{"id":4067,"date":"2016-07-29T10:38:05","date_gmt":"2016-07-29T10:38:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=4067"},"modified":"2016-07-29T10:38:05","modified_gmt":"2016-07-29T10:38:05","slug":"zwischenruf-eines-blauaeugigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=4067","title":{"rendered":"Zwischenruf eines Blau\u00e4ugigen"},"content":{"rendered":"<div class=\"mar0\"><span id=\"petervonnahme\" class=\"vcard\"> <span class=\"fn\"><a class=\"author\" title=\"Weitere Artikel von Peter Vonnahme\" href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/autor\/petervonnahme\/default.html\">Peter Vonnahme<\/a><\/span> <\/span> <span class=\"date\">23.07.2016<\/span><\/div>\n<div class=\"mar0\"><\/div>\n<div class=\"mar0\">http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/48\/48918\/1.html<\/div>\n<div class=\"mar0\">\n<h3>Terrorismus ist besiegbar, wenn wir umdenken<\/h3>\n<p class=\"text\">Die terroristischen Anschl\u00e4ge seit 2015 (Charlie Hebdo, Stade de France, Bataclan-Theater, Flughafen Br\u00fcssel-Zaventem, U-Bahnhof Maalbeek, Orlando sowie zuletzt Promenade des Anglais in Nizza) gleichen sich auf eine gespenstische Art.<\/p>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<div class=\"mar0\">\n<p class=\"text\">Die \u00c4hnlichkeit liegt nicht in der \u00e4u\u00dferen Form der Tatbegehung; diese differiert naturgem\u00e4\u00df, abh\u00e4ngig vom T\u00e4ter- und Opferkreis, von den \u00d6rtlichkeiten und vom Ziel der Attentate. Was sich jedoch gleicht, das sind die \u00f6ffentlichen Reaktionen, insbesondere die ritualisierte Betroffenheitsrhetorik der Politiker. Diese bekennen sich zum eigenen, &#8222;westlichen&#8220; Lebensstil, zur europ\u00e4ischen Wertegemeinschaft, zur grenz\u00fcberschreitenden Solidarit\u00e4t und zur wachsamen Kampfbereitschaft (&#8222;Wir befinden uns im Krieg&#8220;).<\/p>\n<p class=\"text\">Bei genauem Hinsehen werden wir jedoch Zeugen von tiefem Unverst\u00e4ndnis der Problematik. Wir erleben Pathos, Patriotismus und vor allem be\u00e4ngstigende Ratlosigkeit.<\/p>\n<p class=\"text\">Schlimm ist, dass sich dieses Szenario in immer k\u00fcrzeren Zeitabst\u00e4nden wiederholt. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass auch Deutschland von gro\u00dfen Anschl\u00e4gen nicht verschont bleiben wird. Es ist nur eine Frage der Zeit. Eine kleine Vorahnung hat uns der &#8222;Axt-Attent\u00e4ter&#8220; im Regionalzug nach W\u00fcrzburg vor ein paar Tagen beschert.<\/p>\n<p class=\"text\">Und was unternimmt die Politik? Sie macht das, was sie am besten kann. Sie legt die Stirn in Falten, kondoliert, beschw\u00f6rt, konferiert und erweckt den Anschein, dass sie handelt. Aber sie handelt nicht wirklich.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Schnellsch\u00fcsse<\/h3>\n<p class=\"text\">Die Opfer von Nizza lagen noch in Planen geh\u00fcllt auf der Strandpromenade, da waren bereits die stets gleichen Fragen im \u00f6ffentlichen Raum: Wo war die Polizei? Warum ist sie nicht rechtzeitig eingeschritten? Gab es kein Sicherheitskonzept? Hat man die terroristische Bedrohung untersch\u00e4tzt? Gibt es Hinweise auf einen islamistischen T\u00e4terkreis? Und vor allem: H\u00e4tte das Blutbad verhindert werden k\u00f6nnen? Die Antwort auf die letzte Frage m\u00fcsste lauten: Nein, die Gefahr von terroristischen Anschl\u00e4gen ist das Restrisiko unseres Lebensstils. Aber so entwaffnend ehrlich ist kein