{"id":4121,"date":"2016-11-05T21:20:13","date_gmt":"2016-11-05T21:20:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=4121"},"modified":"2017-01-22T08:11:19","modified_gmt":"2017-01-22T08:11:19","slug":"wilfried-hanser-ueber-johann-schoegler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=4121","title":{"rendered":"Wilfried Hanser \u00fcber Johann Sch\u00f6gler"},"content":{"rendered":"<p>Liebe GenossInnen,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>wie ihr wisst, ist unser Genosse Johann Sch\u00f6gler an den Sp\u00e4tfolgen einer schweren Verletzung am Auge, die ihm eine Tr\u00e4nengasgranate der franz\u00f6sischen Polizei bei einer Demonstration beigebracht hat, gestorben. Er starb somit letztlich aus politischen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr mich war Johann ein unerm\u00fcdlicher, unerschrockener K\u00e4mpfer gegen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung. Sein ganzes Leben lang. Er hatte etwas von einer Lokomotive des Revolutionszuges an sich. Er hat unz\u00e4hlige Analysen, Berichte, Texte, Artikel geschrieben und teilweise aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbersetzt, damit wir im deutschsprachigen Raum besser verstehen k\u00f6nnen, was in Frankreich diskutiert und wof\u00fcr gek\u00e4mpft wird. Einige davon durfte ich selbst redigieren und weiterverbreiten. Ich habe immer wieder versucht, ein bisschen an den Formulierungen zu schleifen um die manchmal recht knorrige Sprache etwas lesbarer zu machen. Das hat vermutlich mit seiner Zweisprachigkeit zu tun, Teile seines Lebens hat Johann in Frankreich gelebt. Unz\u00e4hlige Referate, Vortr\u00e4ge, Statements hat Johann organisiert, ReferentInnen und DiskutantInnen eingeladen und sich auch immer wieder selbst zu Wort gemeldet, gefragt und oft auch ungefragt. Johann waren Verstehen, Analyse, \u00fcber Grenzen hinweg, Verbreitung von Ideen, Aufkl\u00e4rung im kleinen Kreis und f\u00fcr die vielen Menschen immer wichtig. Er hat daf\u00fcr sehr vieles getan. Unter anderem wurde von ihm die \u201eLinke Woche\u201c initiiert, eine w\u00f6chentlich aktualisierte Homepage (<a href=\"https:\/\/deref-gmx.net\/mail\/client\/0qLxaBJtI-0\/dereferrer\/?redirectUrl=http%3A%2F%2Fwww.linkewoche.at%2F\">http:\/\/www.linkewoche.at\/<\/a> ). Zu deren regelm\u00e4\u00dfiger Herausgabe hat er wohl am meisten Arbeit beigesteuert. Es handelt sich um eine Zusammenschau Dutzender linker online-Publikationen, nach Themen sortiert. Inzwischen sind 314 Ausgaben dieser Homepage erschienen, das allein sind hochgerechnet 6 Jahre kontinuierlicher politischer Aufkl\u00e4rungs- und Informationsarbeit. Die \u201eLinke Woche\u201c ist kein Zufallsprodukt von Johann. Sie zeigt eine seiner Methoden: Zusammenschau, sich bewusst zu machen, dass Viele analysieren, berichten, Strategien \u00fcberlegen, Erfahrungen machen und diese zueinander in Beziehung setzen, diese w\u00fcrdigen, einander erg\u00e4nzen, die unterschiedlichen Informationen und Beitr\u00e4ge verarbeiten und weitergeben. Ihm war immer wichtig, sich aufeinander zu beziehen und sich als kollektive Kraft zu begreifen, auch wenn die unterschiedlichen Bewegungen und Organisationen oft nichts oder wenig voneinander wussten, sich teilweise sogar ignorierten oder sich gar in gegenseitige Konkurrenz verstrickten. Was ist das Verbindende, das hat Johann in den Vordergrund gestellt, was bringt die Bewegungen voran, was bringt langfristigen nachhaltigen Erfolg?