{"id":4063,"date":"2016-07-21T20:22:54","date_gmt":"2016-07-21T20:22:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=4063"},"modified":"2016-07-21T20:40:25","modified_gmt":"2016-07-21T20:40:25","slug":"underdog-salafismus-mit-elementen-vom-rap","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=4063","title":{"rendered":"Underdog-Salafismus-mit-Elementen-vom-Rap"},"content":{"rendered":"<p>http:\/\/derstandard.at\/2000011739865\/Soziologe-Kenan-Guengoer-Underdog-Salafismus-mit-Elementen-vom-Rap<\/p>\n<h3>Kenan G\u00fcng\u00f6r \u00fcber islamistische Radikalisierung junger religi\u00f6ser Analphabeten und die dem Koran immanente Gewalttheologie<\/h3>\n<p>STANDARD: Zwei britische M\u00f6chtegern-Jihadisten kauften vor ihrer Reise nach Syrien bei Amazon ausgerechnet &#8222;Islam for Dummies&#8220; und &#8222;The Koran for Dummies&#8220;<!--more-->. Welche Rolle spielt Religion bei islamistischer Radikalisierung? G\u00fcng\u00f6r: In der Vorphase ist nicht die Religion das entscheidende Moment, danach immer mehr. Da spielen auch andere Faktoren eine gewichtige Rolle. Jugendliche suchen nach Sinn, Halt und Orientierung in einer f\u00fcr sie sinn- und orientierungsentleerten, diffusen Welt. Jugendliche Leidenschaft, die Lust etwas radikal Neues zu probieren, das vorhandene Norm- und Sozialgef\u00fcge zu hinterfragen und auszubrechen kennen wir aus anderen jugendkulturellen Protestbewegungen. Wenn sie dann in einen Nahkreis von salafistischen Bewegungen kommen, gibt es dieses Angebot pl\u00f6tzlich. Die meisten dieser Jugendlichen sind nicht nur religi\u00f6se Analphabeten, sondern auch eher marginalisiert, was Bildung und Perspektiven anbelangt, sie haben das Gef\u00fchl, auf der Verliererseite zu sein. Sie bekommen nun das Angebot f\u00fcr soziale W\u00e4rme, Anerkennung und Aufgehobensein in einer absoluten Gemeinschaft mit absoluter, \u00fcber allem stehender Wahrheit und Mission. Das gibt vormals Unterlegenen ein \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl. Zum Teil haben sie auch Kriminalit\u00e4tskarrieren hinter sich, aber vor allem das Gef\u00fchl: Eigentlich interessiert sich keiner f\u00fcr mich. Da setzt das salafistische Streetwork an. STANDARD: In welcher Form? G\u00fcng\u00f6r: Sie zeigen Interesse an diesen Menschen und verwickeln sie in Gespr\u00e4che \u00fcber grunds\u00e4tzliche Sinnfragen. Sie sprechen das metaphysische Vakuum an: Was ist nach dem Leben? Dass die Welt, in der wir leben, eigentlich nur ein transitorischer Raum ist und das Eigentliche erst danach kommt. Dann werden sie eingeladen: Komm doch mal zu uns. Das ist wie ein Freundschaftskreis, der W\u00e4rme gibt in einer klimatisch doch eher lauen oder tendenziell kalten, an ihnen desinteressierten Gesellschaft. Du bekommst nirgendwo so schnell Anerkennung wie in den salafistischen Kreisen. Vom Niemand bist du auf einmal wer in einer exponierten Stellung. Du bist f\u00fcr uns wichtig, und wir sind so etwas wie eine heilige, berufene Gruppe, die f\u00fcr etwas H\u00f6heres steht, mit einem fast g\u00f6ttlichen Auftrag. Das ist eine massive Statusaufwertung und gleicht ihr Anerkennungsdefizit aus. STANDARD: Und die Religion? G\u00fcng\u00f6r: Das religi\u00f6se Element kommt in der zweiten Phase sehr stark in der Form: Wie soll gelebt werden? Was ist das wahre Leben? Sie sagen ihnen: Das Einzige, was du im Leben musst, ist, an Gott und sein Buch zu glauben. Da steht die Wahrheit drin. Nicht alle lesen wirklich, und wenn ja, nur bruchst\u00fcckhaft, aber es wird nur mit Suren herumgeschmissen. Gerade jene, die nicht sehr stark reflektieren und wenig gebildet sind, sind f\u00fcr klare, eindeutige Passagen empf\u00e4nglicher. Daher kommen die starken Imperative, was zu tun und was zu lassen ist. Was wahr, was wirklich muslimisch und vor allem was nicht muslimisch ist, n\u00e4mlich das Unreine, das B\u00f6se. Und wer sich nicht dran h\u00e4lt, dem kommen sie mit dem schlechten Gewissen: Wenn du wirklich ein wahrer Muslim bist: Wie lebst du denn eigentlich? Das, was dein Leben ist, ist nur ein Nichts. Da hast du nichts mehr. Es findet eine massive Entwertung des Lebens und der Jetztzeit zugunsten der Unendlichkeit statt. STANDARD: Die Teenager, die sich jetzt