{"id":7701,"date":"2024-01-20T16:31:22","date_gmt":"2024-01-20T16:31:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=7701"},"modified":"2024-01-20T16:31:22","modified_gmt":"2024-01-20T16:31:22","slug":"bericht-von-christine-hoedl-reise-zu-den-zapatistas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/?p=7701","title":{"rendered":"Bericht von Christine H\u00f6dl: Reise zu den Zapatistas"},"content":{"rendered":"<h3>Liebe Freundinnen und Freunde,<\/h3>\n<h3>Heute m\u00f6chten wir euch von unserer Reise zu den Zapatistas, zum dreissigsten Jahrestages des Beginnes des Krieges gegen das Vergessen erz\u00e4hlen.<\/h3>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aber nicht nur das. Seit unserer letzten Sendung haben die Zapatistas weitere 11 Kommuniques geschrieben, auch dar\u00fcber werden wir sprechen, soweit es die Zeit erlaubt.<\/p>\n<p>In Chiapas waren wir zuerst in Acteal. In Acteal wurden am 22.12.1997 45 Indigene von Paramilit\u00e4rs ermordet. Warum? Weil sie den ZapatistInnen nahestanden, weil sie sich gegen die Unterdr\u00fcckung, Vertreibung und Ausbeutung wehrten. Obwohl sie das total gewaltfrei machen, oder gerade deswegen, waren sie den Obrigkeiten ein Dorn im Auge und die machten die schmutzige Arbeit nicht selber sondern versorgten paramilit\u00e4rische Gruppen, ebenso indigene Menschen wie die Angegriffenen, mit Waffen und es kam zu diesem furchtbaren Massaker kurz vor Weihnachten.<\/p>\n<p>Jedes Jahr erinnern sich die Menschen von Acteal an dieses furchtbare Ereignis. Sie werden nicht vergessen und sie fordern Gerechtigkeit, die sie noch immer nicht erhalten haben. Denn bisher wurde keiner der Schuldigen verurteilt. Die <em>Abejas de Acteal <\/em>= die Bienen von Acteal sind gl\u00e4ubige Menschen, der verstorbene Bischof von San Cristobal, Don Samuel Ruiz, ein echter Befreiungstheologe, stand ihnen sehr nahe. Der 22. Dezember beginnt daher immer mit einer <em>peregrinaci\u00f3n =<\/em> einer Prozession, bei der die Kreuze der ermordeten Menschen voller W\u00fcrde von den Indigenen Tzotziles getragen werden. Es wird gebetet, Ansprachen werden gehalten und es gibt auch Musik. Dann erfolgt die Ankunft in Acteal. \u00dcber einen steilen Abhang, der jetzt mit Stufen ausgebaut ist, kommt man zur Kirche und zum Gebetsraum, wo damals die betenden Menschen ermordet wurden. Oben an der Stra\u00dfe steht ein beeindruckendes Denkmal eines belgischen\u00a0 K\u00fcnstlers, <em>la columna de la infamia<\/em> = Die S\u00e4ule der Schande. Unten, im Areal von Acteal haben die Menschen ein riesiges Auditorium errichtet, oder besser gesagt, ein Dach \u00fcber einem grossen Platz, flankiert von einem Halbkreis mit aufsteigenden Sitzreihen aus Beton. Von diesem Auditorium hat man einen atemberaubenden Blick in die wundersch\u00f6ne Bergwelt der <em>Altos de Chiapas<\/em> = dem Hochland von Chiapas, mit seinen nebelverhangenen Bergen, dann kommt pl\u00f6tzlich wieder die Sonne durch und man sieht in der Ferne W\u00e4lder, Kaffeeplantagen und Bananenstauden. Ganz oben am Zugang zum Auditorium h\u00e4ngt eine grosse <em>manta<\/em> = ein Transparent mit den Worten: \u00b4<em>Alto a la masacre en Palestina. Desde la tierra sagrada de los martires de Acteal<\/em> = Stoppt das Massaker in Pal\u00e4stina. Von der heiligen Erde der M\u00e4rtyrer von Acteal\u00b4.