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johann war aber keiner, der sich nur auf die Theorie, Schulungen und Propaganda beschr\u00e4nkt h\u00e4tte. Sein haupts\u00e4chliches Engagement galt der Praxis, den realen Menschen, ihren Interessen, den sozialen und politischen Bewegungen. Wie viele Male hat er wohl die Menschen zusammengetrommelt, um gegen Missst\u00e4nde, f\u00fcr bestimmte Forderungen, f\u00fcr internationale Solidarit\u00e4t, bessere Arbeitsbedingungen in den Schulen usw. zu demonstrieren, zu k\u00e4mpfen? Hunderte Versammlungen, Diskussionen, Kundgebungen, Demonstrationen, Aktionen, auch Streiks hat Johann ma\u00dfgeblich organisiert, und ich sah ihn immer in der ersten Reihe, wenn es um den Kampf gegen Rassismus, gegen Diktaturen, f\u00fcr politisch Verfolgte, f\u00fcr die Rechte der Arbeitenden Klasse, der Frauen, der Jugend, von Minderheiten, oder wenn es gegen rechte Demagogen, gegen Sozialabbau, f\u00fcr eine ausreichende Finanzierung des \u00f6ffentlichen Bildungssystems und gute Arbeitsbedingungen f\u00fcr die darin T\u00e4tigen (Johann war Lehrer), f\u00fcr den Schutz der Umwelt oder f\u00fcr internationale Solidarit\u00e4t ging. Auf ihn war stets Verlass, wenn es um die Organisation der \u00f6sterreichischen Sozialforen, der sozialen Protestbewegung in der Steiermark oder um die Vorbereitung der europ\u00e4ischen- und Weltsozialforen ging. Ja, in der ersten Reihe fanden wir ihn immer, er ging keiner Arbeit aus dem Wege, war sich f\u00fcr nichts zu schade.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleichzeitig war Johann v\u00f6llig uneitel. Johann ging es nie um seine Person, sondern um die Anliegen, um die Menschen. Er hat einige H\u00f6hepunkte der sozialen Bewegungen miterlebt und mitgestaltet, von den Barrikaden des Mai 68 in Frankreich bis hin zu den massenhaften Protesten gegen Sozialabbau in der Steiermark. Und er hat auch die Tiefpunkte, die Niederlagen und langen Durststrecken immer als politischer Aktivist durchschritten. So sehr Johann auf die Spontaneit\u00e4t der Bewegungen setzte und v\u00f6llig unsektierisch alles tat, um sie \u2013 gemeinsam mit GenossInnen und Freunden unterschiedlicher politischer Str\u00f6mungen \u2013 aktiv zu unterst\u00fctzen, so klar hat Johann auch daran gearbeitet und eingefordert: Die Bewegungen brauchen auch ein organisiertes Ged\u00e4chtnis, eine dauerhafte Kraft, die unabh\u00e4ngig vom Auf- und Ab der Bewegungen lernt, Erfahrungen verarbeitet und diskutiert, eine Art \u201ekollektives Ged\u00e4chtnis\u201c leistet, zersplitterte Bewegungen verbindet und versucht, gegenseitige Solidarit\u00e4t zu initiieren, selbst nach Kr\u00e4ften Solidarit\u00e4t organisiert und dazu Beitr\u00e4ge leistet. Vor allem d\u00fcrfen die Bewegungen nicht als lokal oder national beschr\u00e4nkte begriffen und diesen Beschr\u00e4nkungen \u00fcberlassen werden. Johann hat sich immer daf\u00fcr eingesetzt, sie mit anderen Bewegungen und Widerst\u00e4nde zu verkn\u00fcpfen, international zu begreifen und miteinander in Beziehung setzen \u2013 so schwierig das auch jeweils sein mochte. Und auch der Aufbau von Kontinuit\u00e4t im Engagement war ihm ein zentrales Anliegen. So war er ma\u00dfgeblich an der Gr\u00fcndung und am Aufbau der \u201eLinke Steiermark\u201c beteiligt. Ebenso kann ich mich gut erinnern, dass er als einer der Aktiven, die das \u00d6sterreichische Sozialforum in Graz organisiert haben, bei den Vorbereitungstreffen f\u00fcr das n\u00e4chste Sozialforum die Weitergabe der Erfahrung und praktische Unterst\u00fctzung des Grazer Komitees angeboten hat. Es ging ihm, wie an diesem Beispiel ersichtlich wird, vor allem um die Weitergabe von Verantwortung, Wissen und Erfahrung, gleichzeitig auch um die Ermutigung anderer, selbst aktiv zu werden und die Organisation der praktischen Unterst\u00fctzung daf\u00fcr. Und auch darum, dem Widerstand und den sozialen Bewegungen dauerhafte Instrumente zu schmieden, darum, dass nicht nur geredet, spontan protestiert wird, Protest- und Widerstandsbewegungen aufbl\u00fchen, sondern dass sie auch Wirkung entfalten, etwas durchsetzen, dass die Erfahrungen daraus weiterleben und in den n\u00e4chsten Wellen und Generationen weiter genutzt werden