{"id":4948,"date":"2019-01-07T19:58:51","date_gmt":"2019-01-07T19:58:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=4948"},"modified":"2019-01-07T19:58:51","modified_gmt":"2019-01-07T19:58:51","slug":"eu-afrika-forumwie-wir-europaeer-afrika-besser-helfen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=4948","title":{"rendered":"EU-Afrika-ForumWie wir Europ\u00e4er Afrika besser helfen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<header class=\"article__header push--bottom\">\n<h3 class=\"article__lead push-half--bottom brand-font\">Das EU-Afrika-Forum in Wien soll ein H\u00f6hepunkt der Ratspr\u00e4sidentschaft werden. Es soll M\u00f6glichkeiten der Wirtschaftszusammenarbeit ausloten. Afrika wird mit seinem Potenzial zu wenig wahrgenommen \u2013 und unfair behandelt, sagt Entwicklungspolitik-Experte Boniface Mabanza.<\/h3>\n<div class=\"byline flush--bottom brand-font\">Kleine Zeitung,Von <strong>Ingo Hasewend<\/strong> | 15.38 Uhr, 17. Dezember 2018<\/div>\n<\/header>\n<p><!--more--><\/p>\n<div id=\"sas_22373\" class=\"js-ad ad\" data-ad-id=\"22373\" data-ad-wmin=\"1024\" data-ad-wmax=\"\">\u00a0Afrika \u2013 das ist in den Augen vieler Europ\u00e4er der K-Kontinent. Das K steht f\u00fcr Krisen, Kriege, Krankheiten und Korruption. Dabei ist das Bild wenig differenziert. Afrika wird nicht selten als Einheit gesehen mit all seinen Problemen. Dabei besteht der Kontinent aus 55 Staaten, die zum Teil h\u00f6chst unterschiedlich sind. Eines eint den Kontinent aber doch: Die afrikanischen Staaten werden \u2013 mit Ausnahme vielleicht von S\u00fcdafrika \u2013 mit ihrem Potenzial zu wenig wahrgenommen. Deshalb hat Kanzler Sebastian Kurz f\u00fcr den Dienstag ein EU-Afrika-Forum in Wien einberufen, das etliche Staats- und Regierungschefs beider Kontinente mit Unternehmensf\u00fchrern an einen Tisch bringen soll. Das selbst gesetzte Ziel: das Wirtschaftswachstum ankurbeln, damit die Perspektive f\u00fcr junge Menschen abseits der Migration erh\u00f6ht wird und damit auch Europa einen Vorteil verschafft. Alles nat\u00fcrlich immer auf Augenh\u00f6he.<\/div>\n<p>Genau darin liege aber das Problem, sagt Boniface Mabanza Bambu. Die EU nutze schon seit vielen Jahren die Asymmetrie der Machtverh\u00e4ltnisse aus, interessiere sich vorrangig f\u00fcr einen attraktiven Zugang zu Rohstoffen und einen Absatzmarkt f\u00fcr europ\u00e4ische Produkte, sagt der Afrika-Experte bei einem Besuch in Graz. Er ber\u00e4t seit etlichen Jahren als Fachexperte f\u00fcr sozio\u00f6konomische Gerechtigkeit in Afrika auch die deutsche Politik in entwicklungspolitischen Fragen.<\/p>\n<p>Der Literaturwissenschaftler, Theologe und Philosoph stammt aus Kimbongo in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Er wurde 1974 w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur von Mobutu Sese Seko geboren, studierte in der Hauptstadt Kinshasa und promovierte 2007 an der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t M\u00fcnster. Seit 2008 arbeitet er als Koordinator in der Kirchlichen Arbeitsstelle S\u00fcdliches Afrika (KASA) in Heidelberg.<\/p>\n<h2>L\u00fcckenhaftes Wissen \u00fcber Afrika in Europa<\/h2>\n<p>Wenn in Europa \u00fcber Afrika diskutiert werde, dann sei dies oft von l\u00fcckenhaftem Wissen gepr\u00e4gt, sagt Mabanza. Er nennt als gutes Beispiel sein eigenes Land \u2013 das fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig zweitgr\u00f6\u00dfte auf dem Kontinent nach Algerien. \u201eEs gibt in der Demokratischen Republik Kongo seit Jahrzehnten \u2013 nicht erst seit Maputo \u2013 einen Versuch, trotz aller Widrigkeiten die Freiheit nicht aus der Hand zu geben\u201c, sagt Mabanza. Weil die Pr\u00e4sidenten alles versuchen w\u00fcrden, sich an der Macht zu halten, gebe es Repressionen und Morde. Dennoch hei\u00dft das nicht, dass die Menschen aufgegeben haben. Der Widerstand in der Bev\u00f6lkerung sei noch da. Die DR Kongo habe ja auch \u2013 bei allen Problemen \u2013 eine Verfassung.