<\/p>\n<p>In diesem Auditorium beginnt dann die Erinnerungsfeier zuerst mit den politischen Ansprachen, anschlie\u00dfend die Messe und dann beginnt das Feiern. Alle werden zum Mittagessen eingeladen und zum Abschluss wird bis zum Abend getanzt.<\/p>\n<p>Die Ansprache wurde von einer jungen Frau verlesen. Auf spanisch, nicht auf tzotzil, das ist die Sprache der Indigenen von hier. Wohl deshalb, damit alle G\u00e4ste verstehen, und das Original in tzotzil kennen die Menschen von hier ja ohnehin bereits.<\/p>\n<p>Sie sagen, dass es nach 26 Jahren noch immer keine Gerechtigkeit gibt. Sie wollen eine \u00b4<em>justicia con dignidad <\/em>= eine w\u00fcrdige Gerechtigkeit\u00b4. Sie fordern, dass alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, und alle werden beim Namen genannt. Das beginnt mit dem damals im Amt stehenden Pr\u00e4sidenten von Mexiko, Innenminister, Kriegsminister, dem Gouverneur von Chiapas und verantwortlichen Beamten der sogenannten Indigenen-Angelegenheiten. Das sind die sogenannten \u00b4planenden\u00b4 Verbrecher. Hinzu kommen die Ausf\u00fchrenden, die Paramilit\u00e4rs. Auch von denen ist niemand im Gef\u00e4ngnis. Das hei\u00dft, sie waren mal eingesperrt wurden aber alle vorzeitig freigelassen. Auch diese m\u00fcssen gerichtet werden. Aber vor allem klagen sie den mexikanischen Staat des Verbrechens gegen die Menschlichkeit an. Aber bisher geschah nichts. Ganz im Gegenteil, der jetzige Pr\u00e4sident AMLO hat vor kurzem einen dieser Verbrecher pr\u00e4miert. Aber durch den Tod haben die Abejas den Weg des Widerstandes gefunden. Das Blut der M\u00e4rtyrer hat die Erde fruchtbar gemacht. Als gl\u00e4ubige Menschen bauen sie jedoch auf einen gewaltfreien Widerstand, die St\u00e4rke daf\u00fcr finden sie in ihrem Glauben. In dieser kraftvollen Ansprache wird auch ausgedr\u00fcckt, dass die Armen von den M\u00e4chtigen ausgebeutet werden, dass die Regierungen und das Milit\u00e4r nur zur Unterdr\u00fcckung da sind und dass sie ein \u00b4w\u00fcrdiges Leben = <em>la vida digna\u00b4<\/em> suchen. Alles ist sehr poetisch ausgedr\u00fcckt, das kommt wohl davon, dass sie es erst in tzotzil geschrieben haben und dann auf spanisch \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Die Messe wird von verschiedenen Priestern und vom Bischof von San Cristobal konzelebriert. Ein gro\u00dfer Teil wird dabei auf tzotzil gesprochen. Die Predigt des Bischof wird \u00fcbersetzt, denn der Bischof spricht zwar ein wenig tzotzil, aber zum Predigen reicht es wohl nicht.\u00a0 Der Chor von Acteal, ein wundersch\u00f6ner Chor von jungen Menschen aus dem Ort, untermalt die Messe und sie singen auch Lieder des Widerstands.<\/p>\n<p>Daher h\u00f6ren wir jetzt den Coro de Acteal mit einem Lied, welches sie w\u00e4hrend der Prozession singen<\/p>\n<p>3.32 Min<\/p>\n<p>Die \u00b4Feier des 30. Jahrestages des Beginnes des Krieges gegen das Vergessen \u2013 <em>el 30 aniversario del comienzo de la guerra contra el olvido\u00b4<\/em> \u2013 fand in der zapatistischen Comunidad Dolores Hidalgo statt = im\u00a0 Caracol \u201c<em>Resistencia y Rebeld\u00eda: Un Nuevo Horizonte<\/em>\u201d, er\u00f6ffnet vor 3 Jahren im Dorf von Dolores Hidalgo, auf zur\u00fcckerobertem Land. Hier war vor 1994 eine Finca \u2013 also ein Grossgrundbesitz von 3000 Hektar, dieses Land haben die ZapatistInnen sich 1994 zur\u00fcckgenommen.