{"id":3986,"date":"2015-12-21T20:19:00","date_gmt":"2015-12-21T20:19:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3986"},"modified":"2015-12-21T20:19:00","modified_gmt":"2015-12-21T20:19:00","slug":"zucht-und-ordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=3986","title":{"rendered":"Zucht und Ordnung"},"content":{"rendered":"<h2>Hilfspolizisten d\u00fcrfen in Schulen der USA tun, was Lehrern verboten ist: Sch\u00fcler mit Handschellen fesseln, in Sicherheitsgewahrsam nehmen oder ins Gef\u00e4ngnis \u00fcberf\u00fchren. Jugendlicher Widerstand soll klein gehalten werden<\/h2>\n<p><!--more--><\/p>\n<address>Von J\u00fcrgen Heiser<\/address>\n<div class=\"Content\">\n<div class=\"ImageBox Large\">\n<table summary=\"Designtabelle\" width=\"700\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div><img decoding=\"async\" id=\"img77588\" src=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/serveImage.php?id=77588&amp;type=l&amp;ext=.jpg\" alt=\"63053648(1).jpg\" \/><\/div>\n<div class=\"Title\">Hatte ihr Handy dem Lehrer nicht herausgegeben: Eine 16j\u00e4hrige Schwarze wird von einem wei\u00dfen Hilfssheriff ausgehebelt, durchs Klassenzimmer \u00adgeschleift und schlie\u00dflich in Handschellen gelegt (Handyvideo einer Mitsch\u00fclerin, Ende Oktober in der Highschool von Columbia in South Carolina)<\/div>\n<div class=\"Copyright\">Foto: picture alliance \/ AP Photo<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<div id=\"Infobox\" class=\"Infobox\">\n<p>J\u00fcrgen Heiser schrieb zuletzt auf diesen Seiten am 28.10.2015 \u00fcber den Washingtoner Juristen Eric Holder und dessen Karriere als Chef des US-Justizministeriums.<\/p>\n<\/div>\n<p>Die in Montgomery, Alabama, angesiedelte afroamerikanische \u00bbEqual Justice Initiative\u00ab (EJI) geht in ihrer Arbeit zur Verteidigung der Menschen- und B\u00fcrgerrechte davon aus, dass \u00bbin Armut lebende Kinder von Minderheiten in den vergangenen 30 Jahren an ihren Wohnorten, in Schulen und in der Strafjustiz immer h\u00e4fuiger zur Zielscheibe einer unfairen und aggressiven Polizeiarbeit geworden sind\u00ab. Diese Kinder und Jugendlichen seien in vielen F\u00e4llen Opfer missbr\u00e4uchlichen Verhaltens von Beh\u00f6rden, die Schutzbefohlene gro\u00dfen Gefahren und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Gewalt aussetzten.Die EJI nimmt an, dass in der Mehrzahl der US-Bundesstaaten schwarze und hispanische Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler \u00fcberproportional von der Strafjustiz verfolgt und dass sie in den US-S\u00fcdstaaten ebenso \u00fcberproportional von staatlichen Schulen suspendiert oder verwiesen werden. Laut einer aktuellen Studie machen Schwarze in South Carolina 36 Prozent der Gesamtsch\u00fclerschaft aus, sind jedoch zu 60 Prozent von Schulverweisen betroffen.<\/p>\n<p>Ein Fall aus diesem US-Bundesstaat soll Ausgangspunkt f\u00fcr die Beantwortung der Frage sein, warum heute in den USA rund 20.000 Polizisten an staatlichen Schulen stationiert sind und warum dann, wenn sich schwarze Gemeinden gegen rassistische Polizeigewalt wehren, immer zuerst die Schulen geschlossen werden.