<\/p>\n<p>In Swasiland sei das zum Beispiel anders. \u201eAls der SADC-Gipfel in Kinshasa stattgefunden hat und die Menschen aus Swasiland erz\u00e4hlt haben, wie sie dort leben, haben die Kongolesen den Kopf gesch\u00fcttelt und sich gefragt, wie das m\u00f6glich sein und wie man so leben kann\u201c, erz\u00e4hlt Mabanza, um die Differenzen zwischen den L\u00e4ndern deutlich zu machen. \u201eDie Wahrnehmung hier ist aber: Dort ist ein Herrscher und alles schauen nur zu.\u201c<\/p>\n<h2>Uninformiert bis in die hohe Politik<\/h2>\n<p>Dieses l\u00fcckenhafte Wissen gebe es in der gesamten europ\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung. Das merke man oft schon bei Veranstaltungen an der Art der Fragen, die gestellt werden, betont der Entwicklungsexperte. Das gelte aber auch f\u00fcr die Politik, wo die Rahmenbedingungen f\u00fcr den wirtschaftlichen und politischen Austausch mit dem s\u00fcdlichen Kontinent gesetzt werden.<\/p>\n<p>Aber auch bei vielen Journalisten und politischen Analysten, die sich mit Afrika besch\u00e4ftigen, fehlten ganz wichtige Faktoren, um die Situation in dem jeweiligen Land richtig einordnen zu k\u00f6nnen. Diese Fehleinsch\u00e4tzungen f\u00fchren dann zu Kettenreaktionen, die sich massiv in der Afrikapolitik auswirken. Dazu geh\u00f6re aus seiner Sicht auch die Bewertung chinesischer Investitionen in Afrikas Infrastruktur. Er h\u00f6re bei allen Veranstaltungen immer die gleichen Einsch\u00e4tzungen. Dass die Qualit\u00e4t mangelhaft sei, die Chinesen Afrika ausbeuten w\u00fcrden, Gesch\u00e4fte mit korrupten Eliten machen w\u00fcrden und dazu noch eigene Leute als Vorarbeiter mitbr\u00e4chten. \u201eDas ist in den K\u00f6pfen der Europ\u00e4er fest verankert \u2013 bis in die hohe Politik, die das dann wieder selbst streut.\u201c Wissenschaftliche Studien w\u00fcrden aber das Gegenteil beweisen, sagt Mabanza. Es sei nachgewiesen, dass die Qualit\u00e4t hoch sei \u2013 in Einzelf\u00e4llen sogar h\u00f6her als bei europ\u00e4ischen Infrastrukturprojekten. Es gibt nat\u00fcrlich auch aus China Investoren mit den unterschiedlichsten Motiven und auch unterschiedlichster Vertragstreue, aber dies sei f\u00fcr eine ehrliche Diskussion ebenso wichtig.<\/p>\n<h2>China bringt Afrika in Schwung<\/h2>\n<p>\u201eDass etwas durch China in Gang gekommen ist, l\u00e4sst sich sehen. Es sind Infrastrukturma\u00dfnahmen, die die L\u00e4nder brauchten.\u201c Es sei bereits mehr durch diese chinesischen Investitionen entstanden als durch 60 Jahre Kooperation mit dem Westen.<\/p>\n<p>Viele chinesische Firmen h\u00e4tten Fachkr\u00e4fte anfangs mitgebracht, aber dann lokale Kr\u00e4fte ausgebildet. Zudem h\u00f6re Mabanza aus zivilgesellschaftlichen Kreisen in Afrika den Tenor: \u201eDas tut uns gut. Zum ersten Mal in der Geschichte k\u00f6nnen wir unsere Partnerschaften diversifizieren und h\u00e4ngen nicht allein von Europa und Amerika ab.\u201c<\/p>\n<p>Es sei eine Art von Neokolonialismus, dass Europa \u00fcber das Niedermachen der chinesischen Investments die Deutungshoheit behalten wolle. \u201eEs gibt keine partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Afrika und Europa\u201c, sagt Mabanza. Von einer ernsthaften Partnerschaft zu sprechen sei schwierig, solange man davon ausgehe, dass die Menschen aus dem globalen S\u00fcden Probleme haben, darum nach Europa eingeladen werden und dort die L\u00f6sungen aus der Tasche gezogen werden. \u201eSo entsteht die allgemeine Wahrnehmung, hier gibt es L\u00f6sungskompetenz f\u00fcr die Probleme der anderen.\u201c Dann k\u00f6nne man auch nicht erwarten, dass dort L\u00f6sungen entwickelt werden f\u00fcr die eigenen Probleme.