<\/p>\n<p>Die Einladung erging an alle Menschen und Organisationen, welche die Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Leben, damals anl\u00e4sslich der Reise der ZapatistInnen nach Europa im Jahr 2020 unterschrieben hatten. Es war eine Einladung aber gleichzeitig auch eine \u00b4Ausladung`. N\u00e4mlich deshalb, weil es anders als in all den Jahren und Jahrzehnten vorher bei ihnen nicht mehr so sicher ist, den ZapatistInnen die Sicherheit ihrer Besucher aber sehr am Herzen liegt. Warum? Weil sich auch in D\u00f6rfern in Chiapas die Drogenmafia breitgemacht hat und die sogenannten mexikanischen Sicherheitskr\u00e4fte statt die Menschen zu sch\u00fctzen sich f\u00fcr Drogenh\u00e4ndler und \u2013 bosse stark machen. (Wie ihr wisst, haben die Zapatistas in all den Jahren gegen die Drogen gek\u00e4mpft, sie haben mit allen Mitteln verhindert, dass in ihren Gegenden Drogen angebaut werden. Nat\u00fcrlich gibt es bei den Zapatistas weiterhin keine Drogen, aber sie sind ja von Gemeinden umgeben, die nicht von Zapatistas bewohnt sind.)<\/p>\n<p>Am 28.12. fahren wir mit einem Bus der bereits aus Mexiko City kommt, voller begeisterter solidarios, von San Cristobal de las Casas nach Dolores Hidalgo. Auch wenn die Entfernung nur ca.- 200 km betr\u00e4gt, dauert die Fahrt 6 Stunden. Warum? Chiapas ist eine wundersch\u00f6ne Landschaft, steile \u00b4<em>cerros\u00b4 <\/em>= schroffe, steilabfallende unterschiedlich hohe H\u00fcgel, in einander \u00fcbergehend, mit tiefen Einschnitten durchfurcht, W\u00e4lder, Maisfelder, Getreide, Bananenstauden, bunte Bougainvillas und die Stra\u00dfe schl\u00e4ngelt sich in unz\u00e4hligen Kurven von einem Bergr\u00fccken zum anderen, vorbei an weit verstreuten Weilern und D\u00f6rfern oder einer Ansammlung von wenigen H\u00e4usern. Zus\u00e4tzlich zur kurvenreichen Stra\u00dfe, die so schmal ist, dass zwei Fahrzeuge manchmal nur im Schritttempo aneinander vorbeikommen, sind diese Stra\u00dfen auch oft nicht asphaltiert bzw. der Asphalt ist so ausgewaschen, dass die Schlagl\u00f6cher oft einen halben Meter tief sind. Zum Gl\u00fcck regnet es noch nicht, denn dann sind die Stra\u00dfen schlammig und die L\u00f6cher voller Wasser. Und dazu kommen die topes, das sind eine Art von Buckel, die immer, wenn man in ein Dorf kommt, auf der Stra\u00dfe anasphaltiert sind, damit die Menschen zum Langsam-Fahren angehalten werden, denn wenn man mit voller Geschwindigkeit \u00fcber solch einen Buckel fliegt, kann das die Sto\u00dfd\u00e4mpfer kosten, selbst bei den alten Volkswagen, die hier in gro\u00dfer Zahl unterwegs sind. Jedes Mal wenn ein Dorf sch\u00f6ner ist, die H\u00e4user mit bunten Malereien gestrichen sind, dann handelt es sich um ein zapatistisches Dorf, gro\u00dfe Tafeln nennen den Namen und zapatistische Leitspr\u00fcche sind auf Holztafeln gemalt und dazu der Hinweis: \u00b4jetzt fehlen nur noch 5\/6\/\u2026 km\u00b4, oder: \u00b4bald kommst du an\u00b4 oder: \u00b4und du, was ist mit dir?