<\/p>\n<h3>Gewaltexzess eines Polizisten<\/h3>\n<p>Das Video ging Ende Oktober um die Welt und l\u00f6ste Emp\u00f6rung aus: Ein wei\u00dfer Polizist wirft eine schwarze Sch\u00fclerin der Spring Valley High School in Columbia\/South Carolina brutal zu Boden, schleift sie durch das Klassenzimmer und legt sie schlie\u00dflich wie eine Schwerverbrecherin in Handschellen (siehe Kolumne von Mumia Abu-Jamal in der <em>jW<\/em> vom 9.11.2015). Was hatte die 16j\u00e4hrige Schlimmes getan? Nichts. Jedenfalls nichts, was einen solchen Gewaltexzess gegen sie rechtfertigen w\u00fcrde. Nach Aussage ihres Mathematiklehrers hatte die Sch\u00fclerin w\u00e4hrend des Unterrichts ihr Handy herausgenommen und sich dann geweigert, es dem Lehrer zu \u00fcbergeben. Als der P\u00e4dagoge nicht mehr weiterwusste, wollte er die Sch\u00fclerin durch einen telefonisch herbeigerufenen Beamten aus der Verwaltung vom Unterricht ausschlie\u00dfen lassen. Doch auch dessen Aufforderung kam die Jugendliche nicht nach und erwiderte, sie habe nichts falsch gemacht. Daraufhin rief der Lehrer den zum Schuldienst abkommandierten Polizisten Ben Fields zu Hilfe. Er sollte die disziplinarische Anordnung des Lehrers durchsetzen und die Sch\u00fclerin aus dem Klassenzimmer entfernen.<\/p>\n<p>Eine Mitsch\u00fclerin und ein Mitsch\u00fcler hielten mit ihren Handys auf Video fest, was dann passierte: Fields ging auf die friedliche Sch\u00fclerin zu, forderte einen Mitsch\u00fcler neben ihr auf, Platz zu machen, nahm ihr Schulnotebook vom Klapptisch und legte es beiseite. Dann packte er die Sch\u00fclerin mit einer Hand am Genick, griff mit der anderen unter ihr linkes Bein, hob sie mitsamt Stuhl hoch und lie\u00df sie kopf\u00fcber auf den Boden krachen. Danach schleifte er das wehrlose M\u00e4dchen an ihren in v\u00f6lliger Schockstarre verharrenden Mitsch\u00fclern vorbei zum Lehrerpult, kniete sich auf die b\u00e4uchlings vor der Tafel Liegende, bog ihr die H\u00e4nde auf den R\u00fccken und legte ihr Handschellen an. Dann bricht das Video ab.<\/p>\n<p>Mitsch\u00fcler gaben sp\u00e4ter an, Fields habe die Sch\u00fclerin abgef\u00fchrt und wegen \u00bbSt\u00f6rung des Unterrichts\u00ab in dem daf\u00fcr vorgesehenen \u00bbSicherheitsraum\u00ab in Gewahrsam genommen. Eine der fassungslosen Zeuginnen war die gleichaltrige Niya Kenny, die kurz darauf selbst von Fields festgenommen wurde. Sie hatte es gewagt, ihre attackierte Klassenkameradin wenigstens verbal zu verteidigen, indem sie zu Fields sagte, was er gemacht habe, sei \u00bbnicht richtig\u00ab. Niya Kenny wurde in das Alvin-S.-Glenn-Gef\u00e4ngnis gebracht und erst am Abend gegen eine Zahlung von 1.000 US-Dollar Kaution wieder freigelassen. Sie ist seitdem von der Schule suspendiert und will gegen diese Behandlung klagen.