Kommission Israel/Palästina von Pax Christi Österreich Memorandum

Zielsetzung dieses Memorandums ist es, dass Aktionen und Stellungnahmen von Pax Christi Österreich, ihrer Kommission Israel/Palästina und ihrer Landesgruppen in Bezug auf Israel und Palästina auf Grundlage der gemeinsam erarbeiteten Position erfolgen.

Wir sind bestürzt darüber, dass den palästinensischen Menschen, die seit Generationen im Land leben, der Lebensraum immer mehr entzogen wird. Die Fakten der letzten 60 Jahre zeigen Grundzüge einer systematischen Verdrängung. Wir sind bestürzt darüber, dass die BürgerInnen Israels in der ständigen Angst vor Bombenattentaten und Raketenangriffen leben müssen. Den Betroffenen dieser Menschenrechtsverletzungen beider Seiten gilt unser Mitgefühl.

Mit unserer Solidarität stehen wir Seite an Seite mit den Bewegungen der PalästinenserInnen und Israelis, die sich für Frieden einsetzen[1], sowie den internationalen Friedensbewegungen und allen, die in gewaltfreier Weise für Frieden und Gerechtigkeit eintreten.

Warum wir uns dieses Themas annehmen

Wo bewaffnete Konflikte sind, gibt es Menschen, die körperlich und psychisch verwundet oder getötet werden. Für Pax Christi bedeutet das: es ist notwendig etwas zu tun. Dietrich Bonhoeffer: „Es ist nicht genug, Wunden zu verbinden, man muss dem Rad in die Speichen fallen.“

Pax Christi ist eine internationale kirchliche Friedensbewegung, die aus Versöhnungsarbeit zwischen Deutschen und Franzosen nach dem 2. Weltkrieg entstanden ist. Versöhnung und Friedensengagement aus dem Glauben heraus sind wichtige Anliegen von Pax Christi. In Österreich ist innerhalb von Pax Christi der „Christlich-Jüdische Koordinierungsausschuss“ entstanden. Daher ist das Engagement für eine Lösung des Konflikts zwischen Israel und Palästina unser besonderes Anliegen.

Nach Jahrzehnten der Gewalt, die keinen Frieden und keine Sicherheit gebracht haben, sind wir überzeugt, dass nur ein aufeinander Zugehen und Kennenlernen die vorhandenen Ängste abbauen kann.

Durch das Evangelium sind wir aufgerufen, auf der Seite der Schwachen und Benachteiligten zu stehen. Daher gibt es in der jetzigen Situation eine besondere Parteinahme für die PalästinenserInnen. Gleichzeitig haben wir großes Verständnis dafür, dass die Existenz des Staates Israel auch eine Folge der Shoah und anderer Pogrome in Europa ist.[2]

„Die Kirchen sind Teil des Konfliktes, weil die Kirchen nicht länger schweigen dürfen, wo es noch Leiden gibt. Die Rolle der Kirchen ist es, zu heilen und alle Seiten zu einer Versöhnung zu bringen.“ Unser Glaube fordert von uns, „alle Kinder Gottes in allen Religionen und politischen Parteien zu respektieren.“[3]

Was wir tun

Wir sehen unsere Aufgabe darin, Informationen von Betroffenen weiterzuleiten, Stellungnahmen abzugeben, unterstützende Aktionen durchzuführen, spirituelle Impulse durch Gebete u.ä. zu setzen und dadurch Menschen in unserem Umfeld zu sensibilisieren.

Wir wollen durch unsere Aktionen Hoffnung geben, dass die unter dem Konflikt leidenden Menschen in Palästina und Israel nicht allein gelassen sind, z.B. durch unsere Solidaritätsreisen und die Kontakte zu Friedensgruppen vor Ort.

Unser Anliegen ist es, zur Friedensstiftung und Friedensbildung in Israel und Palästina beizutragen, Solidarität zu bekunden und jene Gruppen zu unterstützen, die sich auf beiden Seiten um eine gewaltfreie und friedliche Veränderung bemühen. Wir haben Hochachtung vor den Menschen, die sich trotz ihres persönlichen Leides um Frieden und Versöhnung bemühen, ob sie nun Israelis oder PalästinenserInnen sind.

