{"id":688,"date":"2009-01-23T22:34:40","date_gmt":"2009-01-23T20:34:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luxorbis.org\/friedensplattform.at\/?p=688"},"modified":"2009-01-23T22:34:40","modified_gmt":"2009-01-23T20:34:40","slug":"stellungnahme-zum-vorwurf-des-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=688","title":{"rendered":"Stellungnahme zum Vorwurf des Antisemitismus"},"content":{"rendered":"<p>Franz S\u00f6lkner, Obmann der Steirischen Friedensplattform, wurde aufgrund des von ihm verfassten und am 07. J\u00e4nner 2009 in der Kleinen Zeitung ver\u00f6ffentlichten Leserbriefes mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert und nimmt daher hier Stellung:<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Der Leserbrief von Franz S\u00f6lkner:<\/strong><\/p>\n<p>Nicht friedensf\u00e4hig<\/p>\n<p>Israel ist Weltmarktf\u00fchrer in der Entwicklung und Produktion von \u201eSicherheitstechnologien&#8220;. Aufgrund dieses wirtschaftlichen Hintergrundes beschreibt Naomi Klein in ihrem 2007 erschienenen Buch \u201eSchockstrategie&#8220; Politik und Gesellschaft Israels als nicht mehr \u201efriedensf\u00e4hig&#8220;. Der nunmehrige, v\u00f6llig \u00fcberzogene Angriff auf Gaza scheint dies zu best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Anstatt die allt\u00e4glichen Dem\u00fctigungen der Menschen und die v\u00f6lkerrechtswidrige Besatzung in der Westbank zu beenden sowie Gaza aus seinem Status als \u201eGro\u00df-Guantanamo&#8220; zu entlassen, schl\u00e4gt man mit unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Gewalt auf den milit\u00e4risch wesentlich schw\u00e4cheren Gegner ein. Bin Laden l\u00e4sst danken, seine Al Kaida wird auch in den kommenden Jahren keine Rekrutierungssorgen haben.   Franz S\u00f6lkner, Thal<\/p>\n<p><strong>Der Vorwurf des Antisemitismus:<\/strong><\/p>\n<p>Lieber Franz,<br \/>\nda ich dein Engagement seit Jahren  sch\u00e4tze, nehme ich nicht an, dass<br \/>\ndu den Altnazis und Jungnazis in der  Steiermark sowie den<br \/>\nmuslimischen und anderen Klerikalfaschisten deine  guten<br \/>\npazifistischen Dienste in Form deines Leserbriefes anbieten  wolltest.<br \/>\nWas ich immer bedenklich finde: Dass gerade die Nachkommen  der<br \/>\nJudenvernichter aus \u00d6sterreich und Deutschland sich  geradezu<br \/>\nbesessen\u00a0 bem\u00fcssigt f\u00fchlen m\u00fcssen, Israel zu kritisieren,  anstatt<br \/>\nsich wenigsten einmal f\u00fcr die Untaten ihrer V\u00e4ter bzw. Grossv\u00e4ter  zu<br \/>\nsch\u00e4men und in den eigenen Familiengeschichten herumzukramen, da  k\u00e4me viel Dreck zum Vorschein. (Damit meine ich nat\u00fcrlich nicht  deine<br \/>\npers\u00f6nliche Familiengeschichte, die mir unbekannt ist.) Und wenn  sie<br \/>\ndie Nachfahren\u00a0 schon zum Krieg zwischen Pal\u00e4stinensern und  Israelis<br \/>\n\u00e4u\u00dfern m\u00fcssen, dann sollten sie auch den Israelis  Gerechtigkeit<br \/>\nwiderfahren lassen oder eine differenzierte Sichtweise  erkennen<br \/>\nlassen. Meine\u00a0 erwachsene Tochter meinte zu mir, als wir \u00fcber  den<br \/>\nwachsenden offiziellen\/medialen Antisemitismus anl\u00e4\u00dflich des  Krieges<br \/>\nin Gaza telefonierten und ich\u00a0 mich auch kritisch \u00fcber den  linken<br \/>\n&#8222;antizionistischen&#8220; Antisimetismus \u00e4usserte: &#8222;Besser unpolitisch  als<br \/>\nfalsch politisch&#8220;,<br \/>\nmit besten  Gr\u00fcssen,<\/p>\n<p><strong>Stellungnahme von Franz S\u00f6lkner:<\/strong><\/p>\n<p>Servus                ,<\/p>\n<p>ich danke Dir f\u00fcr Deine Reaktion. Inhaltlich liegen wir da offensichtlich weit auseinnader.  Ein paar Worte der Kritik sind rasch formuliert, die Auseinandersetzung mit Kritik braucht meist etwas mehr Raum und Zeit, daher ausf\u00fchrlicher aber nat\u00fcrlich nicht ersch\u00f6pfend, nachfolgendes:<\/p>\n<p>A.  