<\/p>\n<p>Die misshandelte Sch\u00fclerin, deren Name zu ihrem Schutz nie ver\u00f6ffentlicht wurde, durfte zwar nach Entlassung aus dem Schulgewahrsam nach Hause zu ihrer Pflegefamilie zur\u00fcckkehren \u2013 sie hatte erst k\u00fcrzlich ihre Mutter und Gro\u00dfmutter verloren \u2013, aber nach Auskunft ihrer Pflegemutter gegen\u00fcber der <em>Daily News<\/em> ist sie \u00bbtraumatisiert\u00ab und nicht mehr f\u00e4hig, in die Schule zu gehen. Der Anwalt der Familie, Todd Rutherford, machte \u00f6ffentlich, dass seine Mandantin im Gegensatz zu den Angaben von Fields Dienstherrn, Sheriff Leon Lott, durch die Misshandlung des Schulpolizisten erhebliche Verletzungen im Gesicht, an R\u00fccken und Genick davongetragen hatte und dass ein Arm in Gips gelegt werden musste.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<p>Nach entsetzten Reaktionen vor allem in der afroamerikanischen Bev\u00f6lkerung weit \u00fcber Columbias Bezirk Richland County hinaus und nach einem \u00fcber Sheriff Lott und seine Dienststelle hereinbrechenden Proteststurm sah sich dieser zwei Tage nach dem Vorfall zur Entlassung von Fields gezwungen. Unter Druck geriet Lott auch, weil die B\u00fcrgerrechtsabteilung des US-Justizministeriums, das FBI und der f\u00fcr Columbia zust\u00e4ndige Bundesstaatsanwalt ank\u00fcndigten, eigene Ermittlungen aufzunehmen.<\/p>\n<p>Eine von der antirassistischen Initiative \u00bbColor Of Change\u00ab in Umlauf gebrachte und in 24 Stunden von knapp 100.000 Menschen unterschriebene Petition forderte die Einleitung eines Strafverfahrens gegen Fields. Sheriff Lott wertete jedoch dessen \u00dcbergriff auf den Teenager nur als Versto\u00df gegen Dienstvorschriften und nicht als Straftatbestand. Lott drehte vielmehr den Spie\u00df um und schob der Sch\u00fclerin \u00bbeine gewisse Mitschuld\u00ab am \u00dcbergriff gegen sie zu. \u00bbSie hat die Aktion selbst ausgel\u00f6st\u00ab, war sein Kommentar auf einer extra einberufenen Pressekonferenz. Dabei ging der Ordnungsh\u00fcter sogar so weit zu behaupten, die \u00bbSt\u00f6rerin\u00ab und ihre filmende Mitsch\u00fclerin Kenny h\u00e4tten \u00bbdas Gesetz gebrochen\u00ab. Trotzdem r\u00e4umte der Sheriff ein, sein Untergebener habe \u00bbfalsch gehandelt, als er die Sch\u00fclerin hochhob und auf den Boden warf\u00ab. Damit habe er sich nicht gem\u00e4\u00df dem verhalten, was ihm in der Ausbildung beigebracht worden sei. Trotzdem m\u00fcsse aber auch \u00bbdie Sch\u00fclerin f\u00fcr das zur Rechenschaft gezogen werden, was sie getan hat\u00ab.<\/p>\n<div class=\"Ad-700\"><\/div>\n<p>Niya Kenny sagte auf die Frage eines <em>CNN<\/em>-Moderators, warum sie den Vorfall gefilmt habe, Fields habe in dem Ruf gestanden, \u00bbgef\u00e4hrlich\u00ab zu sein. Das habe sie durch ihr Video beweisen wollen. Sofort als der Mann den Raum betrat, habe sie ihre Klassenkameraden aufgefordert, ihre Handys bereitzuhalten. Beide Sch\u00fclerinnen sind nun aktenkundig, und die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen \u00bbSt\u00f6rung des Schulfriedens\u00ab gegen sie. Als H\u00f6chststrafe erwartet sie eine Geldstrafe von 1.000 US-Dollar oder 90 Tage Gef\u00e4ngnis. Gegen die attackierte 16j\u00e4hrige wird auch wegen \u00bbSchulschw\u00e4nzens\u00ab ermittelt, weil sie seit dem Vorfall dem Unterricht fernblieb. Die Gerichtsverfahren sollen im Januar 2016 stattfinden.