radikalisieren, sind fast alle zweite oder dritte Einwanderergeneration, mitunter auch \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrger-\/innen. Ist es auch ein Generationenkonflikt? G\u00fcng\u00f6r: Diese Gruppen haben auch sehr viele jugendkulturelle Elemente. Das sind Peers, die verstehen ihre Lebenswelt, die sprechen h\u00e4ufig das gleiche schlechte Deutsch. Anders als im Nahen Osten ist es hier fast so ein Underdog-Salafismus mit Elementen vom Rap, wo es um Benachteiligung geht. Es geht auch um ein Ungerechtigkeitsempfinden. Wir und die Muslime im Nahen Osten werden unterdr\u00fcckt, sind verwestlicht, dekadent, vom wahren Glauben abgekommen und m\u00fcssen uns gegen die inneren und \u00e4u\u00dferen Feinde wehren. Das ist der Unterschied zur ersten Generation der Migranten, die zwar unter deutlich schlechteren Lebensbedingungen lebte, aber gen\u00fcgsamer, geduckter, dem\u00fctiger war. Es ist auch eine auflehnende Abgrenzung: Wir sind nicht mehr die Dem\u00fctigen, wir sind die Unduldsamen, wir provozieren, sind aktiv. Der Bruch damit, die Provokation ist ein Aspekt, aber ich warne davor, Jihad nur als jugendkulturellen Protest zu beschreiben. STANDARD: Welche Rolle spielen die Eltern bei der Radikalisierung? G\u00fcng\u00f6r: Es gibt eine sehr gro\u00dfe Gruppe, wo die Eltern weniger religi\u00f6s sind und die Kinder auf einmal immer religi\u00f6ser werden. Die sind erst einmal irritiert. Die einen fragen: Sag mal, was hast du mit Religion zu tun? Die anderen sagen: Ach, das ist sch\u00f6n, wenn dein Leben mal ein bisschen Ordnung kriegt. Wichtig w\u00e4re, nicht gleich in Alarmismus zu verfallen, sondern das als Signal zu sehen und zu versuchen, \u00fcber Empathie in ein vertrauensvolles Gespr\u00e4ch zu kommen. Wir haben Jugendliche, die das wie eine Inkubationszeit sehr introvertiert durchmachen, die sich hinter Facebook und in Social Media verstecken, wo die Eltern sehr wenig wissen, aber die irgendwann doch rauskommen und sprechen. Meistens werden die Eltern daf\u00fcr getadelt, dass sie nicht oder nicht ausreichend religi\u00f6s sind. Und es gibt die Gruppe, die eher \u00fcberwiegt, die sehr mitteilsam und missionarisch ist und Familie und Freunde \u00fcberzeugen will. Die verstecken sich nicht. STANDARD: In der aktuellen Debatte hei\u00dft es oft: Das alles hat mit dem Islam an sich nichts zu tun. Kann man das wirklich so sagen? G\u00fcng\u00f6r: Die Aussage &#8222;Es ist nur der Islam&#8220; ist genauso falsch wie die Aussage &#8222;Es hat nichts mit dem Islam zu tun&#8220;. Es w\u00e4re genauso absurd, wenn wir sagen w\u00fcrden, die RAF hat nichts mit dem Sozialismus zu tun oder der Faschismus nichts mit dem Nationalismus. Alles, was al-Bagdadi (der Anf\u00fchrer der Terrororganisation &#8222;Islamischer Staat&#8220;, Anm.) gegenw\u00e4rtig sagt, findet sich in Suren wieder. Dieses &#8222;Es hat nichts mit dem Islam zu tun&#8220; hat damit zu tun, dass man die Muslime, die sowieso unter Generalverdacht stehen, davor sch\u00fctzen m\u00f6chte, was ich verstehe. Aber sachlich ist das nicht haltbar. Innerislamisch verfallen wir, solange wir so reden, einer sch\u00fctzenden Selbstgerechtigkeit, die jede Form selbstkritischer Auseinandersetzung verunm\u00f6glicht. Wenn wir daraus lernen wollen, m\u00fcssen wir die kritische Frage stellen: Auf welche religi\u00f6sen Quellen, Interpretationen und Str\u00f6mungen, die solche abartigen Formen produzieren, st\u00fctzt sich das, und was kann man dagegen tun? Solange der Koran von seiner immanenten Gewalt- und auch Unterwerfungstheologie nicht befreit, sondern alles sakral einzementiert wird, ist eine humanistisch-aufkl\u00e4rerische Weiterentwicklung des Islam nicht m\u00f6glich. Das halte ich f\u00fcr problematisch. STANDARD: Was kann oder soll die organisierte muslimische Community tun? G\u00fcng\u00f6r: Diese salafistischen Netzwerke sind relativ abgekoppelt, das geht \u00fcbers Internet und ihre kleinen Moscheevereine. F\u00fcr die sind die anderen Strukturen zu alt, zu verkrustet. Deswegen haben sie wenig Einfluss auf diese Gruppen. Au\u00dferdem haben wir das Problem, dass viele der Organisierten gesagt haben, das hat nichts mit uns und dem Islam zu tun. Sie n\u00fctzen