`. Einige Kilometer vor unserem Ziel werden wir von Moped-fahrenden jungen zapatistischen Milizsoldaten gestoppt und sie fahren uns mit eingeschalteten Blinkern langsam voran. Es beginnt in Str\u00f6men zu regnen aber das st\u00f6rt unserer Eskorte nicht, obwohl sie nur mit d\u00fcnnen Hemden bekleidet sind. An der Zufahrt zu Dolores Hidalgo bitten sie uns anzuhalten. Ein riesiges Banner mit der Aufschrift \u00b4<em>Bienvenidos \u2013 bienvenidas al\u00a0 Caracol Dolores Hidalgo \u2013 Tierra de Nadie \u2013 Tierra de Todos \u2013 aqui se celebra el 30 aniversario del levantamiento armado contra el olvido contra la muerte y la destrucci\u00f3n<\/em>\u00b4 \u00b4Willkommen im Caracol Dolores Hidalgo -Niemandes Land \u2013 Jedermanns Land \u2013 hier wird der 30. Jahrestag der bewaffneten Erhebung gegen das Vergessen, gegen den Tod, gegen die Zerst\u00f6rung gefeiert\u00b4. Nach kurzem Warten kommt Subcomandante Moises daher, er steigt in unseren Bus, begr\u00fc\u00dft uns herzlich und sagt, dass die Vorbereitungen f\u00fcr das Fest noch nicht zu Ende sind und wir erst morgen hinein k\u00f6nnen und daher im Caracol \u00b4Nuevo Jerusalem\u00b4 \u00fcbernachten d\u00fcrfen. Nach ca. 20 Minuten kommen wir dort an, werden herzlich aufgenommen, unsere Schlafstellen werden uns zugeteilt, die Temperatur ist angenehm, wir sind n\u00e4mlich in der Zone zwischen den Altos de Chiapas, dem k\u00fchlen-kalten Hochland und dem feucht-heissen lakandonischen Regenwald, in der sogenannten Zone \u00b4Dazwischen\u00b4. Das hei\u00dft, die N\u00e4chte im Schlafsack werden zwar hart aber nicht klirrkalt sein. Sp\u00e4tabends bekommen wir noch Bohnen, Gem\u00fcsesuppe, Kaffee und Tortilla, obwohl wir unangemeldet hereinklatschten. Nach der langen Busfahrt ohne Proviant mundet es allen vorz\u00fcglich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 30.12. ist es dann so weit. Wir d\u00fcrfen nach Dolores Hidalgo um zusammen mit allen anderen Bussen \u2013 10 werden erwartet \u2013 gemeinsam einzutreffen. Nachdem die Busse, die gestern Abend von Mexiko Stadt abfuhren, wegen Strassenblokaden stundenlange Versp\u00e4tungen haben, werden wir vorab empfangen. Von der Haupt-Verkehrs-Stra\u00dfe f\u00fchrt eine schmale Seitenstra\u00dfe in ein Tal hinunter. Von oben sieht man ein riesengro\u00dfes freies Feld f\u00fcr die Feier, auf zwei Seiten umgeben von zwei Reihen h\u00f6lzerner grobgezimmerter Sitzb\u00e4nke, ein leichtes Ger\u00fcst dar\u00fcber ist mit Schilfbl\u00e4ttern als Sonnenschutz bedeckt. An der Vorderseite des Riesenfeldes eine gro\u00dfe Trib\u00fcne und an der R\u00fcckseite dienen aus zu Stockerln umgeformte Baumst\u00e4mme als Sitzgelegenheit. Dahinter, also rund um das Feld, kommen ein breiter Gehweg und dahinter die Suppenk\u00fcchen. Vorne offen, die Hinter- und Seitenw\u00e4nde aus Holzbrettern und die riesigen T\u00f6pfe k\u00f6cheln auf offenem Feuer dahin.