<\/p>\n<p>\u00bbSt\u00f6rung des Schulfriedens\u00ab oder \u00bbSt\u00f6rung des Unterrichts\u00ab sind nach dem Gesetz in South Carolina Vergehen. Darunter f\u00e4llt, \u00bbabsichtlich oder unn\u00f6tigerweise (\u2026) zu st\u00f6ren\u00ab oder sich \u00bbauf anst\u00f6\u00dfige Weise zu verhalten\u00ab und dadurch Sch\u00fcler am Lernen oder den Lehrer an der Aus\u00fcbung seines Jobs zu hindern. Ist der oder die Beschuldigte minderj\u00e4hrig, werden diese F\u00e4lle vor Familiengerichten verhandelt. \u00bbSt\u00f6rung des Schulfriedens\u00ab ist laut statistischen Erhebungen der Jugendjustizbeh\u00f6rde South Carolinas f\u00fcr 2014 nach K\u00f6rperverletzung und Ladendiebstahl das dritth\u00e4ufigste Delikt des Bundesstaates.<\/p>\n<h3>\u00bbSchool-to-prison-pipeline\u00ab<\/h3>\n<div class=\"ImageBox Large\">\n<table summary=\"Designtabelle\" width=\"700\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div><img decoding=\"async\" id=\"img77589\" src=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/serveImage.php?id=77589&amp;type=l&amp;ext=.jpg\" alt=\"RTX11R62.jpg\" \/><\/div>\n<div class=\"Title\">In den USA sind 20.000 Polizisten in Schulen stationiert. Als Schutz u.\u2009a. gegen Amokl\u00e4ufe eingestellt, sind sie heute f\u00fcr den Kasernierungsgehorsam der (meist schwarzen) Kinder und Jugendlichen zust\u00e4ndig (Antiamok\u00fcbung in Orlando in Florida, 18.7.2013)<\/div>\n<div class=\"Copyright\">Foto: Brian Blanco\/Reuters<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>Der wei\u00dfe Polizist Fields war einer von zwei \u00bbSchool Resource Officers\u00ab (SRO) an der Spring Valley High School, deren Sch\u00fclerschaft sich zu 52 Prozent aus Schwarzen und zu 30 Prozent aus Wei\u00dfen zusammensetzt. Er versah seinen Dienst dort seit sieben Jahren. Niya Kenny wurde auf der Internetseite der Tageszeitung <em>The State<\/em> zitiert, Fields sei unter den Sch\u00fclern ber\u00fcchtigt gewesen, und man sei ihm aus dem Weg gegangen. Die Miss\u00adhandlung der Sch\u00fclerin war nach <em>CNN<\/em>-Recherchen nicht sein erster \u00dcbergriff auf Minderj\u00e4hrige. In einem anderen Fall hatte er den Sch\u00fcler Ashton Taylor auf dem Schulhof festgenommen und behauptet, er sei in \u00bbGangaktivit\u00e4ten\u00ab verwickelt. Daraufhin wurde Taylor ohne Anh\u00f6rung durch die Schulleitung von der Schule verwiesen. Die Organisation \u00bbColor Of Change\u00ab kommentierte, bei einem wei\u00dfen Sch\u00fcler w\u00e4re ein solch hartes und unversch\u00e4mtes Vorgehen undenkbar. Schwarze Jugendliche st\u00fcnden aber unter Generalverdacht, Gangs anzugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Alle Versuche Taylors, an einer anderen High School des Bezirks Richland County angenommen zu werden, scheiterten. Es blieb ihm dadurch verwehrt, sein High-School-Diplom zu machen und ein Collegestudium aufzunehmen. Seine Mutter erkl\u00e4rte auf <em>CNN<\/em>, Ashton sei nichts anderes \u00fcbriggeblieben, als irgendeinen Job anzunehmen, bis sein Gerichtsverfahren abgeschlossen ist. Sein Anwalt Bakari Sellers kritisierte, dies sei der beste Weg, einen jungen Menschen zu kriminalisieren und in die \u00bbSchool-to-prison-pipeline\u00ab zu schicken. Dieser Begriff umrei\u00dft den Tatbestand, dass