Voraussetzung für das Verständnis dieses Konfliktes ist eine Analyse seiner Wurzeln. Daher wollen wir im Sinne der „Berner Perspektive“[4] den Konflikt zwischen Israel und Palästina möglichst sorgfältig analysieren. Ideologien, wie Antisemitismus und christlichen Zionismus[5] lehnen wir ab.

Die mediale Berichterstattung nimmt oft nur Teile der Situation in den Blick, was Entscheidungen und Einschätzungen einseitig beeinflusst. Es geht darum, die Situation in ihrer Ganzheit wahrzunehmen. Wir wollen daher die Berichterstattung über den Konflikt Israel – Palästina und über die Lebensbedingungen in der Region in unseren Medien aufmerksam verfolgen und auf Grund unserer Erfahrungen auch öffentlich kritisch dazu Stellung nehmen.

Grundsätzliche Überlegungen

Politische Voraussetzungen

Pax Christi Österreich möchte mit der Kommission Israel/Palästina dazu beitragen „… kirchliche Anwaltschaft für neue und bereits existierende Friedensbemühungen zu unterstützen und zu koordinieren mit dem Ziel, die illegale Besetzung in Übereinstimmung mit UNO-Resolutionen zu beenden, und der Verpflichtung zu interreligiösem Handeln für Frieden und Gerechtigkeit nachzukommen.“[6]

Dafür ist es notwendig,

v      dass die auf den Nahen Osten bezogenen UNO-Resolutionen endlich ratifiziert werden und die Basis für den Frieden unter Gleichen sind;

v      dass die Genfer Konventionen für die Rechte und Verantwortlichkeiten der betroffenen Völker gelten;

v      dass die PalästinenserInnen das Recht auf Selbstbestimmung und das Recht auf Rückkehr haben;

v      dass eine eventuelle Zwei-Staaten-Lösung politisch, geografisch, ökonomisch und sozial lebensfähig umgesetzt wird;

v      dass Jerusalem für beide Völker und die drei Religionen eine offene, zugängliche, inklusive Stadt ist. – dass legitime Bedürfnisse nach Sicherheit sowohl von PalästinenserInnen als auch Israelis wechselseitig wahrgenommen und respektiert werden;

v      dass die Illegalität der israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten anerkannt wird;

v      dass die „Trennungsmauer“, die Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten errichtet hat und die ein schwerer Bruch des Völkerrechts ist, entfernt wird;

v      dass sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es für diesen Konflikt keine militärische Lösung gibt. Gewalt in all ihren Formen kann nicht gerechtfertigt werden, egal ob sie seitens der Israelis oder der PalästinenserInnen ausgeübt wird;

v      dass die Tatsache ernst genommen wird, dass ein gerechter Friede in Israel und Palästina mit einem umfassenden Frieden in der ganzen Nahost-Region zusammenhängt.[7]

Das Israel der Bibel und der Staat Israel:

Die Bibel ist kein „Grundbuch Gottes“, auch wenn es die Zusage Gottes für einen ungebrochenen Bund mit seinem Volk gibt.[8]

Wir unterscheiden zwischen dem Israel der Bibel und dem modernen Staat Israel. Die Bibel darf nicht missbraucht werden um Unterdrückung zu rechtfertigen oder den Konflikt zu heiligen und gleichzeitig seine sozialpolitischen, wirtschaftlichen und historischen Dimensionen zu ignorieren.[9]

Nachhaltiger Friede

Grundlagen für einen nachhaltigen Frieden sind die Einhaltung der Menschenrechte und die Suche nach Gerechtigkeit. Es geht darum, das Recht des Stärkeren durch die Stärke des Rechts zu ersetzen. Das Leitbild eines gerechten Friedens beruht auf einer letzten Endes ganz einfachen Einsicht: Eine Welt, in der vielen Menschen vorenthalten wird, was ein menschenwürdiges Leben ausmacht, ist nicht zukunftsfähig. Verhältnisse fortdauernder Ungerechtigkeit sind in sich gewaltgeladen und Gewalt fördernd. Es ist die Aufgabe der Politik, militärische und ökonomische Macht unter den Leitgedanken des Rechtes und der Gerechtigkeit zu stellen. Nicht das Unrecht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts muss gelten.