Polizeipr\u00e4sident, kein Innenminister und schon gleich gar kein Regierungschef. Es w\u00e4re n\u00e4mlich das Eingest\u00e4ndnis der eigenen Machtlosigkeit. Stattdessen wird beteuert, man habe alles Menschenm\u00f6gliche getan, um die Veranstaltungsbesucher, Bahnreisenden und Flugtouristen nach bestem Wissen zu besch\u00fctzen und k\u00fcnftig werde man noch mehr tun: mehr \u00dcberwachungskameras, mehr Stra\u00dfensperren, Sicherheitskr\u00e4fte verst\u00e4rken, ja sogar der Einsatz von B\u00fcrgerwehren werde gepr\u00fcft. Kurzum: Terrorabwehr mit Hardware!<\/p>\n<p class=\"text\">Au\u00dferdem werde die internationale Zusammenarbeit intensiviert. Leider sei es unvermeidbar, den Datenschutz weiter einzuschr\u00e4nken &#8211; zu unserem Wohle. Es gelte, Freiheit zugunsten von mehr Sicherheit zu opfern. Doch schon Benjamin Franklin wusste, dass man bei diesem Gesch\u00e4ft am Ende beides verlieren wird.<\/p>\n<p class=\"text\">Bereits wenige Stunden nach einem Terroranschlag beginnt im \u00f6ffentlich-rechtlichen Infotainment-TV das Stelldichein der nimmerm\u00fcden Polit-Allzweckwaffen: Altmaier, Bosbach, de Maizi\u00e8re, Kubicki, Oppermann bis hin zu Scheuer, Stoiber, Trittin und Wagenknecht. Erfahrene TV-Konsumenten wissen im Voraus, dass der Erkenntnisgewinn gering sein wird. Auf die immer gleichen Fragen von Anne Will &amp; Co. folgen die immer gleichen Antworten.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Terroristische Planungen und die Antwort &#8222;war on terror&#8220;<\/h3>\n<p class=\"text\">W\u00e4hrenddessen bereiten junge M\u00e4nner, zumeist aus dem Nahen Osten oder aus dem Maghreb, ihre n\u00e4chsten Aktionen vor. Sie kennen ihr Risiko, aber es schreckt sie nicht. Sie haben keine Angst vor dem Tod. Im Gegenteil, manche suchen ihn geradezu. Sie wollen als M\u00e4rtyrer sterben, um der lustvollen Verhei\u00dfungen ihrer religi\u00f6sen Wahnvorstellungen teilhaftig zu werden. Die Tragik dieser jungen M\u00e4nner ist, dass sie sich unmerklich von den Glaubensinhalten ihrer Religion entfernt haben &#8211; verf\u00fchrt und fehlgeleitet von fanatisierten Gotteskriegern.<\/p>\n<p class=\"text\">Parallel dazu r\u00e4sonieren unsere Sicherheitsexperten dar\u00fcber, wie man mit scheinbar rationalen Ma\u00dfnahmen (Polizeieinsatz, Schusswaffengebrauch, \u00dcberwachung, Aufkl\u00e4rung) den Zerst\u00f6rungsphantasien von verblendeten Islamisten begegnen kann. Dabei wird \u00fcbersehen, dass die Logik der k\u00fcnftigen Attent\u00e4ter mit westlichen Denkschemata nichts gemein hat. W\u00e4hrend wir den Anspruch erheben, bedrohtes Leben zu sch\u00fctzen, ist ihr Sinnen darauf gerichtet, durch hundert- und tausendfachen Mord an unschuldigen Menschen gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit zu erregen und fl\u00e4chendeckend Angst zu erzeugen.<\/p>\n<p class=\"text\">Es scheint, dass ihr Plan in den letzten Jahren aufgegangen ist: Sie bestimmen den Takt des Todes, wir betrauern und bestatten die Opfer. Allm\u00e4hlich beginnen wir zu begreifen, dass es nahezu unm\u00f6glich ist, aberwitzige Terrorpl\u00e4ne im Vorfeld zu erkennen und ihre Ausf\u00fchrung zu verhindern.