schwarze Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler durch Diskriminierung und polizeilicher Verfolgung quasi zu einer Gef\u00e4ngniskarriere gedr\u00e4ngt werden, statt dass ihnen das Schulsystem durch unterst\u00fctzende Begleitung Bildungswege er\u00f6ffnet und so eine berufliche Laufbahn erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Vorf\u00e4lle wie der, den Officer Fields provozierte, h\u00e4ufen sich schon seit einiger Zeit im staatlichen Schulsystem der USA. G\u00e4be es nicht die hin und wieder auf Video dokumentierten und ins Internet gestellten Beweise, w\u00fcrde die \u00d6ffentlichkeit nicht realisieren, wie sich das Klima an diesen Schulen ver\u00e4ndert. Cornell William Brooks von der B\u00fcrgerrechtsorganisation NAACP erkl\u00e4rte auf <em>CNN<\/em> zu dem \u00dcbergriff auf die Sch\u00fclerin, ein SRO wie Ben Fields habe die Aufgabe, f\u00fcr Sicherheit im \u00f6ffentlichen Schulsystem zu sorgen und kriminellen Handlungen vorzubeugen. Wie der Name schon sage, seien SRO Hilfsbeamte, die vor allem wehrlose M\u00e4dchen und Jungen gegen Gewaltakte von Mitsch\u00fclern oder gegen bewaffnete Eindringlinge von au\u00dfen sch\u00fctzen sollten. Und sie sollten nicht auf Gehei\u00df von Lehrern Sch\u00fclerinnen ihr Handy im Unterricht abnehmen oder sie aus dem Klassenzimmer entfernen. \u00bbIch habe noch nie etwas erlebt, das so scheu\u00dflich und krank war\u00ab, erkl\u00e4rte der Sch\u00fcler Tony Robinson junior, der ebenfalls den Gewaltausbruch von Fields mit seinem Handy gefilmt hatte, in einem Bericht des Senders <em>\u00adWLTX 19<\/em>. \u00bbDas ging so weit, dass sich meine Mitsch\u00fcler abwandten, nicht wussten, was sie tun sollen, weil sie in dem Moment um ihr Leben f\u00fcrchteten.\u00ab Dabei sei Fields doch jemand gewesen, der zu ihrem Schutz da war und nicht, \u00bbum uns in Angst und Schrecken zu versetzen\u00ab.<\/p>\n<h3>Staat kontrolliert Sch\u00fcler<\/h3>\n<p>Die Etablierung der SRO in den staatlichen Schulen der USA begann schon in den 1950er Jahren, wenn auch unter anderen Vorzeichen als heute. Dokumentiert ist der erste Einsatz dieser Schulpolizisten, zu dem es 1953 in Michigan kam, in der 2008 erschienenen Studie \u00bbSchool Resource Security Officers: School protection Officers for Public Schools\u00ab von Christopher F. McNicholas. Als in den von Protesten und politischen Bewegungen gepr\u00e4gten 1960er Jahren im kalifornischen Freso ein regelrechtes SRO-Programm entwickelt wurde, verfolgten die Initiatoren des \u00f6rtlichen Police Departments die Absicht, \u00bbdas polizeiliche Erscheinungsbild in den Augen der Jugend\u00ab aufzufrischen. In den ersten Jahren wurden dazu SRO in Zivilkleidung in den Grund- und Mittelschulen eingesetzt, \u00bbum die Beziehung der Polizeibeh\u00f6rde mit der Jugend zu pflegen\u00ab. Laut Autor McNicholas ist das bis heute das Ziel, auch wenn diese Polizisten im Schulalltag inzwischen bewusst in Uniform auftreten.