Gerechtigkeit und Versöhnung

Wenn wir die gegenwärtige Situation nüchtern betrachten, scheint ein Friedensschluss nicht in greifbarer Nähe. Wie ein Blick auf die Landkarte der israelischen Siedlungen z.B. im arabischen Ostteil Jerusalems zeigt, erscheint eine Zweistaatenlösung fast schon unmöglich. Und ein Miteinander? Es stellt sich ganz massiv die Frage nach einer möglichen Versöhnung. Eine solche scheint utopisch, im buchstäblichen Sinn ortlos, raumlos, gegenwartslos. „Keine Versöhnung ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Gericht, kein Gericht ohne den Schmerz der einholenden Wahrheit.“[10] Eine einseitige schnelle Lösung ohne Gerechtigkeit ist inhuman und führt nicht zur Versöhnung und ist auf längere Sicht zum Scheitern verurteilt. Versöhnung lässt sich nicht erpressen. Niemand kann Versöhnung diktieren. Sie braucht geduldigen Dialog und zumindest Ansätze von Bereitschaft zu Verständigung und Hoffnung. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Erinnerung selbst wieder Aggression fördert und zum Nährboden neuer Konflikte und Kriege wird.

Schluss

Der Aufruf der VertreterInnen des Weltkirchenrates und ChristInnen aus der Region, die im Juni 2007 in Amman zusammengekommen sind, fordert uns heraus, uns in ihrem Sinn einzusetzen:

„Helft uns, Mauern einzureißen und Brücken zwischen allen Völkern der Region zu bauen oder wieder aufzubauen. Extremismus von allen Seiten produziert Chaos. Er droht, uns zu spalten und die Brücken zwischen den Völkern, die zu Versöhnung und Frieden führen, zu zerstören.“[11]

Beschlossen bei der Generalversammlung von Pax Christi Österreich

am 13..März 2010 in Linz


[1] Im Sinne einer „Querschnittsolidarität“ (Viola Raheb), meint alle Menschen, die sich auf beiden Seiten für Frieden einsetzen.

[2] Vgl. dazu: John V. Whitbeck, Verlangt ist ein moralisches Werturteil über das „Existenzrecht“ Israels, aus: Counterpunch, 21. Dezember 2006 – die in diesem Memorandum angeführten Dokumente sind auf der homepage von Pax Christi (www.paxchristi.at) zu finden.

[3] „Amman Aufruf“ – Friedenskonferenz des Weltkirchenrats, Juni 2007

[4] „Berner Perspektive“, Internationale Konferenz  des Weltkirchenrates zum israelisch-palästinensischen Konflikt, Bern 13. September 2008

[5] „Nach der christlich-zionistischen Endzeitlehre, werde es am Ende der Zeiten zur gewaltigen Völkerschlacht in Armageddon (= Megiddo) kommen. Die Nationen, die versucht haben, den Staat Israel auszulöschen, würden durch den nun auf dem Ölberg in Jerusalem wiederkommenden Jesus Christus zurückgeschlagen. Weil hier die Juden Jesus als ihren politischen Befreier erlebten, würden sie ihn kollektiv als ihren eigenen Messias anerkennen.“ Wikipedia „Christlicher Zionismus“
siehe auch „Die Jerusalemer Delaration über christlichen Zionismus. Stellungnahme des Lateinischen Patriarchen und der lokalen Kirchenleiter in Jerusalem“; August 2006. www.pax.christi.at

[6] „Amman Aufruf“ des Weltkirchenrates, Juni 2007

[7] aus „Amman Aufruf“, 2007

[8] Vgl. Nostra Aetate, Kapitel 4, Februar 1965

[9] Vgl. „Berner Perspektive“, 2008

[10] Thomas Pröpper, Fragende und Gefragte zugleich. Notizen zur Theodizee, in: Tiemo Rainer Peters u. a. (Hg.), Erinnern und Erkennen (FS für Johann Baptist Metz), Düsseldorf 1993, 61-72, hier 70.

[11] „Amman Aufruf“, 2007

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