{"id":653,"date":"2009-01-19T23:40:10","date_gmt":"2009-01-19T21:40:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=653"},"modified":"2009-01-19T23:40:10","modified_gmt":"2009-01-19T21:40:10","slug":"offener-brief-an-harald-baloch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=653","title":{"rendered":"Offener Brief an Harald Baloch"},"content":{"rendered":"<p>Als Antwort auf den Artikel von Dr. Harald Baloch, welcher am 11. J\u00e4nner 2009 in der Kleinen Zeitung erschienen ist, haben Personen aus dem Umfeld von Pax Christi und der Steirischen Friedensplattform einen offenen Brief als Antwort verfasst:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/kleinezeitung_baloch_gaza.pdf\"><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/kleinezeitung_baloch_gaza.pdf\">Artikel Baloch Kleine Zeitung<\/a><\/p>\n<p>Offener Brief!<\/p>\n<p>Gr\u00fc\u00df Dich Harry,<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Deine Auslegung des Sonntagsevangeliums Markus 1, 7-11 in der Klei\u00adnen Zeitung vom 11. J\u00e4nner 2009, Seite 53, hat bei uns Irritation, ja teil\u00adweise Best\u00fcrzung ausgel\u00f6st. Zwar k\u00f6nnen wir Dir in der grunds\u00e4tzlichen Auffassung, dass Friede in einem engen Zusammenhang mit Leben, Ge\u00adrechtigkeit, Freiheit und sozialer Sicherheit steht und so im letzten zu\u00adgleich auf der Wahrung von Menschenw\u00fcrde fu\u00dft, vorbehaltlos zustim\u00admen.<\/p>\n<p>Ebenso geben wir Dir in formaler Hinsicht Recht in der Notwendigkeit des Bem\u00fchens, die Botschaft Jesu jeweils auch auf heute vorfindbare konkrete Problemlagen hin anzuwenden. Dies aber am Beispiel der mas\u00adsiven, in ihrer Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit eindeutig v\u00f6lkerrechtswidrigen Kriegshandlungen der Israelischen Armee im Gaza und angesichts der zahlreichen v\u00f6llig unschuldigen Opfer dort, in einem deutlich \u00fcberwie\u00adgenden Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diese Politik Israels zu tun, halten wir f\u00fcr inak\u00adzeptabel.<\/p>\n<p>Scharf kontrastierst Du eine wahnsinnige, v\u00f6llig unrealistische Hamas mit einer aus &#8222;leidvoller Erfahrung&#8220; vern\u00fcnftig-realistischen Politik Israels,<br \/>\nf\u00fcr die Du offensichtlich Verst\u00e4ndnis, wenn nicht gar Einverst\u00e4ndnis hast.<br \/>\nDies ist aber nur m\u00f6glich, wenn man den Konflikt einseitig aus seinen<br \/>\ngr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen l\u00f6st.<\/p>\n<p>Unser Wissen, dass unsere Gro\u00dfeltern-bzw.Elterngeneration im Holo\u00adcaust ein Verbrechen von nie da gewesenem Ausma\u00df an den Juden be\u00adgangen haben, und unser Bestreben nach Wiedergutmachung f\u00fchrt of\u00adfensichtlich auch Dich zu einer Art \u201eBlanko-Solidarit\u00e4t&#8220; mit dem Staat Is\u00adrael und l\u00e4sst die bereits 60-j\u00e4hrige leidvolle Geschichte des pal\u00e4stinen\u00adsischen Volkes  aus deinem Gesichtskreis schwinden.