<\/p>\n<p>Mittlerweile wurde der SRO-Einsatz auf das ganze Land ausgedehnt. Weiteren Aufschwung erhielt es unter dem Eindruck des Columbine-High-School-Massakers in Colorado von 1999 und 2012 nach dem Amoklauf in der Sandy-Hook-Grundschule in der Kleinstadt Newtown\/Connecticut, bei dem insgesamt 28 Menschen ums Leben kamen, darunter 20 Kinder. Seitdem wird das Programm von Washington direkt gef\u00f6rdert und erh\u00e4lt regelm\u00e4\u00dfige Zusch\u00fcsse aus Bundesmitteln.<\/p>\n<p>Wie Brad A. Myrstol in seiner 2011 erschienenen Monographie \u00bbPublic Perceptions of School Resource Officer Programs\u00ab schreibt, besch\u00e4ftigen \u00f6rtliche Polizeibeh\u00f6rden und Sheriffb\u00fcros rund 20.000 Schulpolizisten in Vollzeit, die je nach Verwaltungsbezirk und Bundesstaat in der Regel auch bewaffnet sind. Nach den t\u00f6dlichen Sch\u00fcssen auf den Teenager Michael Brown am 9. August 2014 in Ferguson und dem martialischen Auftreten der Polizei gegen die Proteste sorgten aufgeschreckte Eltern immerhin in vielen St\u00e4dten daf\u00fcr, dass SRO heute nicht mehr \u00fcber Sturmgewehre und anderes milit\u00e4risches Ger\u00e4t verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die Dienstvorgesetzten der SRO sitzen in den Polizeibeh\u00f6rden, sie arbeiten aber eng mit den Schulleitungen zusammen. In ihren Dienstverantwortlichkeiten unterscheiden sie sich kaum von ihren Kollegen au\u00dferhalb der Bildungseinrichtungen. Sie haben das Recht, zu kontrollieren und festzunehmen, k\u00f6nnen jederzeit in Notf\u00e4llen gerufen werden und sind f\u00fcr alles zust\u00e4ndig, was sich auf dem Schulgel\u00e4nde ereignet. Zu ihren zus\u00e4tzlichen Aufgaben geh\u00f6rt die Betreuung von Klassen und Schulpersonal, und sie sollen zu Fragen, die die jeweiligen Altersgruppen der Sch\u00fclerschaft und ihre Sicherheit betreffen, Ratschl\u00e4ge erteilen und Vortr\u00e4ge vor Klassen halten.<\/p>\n<h3>Gesetzlich erlaubte Z\u00fcchtigung<\/h3>\n<p>Aber das ist reine Theorie. In der Praxis taucht gerade in den letzten Jahren die Frage auf, ob das SRO-Programm die Sicherheit an den Schulen wirklich verbessert hat. Schlie\u00dflich hat es auch trotz sch\u00e4rferer Kontrollen, wie durch Metalldetektoren und k\u00f6rperliche Durchsuchungen an Eing\u00e4ngen, Probleme mit eingeschmuggelten Waffen und auch weitere Amokl\u00e4ufe gegeben. Vermehrt wird Kritik laut, dass Schulpolizisten immer st\u00e4rker zur Disziplinierung der Sch\u00fclerschaft eingesetzt werden. Vor allem f\u00e4llt auf, dass es dort, wo sie aktiv sind, eher zu Disziplinar- und Strafverfahren und zu Schulverweisen kommt. Schon sehr junge Kinder und Jugendliche werden wegen harmloser Ordnungsverst\u00f6\u00dfe vom Unterricht ausgeschlossen oder gar aus der Schule geworfen. Dazu geh\u00f6rt lautes Reden ebenso wie ein Versto\u00df gegen die Kleiderordnung oder der Aufenthalt auf dem Schulgel\u00e4nde ohne den eigenen Sch\u00fclerausweis. Charles F. Coleman, praktizierender B\u00fcrgerrechtsanwalt und Strafrechtsprofessor am Berkeley College in New York, sieht denn auch an den staatlichen Schulen eine Entwicklung hin zu \u00bbMinicamps, die an Gef\u00e4ngnisse erinnern, in denen Polizisten dar\u00fcber wachen, dass sich die Sch\u00fcler leise in Reih\u2019 und Glied durch die Flure bewegen\u00ab, so Coleman im Blog The Root.