<\/p>\n<p class=\"text\">Welcher Analytiker hat schon die Phantasie sich vorzustellen, dass es einer Handvoll junger M\u00e4nner aus dem Morgenland gelingen k\u00f6nnte, nahezu zeitgleich vier Passagiermaschinen in ihre Gewalt zu bringen, um mit ihnen unter Hingabe des eigenen Lebens die h\u00f6chsten T\u00fcrme und das Verteidigungsministerium der gr\u00f6\u00dften Milit\u00e4rmacht der Erde zu zerst\u00f6ren? Ein solches Szenario kommt nur in Fiebertr\u00e4umen vor. Oder wer kommt auf die absurde Idee, dass ein bisher unauff\u00e4lliger Mann am franz\u00f6sischen Nationalfeiertag mit einem gemieteten Lastwagen die von Feiernden ges\u00e4umte Strandpromenade in Nizza entlangfahren k\u00f6nnte in dem alleinigen Bestreben, m\u00f6glichst viele Menschen zu \u00fcberfahren?<\/p>\n<p class=\"text\">Angesichts der offensichtlichen Schwierigkeit solche Planungen rechtzeitig zu erkennen, verfiel die westliche Politik auf die Idee, das \u00dcbel von Grund auf auszurotten. Man klassifizierte missliebige Staaten als Schurkenstaaten, erkl\u00e4rte sie als vogelfrei und entschied sich f\u00fcr den <i>war on terror<\/i>. Doch bald zeigte sich, dass man terroristische Aktionen nicht mit konventionellen Kriegen bek\u00e4mpfen kann. Zu gro\u00df sind die Unterschiede.<\/p>\n<p class=\"text\">Der klassische Krieg ist dadurch gekennzeichnet, dass Staaten ihre Konflikte mittels Armeen und Feldherrn auf Schlachtfeldern austragen. Terroristische Aktionen hingegen werden jedoch nicht von Armeen, sondern von im Untergrund operierenden Kommandos ausgef\u00fchrt. Nicht Materialschlachten und die Eroberung von Feindesland stehen im Vordergrund, sondern die zynische Absicht, mittels massenhafter T\u00f6tung Unschuldiger weltweit Aufmerksamkeit zu erlangen und dadurch psychischen Druck auf den milit\u00e4risch hoch \u00fcberlegenen Feind aufzubauen. W\u00e4hrend Soldaten \u00fcberleben wollen, ben\u00fctzt der &#8222;moderne&#8220; Terrorist sein eigenes Leben als Waffe. F\u00fcr solche Auseinandersetzungen (&#8222;asymmetrische Kriege&#8220;) eignen sich Soldatenheere und Milit\u00e4rtechnologie nicht, weder zur Vorbeugung noch zur Abwehr von \u00dcbergriffen.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Irrweg<\/h3>\n<p class=\"text\">Die asymmetrischen Kriege haben zudem eine schlimme Nebenwirkung: Sie erzeugen neuen blutigen Terror. Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre haben gezeigt, dass der war on terror h\u00e4ufig zum Terror gegen die Zivilbev\u00f6lkerung mutiert.<\/p>\n<p class=\"text\">Pr\u00e4sident\u00a0Barack Obama\u00a0hat k\u00fcrzlich einger\u00e4umt, dass seit 2009 bei US-Drohneneins\u00e4tzen in Pakistan, Jemen, Somalia und Libyen zwischen 64 und 116 unschuldige Zivilisten get\u00f6tet worden (sog. Kollateralsch\u00e4den).\u00a0Andere Quellen sprechen von 1147 Opfern (The Guardian), Menschenrechtsorganisationen sogar von etwa 6000. Es bedarf wenig Phantasie sich vorzustellen, dass Angeh\u00f6rige und Freunde von unschuldigen Drohnen- oder Bombenopfern leicht f\u00fcr Vergeltungsaktionen (&#8222;Terroranschl\u00e4ge&#8220;) zu gewinnen sind.<\/p>\n<p class=\"text\">Der Journalist und ehemalige CDU-Abgeordnete J\u00fcrgen Todenh\u00f6fer sagte k\u00fcrzlich in einem Gespr\u00e4ch mit WDR2: &#8222;Wir haben jetzt 14 Jahre lang &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; gef\u00fchrt. Am Anfang hatten wir ein paar hundert international gef\u00e4hrliche Terroristen, jetzt haben wir \u00fcber 100.000.&#8220; Auch wenn diese Zahl nicht genau \u00fcberpr\u00fcfbar ist, zeigt sie eine gef\u00e4hrliche Tendenz auf. Wir befinden uns auf einem Irrweg. So werden wir es nicht schaffen.