Damit Du hinsichtlich meiner Herkunft nicht im Dunklen tappst: Ja, mein Vater war \u00fcberzeugter Nationalsozialist, schon Putschist im Juli 1934 und daraufhin inhaftiert sp\u00e4ter 6 Jahre Frontsoldat in der (&#8222;normalen&#8220;) Wehrmacht. Nach meiner Einsch\u00e4tzung, eher einer von der Sorte 1 in der vereinfachten Skalierung des Oskar Werner. Du erinnerst Dich vielleicht: 1. Die intellektuell Dummen, 2. die charakterlich Miesen, 3. die, auf die 1 und 2 zutraf. Meine diesbez\u00fcgliche Auseinandersetzung mit ihm war langdauernd und heftigst. Mir erw\u00e4chst aus dieser Herkunft eine besondere Verpflichtung u.a. 1. Antisemitischen zu bek\u00e4mpfen, 2. mich f\u00fcr das Wohlergehen von Juden in der Diaspora und f\u00fcr die Sicherheit der 1948 auf Basis des V\u00f6lkerrechts geschaffenen Staates Israel einzusetzen.<\/p>\n<p>B. Aus meiner Abstammung aus dem T\u00e4tervolk und einer Nazi-Familie erw\u00e4chst mir keine Verpflichtung gegen\u00fcber der Politik Israels blau\u00e4ugig zu sein. Wenn Du die h\u00f6chst problematische &#8222;Teile-und-herrsche-Politik&#8220; Israels gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinenserInnen nicht sehen willst, so sei Dir das zugestanden, ich leiste mir diesen Luxus nicht. Meine wesentlichen Orientierungen nehme ich dabei an kritischen israelischen Publizisten (etwa Amira Hass), Historikern (wie etwa Ilan Pappe), an namhaften VertreterInnen der israelischen Friedensbewegung, vor allem von Gush Shalom (besonders Uri Avnery), und hellsichtigen Menschen im Diaspora-Judentum (Europ\u00e4ische Juden f\u00fcr einen gerechten Frieden, Felicia Langer, Rolf Verleger &#8211; von dem ich Dir einen aktuellen Text Beilege). Alle diese Namen sind &#8211; so wie der mir von Dir zugeschickte link des cafecritique &#8211; leicht zu googeln.<\/p>\n<p>C. Ich w\u00fcrde mich nicht als Pazifist bezeichnen, weil ich mir nicht zutraue, den damit verbundenen hohen Anspruch auch unter den Bedingungen einer starken Repression  glaubhaft umzusetzen. Wohl aber besch\u00e4ftige ich mich seit vielen Jahren intensiv mit der Friedensproblematik und seit dem Scheitern des Oslo-Friedensprozesses (erinnerst Du Dich: Arafat hatte die Vorleistung der Anerkennung Israels geleistet und sich auf den Friedensproze\u00df eingelassen. W\u00e4hrend der Verhandlungen \u00fcber das Pizzast\u00fcck &#8222;pal\u00e4stinensische Gebiete und Rechte&#8220; hat Israel mit forcierter Siedlungspolitik nicht aufgeh\u00f6rt das Pizzast\u00fcck, das zur Verhandlung stand, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck weiter aufzusessen. Dann hat Sharon mit seiner &#8211; so wie gegenw\u00e4rtig ebenfalls wahlpolitisch motivierten &#8211; Provokation am Tempelberg die 2. Intifada ausgel\u00f6st. Und am Ende ist Arafat bei Kerzenlicht im Keller seiner Residenz in Ramallah gesessen. Umstellt von israelischen Panzern. Es war &#8211; neben der Korruption in der Fatah &#8211; diese un\u00fcbersehbare Dem\u00fctigung und Desavouierung Arafats vor dem eigenen Volk, die der Hamas ihre heutige St\u00e4rke verliehen hat (\u00fcbrigens: Nachdem sie von Seite Israels Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre zur Schw\u00e4chung der laiizistischen Fatah wohlwollend geduldet, manche meinen sogar aktiv gef\u00f6rdert worden war).  Mit dem Effekt, dass Israel wieder vorgeben konnte, man habe keinen Partner f\u00fcr einen Friedensproze\u00df (den schwachen Abbas ignoriert sie dabei wahrscheinlich zurecht).