k\u00f6nnen, ohne dass bittere Erfahrungen immer wiederholt werden m\u00fcssen. Dass einzeln und kollektiv Verantwortung \u00fcbernommen, gemeinsam geplant und Aktionen vorbereitet und umgesetzt werden, gemeinsam auch die gewonnenen Erfahrungen ins Bewu\u00dftsein geholt und verarbeitet werden, damit Konsequenzen f\u00fcr die k\u00fcnftige Arbeitsweise gezogen werden. Lessons learned, im Sinne von: Wie machen wir das in Zukunft auf intelligente Weise? Der Dreischritt: Sehen \u2013 urteilen \u2013 handeln als Entwicklungsspirale, voneinander und miteinander lernen, in einem verbindlichen, kollektiven Sinne. Organisation eben, transparente, solidarische, demokratische, lebendige Organisation, und auch: Selbstverpflichtung und Verbindlichkeit leben. Praktische Solidarit\u00e4t. In einem Gespr\u00e4ch in Leoben hat mir Johann einmal erkl\u00e4rt, dass eine revolution\u00e4re Organisation nicht dadurch entsteht, indem man in Zeiten der Flaute der Bewegung (und davon haben wir in \u00d6sterreich wohl gen\u00fcgend!!!) flei\u00dfig diskutiert und schult, so wichtig das auch ist. Johann war zwar immer ein Freund von Schulungen, Vortr\u00e4gen, Diskussionen. Aber ihm war das bei Weitem nicht genug! Er hat mir eindringlich erkl\u00e4rt, wie wichtig es ist, dass die AktivistInnen in der praktischen Aktion, immer wieder und wieder, Erfahrungen sammeln, wie die Menschen denken, wie sich bestimmte Aktionsformen bew\u00e4hren \u2013 oder auch nicht \u2013 wie man Interessen und Proteste organisiert und dass in stetiger Erprobung in der Praxis die erforderlichen Instrumente f\u00fcr die Umgestaltung der Welt entwickelt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johann, du warst uns in vielem ein leuchtendes Vorbild! Und du warst auch ein Mensch wie wir, mit allen Beschr\u00e4nkungen, mit denen wir es eben auch zu tun haben. Manchmal hat mich die Knorrigkeit deiner Sprache gest\u00f6rt, manchmal hast du zum Argumentieren auch eher zum Holzhammer gegriffen, wenn du etwas deutlich machen wolltest. Das und vieles andere war nicht immer nach meinem Geschmack, war mir manchmal auch nicht sensibel genug. Ich habe auch leider sehr wenig \u00fcber dich als Person, als Privatmensch, erfahren. Von dir hast du fast gar nicht gesprochen. Dir ging es immer um die Sache, um die Anliegen der vielen Menschen. Und du warst immer geradeheraus. Was du gesagt hast, das hast du auch gemeint und es war immer Verlass auf dich. Und du warst weitblickend! Jammern war dir fremd. Anpacken dessen, was Not tut, war deine Art. Kr\u00e4ftig, klar und beharrlich!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johann, dein Tod rei\u00dft eine gro\u00dfe L\u00fccke in unsere Reihen. Wir k\u00f6nnten verzagen und uns sagen: Wenn so ein toller, engagierter, energievoller und beharrlicher Mensch wie Johann stirbt, welches Recht habe ich denn, der ich viel weniger geleistet habe, weiterzuleben? Wir k\u00f6nnten uns aber auch fragen: Was war gut von dem, was Johann getan, wof\u00fcr er sich eingesetzt hat, ein Leben lang? Wie k\u00f6nnten wir sein Engagement und sein Andenken ehren, wie k\u00f6nnten wir die Ziele, f\u00fcr die er sich eingesetzt hat, weiterf\u00fchren, damit er weiterlebt in unserem Gedenken und Engagement, in den Bewegungen?! Einzeln, kollektiv und gemeinsam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es lebe die Solidarit\u00e4t! Es lebe die internationale Solidarit\u00e4t!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wilfried 4.11.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe GenossInnen, &nbsp; wie ihr wisst, ist unser Genosse Johann Sch\u00f6gler an den Sp\u00e4tfolgen einer schweren Verletzung am Auge, die ihm eine Tr\u00e4nengasgranate der franz\u00f6sischen Polizei bei einer Demonstration beigebracht hat, gestorben. 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