die M\u00f6glichkeiten nicht, die immanente Gewalt und Unterwerfungstheologie, die drin ist und die die Jihadisten in der radikalsten Form auslegen, kritisch zu reflektieren. Was die Vorstellung von Gut und B\u00f6se, vom Reinen und Unreinen, von der westlichen Welt oder den Umgang mit Geschlechtertrennung betrifft, haben sie vielmehr einen gro\u00dfen \u00dcberschneidungsbereich. \u00dcber diese Schnittmengen m\u00fcssen wir uns Gedanken machen. Das Problem der muslimischen L\u00e4nder, nicht nur Saudi-Arabiens, ist gegenw\u00e4rtig, dass sie ein Abgrenzungsproblem zur IS haben, weil sie sich fast auf das Gleiche beziehen. Nur die Jihadisten sagen, wir k\u00e4mpfen daf\u00fcr, und ihr geht mit denen im Westen ins Bett. STANDARD: Wer soll die geforderte aufkl\u00e4rerische Islamkritik leisten? G\u00fcng\u00f6r: Die gesamte Gesellschaft ist gefordert. Ein gro\u00dfer Teil der organisierten Muslime hat tendenziell eher eine konservativere Lesart als die gegenw\u00e4rtig noch marginalen, aufkl\u00e4rerischen Theologen und Intellektuellen, die aber viel anschlussf\u00e4higer w\u00e4ren bei einem gro\u00dfen Teil der Alltagsmuslime &#8211; und die gilt es zu gewinnen. 70 Prozent der Muslime sind nicht organisiert, sie leben sehr oft viel moderater, als die Vorstellungen der Organisationen sind. Darum d\u00fcrfen wir es nicht auf einen interreligi\u00f6sen Dialog reduzieren, sondern es ist ein gesellschaftlicher Diskurs notwendig. Da stehen wir noch am Anfang. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 16.2.2015) Kenan G\u00fcng\u00f6r, geb. 1969 in Tunceli\/T\u00fcrkei, kam mit sieben Jahren nach K\u00f6ln, studierte in Wuppertal Soziologie, ging 2000 nach Basel, 2007 nach Wien, wo er &#8222;think.difference&#8220;, ein Beratungs- und Forschungsb\u00fcro, gr\u00fcndete. Er erarbeitete Integrationsleitbilder f\u00fcr Tirol, Vorarlberg, Ober\u00f6sterreich und Basel, Dornbirn, Amstetten. Am Donnerstag (19. 2., 19 Uhr) spricht er bei der vom Zoom-Kindermuseum und STANDARD organisierten Zoom Lecture \u00fcber Jugendkultur und religi\u00f6sen Extremismus. &#8211; derstandard.at\/2000011739865\/Soziologe-Kenan-Guengoer-Underdog-Salafismus-mit-Elementen-vom-Rap<\/p>\n<p>Siehe auch:<\/p>\n<div>zur islamistischen Radikalisierung junger religi\u00f6ser Analphabeten: <a href=\"https:\/\/deref-gmx.net\/mail\/client\/dereferrer\/?redirectUrl=http%3A%2F%2Fderstandard.at%2F2000011739865%2FSoziologe-Kenan-Guengoer-Underdog-Salafismus-mit-Elementen-vom-Rap\" target=\"_blank\">http:\/\/derstandard.at\/2000011739865\/Soziologe-Kenan-Guengoer-Underdog-Salafismus-mit-Elementen-vom-Rap<\/a><\/div>\n<div><\/div>\n<div>zu islamischen Kinder\u00e4rten und dem reflexartigen Vorwurf der Islamophobie: <a href=\"https:\/\/deref-gmx.net\/mail\/client\/dereferrer\/?redirectUrl=http%3A%2F%2Fderstandard.at%2F2000027954186%2FIntegrationsexperte-Bildungsministerium-soll-Kindergaerten-kontrollierenJede-Kritik-wird-als-Islamophobie-diskreditiert\" target=\"_blank\">http:\/\/derstandard.at\/2000027954186\/Integrationsexperte-Bildungsministerium-soll-Kindergaerten-kontrollierenJede-Kritik-wird-als-Islamophobie-diskreditiert<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>http:\/\/derstandard.at\/2000011739865\/Soziologe-Kenan-Guengoer-Underdog-Salafismus-mit-Elementen-vom-Rap Kenan G\u00fcng\u00f6r \u00fcber islamistische Radikalisierung junger religi\u00f6ser Analphabeten und die dem Koran immanente Gewalttheologie STANDARD: Zwei britische M\u00f6chtegern-Jihadisten kauften vor ihrer Reise nach Syrien bei Amazon ausgerechnet &#8222;Islam for Dummies&#8220; und &#8222;The Koran for Dummies&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4063","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4063","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4063"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4063\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4065,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4063\/revisions\/4065"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4063"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4063"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4063"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}