<br \/>\nOffenbar n\u00e4herst Du Dich der gesamten Problematik einerseits aus einer aus der T\u00e4terschaft unserer Elterngeneration gen\u00e4hrten  moralisch-schuldhaften Haltung gegen\u00fcber den Juden und andererseits aus einer gegen\u00fcber den aktuellen allt\u00e4glich-permanenten Schikanierungen, Leiden und Dem\u00fctigungen der Pal\u00e4stinenserInnen f\u00fchllos-intellektuellen Position. Beides lehne ich ab. Je l\u00e4nger ich mich mit Friedensfragen befasse, umso mehr bin ich \u00fcberzeugt, dass es da auch Empathie und n\u00fcchterne konkrete Solidarit\u00e4t braucht und dass es Konflikte gibt, bei denen eine darauf bezughabende praktisch relevante Friedenspolitik zun\u00e4chst eine klare Parteilichkeit braucht. Der gegenst\u00e4ndliche Konflikt ist ein solcher. Die Geschichte und das Mi\u00dfverh\u00e4ltnis an Machtmitteln der beiden Parteien  machen deutlich, dass zun\u00e4chst deutliche Parteilichkeit f\u00fcr die Pal\u00e4stinenserInnen angberacht und starker internationaler Druck auf Israel notwendig ist.<\/p>\n<p>D) Der Krieg im Kongo ist zweifellos grauslicher als jener im ehemaligen Pal\u00e4stina.  Jener in Nahost hat aber die Potenz global relevante Unfriedenszust\u00e4nde zu entfachen. Selbst aus der engeren Interessenslage der Europ\u00e4er ist es daher kurzsichtig den notwendigen Druck auf Israel zugunsten eines f\u00fcr die Pal\u00e4stinenserInnen annehbaren Verhandlungsangebotes nicht auszu\u00fcben. Und man tut Freunden nichts Gutes, wenn man Ihnen den den Dienst der deutlichen Kritik verweigert.<\/p>\n<p>E) Mein Leserbrief versuchte mit zwei oder drei kleinen Teilargumenten, eines davon war der Hinweis auf den tats\u00e4chlich \u00fcberbordenden milit\u00e4risch-industriellen Komplex Israels, einen kleinen Beitrag zu leisten, um den von mir als notwendig erachteten \u00f6ffentlichen Druck zu verst\u00e4rken. Hinsichtlich der mangelnden politischen Friedenswilligkeit bzw. der dahinter stehenden mangelnden strukturellen Friedensf\u00e4higkeit auf Seite Israels, h\u00e4tte ich noch weitere Argumente anf\u00fchren k\u00f6nnen. Etwa: Die Nutzung des Angriffs als Wahlkampfstrategie; die ideologisch noch immer nicht erledigten zionistischen Tr\u00e4ume von einem Gro\u00dfisrael, die man halt jetzt in abgespeckter Form mit Bantustans zu realisieren hofft; die innere Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft (in den Spannungsfeldern Laiizisten &#8211; Orthodoxe, Europ\u00e4er &#8211; Orientalen, Altsiedler &#8211; Neuzuwanderer, etc.), f\u00fcr deren funktionieren ein \u00e4u\u00dferer Feind und fallweise gewaltt\u00e4tige gemeinsame Kriegshandlungen ein geeigneter Kitt sind. All das zu sehen, kann Dir, der Du als gewachsener Linker &#8211; wie ich aus anderen Zusammenh\u00e4ngen wei\u00df &#8211; zu einer differenzierten, kritischen politischen Analyse in hohem Ausma\u00df f\u00e4hig bist, grunds\u00e4tzlich nicht unm\u00f6glich sein. Im Fall Israels willst Du es halt nicht. Das nehme ich zur Kenntnis.<\/p>\n<p>F) Zum Antisemitismusvorwurf gegen meine Israelkritik: Kommt ein solcher von Juden ( &#8211; das war etwa vor zwei Jahren von der Seite Ali Kaufmanns der Fall, siehe Beilage),  bin ich immer wieder betroffen. Dieses Volk wurde in der Shoa so schwer verletzt, dass Ihre Hypersensibilit\u00e4t verst\u00e4ndlich ist. Bei Dir l\u00e4sst er mich, weil faktisch nicht gegeben, unber\u00fchrt.<\/p>\n<p>G) Die Zustimmung Deiner Tochter \u00e4ndert nichts an der Unhaltbarkeit Deines Vorwurfs, ist f\u00fcr Dich aber sicher erfreulich.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon: Derlei Debatten sind offensichtlich notwendig und wichtig. Gern f\u00fchre ich sie mit Dir auch einmal in einer pers\u00f6nlichen Begegnung und wenn gew\u00fcnscht auch \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>MfG,<br \/>\nFranz S\u00f6lkner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz S\u00f6lkner, Obmann der Steirischen Friedensplattform, wurde aufgrund des von ihm verfassten und am 07. 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