<br \/>\nDie Pal\u00e4stinenser haben die Staatsgr\u00fcndung Israels als nationale Kata\u00adstrophe (\u201eNaqba&#8220;) empfunden, denn im Zuge des 1.Nahostkrieges 1948\/49 wurden ca. 800.000 Menschen gewaltsam vertrieben und mehr als 400 D\u00f6rfer mit Bulldozern eingeebnet , ohne dass das offizielle Israel dieses Faktum jemals hinreichend anerkannt oder die Vertriebenen daf\u00fcr entsch\u00e4digt h\u00e4tte.<br \/>\nEbenso unber\u00fchrt scheint Deine Position durch die seit 40 Jahren an\u00addauernde Besatzung und Zersplitterung oder &#8211; so wie seit drei Jahren im Gaza &#8211; die v\u00f6llige \u00e4u\u00dfere Beherrschung der den Pal\u00e4stinenserInnen v\u00f6l\u00adkerrechtlich gesichert verbliebenen 22 Prozent Ihres ehemaligen Sied\u00adlungsgebietes.<\/p>\n<p>Konkret finden bei einer derartigen Betrachtungsweise in diesem Zusam\u00admenhang folgende wesentliche Fakten keine Ber\u00fccksichtigung:<\/p>\n<p>a.. Die Zerst\u00f6rung tausender H\u00e4user von Mitgliedern und Sympathisan\u00adtInnen des pal\u00e4stinensischen Widerstandes.<\/p>\n<p>b.. Der auf pal\u00e4stinensischem Gebiet ( Westbank und Ostjerusalem) betriebene Siedlungsbau samt den dazugeh\u00f6rigen Enteignungen von Land und Wasserressourcen,<\/p>\n<p>c.. Dass die sogar w\u00e4hrend des Oslo Friedensprozesses fortgesetzte<br \/>\nSiedlungspolitik (inzwischen leben bereits \u00fcber 400 000 Israeli dort!) Arafat vor seinem eigenen Volk als Politiker desavouiert hat und erst dies der Hamas die mehrheitliche Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung gesichert hat.<\/p>\n<p>d.. Die von israelischen Siedlern  organisierten und von den staatlichen Instanzen zugelassene Zerst\u00f6rung von dutzenden Olivenhainen, der Lebensgrundlage vieler pal\u00e4stinensischer Bauern.<\/p>\n<p>e.. Die Einschr\u00e4nkungen der Beweglichkeit der arabischen Bewohne\u00adrInnen der Westbank durch hunderte Checkpoints und die dort allt\u00e4glich vor sich gehenden Dem\u00fctigungen der Menschen durch die Milit\u00e4rverwal\u00adtung.<\/p>\n<p>f.. Der sehr hohe Prozentsatz junger pal\u00e4stinensischer M\u00e4nner, die aus<br \/>\npolitischen Gr\u00fcnden schon einmal inhaftiert waren und die aktuell nahe\u00adzu 11.000 pal\u00e4stinensischen Gefangenen in Israelischen Gef\u00e4ngnissen.<\/p>\n<p>g.. Die gezielten Ermordungen zahlreicher pal\u00e4stinensischer<br \/>\nPolitikerInnen &#8211; fr\u00fcher der Fatah, jetzt auch der demokratisch gew\u00e4hlten<br \/>\nHamas.<\/p>\n<p>h. Dass Israel im Bezug auf die Pal\u00e4stinenserInnen kein Rechtsstaat ist.<\/p>\n<p>i. Der pychologisch verheerende, an den Versuch zur Schaffung eines Gro\u00df-Ghetto gemahnende Bau einer 8 m hohen Mauer, die zudem  weitere hundert Quadratkilometer pal\u00e4stinensisches Land an Israel anschlie\u00dft.<br \/>\nusw. usw.<\/p>\n<p>All das kann man hundertfach nachlesen, auch in Schriften mutig-<br \/>\nweitsichtiger Israeli (Moshe Zuckermann; Amira Hass, Uri Avnery, Frau\u00aden der Organisation Checkpoint Watch, u. a.) oder von kritischen Juden in der Diaspora (Felicia Langer, u.a.).