Angriff der Salafisten

Viele Tote bei Kämpfen mit der libanesischen Armee in Sidon

Von Karin Leukefeld, Beirut

Libanesische Soldaten nach dem Angriff der Salafisten am Sonntag

Libanesische Soldaten nach dem Angriff der Salafisten am Sonntag in Sidon
Bei anhaltenden Kämpfen zwischen salafistischen Kämpfern und den libanesischen Streitkräften sind seit Sonntag in der südlibanesischen Hafenstadt Sidon vermutlich bis zu zwei Dutzend Soldaten und Offiziere getötet worden. Die Auseinandersetzungen begannen am Sonntag mittag mit dem Angriff von bewaffneten Anhängern des salafistischen Predigers Ahmad Al-Assir auf einen militärischen Kontrollpunkt. Die Zahl der getöteten salafistischen Kämpfer ist unklar.

Nach Darstellung von Al-Assir sei die Gewalt von der Armee ausgegangen. Soldaten hätten Anhänger von ihm beleidigt und geschlagen. Als seine Leute Aufklärung verlangten, habe die Armee auf diese geschossen. In einer Videobotschaft erklärte der Prediger, die Armee bestehe »aus Iranern und Hisbollah«, und alle »ehrenhaften Sunniten und Nicht-Sunniten« sollten die Armee verlassen. Seine Anhänger rief er auf, Straßen zu blockieren.

Die Armee erklärte, von Anhängern des Predigers angegriffen worden zu sein, als sie an einem Kontrollpunkt unweit der Bilal-bin-Rabah-Moschee des Predigers Kontrollen durchführte. Dabei seien drei Soldaten getötet worden. Daraufhin seien die Kämpfe ausgebrochen, die bis in die frühen Morgenstunden des Montags anhielten. Die Armeeführung forderte die politische Führung der Hafenstadt Sidon auf, sich zu entscheiden, auf welcher Seite sie stehe. »Entweder mit der Armee oder mit denen, die »Auseinandersetzungen und die Ermordung von Soldaten fördern.«

Sidon steht mehrheitlich unter dem Einfluß der Zukunftspartei des früheren Ministerpräsidenten Saad Hariri, die politisch und materiell die Aufständischen in Syrien unterstützt. Diese Unterstützung wiederum wird finanziert von Saudi-Arabien, das am Sturz der Führung in Damaskus interessiert ist. Hariri hat, wie sein 2005 ermordeter Vater Rafik, die saudische Staatsangehörigkeit. Die frühere Parlamentsabgeordnete von Sidon und Schwester von Rafik Hariri, Bahia Hariri, verurteilte die Gewalt. Sie sei »sehr unglücklich über das, was den Soldaten angetan wurde«. Die Anhänger von Al-Assir hätten den Angriff seit Wochen geplant.

Die Armee erklärte, sie bestehe auf zwei zentralen Forderungen gegenüber Scheich Al-Assir und seinen Anhängern: »Diejenigen, die den Armeeposten angegriffen haben, müssen ausgeliefert werden, und die Bilal-bin-Rabah-Moschee müsse der Autorität des Ministeriums für religiöse Angelegenheiten unterstellt werden. Al-Assir weigerte sich, auf diese Forderungen einzugehen und forderte statt dessen freies Geleit für sich und seine Anhänger. Unterstützt wurde der Prediger von einer Gruppe hochrangiger sunnitischer und salafistischer Prediger, die versuchten, mit den Streitkräften eine Lösung zu verhandeln.

Am Montag mittag meldeten die Streitkräfte, das Gelände um die Moschee, das als Sicherheitszone gilt und normalerweise von Behörden und Armee nicht betreten werden darf, zu drei Vierteln eingenommen zu haben. Unklar war zu dem Zeitpunkt, wo sich der Prediger und seine Kämpfer aufhielten. Die vorrückenden Streitkräfte seien von Scharfschützen des Predigers unter Feuer genommen worden, berichteten Journalisten. Anwohner wurden aus umliegenden Gebäuden evakuiert.

Offenbar um die Streitkräfte abzulenken, begannen bewaffnete Kämpfer aus der Umgebung des palästinensischen Flüchtlingslagers Ain Al-Hilweh, die Streitkräfte mit Mörsergranaten anzugreifen. Die Angreifer seien Kämpfer der Jund Al-Sham und Fatah Al-Islam, hieß es aus libanesischen Sicherheitskreisen. Beide Gruppen unterstützen auch die Aufständischen in Syrien.

Sicherheitskräfte der Hisbollah beobachteten das Geschehen, griffen aber nicht in die Kämpfe ein. Ein politischer Analyst, der um Anonymität bat, erklärte gegenüber jW, daß er »über die Zukunft des Libanon besorgt« sei. Al-Assir operiere im Auftrag und mit Unterstützung der Golfstaaten. Diese wollten der Hisbollah klarmachen, »daß sie eine Niederlage in Syrien« nicht akzeptieren würden. Sollte es aber der Armee gelingen, sich in Sidon durchzusetzen, »werden die Salafisten um Al-Assir sich entmutigt zurückziehen«, so der Gesprächspartner.

Der salafistische Prediger Ahmad Al-Assir predigt und residiert auf dem Gelände der Bilal-bin-Rabah-Moschee in Abra, wenige Kilometer nordöstlich der Hafenstadt Sidon. Seit zwei Jahren agiert der Sheikh gegen die Hisbollah, die sich bisher mit direkten Reaktionen zurückgehalten hat. Erst vor wenigen Wochen hatte Al-Assir die Gründung einer eigenen Armee bekanntgegeben, die den Aufständischen in Syrien helfen soll.

Quelle: jW vom 25.6.13

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