\u00a0 Es gibt 10 solcher K\u00fcchen, damit auch alle TeilnehmerInnen versorgt werden k\u00f6nnen. Weiter vorne gibt es ein Restaurant, ebenso eine K\u00fcche, aber abgetrennt durch einen Tresen und davor mit Tischen und B\u00e4nken versehen, f\u00fcr jene, die neben der Gratisverk\u00f6stigung hin und wieder etwas zum Essen kaufen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Rundherum stehen viele gr\u00f6\u00dfere und kleinere Holzgeb\u00e4ude, eines dient als Auditorium, einige als Schlafs\u00e4le, WC-Anlagen, Duschen und andere mehr. Das Gel\u00e4nde ist leicht h\u00fcgelig, die Sonne scheint, der Boden ist trocken, rund um diesen Kessel w\u00e4chst Geb\u00fcsch und Regenwaldpflanzen und am Horizont ragen die majest\u00e4tischen Cerros von Chiapas auf. Auf den naheliegenden bewaldeten H\u00fcgeln sehen wir viele blaue Zelte, die als Unterkunft f\u00fcr die Tausenden von Milicianos dienen. Wir erkunden die Gegend, trinken den ersten Cafecito, schauen den verschiedenen Fu\u00dfballteams zu und dann beginnt das Kulturprogramm (las artes, denen die Zapatistas bereits seit 10 Jahren einen wichtigen Platz einr\u00e4umen) mit den Theatervorf\u00fchrungen.<\/p>\n<p>Die jungen Menschen der verschiedenen Caracoles haben die Theaterst\u00fccke einstudiert. Die B\u00fchne ist das gro\u00dfe freie Feld, sie sprechen \u00fcber Mikrophone, ansonsten w\u00e4re auf diesem gro\u00dfen Territorium das H\u00f6ren unm\u00f6glich. Sie stellen auf der B\u00fchne das dar, was wir in den Kommuniques gelesen haben. In theatralischer Form zeigen sie ihre Geschichte, wie elend ihr Leben unter den Gro\u00dfgrundbesitzern war, sie stellen die Unterdr\u00fcckung durch die schlechten Regierungen, Gro\u00dfunternehmer, kurz gesagt, dem kapitalistischen System dar. Sie zeigen auf, wie sie sich organisierten, wie sie trotz Vertreibung, R\u00fcckschl\u00e4gen und Widrigkeiten begannen, sich selbst zu verwalten, die Unabh\u00e4ngigkeit zu leben und begannen, ein unabh\u00e4ngiges Schulsystem und Gesundheitssystem aufzubauen. Dann folgte die Landwirtschaft, sie begannen, das wiedergewonnene Land teilweise genossenschaftlich zu bearbeiten, teilweise im Familienbesitz. Eben so, wie es jeweils in der Gemeindeversammlung einstimmig entschieden wurde. Und dann stellen sie vor allem die <strong>letzte Phase ihrer Entwicklung <\/strong>dar. \u00b4<em>La No Probiedad \u2013 Lo Comun<\/em> = das Nicht Eigentum &#8211;\u00a0 Das Gemeinsame\u00b4. Das hei\u00dft, dass das Land niemand geh\u00f6rt, dass die Mutter Erde von allen bearbeitet werden darf, um Nahrung und Leben f\u00fcr alle zu sein. Und alle Entscheidungen m\u00fcssen von <strong>Unten <\/strong>getroffen werden, jede Stimme z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Besonders eindrucksvoll fand ich die Darstellung einer Gruppe, welche ihr St\u00fcck so aufbaute, dass ein Kind Fragen stellte. Sie sagen, hier erz\u00e4hlen sie eine Geschichte, aber das ist ihre <em>Realidad<\/em>, ihre Wirklichkeit die sie auf eigner Haut\u00a0 erleben. Damit weisen sie auf den Kontrast hin, zu dem, was in den Medien gezeigt und gesagt wird. Das ist nicht Realit\u00e4t sondern was von Oben und von Medien vorgemacht wird. Starke und akkurate Kritik gegen alle Parteipolitik von Oben und gegen die offiziellen Medien (<em>los medios de paga<\/em>), wie wir das ja bei den Zapatistas seit Jahrzehnten gewohnt sind.