<\/p>\n<p>Wie sehr diese Umst\u00e4nde das politisch radikale, ja selbst das terroristi\u00adsche Verhalten junger Pal\u00e4stinenserInnen verst\u00e4ndlich macht, belegt ein verb\u00fcrgtes Zitat von Israels Verteidigungsminister Ehud Barak. Vor eini\u00adgen Jahren bei einer Diskussion an der Universit\u00e4t Tel Aviv gefragt, was er als junger Pal\u00e4stinenser angesichts der Lage seines Volkes tun w\u00fcr\u00adde, hat er gesagt, dass er &#8222;vermutlich Terrorist&#8220; w\u00e4re. Mit anderen Wor\u00adten: Es ist uns in unseren friedenspolitischen Analysen des Konflikts nicht erlaubt, die Radikalit\u00e4t und Gewaltt\u00e4tigkeit pal\u00e4stinensischer Grup\u00adpen vom Ausma\u00df der hinter Ihr stehenden Hoffnungslosigkeit und Ver\u00adzweiflung zu trennen.<\/p>\n<p>Die Politik Israels im Konflikt um Gaza reduzierst Du auf das &#8211; nat\u00fcrlich<br \/>\nmit zu beachtende &#8211; Element seiner historischen Erfahrungen. Wir fragen uns aber weshalb es Dir nicht m\u00f6glich ist, diese Politik auch noch auf an\u00addere Hintergr\u00fcnde hin zu analysieren, etwa die Militarisierung von Ge\u00adsellschaft und Politik durch die dominante Rolle der Armee, der \u00fcberdi\u00admensionierte milit\u00e4risch-industrielle Komplex, die deutlich faschistoiden Koalitionspartner (etwa die Partei &#8222;Haus Israel&#8220; und Minister Avigdor Lie\u00adbermann) in der Regierung, das wahltaktische Element (wie z.B. schon bei Scharons Provokation am Tempelberg 2002);  usw.<\/p>\n<p>Die Hamas nagelst Du aufgrund Ihrer Programmatik und Ihrer praktizier\u00adten Radikalit\u00e4t in v\u00f6lliger \u00dcbereinstimmung mit der Israelischen Regie\u00adrung und ihrer Protektoren in den USA und der EU dauerhaft als f\u00fcr einen Friedensprozess untauglichen Partner fest. Wir erinnern Dich aber daran, dass es diese Diktion bis 1993 auch gegen die Fatah und Arafat gegeben hat.<br \/>\nBruno Kreisky hat in der \u00dcberzeugung, dass man Frieden nur mit einem Feind schlie\u00dfen kann, gemeinsam mit anderen fr\u00fchzeitig eine weitsichti\u00adge Nahost-Politik entwickelt, Arafat international aufgewertet, die Abkehr der PLO vom Terror eingeleitet und damit beigetragen, dass sie sp\u00e4ter zu einem f\u00fcr Israel nicht mehr umgehbaren Verhandlungspartner wurde.<br \/>\nWir verstehen nicht, weshalb Du heute dem pal\u00e4stinensischen Volk und ihren legitimen Repr\u00e4sentanten keine derartige Entwicklung zutraust.<\/p>\n<p>Dass die Hamas Israel laut Ihrer Charta derzeit noch zerst\u00f6ren will, muss so nicht bleiben. Und wird so nicht bleiben, wenn Israel glaubhaft deut\u00adlich macht, dass es &#8211; ausgestattet mit allen international m\u00f6glichen Ga\u00adrantien seiner eigenen Sicherheit &#8211; auf dem Territorium des alten Pal\u00e4sti\u00adna einen zweiten wirklich lebensf\u00e4higen Staat der Pal\u00e4stinenserInnen akzeptiert. Eine Anerkennung Israels durch die Hamas ist daf\u00fcr vorweg nicht zwingend notwendig. Sie kann auch als Produkt eines erfolgreichen Friedensprozesses gesehen werden. Dass die Hamas dieses bedeutende Faustpfand nicht leichtfertig vorweg aufgeben wird, ist nach den Erfahrungen Arafats, der am Ende seines Weges zum Frieden bei Kerzenschein im Keller seiner, von israelischen Panzern umstellten Residenz in Ramallah sa\u00df, klar.