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Wir m\u00fcssen umdenken<\/h3>\n<p class=\"text\">Wenn wir Terrorismus ernsthaft eind\u00e4mmen wollen, kommen wir nicht umhin, <i>neue Wege<\/i> zu beschreiten. Sie bieten eine weitaus bessere Zukunftschance als das phantasielose Weiterlaufen auf falschen Wegen. Prinzip Hoffnung.<\/p>\n<p class=\"text\">Es gibt allerdings keine Garantie, dass die Kurs\u00e4nderung geradlinig und schnell zum Ziel f\u00fchrt. Unsere Geduld wird gefragt sein und R\u00fcckschl\u00e4ge werden nicht ausbleiben. Diese Einschr\u00e4nkung gilt jedoch f\u00fcr die bisherige Sicherheitsdoktrin erst recht. Das wuchernde Krebsgeschw\u00fcr des Terrorismus beweist es jeden Tag aufs Neue.<\/p>\n<p class=\"text\">Wir m\u00fcssen umdenken.<\/p>\n<p class=\"text\">Unser bisheriges Denken geht in die falsche Richtung. Die alte gescheiterte Politik fragt immer: Wie kann man geplante Attentate im Voraus erkennen? Mit welchen Mitteln kann man Terroristen unsch\u00e4dlich machen? Welche Sicherheitsma\u00dfnahmen sind zu verst\u00e4rken? Das ist zu wenig! Mehr Soldaten, mehr Polizisten und mehr \u00dcberwachung sind eine unzureichende Antwort. Nat\u00fcrlich ist Pr\u00e4ventionsdenken vonn\u00f6ten, aber genau genommen setzt es zu sp\u00e4t an. Wenn ein junger Mann erst mal zum Terroristen geworden ist, ist die Schlacht fast schon verloren. Richtigerweise sollte also gefragt werden: Was kann man tun, damit junge M\u00e4nner gar nicht erst zu Terroristen werden? Wie kann man den Sumpf austrocknen, auf dem Terrorismus gedeiht?<\/p>\n<p class=\"text\">Erforderlich ist ein schonungsloser Blick auf die Hintergr\u00fcnde des Terrorismus, auch auf eigene Fehler der Vergangenheit. Die &#8222;Fehlersuche&#8220; erfordert gro\u00dfe Offenheit und die Bereitschaft, eigenes Fehlverhalten einzur\u00e4umen. Das ist kein Selbstl\u00e4ufer. Denn im Wortschatz der M\u00e4chtigen stehen Reflexion, Empathie, Verst\u00e4ndigungswille, Ausgleich sowie Konfliktforschung nicht an oberster Stelle.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Feindbild Islam<\/h3>\n<p class=\"text\">In einem ersten Schritt m\u00fcssen alle dogmatischen und sorgsam gepflegten Scheuklappen abgelegt werden. Wenn heute der Islam als Quelle allen \u00dcbels verd\u00e4chtigt wird, dann sollten wir uns daran erinnern, dass das nicht immer so war. Es gab lange Perioden des friedlichen Zusammenlebens zwischen Muslimen, Juden und Christen. Wenn es heute anders ist, dann ist das Beweis daf\u00fcr, dass sich irgendwann in der Vergangenheit etwas zum Schlechteren ver\u00e4ndert hat. Wir m\u00fcssen also ergr\u00fcnden, <i>warum<\/i> es heute anders ist.<\/p>\n<p class=\"text\">Die Ursachen f\u00fcr die Verschlechterung der Beziehungen k\u00f6nnen weit zur\u00fcckliegen und sie k\u00f6nnen im Verborgenen liegen. Denkbar sind neben Kolonialismus, Ausbeutung und Hegemoniebestrebungen auch kulturelle \u00dcberheblichkeit, Ausgrenzung, Geringsch\u00e4tzung anderer religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen, Bevormundung, \u00dcbervorteilung, Armut, Hoffnungslosigkeit sowie tats\u00e4chliche oder vermeintliche Kr\u00e4nkungen und Entrechtungen.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Islamismus<\/h3>\n<p class=\"text\">Es ist an der Zeit, dass wir wohlfeile, aber vereinfachende Erkl\u00e4rungsmodelle hinter uns lassen. Der immer wieder geh\u00f6rte Hinweis &#8222;Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber alle Terroristen sind Muslime&#8220; ist inhaltlich nicht richtig (N\u00e4heres hierzu <a class=\"extern\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/JuergenTodenhoefer\/posts\/10151511751860838\">J\u00fcrgen Todenh\u00f6fer<\/a>).