<\/p>\n<p>Zunehmend wird der gewaltsame Einsatz der Hilfspolizisten gegen Kinder und Jugendliche zu einem Alltagsproblem, vergleichbar mit der st\u00e4ndigen Gefahr erruptiver Polizeigewalt in den Wohngebieten von Schwarzen und Latinos. Die sozialen Netzwerk sind voll von Videos, die diese Vorf\u00e4lle im normalen Sch\u00fcleralltag dokumentieren. In der Round Rock High School in Austin, Texas, w\u00fcrgte ein SRO einen 14j\u00e4hrigen Sch\u00fcler zu Boden \u2013 \u00bbzu seiner eigenen Sicherheit\u00ab, wie es nachher hie\u00df. In Alabama setzten Schulpolizisten regelm\u00e4\u00dfig Pfefferspray gegen Sch\u00fcler ein, wenn es zu Streitereien kam. Und in einem Fall, der sicher zu den schockierendsten der letzten Zeit geh\u00f6rt, lag der 17j\u00e4hrige Noe Ni\u00f1o de Rivera aus Bastrop County in Texas 52 Tage im k\u00fcnstlichen Koma, nachdem er im November 2013 in seiner Schule wegen einer Lapalie mit einer Taserwaffe beschossen worden war und beim Sturz ein schweres Sch\u00e4deltrauma erlitt. Der Sch\u00fcler wird f\u00fcr den Rest seines Lebens unter dessen Folgen leiden.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund und dem Vorfall an der Spring Valley High School in South Carolina warf Brittney Cooper, Dozentin f\u00fcr \u00bbWomen\u2019s and Gender Studies\u00ab und \u00bbAfrican Studies\u00ab an der Rutgers University in New Jersey, im Blog Salon.com die Frage auf: \u00bbZ\u00e4hlen schwarze Leben noch an staatlichen Schulen?\u00ab Cooper sieht in der Gewalt im Schulalltag und dessen immer st\u00e4rkere Regelung durch die Polizei eine \u00bbunheilige Allianz\u00ab zwischen Schule und Gef\u00e4ngnis. Deshalb komme es nicht von ungef\u00e4hr, wenn Schulleitungen das Disziplinieren von Sch\u00fclern und Klassen an Polizeibeamte \u00bboutsourcen\u00ab w\u00fcrden. Die d\u00fcrfen n\u00e4mlich das tun, was Lehrern verboten ist: Sie d\u00fcrfen Sch\u00fcler mit Handschellen fesseln und so \u00bbruhigstellen\u00ab. Au\u00dferdem k\u00f6nnen sie sie in Sicherheitsgewahrsam nehmen und notfalls per Strafanzeige ins Gef\u00e4ngnis und in \u00bbH\u00e4rtef\u00e4llen in Untersuchungshaft \u00fcberf\u00fchren. Das sorgt daf\u00fcr, dass die \u00bbSchool-to-prison-pipeline\u00ab stets Nachschub erh\u00e4lt.<\/p>\n<h3>Riss zwischen Schwarzen und Wei\u00dfen<\/h3>\n<p>Dabei ist nicht ganz unwichtig, dass South Carolina zu den 19 US-Bundesstaaten geh\u00f6rt, die auch heute noch die k\u00f6rperliche Z\u00fcchtigung an Schulen erlauben. Der Artikel im Gesetz lautet: \u00bbDie Verwaltung jedes Schulbezirks kann die k\u00f6rperliche Z\u00fcchtigung f\u00fcr einen jeden Sch\u00fcler vorsehen, wenn sie als gerecht und angemessen erachtet wird\u00ab. Kein Wunder also, dass SRO Fields seinen k\u00f6rperlichen Angriff auf eine in seinen Augen widerspenstige Sch\u00fclerin auch nach dem Gesetz f\u00fcr angemessen hielt.<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig sind es ausgerechnet 13 Bundesstaaten in den traditionell schwarzen S\u00fcdstaaten, die landesweit f\u00fcr 55 Prozent aller Schulverweise gegen afroamerikanische Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler verantwortlich sind. Zehn dieser 13 Staaten halten die k\u00f6rperliche Z\u00fcchtigung ihrer \u00bbZ\u00f6glinge\u00ab in den Schulen nach wie vor f\u00fcr angebracht.