<\/p>\n<p>Die Theaterdarstellungen sind absolut beeindruckend, die Requisiten sind mit einfachsten Mitteln aber mit viel Einfallsreichtum gebaut, der Tren Maya erinnert zwar mehr an einen Autobus\u00a0 aber wahrscheinlich ist das eine der vielen Ironien der Zapatistas.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 31.12. gibt es weitere Theatervorstellungen und Tanz-Performances, Fussballtourniere, Volleyballtourniere und alle die Lust haben, k\u00f6nnen sich f\u00fcr die Spiele melden. Wir werden mit Caldo de Res verw\u00f6hnt. Wie bei allen Feiern in den Comundiades wird f\u00fcr alle TeilnehmerInnen aufgekocht. Da wird dann ein Schwein oder ein Stier oder ein Lamm geschlachtet und mit viel Karotten, Kartoffeln, Kraut und Gew\u00fcrzkr\u00e4utern eine herrliche Suppe gebr\u00fcht. Dazu gibt es handgemachte Tortillas, gebraten am Comal, unvergleichlich besser als die tortillas die man in der Stadt bekommt, aus dem Gen-verseuchten Maismehl von Maseca. Scharfer Chili geh\u00f6rt dazu wird aber zum Gl\u00fcck extra beigef\u00fcgt, das hei\u00dft, f\u00fcr die \u00b4weniger Scharfen\u00b4 bleibt das Essen trotzdem genie\u00dfbar.<\/p>\n<p>Die Menschen verbringen den Nachmittag damit, sich mit alten und neuen Freunden zu treffen, Compa\u00f1eroas kennenzulernen, ein Nickerchen zu halten und dann warten wir alle gespannt auf den Abend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurz vor 11.00 Uhr beginnt das Desfile Militaer, der Aufmarsch der milicianos. Das ist das zapatistische Militaer. Ja ihr habt recht, die Zapatistas haben bereits im Jaenner 1994 den bewaffneten Kampf gegen einen friedlichen ausgetauscht, sie haben die Waffen niedergelegt \u2013 nicht abgegeben wohlgemerkt &#8211; aber das Heer wird aufrecht erhalten, zur Verteidigung. Ihre \u00a8Waffen\u00b4 sind zwei Holzstoecke, die Uniform eine gruene Hose, braunes Hemd, gruene Kappe, das Gesicht verborgen vom Pasamonta\u00f1a. Und das Desfile also die Milit\u00e4rparade erfolgt zum Ton der Cumbia! Zuerst marschieren-tanzen die Frauen, dann die M\u00e4nner, sie machen eine echte Performance daraus und dazu h\u00f6ren wir Musik\u00a0 &#8211; Ja das ist zapatistisch &#8211; statt eines Milit\u00e4rmarsches eine Tanzmusik, ich glaube, es bedarf keiner weiteren Worte. Oder doch?\u00a0 wie\u00a0 Don Durito sagte `<em>La cumbia es la continuaci\u00f3n de la pol\u00edtica por otros medios<\/em>\u201d = Die Cumbia ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln`<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Musik\u00a0\u00a0\u00a0 cumbia desfiles\u00a0 &#8211; Como te voy olvidar = Wie k\u00f6nnte ich dich vergessen\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 4.28 Min<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um Punkt 11.00 Uhr beginnt der Supcomandante Moises mit der Ansprache. Er spricht auf tzeltal. Tzeltal ist eine der vielen zapatistischen indigenen May-Sprachen. Das ist ein klares Zeichen daf\u00fcr, dass dieses Fest von und f\u00fcr die ZapatistInnen gedacht ist und die Menschen aus der sogenannten Zivilgesellschaft sind willkommene G\u00e4ste aber sicher nicht die Hauptdarsteller hier. Anschlie\u00dfend bringt er die Ansprache auf spanisch.