung &#8222;Lib\u00e9ration&#8220; kurz nach Erscheinen des Buches titelte.<\/p>\n<p class=\"text\">Dabei hat Todd nur eines getan: Er hat, wie andere Kritiker, einen wunden Punkt getroffen. Dies tut auch Olivier Roy, ein franz\u00f6sischer Politikwissenschaftler, der in diesen Tagen aufgrund seiner Expertise bez\u00fcglich Islam und Terror besonders gefragt ist. Auch Roy hebt vor allem die katastrophalen Zust\u00e4nde in den Banlieues hervor und spricht von einer Jugendrevolte, die &#8211; entgegen vieler Behauptungen &#8211; nicht viel mit dem Islam zu tun habe.<\/p>\n<p class=\"text\">Diese Revolte, so Roy, l\u00e4sst sich nicht l\u00f6sen, indem man den IS in Syrien bombardiert. Sie w\u00fcrde auch nicht verschwinden, wenn der IS aufh\u00f6re zu existieren. Und auch dass junge, franz\u00f6sische Muslime den IS als Auswanderungsalternative sehen, hat einen Grund. Sie betrachten ihn n\u00e4mlich als tats\u00e4chliche Alternative, die besser sei als das Leben in seinem Staat, in dem institutionelle Islamophobie, Fremdenfeindlichkeit und so gut wie keine Zukunftsperspektiven vorhanden sind, sobald man nur noch als &#8222;Ahmad&#8220;, &#8222;Mohammad&#8220; oder &#8222;Mustafa&#8220; identifiziert und wahrgenommen wird.<\/p>\n<p class=\"text\">Die koloniale Vergangenheit Frankreichs spielt in diesem Kontext weiterhin eine besondere Rolle. All die Gr\u00e4ueltaten der Franzosen, die noch vor wenigen Jahrzehnten in Algerien und anderswo pr\u00e4sent waren, haben sich in das Bewusstsein vieler Muslime gebrannt, w\u00e4hrend sie von der franz\u00f6sischen Elite, sprich, von Todds MAZ-Block, weiterhin systematisch verdr\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p class=\"text\">Schon vor Jahren meinten kritische Geister, dass Frankreich sich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen m\u00fcsse, ansonsten werde sie von ihr eingeholt. Dies scheint nun tats\u00e4chlich der Fall zu sein. Aus seiner Vergangenheit hat das Land der selektiven Gleichheit allerdings nichts gelernt. Stattdessen agiert es weiterhin sowohl im Nahen Osten als auch in Nordafrika in neokolonialistischer Manier, w\u00e4hrend Zuhause die Gesellschaft vollst\u00e4ndig zu zerbrechen droht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Terrorismusproblem ist hausgemacht, aber die franz\u00f6sische Regierung bombardiert lieber den IS in Syrien In Frankreich herrscht weiterhin der Ausnahmezustand. 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