<\/p>\n<p>Cooper sieht in jeder schwarzen Sch\u00fclerin, die sich selbstbewusst zu ihren eigenen Bedingungen durch ihr Leben bewegen will, eine potentielle Bedrohung f\u00fcr das in den USA vorherrschende patriarchale Denken wei\u00dfer \u00dcberlegenheit. F\u00fcr einen wei\u00dfen Polizisten, der mit allen Insignien der Macht f\u00fcr seinen Dienstbereich ausger\u00fcstet ist, muss deshalb die Weigerung, seinen Befehlen Folge zu leisten, wie eine Kampfansage wirken \u2013 auch wenn sein Gegen\u00fcber friedlich und zur\u00fcckhaltend ist. In der gewaltsamen Reaktion der Unterwerfung ist dann sogleich die Warnung an alle enthalten, die Zeugen solcher \u00dcbergriffe werden: Ihr seid die n\u00e4chsten, wenn ihr aufmuckt und euch solidarisiert!<\/p>\n<p>Auf die allgemeine gesellschaftliche Situation der USA bezogen bedeutet das: Die von schwarzen Frauen gegr\u00fcndete \u00bbBlack Lives Matter\u00ab-Bewegung sowie wachsender Unmut gegen Polizeigewalt, gegen die um sich greifende private Bewaffnung in den Vorst\u00e4dten der Wei\u00dfen und gegen rassistische Strukturen an den Hochschulen sind Warnzeichen, dass der Riss zwischen Schwarz und Wei\u00df sich vertieft und Unrecht und Gewalt nicht mehr widerstandslos hingenommen werden. Nicht zuf\u00e4llig wurden in Ferguson, Baltimore und anderen \u00bbRiot Cities\u00ab nach polizeilichen Todessch\u00fcssen und vor Gro\u00dfdemonstrationen immer zuerst alle Schulen geschlossen. Vor allem an den High Schools hat sich ein neues politisches Bewusstsein in der Sch\u00fclerschaft herausgebildet und dazu gef\u00fchrt, dass Klassenverb\u00e4nde und ganze Schulen sich Protesten anschlossen. In dieser Entwicklung kommt den SRO zunehmend die Aufgabe zu, schon an den Schulen Widerstandspotentiale zu beobachten und kleinzuhalten. Kontrolle, Disziplinierung und Unterwerfung der J\u00fcngsten \u2013 all das ist Ausdruck des Willens, eine potentiell gegen unhaltbare gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse aufbegehrende junge Generation so lange wie m\u00f6glich im Zaum zu halten.<\/p>\n<p>Junge Welt, 22.12.2015<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hilfspolizisten d\u00fcrfen in Schulen der USA tun, was Lehrern verboten ist: Sch\u00fcler mit Handschellen fesseln, in Sicherheitsgewahrsam nehmen oder ins Gef\u00e4ngnis \u00fcberf\u00fchren. Jugendlicher Widerstand soll klein gehalten werden<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3986","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3986","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3986"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3986\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3987,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3986\/revisions\/3987"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3986"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3986"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3986"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}