<\/p>\n<p>Klar ist auch, dass es auf Seite Israels sowohl sozialpsychologisch<br \/>\nrelevante traumatische historische Erfahrungen als auch in der zionisti\u00adschen Ideologie verfestigte Dogmen und dar\u00fcber hinaus zus\u00e4tzliche massive strukturelle Zw\u00e4nge gibt, die seine derzeitige Friedensf\u00e4higkeit begrenzen. Es wird daher auch an der europ\u00e4ischen Politik und also auch an uns liegen, Israel in einer Mischung aus der Schaffung glaubw\u00fcrdiger Existenzsicherungsgarantien und politischem Druck dazu zu bewegen, in einem gewiss schwierigen und lang dauernden Prozess auf seine &#8222;Noch Feinde&#8220; zuzugehen.<\/p>\n<p>So ist es diese Hoffnungslosigkeit in der Du einen Frieden zwischen den<br \/>\nbeiden V\u00f6lkern in nahezu schicksalsgl\u00e4ubiger Weise f\u00fcr unm\u00f6glich h\u00e4ltst und ihn deshalb in einen messianischen Zusammenhang verweist, die uns traurig macht. In dieser trostlosen Perspektive wollen wir aber nicht bleiben. Sie verfestigt nur was ist und ist friedenspolitisch unfruchtbar.<\/p>\n<p>Die in Deinem Artikel angesprochenen und hier zwischen uns abgehan\u00addelten Fragen sind wichtig. Friedenswichtig. Heilswichtig. Da im Nahost-Konflikt nicht nur zwei V\u00f6lker sondern auch zwei m\u00e4chtige Kulturkreise zusammen sto\u00dfen sind sie in l\u00e4ngerfristiger Perspektive sogar von globaler friedenspolitischer Bedeutung. Eine erfolgreiche Eind\u00e4mmung des islamistisch motivierten internationalen Terrors wird es ohne einen den legitimen Interessen beider V\u00f6lker gerecht werdenden Frieden nicht geben. Nach Lage der Dinge kann eine derartige L\u00f6sung auf absehbare Zeit nur in einer Zweistaatenl\u00f6sung bestehen. Freiheit und Wohlstand f\u00fcr die Pal\u00e4stinerInnen gegen Sicherheit f\u00fcr Israel!<br \/>\nGern sind wir bei Gelegenheit bereit auf dieser Ebene mit Dir weiterzure\u00adden.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen,<\/p>\n<p>Herbert Fuchs, Wolfgang Himmler, Rudi Jopp,<\/p>\n<p>Herbert Ruthofer, Franz S\u00f6lkner, Helga Tiffinger,<\/p>\n<p>PS: Nebenbei &#8211; nicht weil es unwichtig w\u00e4re, sondern weil es nicht das<br \/>\nwesentliche Anliegen unseres Briefes ist &#8211; erlauben wir uns auch, Dich auch noch auf eine andere Passage Deines Artikels in der Kleinen Zei\u00adtung kritisch aufmerksam zu machen. Du schreibst, dass Jesus &#8222;die h\u00f6chste W\u00fcrde der j\u00fcdischen Heilshoffnung zukommt&#8220;. Anders als Du waren wir nie wesentlich im christlich &#8211; j\u00fcdischen Dialog engagiert. Wir ma\u00dfen uns daher auch kein abschlie\u00dfendes Urteil an. Wir halten diese Formulierung aber f\u00fcr problematisch weil sie im Sinne einer unfreiwilligen Vereinnahmung unserer j\u00fcdischen Mitmenschen gelesen werden kann.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/offener-brief-an-harry-baloch.pdf\">Offener Brief als pdf Datei<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Antwort auf den Artikel von Dr. Harald Baloch, welcher am 11. J\u00e4nner 2009 in der Kleinen Zeitung erschienen ist, haben Personen aus dem Umfeld von Pax Christi und der Steirischen Friedensplattform einen offenen Brief als Antwort verfasst: Artikel Baloch Kleine Zeitung Offener Brief! 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