<\/p>\n<p>Er erw\u00e4hnt alle \u00b4<strong>Ausentes<\/strong>\u00b4, alle die fehlen. Die Schilder dieser Fehlenden stehen auch auf den St\u00fchlen auf der B\u00fchne. Das sind vor allem die \u00b4<strong>buscadoras<\/strong>\u00b4= die Suchenden. So werden die mittelamerikanischen Muetter bezeichnet, die bereits seit Jahren zwischen Suchiquate und Rio Bravo unterwegs sind um ihre Kinder zu suchen, die seit ihrem Weg in die Migration nach USA kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben haben. Ebenso sind es die M\u00fctter die ihre T\u00f6chter suchen und nicht wissen, sind sie \u00b4<strong>desaparecidas<\/strong>\u00b4 = <strong>Verschwunden gemacht<\/strong>, oder Opfer von Femiciden. Die \u00b4<strong>presos politicos<\/strong>\u00b4 = Politische Gefangene fehlen und die <strong>asesinados, asesinados<\/strong> = Ermordeten fehlen. Alle Kinder und Jugendlichen fehlen, die ermordet wurden Eine deutliche Referenz auf das in Mexiko \u00fcberall grassierende organisierte Verbrechen. Und die zapatistischen K\u00e4mpfer die gefallen sind fehlen. Aber die Gefallenen werden nicht deshalb erw\u00e4hnt um sie zu huldigen, die ZapatistInnen machen keine Shows wie die Schlechten Regierungen, sondern deshalb, weil sie ihre Pflicht erf\u00fcllt haben. Dann f\u00e4hrt Moises fort, dass sie niemand brauchen, der ihnen erkl\u00e4rt wie das kapitalistische System funktioniert, das haben sie bestens verstanden. Seit 30 Jahren machen sie nun ihre Selbstverwaltung und sie haben viel gelernt. Es geht darum, das Richtige zu denken, zu tun. Das Land ist das Eigentum des Volkes, niemals darf dies ein Privateigentum sein. Wer dieses Land bearbeitet, darf seine Fr\u00fcchte genie\u00dfen. Wir haben jetzt viele Theaterst\u00fccke gesehen, das ist die Kunst das Wort, aber was die ZapatistInnen wirklich machen, das ist die Practica, denn das Wort allein reicht nicht, es bedarf der Practica. Zum Schluss der Rede erfolgt die Einladung an alle, wer kommen will und bei dieser Praxis mitmachen m\u00f6chte ist herzlich eingeladen.<\/p>\n<p>Nach Ende der wie\u00a0 jedes Jahr mit Spannung erwarteten Ansprache beginnt der Tanz. Milicianos und Milicianas, Bases de apoyo und BesucherInnen tanzen bis zum Morgengrauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der 1. Jaenner ist der Tag der BesucherInnen. Es gibt Theaterst\u00fccke, Gedichterlesungen,\u00a0 Fotoausstellungen, Vortr\u00e4ge, Konzerte, Rap, Workshops f\u00fcr Sticken, T\u00f6pferei und vieles andere mehr.<\/p>\n<p>An der Wand des Auditoriums hat die Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t-Mexiko eine Fotoausstellung mit\u00a0 entsetzlichen Fotos des Gaza-Krieges angebracht. Viele Menschen sind interessiert, sie h\u00f6ren aufmerksam zu, fragen nach, stellen fest, dass die Information der offiziellen Medien sehr einseitig ist und dass sie denen \u2013 aus ihrer Erfahrung heraus &#8211;\u00a0 eh nicht glauben\u00a0 und ihr Mitgef\u00fchl mit Menschen, welche dasselbe erleiden wie sie selbst, ist echt und tief empfunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute sehen wir endlich, wozu die vielen Fahrr\u00e4der dienen, die hinter den B\u00e4nken aufgestellt waren. Wer die letzten Kommuniques gesehen oder gelesen hat, der wei\u00df ja, dass die ZapatistInnen immer wieder Fotos mit Kindern auf Fahrr\u00e4dern zeigen, diese Kinder haben auf dem Radl nat\u00fcrlich auch die Pal\u00e4stina \u2013 Fahne.