<\/p>\n<p class=\"text\">Doch selbst wenn die Tatsachenbehauptung stimmen w\u00fcrde, w\u00e4re der Satz dennoch falsch. Er hat denselben Erkenntniswert wie die Feststellung, dass alle Atombomben der Menschheitsgeschichte von Christen abgeworfen wurden und zudem alle Drohnenmorde, Kreuzz\u00fcge und Hexenverbrennungen von Christen zu verantworten seien. Ebenso wenig wie diese Verbrechen den Kern des christlichen Glaubens abbilden, ist das Ph\u00e4nomen des Terrorismus dem Islam zuzurechnen. Eine solche Vereinfachung verkennt, dass muslimische Terroristen l\u00e4ngst den Boden ihres urspr\u00fcnglichen Glaubens verlassen. Ihr Handeln hat somit mit dem Islam genauso viele Gemeinsamkeiten wie die Verbrennung von Ketzern auf dem Scheiterhaufen mit der Lehre von Jesus.<\/p>\n<p class=\"text\">Nicht die Bibel oder der Koran sind schuld an den Wahnsinnstaten, sondern die Verirrungen Fehlgeleiteter. Verantwortlich sind nicht &#8222;der Islam&#8220; oder &#8222;das Christentum&#8220;, sondern Islamismus und christlicher Fundamentalismus. Im \u00dcbrigen \u00fcbersehen die Vereinfacher v\u00f6llig, dass nicht Europ\u00e4er und Amerikaner die Hauptleidtragenden islamistischer Terroraktionen sind, sondern Menschen, die in islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern leben.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Entsolidarisierung<\/h3>\n<p class=\"text\">Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich dramatisch ge\u00f6ffnet. Die 80 Superreichen dieser Erde haben so viel wie die \u00e4rmere H\u00e4lfte der Erdbev\u00f6lkerung und das sind immerhin 3,5 Milliarden Menschen. Ein solches System schafft Verbitterung und Hass.<\/p>\n<p class=\"text\">Die zornigen jungen M\u00e4nner, die sich dagegen auflehnen, sind nicht Monster, die das B\u00f6se in sich tragen, sondern sie sind die Kehrseite einer entsolidarisierten &#8222;freien&#8220; Gesellschaft. Wer das total entgrenzte System treffen will, hat es leicht. Er kann \u00fcberall und jederzeit zuschlagen. F\u00fcr Hoffnungslose ist es gleich, wen sie treffen, Hauptsache es trifft dieses System. Nur wenn es gelingt, das System in eine solidarische Gesellschaft umzubauen, besteht eine Chance. Wer es aber nicht einmal versucht, macht sich mitschuldig an den Toten der Zukunft (<a class=\"extern\" href=\"http:\/\/www.lebenshaus-alb.de\/magazin\/009505.html\">Heiner Flassbeck<\/a>).<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Doppelmoral<\/h3>\n<p class=\"text\">Der auf einer &#8222;christlich-j\u00fcdischen Wertegemeinschaft&#8220; aufbauende Westen ist einer be\u00e4ngstigenden Selbstgef\u00e4lligkeit verfallen. Wir haben keine Zweifel: Wir sind die Guten. Wer nicht mitspielt, ist der B\u00f6se.<\/p>\n<p class=\"text\">Wir messen mit zweierlei Ma\u00dfst\u00e4ben. Wir beklagen den Blutzoll, den uns &#8222;der Islam&#8220; auferlegt. Tatsache ist aber, dass T\u00e4ter mit christlichem oder j\u00fcdischem Glaubenshintergrund im letzten Jahrhundert ungleich mehr Muslime get\u00f6tet haben als umgekehrt Christen und Juden durch muslimische Gewaltt\u00e4ter umgekommen sind. Im ersteren Fall nennen wir das Selbstverteidigung oder gerechter Krieg, im letzteren Fall islamistischen Terrorismus. Zur inneren Rechtfertigung des eigenen Tuns gen\u00fcgt die \u00dcberzeugung, dass man selbst auf der richtigen Seite der Geschichte steht.