<\/p>\n<div id=\"sas_23167\" class=\"js-ad ad--fullsize ad\" data-ad-id=\"23167\"><\/div>\n<p>\u201eGeschweige denn, dass dort L\u00f6sungen entwickelt werden f\u00fcr Probleme, die es auch hier gibt\u201c, erkl\u00e4rt der geb\u00fcrtige Kongolese. Dabei seien die Erfahrungen, die im S\u00fcden gemacht werden, auch f\u00fcr den Norden interessant, zum Beispiel hinsichtlich der Familienstrukturen f\u00fcr die Pflege.<\/p>\n<h2>Es wird auch in Afrika \u00fcber L\u00f6sungen gesprochen<\/h2>\n<p>In den Zivilgesellschaften der afrikanischen L\u00e4nder und auch in den intellektuellen Kreisen Afrikas werde sehr viel \u00fcber eigene L\u00f6sungsans\u00e4tze gesprochen. Auch der Vergleich zwischen den einzelnen L\u00e4ndern und Gesellschaften werde sehr intensiv diskutiert. Dies bleibe aber ein innerafrikanischer Prozess, der kaum bis nach Europa dringe. \u201eDazu geh\u00f6rt auch, eine gewisse Haltung gegen\u00fcber L\u00f6sungen von au\u00dfen vor allem aus Europa zu entwickeln.\u201c Das liege aber auch an der gef\u00fchlten Ohnmacht, bem\u00e4ngelt Mabanza.<\/p>\n<p>\u201eWir haben keine Verhandlungsmacht gegen\u00fcber den ausl\u00e4ndischen M\u00e4chten, den Regierungen und Konzernen.\u201c F\u00fcr den Entwicklungsexperten sei die Feststellung notwendig, dass man als isoliert handelnder Staat nicht weiterkomme. Man m\u00fcsse die Kr\u00e4fte b\u00fcndeln, um auftreten zu k\u00f6nnen. Die Afrikanische Union sei ein Anfang, aber die Schritte bisher noch zu wenig glaubw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Muss sich Europa daf\u00fcr st\u00e4rker engagieren oder gar mehr zur\u00fcckziehen? Mabanza vertritt die Position, dass die Entwicklungshilfe zur\u00fcckgefahren werden muss, weil sie einen Mantel \u00fcber die Probleme legt. Notwendig sei, gerechte Strukturen zu schaffen. \u201eDazu geh\u00f6rt es auch, die Verantwortung der Unternehmen f\u00fcr Umweltver\u00e4nderungen einzufordern.\u201c<\/p>\n<h2>Den korrupten Eliten die Bankenkan\u00e4le zudrehen<\/h2>\n<p>Auch die Finanzstruktur sei kriminell. Sie sorge daf\u00fcr, dass viel Geld aus Afrika abflie\u00dfe, sagt Mabanza. \u201eAlle Berechnungen zeigen, dass alle illegalen Geldabfl\u00fcsse aus Afrika viel h\u00f6her sind als alle Entwicklungshilfe und Direktinvestitionen zusammen\u201c, sagt Mabanza. \u201eEs w\u00fcrde die Europ\u00e4er au\u00dferdem von ihrem Helfersyndrom befreien.\u201c Dazu m\u00fcsse die EU aber den Willen haben, die Bankenregeln zu \u00e4ndern und die Geldstr\u00f6me der korrupten Eliten zu stoppen.<\/p>\n<p>Die EU hat mit vielen afrikanischen Staaten Freihandelsabkommen abgeschlossen, in denen festgeschrieben ist, dass die afrikanischen L\u00e4nder ihre M\u00e4rkte bis zu 83 Prozent f\u00fcr europ\u00e4ische Importe \u00f6ffnen und hierbei schrittweise Z\u00f6lle und Geb\u00fchren abschaffen m\u00fcssen\u201c, sagt Mabanza. So k\u00f6nnten aber lokale Viehbauern ihre Milch nicht mehr verkaufen, weil die importierte Trockenmilch billiger sei. Oder H\u00fchnerz\u00fcchter w\u00fcrden ihre Tiere nicht mehr los, weil sie subventionierte H\u00fchnerteile aus der EU mit Dumpingpreisen vom Markt dr\u00e4ngten, erkl\u00e4rt der Fachmann f\u00fcr sozio\u00f6konomische Gerechtigkeit. Die Staaten verl\u00f6ren zudem Einnahmen, weil Importz\u00f6lle aufgehoben wurden und die EU mit subventionierten G\u00fctern die lokalen M\u00e4rkte in diesen L\u00e4ndern gef\u00e4hrde. Die Landwirte k\u00f6nnten nicht mehr konkurrieren und verlieren ihre Einnahmen. Ihnen bliebe nur die Abwanderung in die Slums der Gro\u00dfst\u00e4dte oder sogar die Flucht Richtung Europa.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das EU-Afrika-Forum in Wien soll ein H\u00f6hepunkt der Ratspr\u00e4sidentschaft werden. Es soll M\u00f6glichkeiten der Wirtschaftszusammenarbeit ausloten. Afrika wird mit seinem Potenzial zu wenig wahrgenommen \u2013 und unfair behandelt, sagt Entwicklungspolitik-Experte Boniface Mabanza. 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