\u00a0 Die Gesundheitspromotoren sind auch mit R\u00e4dern unterwegs und heute machen die Kinder ein desfile mit ihren R\u00e4dern. Fr\u00f6hlich fahren sie \u00fcber das riesige Feld, ein Zeichen daf\u00fcr, dass die Kinder fr\u00f6hlich sein d\u00fcrfen\/sollen, dass es darum geht, f\u00fcr diese k\u00fcnftige Generation \u2013 und alle folgenden Generationen \u2013 eine Zukunft zu schaffen, in der sie in FREIHEIT leben k\u00f6nnen. Wer Chiapas kennt, wei\u00df wie gro\u00df das Elend der Indigenen noch immer ist. Auch bei den ZapatistInnen war es nicht anders, bis vor 30 Jahren. Die Rad fahrenden Kinder sind ein Symbol daf\u00fcr, dass jetzt hier alles anders ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So jetzt genug der Schilderung. Ich f\u00fcrchte, es ist nicht in Worten auszudr\u00fccken, wie es im zapatistischen Territorium wirklich aussieht, was man dort f\u00fchlt, welche inputs man bekommt. Ich kann nur empfehlen, fahrt mal selber hin. Ich wei\u00df, das ist nicht so leicht. Als Ersatz, gibt es unzaehlige Videos im Internet. Nicht nur von den Tercios Compas, das ist das zapatistische Informationsteam, sehr professionell \u00fcbrigens. Viele freie Medien haben gefilmt und das ist alles ueber youtube usw abrufbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem wir jetzt so viel \u00fcber das Erlebte erz\u00e4hlt haben, m\u00f6chten wir noch ein wenig \u00fcber die Kommuniques sprechen. Einige waren Videos, das kann man halt nicht beschreiben daher empfehlen wir euch, dass ihr es selber anseht. Wie immer auf enlacezapatista.ezln.org.mx<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das 18. Kommunique heisst \u00b4Nie wieder\u2026\u00b4 \u00b4Nunca mas\u2026\u00b4<\/p>\n<p>Hier sprechen sie \u00fcber die Memoria \u2013 die Erinnerung. Aber nicht wie die Von Oben, wo Helden gehuldigt werden. Die von Untern erinnern sich, voller Wut, eine Geschichte die noch nicht zu Ende geschrieben ist, immer gleich weiter geht. Sie erinnern sich ihrer Altvorderen, die befragen sie zur Gegenwart und alles dient dazu, eine bessere Zukunft zu schaffen. So leben und k\u00e4mpfen die zapatistischen V\u00f6lker, ohne dass sie Walter Benjamin gelesen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Freundinnen und Freunde, Heute m\u00f6chten wir euch von unserer Reise zu den Zapatistas, zum dreissigsten Jahrestages des Beginnes des Krieges gegen das Vergessen erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-7701","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7701","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7701"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7701\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7703,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7701\/revisions\/7703"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7701"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7701"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedensplattform.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7701"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}