<\/p>\n<p class=\"text\">Unsere Politik lebt von Doppelmoral. Wir haben uns verrannt. K\u00fcrzlich sprach Bundespr\u00e4sident Gauck angesichts einer Bombendetonation in Istanbul, bei der mehrere Deutsche umkamen: &#8222;Wieder wurden bei einem hinterh\u00e4ltigen terroristischen Anschlag unschuldige Menschen ermordet&#8220;. Er hat ja recht. Aber hat man jemals Vergleichbares von ihm und Seinesgleichen geh\u00f6rt, wenn durch v\u00f6lkerrechtswidrige westliche Interventionskriege hunderttausende unschuldige Muslime ums Leben kamen wie etwa im Irak, in Libyen, in Syrien? Wo bleiben dann die Millionenaufm\u00e4rsche in unseren Hauptst\u00e4dten? Und wo bleibt die westliche Politprominenz wie seinerzeit beim Marche R\u00e9publicaine nach dem Charlie Hebdo-Attentat? Wo sind die Sondersendungen im TV?<\/p>\n<p class=\"text\">Solange der innere Zusammenhang zwischen rechtswidrigen Kriegen und der Zunahme bestialischer Terrormorde nicht begriffen wird, werden wir mit dem Terrorismus leben m\u00fcssen und nebenbei auch mit der Millionenschar verzweifelter Kriegsfl\u00fcchtlinge, die unser Land fluten.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Gespaltene Zungen<\/h3>\n<p class=\"text\">Politik und Medien sprechen mit gespaltener Zunge, wenn sie terroristische Attent\u00e4ter stereotyp als feige und hinterh\u00e4ltig bezeichnen. Ist es etwa mutiger, in einem sicheren Befehlsstand in den USA auf einen Knopf zu dr\u00fccken, um einen in Afghanistan vermuteten Gotteskrieger samt seiner Entourage mittels lautlos anfliegender Drohnen zu ermorden?<\/p>\n<p class=\"text\">Das, was bei uns als feige und hinterh\u00e4ltig eingestuft wird, ist die Folge davon, dass die terroristischen Einzelt\u00e4ter weder \u00fcber Drohnen noch \u00fcber Jagdflugzeuge verf\u00fcgen. Es ist zu vermuten, dass viele dieser Desperados ihre zur Selbstvernichtung f\u00fchrenden Sprengstoffg\u00fcrtel liebend gerne gegen modernes Kriegsger\u00e4t austauschen w\u00fcrden. Aber das ist uns keinen Gedanken wert.<\/p>\n<p class=\"text\">Falsche Sprachbilder sind wirkm\u00e4chtig. Denn entscheidend f\u00fcr unsere Weltsicht ist nicht, was ist, sondern woran man glaubt.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Was tun?<\/h3>\n<p class=\"text\">Mit dem Erkennen von Fehlern ist es nicht getan. Das Erkannte muss auch umgesetzt werden. Hierbei sind Begegnungen &#8222;auf Augenh\u00f6he&#8220; und die strenge Beachtung des Rechts unverzichtbar. Letzteres gilt auch &#8211; und gerade &#8211; dann, wenn sich die andere Seite au\u00dferhalb des Rechtsrahmens bewegt. Es mag schwerfallen, aber Rechtsstaaten d\u00fcrfen sich in ihrer Reaktion auf terroristische \u00dcbergriffe unter keinen Umst\u00e4nden zu illegalen Handlungen hinrei\u00dfen lassen. Wer glaubw\u00fcrdig sein will, muss die &#8222;St\u00e4rke des Rechts&#8220; beweisen und nicht das &#8222;Recht des St\u00e4rkeren&#8220; praktizieren.<\/p>\n<p class=\"text\">Es ist fatal, wenn ein Staat Kriege f\u00fchrt mit dem Anspruch, andere L\u00e4nder zu demokratisieren, und hierbei seinerseits V\u00f6lkerrecht oder Menschenrechte massiv verletzt. Nicht weniger schlimm ist es, wenn wir, die Guten und Gerechten, im Umgang mit ressourcenreichen Unrechtsstaaten bei deren Rechtsbr\u00fcchen schelmenhaft beide Augen zudr\u00fccken, nur um eigene Vorteile zu erlangen. Wer so handelt, macht sich im wahrsten Sinne des Wortes angreifbar. Einer solchen Politik der Beliebigkeit wird es nicht gelingen, die Keimzellen des Terrorismus auszutrocknen. Denn es fehlt ihr am Wichtigsten, an Glaubw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n<p class=\"text\">Wir m\u00fcssen begreifen, dass nur ehrlicher Dialog zu geistiger Abr\u00fcstung, Verst\u00e4ndnis und &#8211; am Ende eines schwierigen Prozesses &#8211; zu Befriedung f\u00fchrt. Das geht nicht ohne Respekt f\u00fcr andere Sichtweisen. Im Bereich der Religion sollte das am Ehesten m\u00f6glich sein, hier gibt es kein falsch oder richtig, sondern mur glauben oder nicht glauben. Das ist die Spielwiese der Toleranz. Wenn man der muslimischen Welt mit Blick auf deren gr\u00f6\u00dfere Verletzbarkeit in Religionsfragen mit Empathie und Nachsicht begegnen w\u00fcrde, w\u00e4re das nicht Ausdruck von Feigheit oder gar Kapitulation. Es w\u00e4re nur Respekt vor anderen \u00dcberzeugungen. Die Grenze des Entgegenkommens setzt in jedem Fall das, was in internationalen Konventionen verb\u00fcrgt ist.<\/p>\n<p class=\"text\">Doch auch im diesseitigen Leben muss die Einsicht reifen, dass unsere westlichen Vorstellungen nicht schlechthin f\u00fcr andere Kulturen ma\u00dfstabbildend sind. Wir k\u00f6nnen unsere Lebensformen anbieten, sie erkl\u00e4ren und f\u00fcr sie werben. Aber herbeibomben l\u00e4sst sich Akzeptanz nicht. Aufgabe der Politik wird es sein, die Integration des friedfertigen echten Islam in Europa zu f\u00f6rdern und friedliche Muslime zu st\u00e4rken. Die Grenzlinie verl\u00e4uft nicht zwischen christlichen und muslimischen Gesellschaften, sondern zwischen Weltoffenheit und Verblendetheit.<\/p>\n<h3 class=\"zu\">Last but not least<\/h3>\n<p class=\"text\">Die Anwendung milit\u00e4rischer Gewalt wird auch in Zukunft nicht v\u00f6llig vermeidbar sein. Aber sie muss k\u00fcnftig in jedem Fall ultima ratio sein und sie muss die Regeln des internationalen Rechts beachten. Nicht mehr und nicht weniger.<\/p>\n<p class=\"text\">Entscheidend aber wird es sein, dass wir endlich aufh\u00f6ren, ausschlie\u00dflich in den Kategorien des Milit\u00e4rs und der repressiven Gewalt zu denken. Solange wir glauben, wir k\u00f6nnten unser Leben und unsere sogenannten westlichen Werte haupts\u00e4chlich mit Panzern, Kampfhubschraubern und Drohnen verteidigen, werden wir keine Ruhe bekommen.<\/p>\n<div class=\"fr\">\n<div class=\"fr-ecke\">\n<p class=\"text frlast\">Peter Vonnahme war Richter am Bayer. Verwaltungsgerichtshof.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Vonnahme 23.07.2016 http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/48\/48918\/1.html Terrorismus ist besiegbar, wenn wir umdenken Die terroristischen Anschl\u00e4ge seit 2015 (Charlie Hebdo, Stade de France, Bataclan-Theater, Flughafen Br\u00fcssel-Zaventem, U-Bahnhof Maalbeek, Orlando sowie zuletzt Promenade des Anglais in Nizza) gleichen sich auf eine gespenstische Art.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4067","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4067"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4068,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067\/revisions\/4068"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4067"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4067"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4067"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}